Um dem
Vergessen neuerlich entgegenzutreten und damit überhaupt so etwas wie Lernen
endlich zu ermöglichen, gehen wir noch einmal auf das in den letzten Stunden
(und auch in den letzten Jahren) Gelesene und Gesagte zurück – ich betone hier
das auch deswegen, weil ich am Schluß das Gedächtnis und die Erinnerung in
einen größeren Zusammenhang einordnen werde. Wobei Erinnerung und Gedächtnis
immer die Funktion haben, Zusammenhänge über Entfernungen hinweg herzustellen
und aufrechtzuerhalten.
Jetzt zum
Verhältnis zwischen Erster Substanz und Zweiter Substanz und zu meiner
Behauptung, die Erste Substanz könne als ein Ganzes, die Zweite Substanz als
ein Teil dieses Ganzen betrachtet werden. Aber nicht als irgendein Teil – so
wie ein Ast ein Teil eines Baumes ist, sondern ein „substanzieller“ Teil: der
Was-Teil, derjenige Teil, der dem Baum die Baumheit liefert, der den Baum als
solchen qualifiziert und der deshalb ebenfalls den Titel „Substanz“
zugesprochen bekommt.
Daher bei
Aristoteles die etwas verwirrende „Doppelung“ des Substanz-Begriffs sowie der
ganz enge Zusammenhang der „beiden Substanzen“. Doppelung oder Spaltung?
Die Dualität
und der Zusammenhang zwischen Erster und Zweiter Substanz kann sehr wohl mit
einer anderen Dualität verglichen werden: mit der platonischen Dualität
zwischen Urbild und Abbild, wobei die aristotelische Zweite Substanz mit dem
platonischen Urbild zunächst einmal ungefähr(!) gleichgesetzt werden kann,
während die aristotelische Erste Substanz in etwa die Stelle des platonischen
Abbildes einnimmt. Und dennoch müssen die beiden Begriffspaare deutlich
voneinander unterschieden werden. Die aristotelische Zweite Substanz hat nicht
wie das platonische Urbild eine eigene und sogar höhere Existenz, sondern sie
ist nur als Teil der Ersten Substanz wirklich im vollen Sinn. Nicht
transzendent sondern immanent.
Ich glaube,
dass meine Deutung mit derjenigen, die Gianluigi Segalerba ausführlich
entfaltet hat, übereinstimmt.[1]
Es handelt
sich bei Platon und bei Aristoteles um zwei ganz verschiedene Topiken oder
Ortsverhältnisse. Bei Platon sind Urbild und Abbild weit voneinander entfernt,
das Abbild ist nur ein Abglanz, ein schwacher, ganz und gar abhängig vom
Urbild. Erste Substanz und zweite Substanz hängen hingegen wie Ganzes und Teil
eng miteinander zusammen – allerdings wird die zweite Substanz mit anderen
gleichartigen Ersten Substanzen ebenso eng zusammenhängen. Die Zweiten
Substanzen existieren jeweils polytopisch in allen Mitgliedern der
Artgenossenschaft, die Ersten Substanzen jeweils monotopisch, jede für sich.
Bei Platon residiert und regiert das transzendente Urbild monotopisch, die
jeweils dazugehörigen Abbilder sind polytopisch zerstreut.
Das alles sind
Formulierungen, die sich auf die aristotelische Fachsprache beziehen, sie mit
der platonischen Sprache und Position vergleichen. Sie verbleiben innerhalb der
aristotelischen Terminologie, schauen sich in ihr um, suchen nach Abwandlungen,
nach zusätzlichen Gesichtspunkten, etwa den topischen.
Und nun zu
meinem Satz „Man ist Körper und hat Seele.“ Ein Satz, der ungewohnt klingt,
vielleicht sogar anstößig. Und er will geradezu auffällig sein, ja anstoßend.
Nur wenn er so wahrgenommen wird, hat er eine Chance, verstanden zu werden. Er
will die aristotelischen Aussagen im Abschnitt 8, welche den Begriff „Substanz“
mit den umgangssprachlichen Wörtern „Körper“, „Seele“ erklären, illustrieren
sollen, ziemlich radikal umformulieren – damit wir sie endlich verstehen.
Jetzt sage ich
„wir“ und damit vollziehe ich bereits eine Drehung der Sprache, die ich noch
weiter treibe, indem ich den Protokoll-Satz „Man ist Körper und hat Seele.“
noch um 45 Grad weiterdrehe und sage: “Ich bin Körper und habe Seele.“
Ich
transformiere die ersten Sätze von Buch V, Abschnitt 8, in diesen Ich-Satz –
als Mittel-Satz setze ich voraus bzw. dazwischen: „Ich bin ein Lebewesen.“ Da
Aristoteles mit diesem Satz einverstanden ist, wahrt auch meine Umformulierung
den Sinn seiner Sätze.
