τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 5. März 2016

In der Metaphysik lesen (1023b 26 – 37)


Die Ontologie differenziert das Seiende als Seiendes in Richtung Seinsmodalitäten. 

Sie unterscheidet nicht die Seienden in Richtung Gattungen und Arten – also Realitätsbereiche.

Sie spricht von dem, was für jedwedes Seiendes zutrifft, mehr oder weniger zutrifft, zutreffen könnte. Aristoteles hält das Wesen für die primäre Seinsmodalität – doch ist diese nur eine unter vielen. Die vielen beginnen mit den neun Akzidenzien, zu denen kommen noch viele andere, die im Buch IV zusätzlich genannt werden. Dann gibt es im Buch V die 30 Stichworte, von denen viele die vorher schon genannten Seinsmodalitäten wiederholen - zum Beispiel: das Seiende, das Wesen, die Habe; viele aber auch neu dazukommende – zum Beispiel: das Haben. Dies dürfte sich von der Habe nur geringfügig unterscheiden, wird aber doch als neuer Begriff hinzugefügt. Und das führt zu dem, was ich „Dramatisierung“ nenne. So einen feinen Unterschied einführen und dann noch bei jedem Stichwort weitere Unterscheidungen durchführen, mit Beispielen, die aus allen Realitätsbereichen genommen werden, denn die Realitätsbereiche liegen quer zu den ontologischen Unterscheidungen. Bei den Kategorien war „paschein“ als ein Stichwort genannt worden, im Buch V taucht „pathos“ auf. Zwei verschiedene Wortformen einer Wurzel – wie Haben und Habe. Daraus kann man schließen, dass man auch andere Stichworte differenzieren und vermehren kann. Zum Beipiel: „poiein“ – „poiema“. Das heißt: die Seinsmodaliäten sind zahlenmäßig gar nicht begrenzt. Man kann sie, man soll sie bei jeder Untersuchung selber erweitern; man kann sogar neue dazu erfinden – wenn es der Klärung einer Sache dient.

Die Vermehrung der Seinsmodalitäten führt dazu, dass die primäre Seinsmodalität, die immer nur eine bleibt (immerhin tritt sie in zwei Versionen auf), mehr und mehr zur Minderheit wird: 1 zu 9, 1 zu 15, 1 zu 29 ....

Die Dramatisierung auf der Objektseite betrifft Verhaltensweisen und Verhaltensverhältnisse in jedweder Art oder Gattung. Da muß man gar nicht auf andere Arten oder Gattungen übergehen, um etwas „Neues“ zu erforschen oder zu formulieren. Da kann man auch bei den Arten bleiben, die man schon kennt oder mit denen man es immer zu tun hat. Zum Beispiel bei der menschlichen.

Hier kommt zum Zug, was Thomas Buchheim über die Sophisten als Spezialis†en des normalen Lebens gesagt hat: sie haben das kleine und banale Leben aufgewertet – und Aristoteles hat diese Entscheidung übernommen.[1]

Die Welt der beweglichen Körper (die Gegenstand der „Physik“ ist) umfasst nicht den gesamten Kosmos, sondern den uns näher liegenden, den „unteren“ Teil. Und innerhalb dessen macht die menschliche Welt wiederum einen Teil aus: die menschlichen Angelegenheiten. Deren Untersuchung differenziert sich hauptsächlich nach Seinsmodalitäten: Wesen = Seele; Gewohnheiten und Handlungen im engeren Kreis = Ethik; Handlungen und Entscheidungen im größeren Format = Politik; schöne Werke = Poetik ... Die menschliche Welt hat es nicht nur mit der menschlichen Wesensart zu tun, sondern da greifen auch andere Arten ein, insbesondere solche, die aus den Stoffen hervorgehen; es kommt aber auch zur Erzeugung neuer Arten: Tragödie, Epos ...

