τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 24. Juni 2026

De anima / Peri psyches – lesen 42 (431b 2–24)


Protokoll vom 17. Juni 2026



Fragestellungen, die auf das Denken und Denkvermögen in Verbindung mit Funktionen der Seele zurückgehen, war schon im vierten Kapitel des III. Buches Gegenstand der Abhandlung; diesen roten Faden folgend lesen wir im siebenden Kapitel, dass die Seele niemals ohne die Vorstellungsbilder denkt. (431a 16-17) 


Zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären oszillierend, stellt sich somit weiterhin die Frage, auf welche Weise dies geschieht. Zu klären ist, ob die Denkfähigkeit die Formen [eide] mittels der Vorstellungsbilder – en tois phantasmasi („in den Vorstellungsbildern“) – denkt und dadurch, analog zu den in diesen Bildern Wahrgenommenen – das Bezweckte bzw. das zu Verfolgende und das zu Meidende bestimmt. Daraus ergibt sich zugleich die Frage, ob sich das Denken auch außerhalb der unmittelbaren Wahrnehmung vollzieht, sofern sie – die zum Nachdenken fähige Seele – bei den Vorstellungsbildern verweilt. Angedeutet werden hier die spezifischen Qualitäten des Denkvermögens in Verbindung mit den Orts- und Zeitbewegungen (431b 3 und 431b 8) in der Seele. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, wendet sich Aristoteles dem Bereich des Politischen zu. Er veranschaulicht dies anhand des Beispiels einer Fackel, die als Signal fungiert. Diese wird zum einen im Sinne des common sense mit Feuer assoziiert; zum anderen lässt ihre Bewegung die Betrachtenden – horôn kinoumenon („das Bewegte sehend“) – erkennen, dass sich ein Feind [polemios] nähert. Ausgehend von dem Wort „polemios“ entwickelt sich (unter uns) eine Diskussion über den Umgang mit politischen Begriffen, wie sie insbesondere in der Gegenüberstellung von ‚Freund‘ und ‚Feind‘ zum Ausdruck kommt. Zugleich stellt sich die Frage, ob eine Freund-Feind-Interpretation des aristotelischen Textes an dieser Stelle überhaupt zutreffend wäre. Dabei ist hervorzuheben, dass polemios hier nicht als empirische oder politische Kategorie, sondern als Denkbegriff im Rahmen der aristotelischen Argumentation fungiert. 


Anders wiederum, mittels der Vorstellungsbilder oder der Gedanken / Denkbilder, die in der Seele vorhanden sind, überlegt sie – die zum Nachdenken fähige Seele – gleichsam sehend, und entscheidet [vouleuetai] über die Zukünftigen auf der Grundlage der Vorliegenden (der Gegenwärtigen). Wenn sie andernfalls sagt, dass sich dort das Angenehme oder Schmerzliche befindet, dann wird sie es da meiden oder anstreben – und sie wird überhaupt eines von beiden tun [kai holôs hen praxei]. Der Philosoph kommt hier – wie bereits oben erwähnt – dem Gedanken von Raum und Zeit nahe, indem er die raumzeitliche Wahrnehmungsebene mit der Denk- und Vorstellungskraft in der Seele ins Bild führt. Nicht allein zwischen Empfindungen wie das Angenehme oder Unangenehme kann sie hiermit wählen, sondern ebenso eine Entscheidung sowohl zu Fakten als auch ohne sie treffen; denn, bezugnehmend auf Sachlagen, die auf das ‚Wahre‘ und das ‚Falsche‘ oder ‚Verlogene‘ basieren, wird festgelegt, dass diese der gleichen Gattungsebene zukommen wie das ‚Gute‘ und ‚Schlechte‘. Allerdings steht hier fest, dass sich die erstgenannten Dinge zumindest hinsichtlich des ‚Schlechthin‘ unterscheiden, während die zweitgenannten auf das ‚für jemanden‘ beziehen. In Bezug auf die sogenannten Abstraktionen, also die „unbestimmten“ Seienden, denkt der nous in derselben Weise, wie man das Flache nicht als flach, sondern als konkav denken würde – und zwar getrennt (losgelöst) vom Fleisch, in dem das Konkave erscheint. Entsprechend verhält es sich bei den mathematischen Dingen/Gegenständen. Allgemein gesprochen ist ‚nous‘ als tätiger und wirkender Verstand den abstrakten Dingen, die er denkt, gleichförmig. Auf diese zuletzt angesprochenen Fragen will der Philosoph im weiteren Verlauf seiner Untersuchung nochmals zurückkommen.


Aristoteles greift abschließend erneut die These auf, dass die Seele in gewisser Hinsicht alle Seienden sei, und führt aus, dass diese entweder wahrnehmbare oder denkbare Dinge sind. Damit ist eine allgemeine Denkebene angesprochen, auf der Wissen und seine Gegenstände aufeinander bezogen sind. Im Folgenden geht er der Frage nach, wie das Verhältnis zwischen Seele, Wissen und den Gegenständen des Wissens zu verstehen ist.



Sophia Panteliadou


Dienstag, 16. Juni 2026

De Anima / Peri Psyches - lesen 41 (431a 16 – 431b 2)

 

Protokoll vom 03. Juni 2026

 

Beim Verlesen des Protokolls und kurz danach entspann sich eine Diskussion um die Wahrnehmung von Musik, ob Vorstellungsinhalte oder Wahrnehmungsinhalte zuerst seien. Während Walter auf die Vorgängigkeit von Wahrnehmung beharrte, widersprach Max, dass zuerst eine Vorstellung von Musik da sein müsste, bevor wir etwas wie Musik erkennen können.

