τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 15. Oktober 2015

In der Metaphysik lesen (1019a 15 – 1020a 6)

Der nächste Begriff in dem „Wörterbuch“ ist immerhin ein ordentlicher Begriff und in seiner Grundbedeutung entspricht er einem Begriff, der dank Michel Foucault zu einem Hauptbegriff in Philosophie und Humanwissenschaften aufgestiegen ist: Macht.

Doch die Übersetzungen, die sich auf die aristotelische Begriffsverwendung beziehen, reduzieren die Bedeutung auf „Vermögen“ (nicht im ökonomischen Sinn, sondern im Sinn von „Fähigkeit“). Eine Fähigkeit, die etwas (oder jemand) hat, um etwas zu bewegen oder zu verändern, und zwar bei einem anderen. Also eine transitive Fähigkeit. Sie kann zwar faktisch auch reflexiv wirken, aber selbst in diesem Fall besteht Aristoteles darauf, dass sie theoretisch bei einem anderen wirkt: bei einem selber als einem anderen, weil das Vermögen, bewegt oder verändert zu werden, zwar auch ein Vermögen ist, aber ein anderes.

In einer Kaskade von Unterscheidungen geht Aristoteles vom aktiven Vermögen zum passiven, vom positiven zum negativen über. Die Unterscheidungsfolge wirkt reduzierend, minimalisierend, negierend, jedenfalls absteigend und somit in der Gegenrichtung zum Aufstieg, der sich im Abendland lang durchgesetzt hat und zu dem geführt hat, was Heidegger „Onto-Theologie“ genannt hat: Aufstieg zum summum ens oder Gott. Hier hingegen Abstieg zum Minimum oder Minimalontologie.  

„Ontologisch“ können diese Vermögen nur in einem vagen Sinn genannt werden: genauer sind sie als „kinetisch“ oder „metabolisch“ zu bezeichnen, denn sie wirken bewegend oder verändernd.

Dieser Abstieg landet schließlich beim Vermögen, nicht verändert oder zerstört zu werden. Was denn doch als beachtliche Fähigkeit oder Stärke oder Mächtigkeit gelten kann. Jedenfalls wurde es von den Stoikern so eingeschätzt und zum Prinzip ihrer Ethik erhoben. Aristoteles verwendet selber das Wort „apathisch“ (1019a 27). Für Aristoteles war die Apathie ein Extrem - folglich keine Tugend; er nennt sie sogar „nicht menschlich“ (NE 1119a 7). Foucault greift die logische Form der Apathie auf und bezeichnet mit der nicht ganz synonymen Formel von der „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“ eine Empfehlung oder Tugend.[1]

Aber die sogenannte Metaphysik bemüht sich nur, alle Möglichkeiten von Vermögen zu nennen und zu ordnen. Wobei die Ordnungstätigkeit hier eindeutig die Richtung nach „unten“ einschlägt – in krassem Gegensatz zu aller Helden- und Göttersteigerung sowie zu jedem sogenannten „metaphysischen“ Transzendieren.

Wir können sogar sagen, dass dieses Wörterbuch durchaus den Duktus der „Ontologie“ einhält, in welcher die Substanzbegriffe wie Wesen oder Natur zwar auch irgendwo genannt werden und keineswegs an erster Stelle, aber die eher niedrigeren Seinsmodalitäten, Akzidenzien und dergleichen, unaufhörlich herbeigenannt werden, um eindeutig und beinahe endlos die Überzahl zu bilden. Die Ontologie ist wesenhaft multipel - ihre Multiplizität ist zwar grundsätzlich hierarchisch, doch erscheint sie kaum eingrenzbar, strikt ordenbar, streng systematisierbar. Deduziert ist sie überhaupt nicht und daher trifft Kants Charakterisierung der aristotelischen Kategorienaufstellung als „rhapsodistisch“ erst recht zu, wenn man die vielen „superakzidenziellen“ Modalitäten, von denen das Vermögen eines ist, auch noch einbezieht.

Im Falle des Vermögens verläuft die Reihung der unterschiedlichen Aspekte vom Substantiv zum Adjektiv und dann auch noch vom Kinetischen zum Logischen. Die logischen Modalitäten „möglich“ und „unmöglich“, die mit „notwendig“ und „kontingent“ logisch verknüpft sind, haben uns bei der Poetik-Lektüre beschäftigt (wo dann auch noch wahrscheinlich und unwahrscheinlich dazugekommen sind) und sie sind zweifellos ontologisch schwächer als die kinetischen Möglichkeits- bzw. Mächtigkeitsbegriffe.

Übrigens stammt das deutsche Wortfeld von dem Verb mögen ab – das in der heutigen Sprache so etwas wie „wollen“ bedeutet. Früher jedoch bedeutete es „können“ – und das ist die semantische Wurzel für Vermögen und Möglichkeit. In Österreich gibt es noch Dialekte, wo mögen „können“ bedeutet.

PS.: Philosophisches Café am 17. Oktober 2015 um 16 Uhr im Café Korb
          Thema: Metaphysik


Walter Seitter
 
Sitzung vom 7. Oktober 2015



[1] Siehe Michel Foucault: Was ist Kritik? (Berlin 1992): 14