τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 21. April 2016

In der Metaphysik lesen (1014a 12 – 28)


Man kann von Avantgarden der Aristoteles-Interpretation sprechen, wenn es Vorstöße gibt, die Neuland betreten, und ein solcher scheint mir in der „zoologischen oder biologischen Wende“ zu liegen, welche die Tiere als Protagonisten des Substanzbegriffs namhaft gemacht hat, und jetzt dürfte die Zeit reif sein für ein „anthropologische Wende“, die auch die Menschen, also „uns“, also auch die Philosophierenden oder die Aristoteles-Leser, zur Füllung des Begriffs „Substanz“ heranzieht. Substanzen, die „ich“ sagen.

Vor kurzem stieß ich in Met. I, 1, 981b 19 auf den – bereits gelesenen – Satz, dass es für Kallias oder Sokrates ein Akzidens bedeute, ein Mensch zu sein. Mich verblüffte, dass hier anscheinend das Mensch-Sein, also die zweite Substanz, einem Individuum, also der ersten Substanz, wie ein Akzidens zugeschrieben wird. Womit der ontologische Gegensatz zwischen Substanz und Akzidens, auch der Primat der Substanz vor dem Akzidens, aufgehoben zu sein scheint. Gianluigi Segalerba teilte mir dann mit, dass Aristoteles nicht direkt „Akzidens“ schreibt, sondern: es falle dem Kallias zu, Mensch zu sein. Aristoteles verwendet die finite Form des Perfekts, mit dessen Partizip sonst das Akzidens bezeichnet wird. Er spielt also mit dem Terminus so, dass die Substanz fast zum Akzidens wird. Er reißt erste Substanz und zweite Substanz weit auseinander und suggeriert eine Spaltung innerhalb der Substanz – obwohl diese ja gerade die Einheitlichkeit garantieren soll.

Wenn einem so ein Satz auffällt, wenn man sich an ihm stößt und dann darüber nachdenkt, dann beginnt die Lektüre interessant zu werden und diese beginnt, den Eigenwilligkeiten des Autors auf die Spur zu kommen.

Ich äußere die Vermutung, dass sich im Buch V die Eigenwilligkeiten des Aristoteles häufen und dieses Buch bisher eher auf Geringschätzung gestoßen ist, welche Vermutung von Segalerba bestätigt wird. Schon die Anlage des Buches, die dreißig zumeist kurzen Abschnitte, die jeweils einem Begriff gewidmet sind, der jeweils nach ähnlichem Schema in viele Bedeutungen zerlegt wird, auch die Reihenfolge, die von arche bis symbebekos reicht, die kurze Abhandlung des Begriffs ousia und seine Differenzierung in Körper und Seele – alle diese Eigentümlichkeiten scheinen die traditionellen Aristoteles-Leser abgehalten zu haben.

So bietet sich uns eine Avantgarde-Chance in Sachen Aristoteles-Lektüre, wenn wir ausgerechnet dieses Buch V ernst nehmen (Jacques Lacan hat, worauf ich am 11. November 2011 hingewiesen habe, empfohlen, die ganze Metaphysik gerade deswegen ernstzunehmen, weil sie so unernst daherkomme). Die Zweiteilung des Substanz-Begriffs in Körper und Seele haben wir in diesem Sinn besprochen, und die Verbindung dieses Körper-Begriffs mit der erwähnten Anthropologisierung haben wir auf die in der neuesten Philosophie ausgebrochene „Körper-Mode“ (Merleau-Ponty, Foucault, Nancy) bezogen, die immerhin durch Deleuze, Guattari, Latour aus der anthropologischen Verengung wieder herausgeführt wird. Bei Aristoteles steht das Anthropologische ohnehin immer in der Konstellation des Kosmos.

