τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 3. August 2022

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez

3. August 2022

 

In vergangenen Spätsommer habe ich einen Ferial-Einschub zum Metaphysik-Lesen gemacht und protokolliert, der sich auf Die Sonne von Francis Ponge bezogen hat, welches Buch den philosophischen Horizont keineswegs in Abrede stellt, sich aber aufgrund seiner Gegenstandswahl eher in die Physik als in die Metaphysik einfügt.

  

In diesem Jahr soll sich die Sommer-Lektüre wieder auf ein Werk beziehen, das der Dichtkunst zugerechnet wird – und das Aristoteles zeitlich viel näher liegt, sich dabei wiederum enger der Physik zuordnen läßt. Es handelt sich um das von Titus Lucretius Carus (99 - 55) verfaßte lateinische Lehrgedicht De rerum natura, das abgesehen von seinem speziellen dichterischen Textcharakter einem anderen Physik-Paradigma folgt als die aristotelischen Lehrschriften.

 

Das aristotelische Physik-Paradigma wird zumeist als „Hylomorphismus“ bezeichnet. Demzufolge bestehen die Körper – ob anorganische oder organische – aus Stoff und Form als Bestandteilen, die genaugenommen nicht selbständig existieren. Das tun nur die zusammengesetzten Gesamtheiten – wobei Aristoteles die wahrnehmbaren Körper im Auge hat. Die andere Schule der antiken Physik, die auf Demokrit von Abdera (459-370) und Epikur (341-271) zurückgeht und der auch Lukrez folgt, wird als „Atomismus“ bezeichnet – eine gewisse Nähe zu modernen mikrophysikalischen Auffassungen ist bereits in der Begrifflichkeit sichtbar. Danach bestehen die uns bekannten Körper jeweils aus einer Vielzahl von winzig kleinen und unsichtbaren Körperchen, mit viel Leere und Bewegung.

 

Das Sonnenbuch von Ponge, das sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte im 20. Jahrhundert nach Christus angehäuft oder akkumuliert hat, habe ich in der deutsch-französischen Edition des Jahres 2020 mir vor Augen geführt. Den Text von Lukrez, von dem es auch deutsche Übersetzungen gibt, rezipiere ich indirekt mittels der von dem französischen Philosophen Michel Serres (1930-2019) verfaßten Kommentarnachschrift La naissance de la physique dans le texte de Lucrèce. Fleuves et turbulences (Paris 1977). Seitenangaben beziehen sich darauf.

Was ich hier schreibe, wird – wie auch die Mittwoch-Protokolle zur aristotelischen Metaphysik – „nur“ protokollartig sein. Protokollsätze, die keinen wohlgeformten Text zustandebringen und die eben damit die Frage nach den philosophischen Textsorten aufwerfen: sowohl nach denen in der Antike wie auch nach denen, die heute möglich sind nach so viel Wissen und eben auch Nicht-Wissen über solches wie „Metaphysik“.

 

Einzelne aus diesem oder jenem Buch herausgeschriebene Sätze oder Absätze sowie Anmerkungen von mir selber bilden „Protokollsätze“, die von nun auch in der Philosophie eine Textsorte darstellen. Denn das Philosophieren, das sich von Haus aus keinem Paradigmazwang unterwirft, ist auch an keine bestimmte Textsorte gebunden, wie man sogar bei dem eher langweiligen Schriftsteller Aristoteles sehen kann, der zwar - neben den Sophisten – die „Abhandlung“ zu seiner wichtigsten Schreibweise gemacht hat, dennoch aber in der Metaphysik zwei Bücher in der Form der „Liste“ angelegt hat.

 

Das Protokoll ist eine Textsorte, die aus zumeist bürokratischer Betriebsführung stammt, wo bestimmte Vorgänge wie Gerichtssitzungen, Vertragsabschlüsse, Abstimmungen, Zeremonien schriftlich oder ähnlich dokumentiert werden. Der Protokollführer ist gehalten, die wesentlichen Schritte des Vorganges, also Verlautbarungen, Wortmeldungen, Beschlüsse aufzuzeichnen, damit die rechtsverbindlichen Ergebnisse nicht bestritten werden können.

