τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 15. Juli 2026

De anima / Peri psyches lesen 43 (431b2 - 432a14)

 

Protokoll 43 vom 24.06.2026

Buch III, Kap 8

431b20 – 432a14

 

Bei der den Text eröffnenden Diskussion geht es um die Frage, was „alles“ ist und die Antworten reichen von „alles, was der Fall ist“ bis zur „Welt“.

Im Text selbst geht es um die zusammenfassende Behauptung, dass die Seele in gewisser Weise mit allem Seienden identisch ist, weil das Seiende entweder wahrnehmbar oder denkbar isr.

Das Wissen ist irgendwie (pos) identisch mit dem Gewußten, ebenso die Wahrnehmung mit dem Wahrgenommenen. Dieses „irgendwie“ muss jetzt genauer untersucht werden. Das Vermögen der Seele zur Wahrnehmung und zum Wissen betrifft das nach Möglichkeit Seiende, aber auch das nach Wirklichkeit Seiende.

Daraus müsste man schließen, dass Wahrnehmung und Wissen entweder das Seiende selbst oder aber ihre Formen sind. Aber sie können nicht das Seiende selbst sein, sondern nur die Formen. Aristoteles begründet dies mit dem einleuchtenden Beispiel, dass der Stein nicht in der Seele sein kann, sondern nur seine Form. (eidos)

Und er setzt nun zu einem Vergleich zwischen der Seele und der Hand an. Die Hand ist das Werkzeug der Werkzeuge so wie der Geist (nous) die Form der Formen (eidos eidon) und die Wahrnehmung die Form von Wahrnehmungsgegenständen (aisthesis eidos aistheton) ist. Es kommt in diesem Assoziationszusammenhang die Rede auf den Handwerker als den Inbegriff des Tätigen.

Durch diesen Vergleich von Seele und Hand erweckt Aristoteles den Eindruck, dass es sich um zwei getrennte Arten von Seele handelt, die Denkseele und die Seele für die wahrnehmbaren Dinge, wobei die Denkseele nicht auf die Wahrnehmung angewiesen ist, weil die Gegenstände in ihr als Formen ohnehin auch so (ohne Wahrnehmung) enthalten sind. Das gilt es zu entkräften und er schreibt:

Da es aber, wie es scheint kein Ding gibt, das abgetrennt von den sinnlich wahrnehmbaren Größen existiert, so sind die denkbaren Formen in den wahrnehmbaren Formen sowohl das, was in Abstraktion ausgesagt wird, als auch alle Zustände und Eigenschaften der wahrnehmbaren Dinge.

Daraus folgt für Aristoteles, dass man ohne Wahrnehmung nichts lernen oder verstehen kann und man muss Geistiges zugleich als Vorstellungsbild betrachten. Vorstellungsbilder sind wie Wahrnehmungsbilder, nur ohne Materie.

Die Vorstellung selbst ist aber etwas anderes als das Denken, weil es keine Bejahung oder Verneinung im Sinne von wahr oder falsch kennt, die nur durch eine Verknüpfung von Gedanken zustande kommt. Vorstellungsvermögen und Begriffsvermögen sind verschieden.

Allerdings stellt sich Aristoteles dann eine schwierige Frage: wie sollen sich die ersten Gedanken von den Vorstellungsbildern unterscheiden? Es muss ja einen Moment geben, wo aus Vorstellungsbildern Gedanken werden. Offensichtlich steht in diesem Zusammenhang die Feststellung von Bejahung und Verneinung, wahr und falsch, weil dieses Erkennen nur dem Denken möglich ist, das eben der Wirklichkeit nach ist.

Aber Aristoteles ist sich auch nicht sicher und äußert die zusätzliche Vermutung, ob denn diese ersten Gedanken zwar keine Vorstellungsbilder sind, jedoch mit Vorstellungsbildern verbunden sind. Das bedeutet mit anderen Worten, dass es sich um eine Verbindung von Gedanken mit Phantasien handelt.

Beim Denken wäre ja der Bezug auf ein Einzelnes, das aber erst der Vorstellung nach erfasst wird, weil es noch keinen Begriff bildet, möglich. Vielleicht verwandelt sich die Vorstellung durch den Denkprozess dann in etwas, das begrifflich erfasst werden kann. Man kann daraus schließen, dass Gedanken offensichtlich schon etwas Allgemeines sind, während Vorstellungen nur das Einzelne ohne Begriffsbildung betreffen.

Vermutlich kann es auch kein eindeutiges Kriterium für den Umschlagsmoment von der Vorstellung zum Denken geben, sondern nur die Beobachtung, dass Gedanken der Wirklichkeit nach, Vorstellungen der Möglichkeit nach sind. Dies wird allerdings erst erkennbar, wenn sich die Vorstellungen durch Begriffsbildung in ein Denken verwandelt haben, das die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit sucht.

 

 

Manfred Russo

 

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