τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Mittwoch, 10. Dezember 2025

De Anima / Peri psyches lesen 29 – (422b 17 - 423b 7)



Protokoll vom 26. November 2025



Nach dem Verlesen des Protokolls vom 12.11.2025 haben wir lange über die verschiedenen Wahrnehmungsebenen diskutiert, die im Kapitel 10 thematisiert werden.

Es wurde über die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem debattiert sowie darüber, ob die Wahrnehmung von den Objekten, die wahrgenommen werden, abhängig ist – wie es von Aristoteles behauptet wird – oder doch von den wahrnehmenden Lebewesen.

Die Dinge werden (bei Aristoteles) sozusagen von sich aus wahrgenommen, d.h., die Wahrnehmung ist vom außenkommenden Ding abhängig und wird nicht (wie heute) intentional aufgefasst. Die Soziologie, zum Beispiel, bezieht sich – wie Manfred Russo betont – vor allem auf die ‚Intention‘ der Wahrnehmenden.

In diesem Kontext haben wir uns auch mit Fragen über den Begriff der Distanz, über das ‚Innen‘ und ‚Außen‘ und das ‚Wie‘ Distanz beschaffen sein muss bzw. kann, auseinandergesetzt – diese hängt vom Wahrnehmungssinn ab. ‚Licht’ ist beispielsweise das Dazwischenliegende beim Sehen.

(Wie im letzten Protokoll erwähnt wurde, vertritt Aristoteles die These, daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß – durch etwas jeweils Bestimmtes: beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft).

Walter Seitter hebt den Aspekt der Kategorienaufzählung hervor. Aristoteles zählt die Qualitäten auf: Schmeck- Riechqualität / scharf, ölig, etc. Geschmack ist in diesem Zusammenhang ein abstrakter Begriff und Schmeckqualitäten sind höhere Abstraktionsstufen.

Diskussion:

K. Bruckschwaiger: „Beim Schmecken kommt die eigene Intention dazu“.

S. Panteliadou: „Die Fähigkeit des Schmeckens, also die Schmeckqualität ist die Voraussetzung dafür“.



Walter Seitter stellt daraufhin die Frage, ob diese Betrachtungsweise in die Philosophiegeschichte eingegangen sei.

Karl Bruckschwaiger stellt fest, dass dies im ‚Sensualismus‘ zu finden sei und verweist ebenfalls auf das 12. Buch der Metaphysik und den Bezug auf die ‚pure Lust‘ und das ‚Genießen‘.

Das Verbinden von Abstraktion mit den konkreten Formen der Wahrnehmung (z.B. das Prinzip der ‚Entelecheia‘ mit dem ‚Wie die Dinge bewegt werden‘) wird von M. Russo als herausragend charakterisiert, ein Gedanke, dem alle Anwesenden ebenfalls zustimmen.

Nach der ausführlichen Besprechung des Geschmacksinns gingen wir zur Lektüre des 11. Kapitels des II. Buches (422b 17) über.

Darin handelt es sich um den Tastsinn, beziehungsweise wie es bei Thomas Buchheims Übersetzung heißt, es geht um die Rede von der Berührung und dem Berührbaren.

Aristoteles fragt zunächst, ob alles, was über das Berührbare (Ding) gesagt wird, auch für die Wahrnehmung der Berührung gilt, nämlich, ob die Wahrnehmungen des Tastens mehrere sind.

Denn in Bezug auf die ‚Berührung’ gibt es eine Schwierigkeit betreffend die Fähigkeit des Berührens und das Organ, womit berührt werden kann. Aristoteles geht anfangs davon aus, dass das ursprüngliche Organ etwas sei, das sich im Fleisch befindet. Was könnte dies aber sein? Ist damit das Fleisch als Organ oder das Fleisch als Medium gemeint?

Diese Frage wird von Aristoteles selbst einige Zeilen danach (422b 23) beantwortet. Da heißt, dass jede Wahrnehmung sich auf einen Gegensatz zu beziehen scheint: das Sehen bezieht sich auf das Weiße und das Schwarze, das Hören auf die Höhe und Tiefe und der Geschmackssinn bezieht sich auf das Schmecken des Bitteren und Süßen.

Hierzu wurde bei unserer Diskussion die Feindifferenzierung zwischen ‚laut‘ und ‚leise‘ bzw. die topologisch innere Struktur beim Hören erwähnt und bezüglich des Sehens wurde auf Goethes Farbenlehre und die Komplementärfarben (Rot-Grün, Blau-Orange) verwiesen.

Wie verhält es sich aber bei der Wahrnehmung der ‚Berührung’? Aristoteles betont an dieser Stelle, dass im Unterschied zum Sehen oder Hören in Bezug auf das Berührbare mehrere Gegensätze existieren, wie beispielsweise: warm-kalt, trocken-feucht, hart-weich u.a.. Eine zusätzliche Qualität, welche die Wahrnehmung der ‚Berührung‘ auszeichnet, finden wir in der aristotelischen Schrift „Über Werden und Vergehen" / „De generatione et corruptione“; da stellt der Philosoph fest, dass erst durch die ‚Berührung‘ ein Wirken (poiein) oder ein Leiden (paschein) möglich sei. (322b 22-24).

