τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 17. Januar 2015

In der Metaphysik lesen (1014a 25 – 1014b 14)

Auch die „Elemente“ bilden – wie die Ursachen – eine Teilmenge der Prinzipien. Sie werden aber viel stringenter definiert: nämlich als Bestandteile, die in keine weiteren andersartigen Bestandteile zerlegt werden können. Nehmen wir als Beispiel für ein Zusammengesetztes den Wein, um auf das Wasser zu kommen.
Der Wein ist zusammengesetzt aus Wasser, Mineralien (Erde) und „Geist“ (Feuer). Er ist also kein Element. Aber seine drei Bestandteile kommen den antiken Elementen sehr nahe: jedenfalls galt das Wasser nicht mehr als zusammengesetzt aus anderen Bestandteilen: es bestand nur aus Wasserpartikeln. Für die moderne Physik besteht das Wasser aus Wassermolekülen – das wären die aristotelischen Elemente bzw. das eine Element Wasser. Doch die moderne Mikrophysik bzw. Chemie zerlegt dieses in noch kleinere und andersartige Teilchen: Wasserstoffatome und Sauerstoffatome. Daher werden Wasserstoff und Sauerstoff heute „Elemente“ genannt – was formal den aristotelischen Elementen entspricht. Nur dass die jetzt eine Stufe tiefer (mikroskopischer) angesetzt werden. Und die antiken Atomtheorien gingen ebenfalls eine Stufe unter die wahrnehmbaren Stoffqualitäten. Während die antike Elemententheorie (Erde, Wasser, Luft, Feuer) bei den sinnlichen Qualitäten blieb.
In unserer Stelle geht Aristoteles auf die kosmologische Dimension des Elementenbegriffs nicht ein, sondern begnügt sich mit Parallelen zur Geometrie und zur Logik, sodaß der Begriff hier sehr blaß bleibt und dieses Kapitel das „schwächste“ der drei ersten, den archai gewidmeten Kapitel des Buches V bleibt.
In der Poetik nennt er stoicheion den ersten – d. h. einfachsten – Bestandteil der Sprache: den Buchstaben, aus dessen Vermehrung und Zusammenfügung alle weiteren Teile gebildet werden. Die Grundbedeutung des Wortes ist: Glied einer Reihe, und diese Bedeutung trifft direkt auf die Buchstaben zu. Das lateinische Wort „Element“ soll ja aus der Buchstabenfolge L M N stammen. Das griechische Wort besteht fast aus derselben Lautfolge wie Stück ....
Die vier (oder fünf) kosmischen Elemente gehen über diesen stückhaften Begriff von „Element“ weit hinaus: sie sind durch sinnliche Qualitäten bestimmt, durch spezifische Bewegungen sowie Verwandlungsmöglichkeiten. 

Walter Seitter


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Sitzung vom 14. Jänner 2015