τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Die Anfänger (996a)


Das ganze Dilemma der Philosophie beginnt an ihrem Anfang. Denn die Philosophie ist eine Verfallsgeschichte, die kurz nach ihrer Entstehung einsetzt. Der Absturz beginnt mit der Idee des Guten. Erreicht eine ungeahnte Tiefe in der Scholastik, wo von Substanz gesprochen wird. Descartes palavert vom Subjekt, was die Dekadenz nur noch steigert. Dekadenz, das Stichwort der PhilosophInnen. Man könnte folgerichtig überhaupt das Wort Philosophie durch Dekadenz ersetzen. Die Technik und die Naturwissenschaft ein Verhängnis. Ein Machwerk. Einzig das Gespräch im Philosophenhimmel auf Erden zwischen Heidegger, dessen Gedanken wir bisher folgen, und den großen griechischen Denkern bringen die Sache weiter. Die Sache, das nächste Stichwort. Die Sachen nämlich sind die Welt. Und mit ihr beginnt der Heideggersche Anfang. Endlich Schluss mit Platon und dem ganzen Unsinn. Zurück zum Grundthema der Philosophie: physis und ousia. Das wussten sie vor Platon eben noch. Vor Sokrates. Und damit ihr es wisst: Alle vor Ihm und nach Ihm und neben Ihm, nämlich Heidegger, sind Nichternstzunehmende.

Tatsächlich höre ich persönlich seit geraumer Zeit bei diversen philosophischen Sitzungen immer wieder „Ja ist das nicht beim späten Wittgenstein und bei Heidegger so und so.“ Es heißt in Wien schon lange: Wittgenstein und Heidegger und die Sprache wären die vollendete Lösung. Jedenfalls ereignete sich um 1900 ein anderer Anfang der Philosophie doch tatsächlich im bis dahin konsequent und hartnäckig nicht philosophierenden Wien. Einer von Wittgenstein, Ernst Mach und Ludwig Boltzmann geradezu vorsokratisch von Physik inspirierten Philosophie. Dem widerspricht Michael Benedikt, der in seiner Geschichte der österreichischen Philosophie (Verdrängter Humanismus – verzögerte Aufklärung. Österreichische Philosophie von 1400 bis zur Gegenwart. Ludwigsburg, Klausen-Klausenburg, Wien. 1992- 2000) Leibniz als den bedeutendsten österreichischen Philosophen nennt und auch Peter Kampits, der von Marc Aurel als dem ersten österreichischen Philosophen spricht. (Zwischen Schein und Wirklichkeit, Eine kleine Geschichte der österreichischen Philosophie, Wien 1984)  Schließlich lag Carnuntum ja immer schon in Österreich und auch Leibniz, war durch seinen kläglich gescheiterten Versuch eine Akademie der Wissenschaften in der Hauptstadt des Heiligen Römischen Reichs zu gründen, eindeutig ein Österreicher. Was ist den österreichischer bitt´ schön, als mit dem Versuch eine Akademie zu gründen, zu scheitern. Man könnte fast sagen, erst wenn man eine Akademie gründen will und damit scheitert, ist man ein echter Österreicher.

Man möge die historische Ursachenforschung aber nicht überspannen. Man möge den Vergleich der österreichischen Philosophie aus dem Geiste der Naturwissenschaften mit dem Denken der Vorsokratiker metaphorisch, oder sogar allegorisch nennen, selbst wenn genau an dieser Stelle die Mediziner Freud, Adler, Breuer et cetera, nicht unter den Tisch fallen.      
                                             
Die ewigen Sachen. Als das, worüber eine ahistorische Debatte zwischen allen Philosophen aller Epochen stattfinden kann, sind bei Aristoteles zehn an der Zahl. Um einige zu nennen. Die Welt, die Formprinzipien, die Himmelskörper, die Bewegung der Himmelskörper, die zwei Kreisbewegungen der Erde. Was für mich persönlich zur notwendigen Frage führt: dreht sich das Verfallenste aller verfallender Geschichte, der vergängliche Mensch, auch ständig nur um sich selbst, so wie die Erde um die eigene Achse? Denn im Streben unvergänglich zu sein, ist der Mensch wohl den beiden anderen sterblichen Sachen, den Tieren und den Pflanzen, überlegen.

Man sollte halt hin und wieder mal Jazzmusik hören und die Männer Vogue lesen. Hätte allen Anfängern sicher ganz gut getan.              

MATHIAS ILLIGEN