τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 6. März 2015

In der Metaphysik lesen (1016a 17 – 1017a 7)

Das Kontinuum, welches die zweite Bedeutung des Begriffes „ein“ (oder die zweite Verwendung des Begriffs) begründet hat, spielt sich innerhalb des Akzidens „Quantität“ ab.
Eine weitere Begriffsbedeutung (oder -verwendung) von „ein“ wird durch Unterschiedslosigkeit im Substrat veranlasst, worunter Aristoteles das Material versteht, wie aus den Beispielen (Wasser, Wein) hervorgeht und aus der erkenntnistheoretischen Bestimmung: wo bei einer Zerlegung kein qualitativer Unterschied für die Sinneswahrnehmung entsteht: wenn bei der Zerteilung von Wasser immer Wasser übrigbleibt, hat man es mit dem einheitlichen Stoff „Wasser“ zu tun. Wie schon in 1015a 9ff. erwähnt Aristoteles auch hier die Möglichkeit, dank dem Schmelzprozeß zu einem Urstoff „Wasser“ aufzusteigen, den wir eher als den Aggregatzustand „Flüssigkeit“ bezeichnen würden. Damit wäre eine sehr weitreichende, geradezu universale „Einheit“, erreicht.
Eine andersartige Begründung, viele Dinge als „eines“ zu bezeichnen, sieht Aristoteles, wenn sie einer gemeinsamen Gattung angehören. Er nennt übrigens auch die Gattung ein „Substrat“ – aber ein logisches, und er vergleicht ausdrücklich den Stoff und die Gattung bezüglich ihrer Einheitsstiftungsfunktion. Verschiedenartige Lebewesen – darunter auch der Mensch – bilden „eines“ aufgrund der gemeinsamen Gattung. Man könnte hier von einer Parallele  zu Darwin sprechen, auch wenn Aristoteles die „Verwandtschaft“ nicht als Nacheinander sondern als Nebeneinander betrachtet.

Und wie beim Stoff spricht Aristoteles auch bei der Gattung vom Aufstieg zu umfassenderen Gemeinsamkeiten, woraus sich noch größere Einheitsbildungen ergeben.
Fünftens werden Dinge „eines“ genannt, wenn der Logos ihr Was-Sein (Was(es war)Sein) so aussagt, daß er es ununterscheidbar vom einen wie vom anderen darlegt. Das heißt wohl: Dinge, denen die Wesensform oder Wesensart gemeinsam ist, sind „eines“. Eine Selbstverständlichkeit, wenn sogar die gemeinsame Gattungsform, die ja etwas Dünneres ist, dies bewirkt. Bemerkenswert, wie das Besitzen der Wesensform auf subjektartige Aktivitäten zurückgeführt wird: einmal sozusagen tautologisch mit logos legon sowie mit „die Sache darlegend“. Und außerdem wird der Sachverhalt ausdrücklich auf ein Erkenntnisvermögen zurückgeführt – wie das ja auch schon bei den Materialien der Fall war: aisthesis. Vielleicht ist aber mit noesis gar nicht bloß das Erkenntnisvermögen gemeint, sondern der Erkenntnisvollzug – der im Deutschen zumeist mit „Denken“ wiedergegeben wird. Besser aber vielleicht mit Erfassen, Verstehen, Erfassung. Dazu kommt, daß dieser Ausdruck, so wie oben logos, mit dem entsprechenden Partizip Präsens nicht nur verdoppelt, sondern ausdrücklich „verbalisiert“ wird: die das Was-Sein erfassende Erfassung. Noesis noousa – eine beinahe feierliche um nicht zu sagen jubelnde Formel. Spielt sie etwa auf eine ähnlich klingende und viel berühmtere Formel an? Also doch ein tiefsinniger Text? Erinnern wir daran, daß noesis laut Hermes-Motto keineswegs das Ganz Andere zur aisthesis ist.

Walter Seitter


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Sitzung vom 4. März 2015