 

Aus der juridischen Sphäre ist das Protokollwesen auch in den Bereich der Wissenschaft übernommen worden. So spricht man in den Naturwissenschaften von Versuchsprotokollen, in denen Personal, Thema, Hypothesen, Aufbau, Durchführung, Ergebnisse festgehalten werden. Eine spezielle wissenschaftstheoretische und philosophische Debatte wurde um 1930 innerhalb des Wiener Kreises zwischen Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap und Karl Popper um Protokoll- oder Beobachtungs- oder Basissätze geführt, wobei jene Sätze gerade nicht soziale Veranstaltungen mit Rechtsfolgen aufzeichnen, sondern individuelle Subjekt-Objekt-Erlebnisse, die zu allgemein gültigen Theorien umgebildet werden sollten. So etwas wie Wahrnehmungsprotokolle bilden in der belletristischen Literatur seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Strömung, die auch philosophische Zugänge eröffnet – beispielshalber sei Peter Handke genannt.

 

In der Belletristik ist auch die juridische Spielart des Protokolls aufgegriffen worden. Etwa von Albert Drach mit seinem Großen Protokoll gegen Zwetschkenbaum (München 1964). In zwei Theaterstücken hat derselbe Autor fiktive Protokolle gegen den Marquis de Sade sowie gegen Adolf Hitler verfaßt, um sie dem endgültigen Vergessen zu entreißen. Denn die basale Funktion des Protokolls, besteht darin, daß es eine Maßnahme gegen das Vergessen zu sein hat.

 

Etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts war es noch üblich, daß universitäre Seminarsitzungen protokolliert wurden. Der Protokollant sollte den Ablauf getreulich wiedergeben, sodaß jede Sitzung bis zum Semesterende für alle Beteiligten einsehbar war.

 

Unter dem Titel „Gesprächsprotokoll“ läßt sich diese Vorgangsweise auf alle Lebensbereiche übertragen. In so einem eher informellen Sinn habe ich seit dem Beginn der Mittwoch-Seminare auf dem Hohen Markt, also seit dem Jänner 2007, die Lektüre-Gespräche, die sich zumeist auf Aristoteles beziehen, protokolliert.

 

Aus diesen Aufzeichnungen sind die Dokumentationen Poetik lesen 1 und 2 (Berlin 2010, 2014) sowie Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I-VI) (Freiburg-München 2018) hervorgegangen.

 

Wenn ich jetzt die Sommer-Dichter-Lesung zu Lukrez protokollieren will, erhebe ich auch für die schon vorgelegten Protokolle den Anspruch, daß sie die Textsorte „Protokoll“ in die Philosophie einführen, die ja seit Empedokles, Platon, Nietzsche und so weiter nicht auf eine einzige Schreibweise festgelegt ist.

 

Deswegen ist es für die hiesigen Protokolle wichtig, daß der oder die Protokollanten nicht tabula rasa oder Kamera spielen, sondern daß er als individueller Schriftsteller aufschreibt, umschreibt und weiterschreibt, daß er seine Umstände nicht verschweigt, daß er nicht als Inkognito oder Geheimdienstler agiert. Nur so haben die Protokolle eine Chance, philosophische Texte zu sein.

 

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Damit der Einstieg nicht zu einfach wird, zunächst ein Hinweis auf Archimedes von Syrakus (287-212), der nicht als Philosoph gilt, sondern „nur“ als Mathematiker, Physiker und Ingenieur. Auch seine Entdeckungen gehören zum Umfeld, in dem Lukrez sein Denk- und Dichtwerk entwickelt hat. Insbesondere die Mathematisierung der Physik, die dem griechischen Denken bestenfalls auf der Ebene reiner Theorie plausibel war, ist ihm durch Archimedes zugänglich geworden.