Die Ontologie, die sich im Buch V zu den Konkretheiten der Natur und der menschlichen Angelegenheiten herablässt, liefert immerhin eine Art Überblick über diese Bereiche. Keinen sehr klar geordneten. Höchstens einen „vollständigen“ im ungefähren Sinn, indem sie ein paar wichtige Dimensionen nennt, auch ein paar extreme Aspekte wie „vollkommen“, „Anfang“, „Beraubung“, „Grenze“ ....

Zur Beobachtung, dass ausgerechnet in der Metaphysik der Bereich der menschlichen Angelegenheiten mehr Beachtung erfährt als in der aristotelischen Physik, zu deren Gegenstandsbereich der Mensch sehr wohl gehört, macht Sophia Panteliadou auf eine der ganz wenigen Stellen in der Physik aufmerksam, wo sogar etwas Politisches direkt zur Sprache kommt: „In [der Hand] des Großkönigs liegen die Geschicke der Hellenen.“ (Phys. IV, 3, 210a 21f.)

Der Satz findet sich im Kapitel, das dem Ort gewidmet ist, und soll eine der Bedeutungen von „in etwas sein“ illustrieren: nämlich die Bedeutung: im Bereich einer Bewegungsmacht liegen.
Ähnlich wie das oben zitierte Verhältnis zwischen dem Tyrannen und den Städten geht es auch hier um ein Macht- bzw. Abhängigkeitsverhältnis, dem eine räumliche Relation zugrunde liegt. Nur dass dieses Beispiel die Raumausdehnung ins Außenpolitische erweitert und damit die Zuständigkeit der Physik als der Lehre von den beweglichen Körpern für die Politik deutlicher wird, denn die bloße Rede vom persischen Großkönig und den Hellenen macht schon klar, dass da größere Entfernungen, größere Menschenbewegungen (seien es kolonisatorische, seien es kriegerische) im Spiel sind.

Ein Begriff des Politischen, der sich nur auf der Ebene von Konsens und Dissens aufhält und die Außenpolitik gar nicht berührt, ist sicherlich unvollständig. Carl Schmitt hat diese Unvollständigkeit vermieden, denn sein Kriterium des Politischen (Unterscheidung zwischen Freund und Feind) war außenpolitisch gedacht und außerdem hat er in späteren Schriften (Land und Meer, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus publicum Europaeum) die geopolitische Dimension ausführlich dargestellt. Sie vor allem ist es, die dazu zwingt in den Begriff des Politischen die physische Dimension einzubeziehen, die sich wiederum in Topik und Kinetik gliedern lässt; und zwar Topik im wörtlichen Sinn. Es gibt ja auch ein selten genanntes Akzidens „keisthai“: Lage, situs – das hier eigentlich angeführt werden müsste. Innerhalb des Politischen würde es für die banalste Tatsache stehen: nämlich, dass wir, irgendein „wir“, „hier“ wohnen; und dass andere anderswo wohnen. Alles dies ist politisch – und gar nicht notwendig. Die Geschicke der Hellenen liegen schon lang nicht mehr in der Hand des Großkönigs. Oder?

Und ein anderer guter Begriff (zum Begriff des Politischen)[2]: aus dem zitierten Satz aus der Physik: Schicksal. Entscheidung über das Schicksal von Leuten (im kollektiven Format).


Walter Seitter  
 
Sitzung vom 2. März 2016


PS. Wie mir Sophia eben mitteilt, steht im Griechischen für die Geschicke der Hellenen „ta ton hellenon“. Die Geschicke sind also nur „ta“ - vermutlich „ta pragmata“: die Angelegenheiten. Auf diese Weise gelangen die „pragmata“ natürlich auch nicht ins Wörterbuch von Buch V, und die Schicksale auch nicht. Und das heißt: das Wörterbuch kann gar nicht vollständig sein; die Akzidenzien sind nicht abzählbar. Abzählbar ist nur die Kategorie „Substanz“: 1.


[1] Siehe Thomas Buchheim: Die Sophistik als Avantgarde normalen Lebens (Hamburg 1986)
[2] „Begriffe zum Begriff des Politischen“: Walter Seitter: Menschenfassungen: 164.