Dann kehren wir endlich wieder zum Abschnitt 27 zurück, zum Adjektiv „verstümmelt“. Wieso kommt so ein Adjektiv in die Position eines Begriffes, der neben „Seiendes“, „Wesen“, „Natur“ und so weiter im Wörterbuch der Metaphysik figuriert? Das Wort „verstümmelt“ stammt aus der Welt des Schlachtfeldes, der Krankenpflege oder der Verachtung. Was ist daran „metaphysisch“? Da war einmal ein gesunder Körper, dann wurde er beschädigt und in seiner Beschädigtheit erhalten: ein nachnatürlicher Körper – also ein „metaphysischer“ in diesem wörtlichen Sinn.

Aristoteles geht überhaupt nicht von der Dramatik aus, die dem Wort eingeschrieben ist, sondern von Quanten, Zahlen, Ganzen, Teilen, und fragt, was unter welchen Umständen verstümmelt werden kann und was nicht, wobei Verstümmelung von Zerstörung (Vernichtung) unterschieden wird, das Unterscheidungskriterium liegt in der Erhaltung des Wesens. Nicht verstümmelt werden können etwa Wasser oder Feuer, Zahlen oder Harmonien. Er belässt es schließlich bei zwei Typen von Körpern, die Verstümmelung erleiden können: Becher und Mensch. Also ein ziemlich banales Artefakt und der Herr aller Artefakte. Und bei diesem kommt er natürlich in die Nähe der Ursprungsbedeutung des Wortes: etwa Verlust von Extremitäten.

Denken wir daran zurück, dass Aristoteles in gewisser Hinsicht alle Wesen als Körper bezeichnet, dann geht es in diesem Abschnitt um eine Zweiteilung aller Wesen unter dem Gesichtspunkt der Verstümmelbarkeit. Wenn ein Becher unter diesen Begriff fallen kann, dann sicherlich auch ein Buch – auch es eine Art Behälter. Und damit können wir auch einen Bogen zu Aristoteles schlagen, der in Büchern wie in Zweitkörpern bis heute und bis hier weiterexistiert. Zum Beispiel in meiner Reclamausgabe der Metaphysik, die aufgrund oftmaligen Aufschlagens und Zuschlagens, Vor- und Zurückblätterns bis zum Buch V schon so zerfleddert ist, dass die Verstümmelung bereits in Sicht ist. Dies gilt jetzt für mein individuelles Exemplar. Für mein Poetik-Exemplar gilt das bereits zur Gänze. Mit der Poetik hat es jedoch eine weitergehende Bewandtnis. Denn das Buch II ist überhaupt verloren gegangen (Umberto Eco hat den Verlustvorgang dramatisch ausgemalt). Ist nun die Poetik verstümmelt oder zerstört? Einigen wir uns auf die erste Variante – dann trifft diese sicherlich zu.

Und wie steht es mit der Metaphysik? Vermutlich nicht sehr anders. Sie besteht aus 14 „Büchern“, von denen ungefähr sechs, nämlich I bis VI, so angelegt sind, als wären sie Buch I – nämlich der Anfang eines größeren Werkes. So tut auch Buch II, das jedoch nur aus ein paar Seiten besteht und im Griechischen mit klein-alpha (nach Groß-Alpha) gezählt wird. Dieses Buch ist nur ein „Stummel“ – also das, was einem Ganzen weggenommen worden ist.

Die Metaphysik ist eine mit dreihundertjähriger Nachträglichkeit hergestellte Zusammenfügung von Buchstücken, die vielleicht Bruchstücke sind. Und das Buch V mit seinen 30 Abschnitten liefert vielleicht das Modell dieser Fügung. Und der Abschnitt 27 liefert vielleicht eine Extremanalyse einer solchen Fügung, die immerzu zwischen Wohlbehaltenheit und Vernichtung oszilliert.

Ein weiterer und prominenter Zweitkörper des Aristoteles sitzt als Bronzestatue am Rand des nach ihm benannten Platzes in Thessaloniki. 


 


Große Statue von menschenfreundlichem Charakter. Doch auf der rechten Wange und an der rechten Schulterpartie hat der Bildhauer dem Körper ein paar Einschläge zugefügt. Kleine aber deutliche Verletzungen – was für welche?


Walter Seitter
 
Sitzung vom 20. April 2016