 

„Wir mischen die Erfahrung mit den Gleichungen. Wir verbinden das Protokoll, Schritt für Schritt, mit dem Formellen und dem Metrischen. Ohne diese ständige Nachbarschaft gibt es kein Experiment und kein Gesetz. Den Griechen mußte dieses Vermischen fremd sein. Sie haben keine einheitliche mathematishe Physik. Ihre Physik ist eine zweifache. Sie bringen strenge formale Systeme hervor und außerdem Diskurse über die Natur – wie zwei getrennte Sprachblöcke, wie zwei separate Mengen … Daher diese merkwürdige Vorstellung, die der Wissenschaftsgeschichte gemeinsam ist: daß es keine mathematische Physik bei den Griechen gibt. Es gibt sie - aber man muß sie sehen. Und um sie zu sehen, muß man beispeilsweise Epikur und Archimedes zusammenlesen.“ (21f.)

 

„Hätten wir nur das Identitätsprinzip, so wären wir stumm, unbeweglich, passiv und die Welt hätte keine Existenz: nichts Neues unter der Sonne. Wir nennen principe de raison die Tatsache, daß eher etwas existiert als nichts. Und daher ist die Welt da und wir arbeiten und sprechen hier. … Das Prinzip bezieht sich auf: eher existieren als … Wenn Dinge existieren und wenn es die Welt gibt, so weichen sie von Null ab. Und wenn es einen Grund gibt, so handelt es sich um ein Verhältnis der Neigung (inclinatio).“ (31f.)

 

Die Existenz ist eine Abweichung vom absoluten Gleichgewicht, und daher, sagt Serres nach Lukrez, sind wir Epikureer, so wie die Winkel in der Geometrie und die Wirbel im Wasser und Aphrodite auf dem Meer.

 

„Von Cicero bis Marx gilt die Abweichung (declinatio) der Atome als eine Schwäche der Atomtheorie. Das clinamen ist eine Absurdität. Logische Absurdität, da ohne Begründung eingeführt: Ursache ihrer selber und dann Ursache aller Dinge; geometrische Absurdität, da ihre Definition unverständlich und blockiert ist; eine mechanisch-physikalische Absurdität, die dem Trägheitsgesetz widerspricht und auf ein perpetuum mobile hinauszulaufen scheint; eine allgemein-physikalische Absurdität, die von keinem Experiment aufzuweisen ist. Niemand hat jemals einen schweren Körper fallen sehen, der plötzlich von seiner Bewegungsbahn abweicht. Das clinamen wird folglich in die Subjektivität verlegt, es geht aus der Welt über in die Seele, aus der Physik in die Metaphysik, aus der Theorie der frei fallenden trägen Körper in die Theorie der freien Bewegungen des Lebendigen. … Die modernen Materialisten stoßen sich an diesem Riß im Determinismus und interpretieren ihn zu einem Idealimus des freien Subjekts um.

… Andererseits ist diese prinzipielle Absurdität ein zusätzliches und entscheidendes Beweisstück für den prähistorischen Status der griechisch-lateinischen Physik. Es handelt sich hier nicht um eine Physik der Welt, sondern um ein unreines Gemisch aus Metaphysik, politischer Philosophie und Träumereien über die individuelle Freiheit, die auf die Sachen selbst projiziert werden. Das brutale Resultat der Kritik: es gibt keine Atomphysik in der Antike, es gibt überhaupt keine angewandten Wissenschaften; und das angebliche clinamen ist nichts weiter als eine immaterielle Eigenschaft des Subjekts. Wir müssen De natura rerum von Lukrez als Humanisten oder als Philologen lesen – und keineswegs einen Physik-Traktat.“ (9f.)

 

Wie aber expliziert Lukrez seine so inkriminierte These?

