τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Sonntag, 24. Mai 2026

De Anima / Peri Psyches lesen 40 (431a1 - 431a15)

 

Protokoll  vom 20. Mai 2026

 431a  1-15 

Eingangs erinnere ich daran, daß ich schon öfter gesagt habe, daß ich erwarte, daß jeder  Teilnehmer am Seminar  jeweils vor der Mittwoch-Sitzung  mir                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 mitteilt,  ob er (sie) kommen wird. 

Die  Nichtbeachtung dieses meines Wunsches empfinde ich als grobe Unhöflichkeit,  eigentlich   als Frechheit. 

Sie ist geeignet, mir die Lust an der Veranstaltung zu nehmen. Das führt bei mir zu Lustlosigkeit - und die muß ich mir nicht antun. Lustlosigkeit ist das kontradiktorische Gegenteil zur Lust. Das konträre Gegenteil  benennt Aristoteles im heutigen Textabschnitt - da kann man davon lesen. 

Im ersten Satz wird vom Wissen  (griechisch steht da episteme, die sonst mit „Wissenschaft“ übersetzt wird) gesagt,   es  sei dasselbe wie der Gegenstand - aber nur, wenn es, nämlich das Wissen, aktualisiert ist,  also wenn es tatsächlich vollzogen wird. Diese Selbigkeit, ist für uns nicht leicht zu verstehen.

Leichter ist zu verstehen,  das potenzielle Wissen  sei zeitlich früher. Es sei also schon vor dem Gegenstand vorhanden - die Wissenschaft gibt es eben schon,  bevor ihr  ein Gegenstand zufällt. Aber das auch nur im  Einzelfall und nicht generell. Das mag für uns nachvollziehbar sein. 

Es bleibt aber die Aussage von der Selbigkeit zwischen Wissenschaft und Gegenstand im Falle der Aktualisierung.  In der muß das „Geheimnis“ der aristotelischen Aussage liegen.  Mit dieser  energeia,  Aktualisierung, Verwirklichung,  Ins-Werk-Setzung muß Aristoteles etwas meinen,  was meinem Verstehen nicht recht eingeht.  Vermutlich liegt hier  bei mir "dasselbe“ vor wie das, wovon Aristoteles spricht - aber leider negativ. 

Zur Erklärung sagt er, daß die Dinge aus etwas entstehen, das schon wirklich da ist.  Also eine Art Präexistenz von Wirklichkeit - obwohl mit „Entstehung“ gemeint ist, daß etwas wird, was vorher noch nicht da war. 

Zwei einander widersprechende Annahmen:  Entstehung aus noch nicht Seiendem aber dennoch aus schon Wirklichem. 

Mit energeia muß Aristoteles etwas für mich - für uns heute? - Rätselhaftes meinen, das irgendwie „immerwährend“ ist, weil es schon da ist, bevor  die Sachen da sind.  ?

Dann der Satz, daß der Wahrnehmungsgegenstand das Wahrnehmungsvermögen aus dem Zustand des Möglichen in den Zustand des Wirklichen befördert.  Wieder diese geheimnisvolle energeia - die jetzt vom äußeren Objekt ausgeht: das leuchtet mir ein. 

Zu den Wahrnehmungsgegenständen gehören natürlich auch die lieben oder weniger lieben „Mitmenschen“, wie man heute sagt.  Bis 1938 sprach man (zum Beispiel Siegmund Freud) in Österreich eher von „Nebenmenschen“.  So sehr, daß heute  Lacanianer meinen, „Nebenmensch“ sei ein spezifisch „psychoanalytischer“ Begriff. . . . 

Dagegen allerdings die aristotelische Behauptung, das Wahrnehmungsvermögen leide nicht, verändere sich  nicht.  Widerspricht sie nicht dem Satz vorher? Und hat nicht Aristoteles einige Seiten vorher davon gesprochen, daß von Wahrnehmungsgegenständen Wirkungen ausgehen können, die Wahrnehmungsvermögen schädigen oder gar zerstören können?  Diese Wirkungen können von nicht-menschlichen wie von menschlichen Seiten ausgehen.  Nicht-menschliche Akteure sind von sogenannten „unmenschlichen“ zu unterscheiden - mit denen meint man bestimmte menschliche. 