Es wurde von Walter auch eine gewisse abwertende Verwendung des Wortes Materialismus bedauert. Mir ist diese Abwertung fremd und eine reine Geistigkeit verdächtig.

 

Die gelesene Stelle von Aristoteles ist so schwierig, dass ich Sekundärliteratur zu Rate gezogen habe, insbesondere David Ross und R.D. Hicks, die beide ausführliche und zum Teil hilfreiche Kommentare zu diesen sogenannten dunklen Stellen anbieten.

Zuerst wird gesagt, das der zum Denken fähigen Seele sowohl Vorstellungsgehalte wie Wahrnehmungsgehalte (phantasmata / aisthemata) zukommen, egal ob bejaht oder verneint, gemieden oder verfolgt wird. Es wird zugespitzt, die Seele denkt niemals ohne Vorstellungsgehalt.

Im nächsten Satz wird gesagt, dass die Luft die Pupille des Auges in diese bestimmte Beschaffenheit versetzt hätte, wo wir doch aus früheren Stellen wissen, das die Luft das Medium des Ohres ist. In diesen Satzteil folgt die Bemerkung „und diese ein anderes“ (auto d´heteron), Ross sieht darin den Hinweis auf ein inneres Wahrnehmungsorgan, das verschiedene Wahrnehmungsqualitäten zusammenführen kann. Das Ohr wird auch vom Medium Luft affiziert und leitet die Wahrnehmungsinhalte weiter an den gemeinsamen Sinn, der als eine Mitte bezeichnet wird (kai mia mesotes). Der Satzteil lautet, dass das Äußerste eines ist, die Mitte aber Ihrem Sein nach mehrere (pleio).

Es folgt ein Hinweis von Aristoteles auf eine frühere Stelle, womit man beurteilt, worin sich Süßes und Warmes sich unterscheiden.

Die Stelle, auf die er sich beziehen könnte, befindet sich im 2. Kapitel, 426 b,12-23, wo Aristoteles davon spricht, dass wir das Weiße und das Süße und das Weiße und jeden anderen wahrnehmbaren Gegenstand von jeden anderen unterscheiden und diese Unterscheidung treffen mit Hilfe einer Wahrnehmung, die ein Einziges sein muss und keines von den äußeren Wahrnehmungsvermögen, die ja den Unterschied nicht feststellen könnte.

 

Damit kommen wir zur nächsten schwierigen Stelle, die lautet, „es ist nämlich ein bestimmtes Eines, das so ist wie die Grenze.“ Die vorläufige Interpretation von Ross besteht darin, dass das Eine jenes innere Vermögen ist, das die Unterschiede feststellt und wie eine Grenze zwischen den Wahrnehmungsqualitäten liegt und da die verschiedenen Sinne in ihren gegensätzlichen Wahrnehmungsqualitäten der Analogie nach und der Anzahl eins sind, weil sie von ein und denselben Gegenstand wahrgenommen. Also Süßes verhält sich zu Warmes wie Bitteres zum Kalten, zumindest nach Ross,

 

 

 

 

 

  A B

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  C D

 

 

aber es wird von einem Gegenstand wahrgenommen und zu einer Sinneswahrnehmung zusammengefügt. Denn, so fragt sich Aristoteles, was macht es für die Seele einen Unterschied ob eine wahrgenommene Qualität sich nach der Wahrnehmungsgattung unterscheidet oder innerhalb einer Wahrnehmungsgattung entgegengesetzt ist. Es macht aber einen Unterschied, ob man eine gemeinsame Wahrnehmung benötigt oder nicht, für entgegengesetzte Wahrnehmungen, wie hier das Beispiel lautet, nämlich wie weiß und schwarz, braucht es keine vermittelnde Instanz, die verschiedene Gattungen zusammenführt.

Die nächste schwierige Passage ist eine logische Formalisierung des vorher Gesagten. Es soll sich also das Weiße A zum Schwarzen B so verhalten wie C zu D, so wie jene zueinander bei Vertauschung der Glieder.

 

 

  A

 

 

 

 

  D B

 

 

 

 

  C

 

Zuerst werden C und D keine Qualitäten zugeordnet, wenn wir etwas über den Textrand hinausblicken und den nächsten Satz mitlesen, wird dem A hypothetisch das Süße und B das Schwarze zugeordnet, die dem Sein nach nicht dasselbe sind, also Geschmack und Farbe. Denn C zu D verhält sich genau so wie A zu B wenn es einem X zukommt. Aber der Sprung war, das Gegensätze genau in denselben Verhältnis wie Wahrnehmungsgattungen stehen sollen.

Laut Hicks hat Simplicius aus den verschiedenen Verhältnissen neue Wahrnehmungseinheiten gemacht, dadurch wäre ein neues Verhältnis aufgemacht, denn AB wäre nicht gleich zu B, den diese neuen Einheiten haben eine Diversität von Verhältnissen.

 

Ich hoffe es wurde etwas Licht auf diese Stelle geworfen, obwohl mir selbst die Beschäftigung etwas Dunkles einbrachte, vor allem warum die Anschreibung mit den Buchstaben überhaupt erforderlich ist und ob diese Einheiten, die der Analogie nach gleich sein sollen, sich in der Wahrnehmung, in der Vorstellung oder im Denken gebildet haben.

 

Karl Bruckschwaiger