Es handelt
sich um eine „radikale“ Umformulierung, da sie vielleicht zum ersten Mal so
vollzogen wird, und vor allem, weil sie mit der Ich-Perspektive einen
Ausgangspunkt wählt und eine Aussagerichtung einschlägt, die Aristoteles eher
vermieden hat.
Wenn ich den –
hohen – Anspruch erhebe, Aristoteles in unsere Umgangssprache zu übertragen, so
meine ich damit auch die Personalpronomen der ersten und der zweiten Person,
und zwar diese Personalpronomen als Bestandteile des theoretischen Sprechens.
Immerhin hat sich Aristoteles schon auf diesen Weg gemacht und auf diesem Weg
hat er die zweite Person ganz vorsichtig zur Sprache gebracht – was eigentlich
nur von der ersten Person aus möglich ist. Buch VII, 1029b 15ff.: „Denn das
Du-sein ist nicht das Musisch-sein. Denn du bist nicht musisch, insofern du
bist, was du also bist, insofern du du bist, das ist dein
Was-es-ist-dies-zu-sein.“
Und jetzt
komme ich auf etwas zu sprechen, was mit dem Substanz-sein eng zusammenhängt:
auf die Frage, wie es mit der Dauerhaftigkeit der Substanzen steht.
Im kommenden
Mai wird der 2400. Geburtstag von Aristoteles gefeiert. Das heißt, er ist vor
2400 Jahren geboren worden, seine Existenz hat im Jahr 384 begonnen, er ist im
Jahre 322 gestorben. Also ist er 62 Jahre alt geworden – und nicht älter. Oder
wird er demnächst 2400 Jahre alt? Diese Aussage wäre nur sinnvoll, wenn er
irgendwie doch weiterexistieren würde – und das scheint mir eigentlich evident
zu sein. Denn wir beschäftigen uns schon seit Jahren mit ihm als einem
gegenwärtigen Menschen, dessen Texte vorliegen, von uns gelesen und besprochen
werden. Nehmen wir an, wir lesen seine Schrift über die Kategorien, die er mit
35 Jahren geschrieben hat (mit dem stupenden Satz, kein Mensch sei menschlicher
als irgendein anderer), dann haben wir es mit dem 35-jährigen Aristoteles zu
tun. Für uns gibt es, so meine Behauptung, den 35-jährigen, den 62-jährigen,
den 2400-jährigen Aristoteles. Also einen mehrfach, einen unterschiedlich
dauerhaften Aristoteles, einen Aristoteles-Körper aus unterschiedlichen
Materialien und mit einer Seele aus unterschiedlichen Seelenkräften, insgesamt
mit unterschiedlichen Leistungen, Kollaborationen, auch denjenigen mit uns
hier. Wir stehen an der vorderen Front des 2400-jährigen Aristoteles und seiner
weitergehenden Wirkungen.
Andere Leute
interessieren sich mehr für den jüdischen Wanderprediger Jesus von Nazareth,
der von 1 bis 33 gelebt hat, gestorben ist und am dritten Tag „auferstanden“.
Dieses Zusatzschicksal oder -gerücht ändert aber nichts daran, dass er heute
ebenso gestorben ist wie der wenige Jahrhunderte ältere Aristoteles. Nur hat
bei ihm die Sache mit der „Auferstehung“ dazu geführt, dass er nicht vergessen
worden ist sondern von vielen verehrt wird. Und dazu, dass der jüdische Glaube
an die Auferstehung der Toten sich weiter verbreitet hat. Dieser Glaube passt
ziemlich gut zur aristotelischen Körper-Seele-Lehre, wonach eine Seele, deren
Unsterblichkeit einmal vorausgesetzt, nur mit einem Körper, in einem Körper
existieren kann, denn eigentlich kann nur der Körper existieren. Heute
existieren Aristoteles und Jesus gleichermaßen in vielen beseelten
Körpererweiterungen wie Büchern und so weiter. Wir tragen zu ihrem
Weiterexistieren bei, sofern wir sie, oder einen von ihnen, nicht vergessen.
Sofern wir unsere Beschäftigungen mit ihnen und überhaupt unsere vergangenen
Erlebnisse nicht vergessen, tragen wir jetzt schon zu unserem eigenen
Weiterexistieren bei.
Walter Seitter
Sitzung vom 30. März 2016
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