τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 28. April 2016

In der Metaphysik lesen („verstümmelt“)

Die Salzburger Schriftstellerin Dorothea Macheiner teilt mir nach der Lektüre des letzten Protokolls ihre Vermutung mit, der Begriff „verstümmelt“ habe bei ihr die Assoziation mit dem Wort „stumm“ ausgelöst sowie mit dem Gedanken, dass Körperglieder auch sprechen und dass verstümmelte Körperglieder – also „Stummel“ – erst recht sprechen, nämlich sprechen wollen, toben, eben weil sie nicht mehr sprechen können. Dazu ihre Erinnerung an ein Wort im österreichischen Dialekt: ein „Stummerl“ ist jemand, der nichts sagt, nicht redet.

Einen etymologischen Zusammenhang zwischen „verstümmelt“ und „stumm“ scheint es indessen nicht zu geben. Und das aristotelische Wort kolobos hat auch keine Beziehung mit dem Wort für „stumm“.

Zur Aristoteles-Statue auf dem Aristoteles-Platz schreibt mir Omiros Tachmazidis, mein Übersetzer, dass sie im Jahre 1990, also vor ungefähr 25 Jahren geschaffen worden ist: von Giorgos Georgiades (*1937). Und er schickt mir einen ausführlichen Artikel über Aristoteles-Darstellungen in der neugriechischen Kunst, verfasst von Gerakina Mylona. Da wird auch diese Statue erwähnt und beschrieben. Der Kopf sei der bekannten Wiener Büste nachgebildet (die ich schon öfter erwähnt habe). Der Bildhauer habe den tradierten Typ mit einigen neueren Linien kombiniert: so die schiefen Füße, aber auch die kakoseis = Spuren von Misshandlungen, eigentlich Verunstaltungen, Verschlimmerungen. Nur mit diesem einen Wort spielt die Verfasserin auf die von mir gesehenen „Verletzungen“ an – ohne sich irgendwelche Fragen dazu zu stellen. Sie hat ihre Erwähnung offensichtlich bald nach 1990 geschrieben und hinzugefügt: die definitiven Kritiken seien noch nicht geschrieben worden. Sie bescheidet sich also sehr und tut so, als würde sie von diesem Bildhauer gar nichts wissen.

Ich hingegen weiß schon ein bisschen mehr als nichts. Die Suche im Internet hat unter dem Namen Giorgos Georgiades nur einen Fußballer ergeben und keinen Bildhauer. Dann aber ein Bericht von einer Berliner (!) Ausstellung im Jahr 1985, wo von diesem Bildhauer ein Torso in verschiedenen Variationen zu den Themen "Einsamkeit", "Gemeinsamkeit" und "Siegesfreude" gezeigt worden ist. Die Abbildung zeigt in der grausamen „Hautbehandlung“ deutliche Ähnlichkeiten mit der Thessalonicher Statue (und zwar unabhängig vom Motiv „Torso“ – das ja eine gewisse semantische Nähe zur Verstümmelung aufweist). Im Internet sind auch andere Werke zu sehen: alle figural und tendenziell gespenstisch. Der Künstler ist bis heute sehr aktiv, jedenfalls mit Ausstellungen und Publikationen. Die Aristoteles-Statue hingegen wird nirgendwo mit seinem Namen verbunden.


Wir sprechen dann noch über meine These, die Metaphysik komme aufgrund der Heterogenität ihrer „Bücher“ – jedenfalls von I bis VI – in die Nähe einer Verstümmeltheit. Dieser Charakter kommt ihr nicht so eindeutig zu wie der Poetik. Zwei Bücher, nämlich III und V, weichen von der hauptsächlichen aristotelischen Textform – pragmateia oder Abhandlung – stark ab und verlegen sich auf die Textform der Liste, der Serie. Buch III: Serie von „Aporien“ oder ungelösten Fragen wissenschaftstheoretischer oder annähernd ontologischer Natur. Diese 15 Aporien werden zunächst nur genannt und dann relativ kurz behandelt – das heißt sie werden gleich zweimal aufgelistet oder serialisiert. Und das Ergebnis sieht nicht so aus, dass damit die hier „gesuchte Wissenschaft“ auf erhellende Weise vorgestellt worden ist. Auch das Buch V ist seriell aufgebaut: 30 Begriffe werden ziemlich gleichförmig in viele Bedeutungen zerlegt, womit eine große Menge an Information geliefert wird. Die Frage ist, ob die Behandlung dieser vielen Begriffe einer bestimmten Wissenschaft zugeordnet werden kann. Die Serie beginnt eindeutig mit Begriffen aus der Physik, es kommen dann einige Grundbegriffe der Ontologie und es geht sehr kunterbunt weiter bis zu einem solchen Begriff wie „verstümmelt“, der bislang gar nicht gewusst hat, dass er ein Begriff ist – und ein Begriff aus welcher Wissenschaft?

Gianluigi Segalerba bestätigt, dass der Begriff „verstümmelt“ von den ihm bekannten Kommentatoren der Metaphysik kaum oder gar nicht beachtet worden ist. Ich aber erkläre hiermit – aus purem Übermut – diesen Begriff für einen sehr wichtigen Begriff - ja für den zentralen Begriff der Metaphysik. Es handelt sich jedenfalls um einen dramatischen, um einen existenziellen Begriff. Ein Begriff aus der Nachbarschaft der „Zerstörung“, die genau an der Stelle der erstmaligen ausdrücklichen Erfindung der Ontologie, in 1003b 7, zusammen mit anderen Seinsmodalitäten genannt worden ist. Die beiden ersten Abschnitte von Buch IV führen die Ontologie ein und beenden die Vorherrschaft des Begriffs „Ursache“, welche den Aristoteles auf weite Strecken unverständlich und unlesbar gemacht hat. Der Begriff „verstümmelt“ impliziert natürlich auch Ursachen, aber zunächst bezeichnet er etwas auf der Ebene von Eigenschaften, von Zuständen, von Schicksalen. Er impliziert direkt so etwas wie Aggression, Grausamkeit. Wenn man das alles für unwichtig hält, und nur die ousia für wichtig ...

Nur wenn einem etwas „auffällt“ – nur dann sieht man etwas. Und wenn man die Verstümmeltheit – geleitet durch die aristotelische Einführung des Begriffs – sieht, dann bekommt man einen anderen Blick auf die Welt und gleichzeitig lernt man, dass man die ousia brauchen kann, um die Verstümmelung begrifflich einzugrenzen.

Überhaupt sind die Kategorien nur wichtig, weil sie dazu dienen, Erscheinungen, Auffälligkeiten, Differenzen zu ordnen. Dazu aber muß man die Sichtbaren sehen und die Hörbaren hören und die Fühlbaren fühlen – sonst gibt es nichts zu ordnen. Die Ordnungsbegriffe allein – nun ja die kann man untereinander auch ordnen, das ist auch interessant. Vor allem weil man da wieder ins Chaotische gerät, das nach neuerlicher Ordnung ruft. Ist die zweite Substanz nicht auch eine Qualität – ja; aber die Qualität ist doch ein Akzidens. Ist etwa gar die zweite Substanz ein Akzidens – weil sie der ersten Substanz zukommt?

Inhaltlich gehört der Begriff „verstümmelt“ in die Menschenwelt und so bestätigt er die Vermutung, dass die sogenannte Metaphysik eine Kurve ins Anthropologische nimmt. Ich habe ihn ja schon einmal etymologisch mit „nachnatürlich“ übersetzt: er steht an der Kippe zwischen Physik und Machenschaften (wie Heidegger sagen würde).


Walter Seitter
 
Sitzung vom 27. April 2016