 

Die Atome, die sich frei fallend im Leeren bewegen, weichen von ihrer geraden Bahn so gering wie nur möglich ab: paulum tantum quod momen mutatum dicere possis. Die Abweichung ist nec plus quam minimum. Was so absonderlich klingt, ist nichts anderes als eine erste Annäherung an die Infinitesimalrechnung. Das clinamen ist eine Abweichung, die mit der Differentialrechnung zu erfassen ist – die im Französischen als méthode des fluxions bezeichnet und so mit physischen Erscheinungen definiert wird: mit Strömungen, mit Fließungen. Lukrez vergleicht sie mit den Regentropfen, die einmal dahin einmal dorthin fallen.

 

Michel Serres führt die Unverständlichkeit des lukrezischen clinamen darauf zurück, daß man es  in die Festkörperphysik integrieren wollte. Aber es geht um ein paralleles Fallen von Lamellen, das sich in einen Wirbel verwandelt – unter welchen Bedingungen? (siehe 11f.)

 

„Das clinamen ist die kleinste faßbare Bedingung für das Zustandekommen einer Turbulenz. Cicero in De finibusatomorum turbulentia concursio . . . 

Was Lukrez sagt ist wahr, das heißt treu gegenüber dem Phänomen: die Turbulenzen erscheinen stochastisch auf dem laminaren Fließen. Warum? Ich weiß es nicht. Wie? Zufällig für den Raum und für die Zeit. Und was ist das clinamen? Der minimale Winkel für die Bildung eines Wirbels, der zufällig auf einem laminaren Fließen erscheint.. . .

 

Man muß demnach eine Garbe von Parallelen zeichnen. Und an einem Punkt des Flusses oder des Wasserfalls einen kleinen Winkel markieren und von ihm ausgehend eine Spirale. [Michel Serres meint auch, daß mit Zeichnungen manches Problem besser dargestellt wird. (Anm. W. S.)] Und in dieser Bewegung treffen die Atome, die bislang getrennt waren, aufeinander: atomorum turbulentia concursio. Der Text verweist dann noch auf eine Mathematik, auf eine Differentialrechnung, auf eine große Zahl, auf ein Textcorpus, das dem Modell inhärent ist. Man muß noch einen Mann suchen, der dieses Corpus gedacht und geschrieben hat. So beginnt die Arbeit der Physik.  So weit das Protokoll.“ (13ff.)

 

Den kleinsten Winkel gibt es zwischen einer Kurve und ihrer Tangente und damit ist man bei der Differentialrechnung angelangt, der sich eben Demokrit und Archimedes genähert hatten, indem sie sich mit der Bestimmung des Inhalts von Flächen und Körpern wie etwa von Rotationskörpern, Kegeln und Zylindern, beschäftigt haben. Von Archimedes stammt eine verlorene Abhandlung über die Berührung des Kreises oder der Kugel, wo er gegen eine Meinung des Protagoras argumentiert, der dachte, die Gerade berühre den Kreis in mehreren Punkten. Was geschieht in der engsten Nachbarschaft zwischen der Kurve und ihrer Tangente? Oder, wenn man das Phänomen symmetrisieren will, in der Berührung zwischen zwei Kreisen?

Für die Tangenz und für die Kontingenz? Die Physik ist eine Angelegenheit von Winkeln. (Siehe 18f.)

 

„Das Atom hat seinen Geburtsort in der Behandlung von Kurvenelementen, im Irrationalen und Differenzierten oder unendlich Teilbaren – aufgrund einer augenblicklichen Entscheidung zum Stehenbleiben. Und das gilt vor allem für den minimalen Winkel, für das „Winkel-Atom“, für jenen ersten Winkel, dessen Vorstellung lange Zeit der Kritik so monströs erschien, und die doch logischer und evidenter ist als diejenige des Atoms. Daß man nämlich den Kontingenzwinkel nicht unterteilen kann: er ist nachweislich minimal. Er beträgt null – und doch überlagern sich die Linien, die ihn bilden, nicht. Er ist sozusagen „atomischer“ – als das Atom. …

Es gibt keinen Atomismus ohne declinatio.“ (19)

 

Walter Seitter

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