Operiert Aristoteles mit anscheinend gegensätzlichen Behauptungen, die einander doch nicht direkt widersprechen, sondern einen schmalen Korridor von Plausibilität auftun,  der eine ganz bestimmte These formuliert - die müßte dann auch den Unterschied von energeia und „sein“ präzisieren. 

Gemäß dem Theorem der Ontologie  müßte die energeia eine Spielart des „Seienden" sein.


Die gutartigen Wirkungen, die von den Wahrnehmungsgegenständen ausgehen, werden auch mit „erscheinen“ bezeichnet: sich zeigen,  auffallen, überraschen, enttäuschen . . . . .


Wir aber stellen jetzt die Frage, ob das Wahrnehmungsvermögen auch „selber“ sich aktivieren kann  - dafür sprechen Zustände wie Neugier, Aufmerksamkeit, Intention, die man hoffentlich nicht nur aus Büchern, sondern auch von sich selber kennt. Wer von sich selber gar nichts kennt,  der kann überhaupt nichts erkennen.  Modern gesprochen - auch auf der „Subjekt“-Seite, erst recht auf der,  müßte so etwas wie Wirksamkeit vorkommen. 

Daraus läßt sich die allgemeine Schlussfolgerung ziehen,  die Aktualisierung könne oder müsse  auch von Subjekt-Seiten ausgehen. Was wiederum auf die anscheinend banalen Situationen Gespräch, Lehrveranstaltung, Konflikt, Auseinandersetzung hinausläuft. 

Dann kommt Aristoteles auf den Begriff der Bewegung zurück.  Bewegung sei eine energeia, Tätigkeit, Wirksamkeit . . .. . die von einem Unvollendeten ausgeht.  Ihr steht die Tätigkeit gegenüber, die Aristoteles hier als Tätigkeit schlechthin bezeichnet, nämlich die Tätigkeit, die von einem Vollendeten ausgeht; anderswo wird  sie als „Praxis“  bezeichnet - eine selbstzweckhafte Tätigkeit. 

Das scheint nur eine kurze Anspielung auf  Ethik oder Kontemplation zu sein.

Aristoteles kehrt zum Hauptthema Wahrnehmen-Denken zurück, fügt aber den beiden kognitiven Tätigkeiten eine dritte hinzu: das Aussagen, ja das „bloße Sagen“.  

Aus diesen drei bastelt er ein Dreieck aus drei Ähnlichen:  
         
                                                                     Sagen  


                                                Wahrnehmen                   Denken

Ich sehe die Ähnlichkeit zunächst darin, daß alle drei Erkenntnistätigkeiten sind, was bei Wahrnehmen und Denken sofort einleuchtet. Beim Sagen handelt es sich wohl um eine Kehrtwendung  zum Wahrnehmen:

Wahrgeben, Kundgeben, Zeigen.  Es handelt sich um „subjektive“, oftmals intentionale Spielarten von Erscheinen.

Und außerdem um eine Steigerung der Körperlichkeit,  Körpertätigkeit, aktive Hinwendung zur Außenwelt. 

Sich-verhalten-zu auch gegenüber der Wahrnehmung: im Falle von Lust, geht man der Wahrnehmung nach oder bleibt bei ihr, im Fall von Schmerz wendet man sich ab, sucht sich einen anderen Gegenstand oder schaltet ganz ab. Auf diese Weise steuert man, gestaltet man seine Wahrnehmung, sein Wahrnehmungsleben, weil man das Gute will, das Schlechte meidet. 


Man verändert nicht nur die eigene aktuelle Wahrnehmung, man verändert, verbessert vielleicht die eigene Wahrnehmungsfähigkeit. Wahrnehmungskultivierung. 

Dann tritt das ein, was Aristoteles meint:  das Vermögen wird durch die Tätigkeit, die primär ist,  geformt. 


Nächste Sitzung am  3. Juni 2026





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