Die Grundfrage in der aktuellen Lektüre lautet jedoch, „was ist beim Vermögen des Berührens das Eine, welches dies ermöglicht?“ (vgl., 422b 33). Die Frage, ob das Wahrnehmungsorgan, bei der Berührung, sich im Inneren des Fleisches befindet – sozusagen zwischen Knochen und Haut – oder außerhalb desselben bzw. direkt das Fleisch ist, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.

Auch dann, wenn ein Teil des Körpers durch eine künstlich angefertigte Haut umspannt wäre, würde die Wahrnehmung der Berührung unsichtbar bleiben – sagt

Aristoteles –, im Unterschied zu den Sinnen des Sehens, des Hörens, des Riechens, bei welchen ersichtlich ist, dass es sich um einen Wahrnehmungssinn handelt.


Aus dieser hypothetischen Annahme wird gefolgert, dass das Fleisch in diesem Fall nur das Medium sein müsste; die Fragestellung somit in Bezug auf die Berührung selbst bleibt im Moment unklar (423a 11-12) – d.h. ob mehrere Wahrnehmungen mit dem Begriff Berührung bezeichnet werden können oder nicht.

Ein beseelter Körper kann nach Aristoteles nur etwas Festes sein und nicht allein aus Luft oder Wasser bestehen – alle Körper sind Mischungen bestehend aus den vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Daraus schlussfolgert Aristoteles, dass der Körper notwendigerweise das Dazwischen (to metaxy) – das Medium – für die Fähigkeit des Berührens sein muss, denn er ist physisch mit den Organen verbunden, die für die Funktionen der Berührung zuständig sind. Dass das Wahrnehmungsorgan mehrere Funktionen haben kann, wird deutlich anhand des Beispiels „Zunge“ – mit der Zunge kann man schmecken und berühren –, aber nicht umgekehrt.

Die Funktion der Umkehrung ist hier wesentlich, denn daraus ergibt sich, dass die zweifache Fähigkeit nicht bei allen Organen vorhanden ist. Und, dass, damit solch eine Wahrnehmung erfahrbar ist, nicht allein das Zusammentreffen des wahrnehmbaren Gegenstands mit dem Wahrnehmungsorgan vorweg bedingend dafür ist, sondern dabei ebenso das Dazwischen notwendig ist, das Medium. Für den Tastsinn oder die Wahrnehmung der Berührung ist das Medium (vielleicht) das Fleisch.

Die Formulierung der folgenden Aporie stellt uns vor dem nächsten Problem: Ist es möglich, dass sich zwei Körper berühren, die sich im Wasser befinden? Dies ist nach Aristoteles unmöglich; und das Gleiche gilt auch im Falle der Luft. Denn, genauso wie es nicht leicht erkennbar ist, dass, wenn ein nasser Körper im Wasser sich mit einem anderen nassen Körper berührt, dazwischen – zwischen den zwei Körpern – sich etwas Anderes befindet, ebenso nimmt man dieses Dazwischen auch bei den anderen Sinnen (oder beim Element Luft) nicht leicht oder notwendigerweise wahr.

Die Härte zum Beispiel oder das Weiche bei einem Gegenstand können wir auch mittels eines anderen Dings empfinden / wahrnehmen, z.B. durch einen Stoff hindurch. Das Laute, das Sichtbare und das Riechbare nehmen wir aber aus einer Entfernung wahr und deswegen bleibt das dazwischen-Liegende unbemerkt.

In Wirklichkeit, stellt Aristoteles hier schlussfolgernd fest, nehmen wir alles nur durch ein Medium wahr (aisthanometha ge πάντων dia tou mesou / 423b 7), auch wenn wir dies nicht immer merken.



Sophia Panteliadou

Mittwoch, 19. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen 28 - (422a 8 - 422b 17)

 

Protokoll  vom 12. November  2025.


Heute nimmt zum ersten Mal Manfred Russo an unserer Sitzung teil .


Wir lesen das Kapitel 10  des Zweiten Buches.

Aristoteles  handelt von den verschiedenen Wahrnehmungssinnen.

Das Wahrnehmen bildet neben der Ernährung, dem Streben, der Ortsbewegung und dem Denken eine der wichtigen Leistungen der Seele  bzw. der Lebewesen.  Während durch die  Ernährung fremde Körper in den eigenen Körper  aufgenommen werden, wird durch die Zeugung ein gleichartiger aber neuer Körper geschaffen und in die Welt gesetzt. Beim Menschen wie auch bei anderen Lebewesen kommt zum Zeugen das Gebären dazu, das von den weiblichen Exemplaren der Spezies durchzuführen ist. Darüber  vorgestern der Vortrag von Irini Athanassakis in der Weinhandlung.


 In der Antike dürfte das Zeugen allein den Männern zugeschrieben worden sein. Nach heutiger Auffassung wird das Zeugen von den beiden Geschlechtern strikt gleichzeitig nämlich miteinander durchgeführt. 

   Was nun das Wahrnehmen betrifft, so wird es  von Aristoteles dahingehend charakterisiert,   daß es im Unterschied zum Denken nicht bei einem selbst liegt. Denn wahrgenommen werden einzelne und äußere Dinge (siehe 417b - 28).

Die Wahrnehmung kann  ihre Tätigkeit nicht selber initiieren - sie ist darauf angewiesen, daß ihr Objekte aus einem Außen zufallen.

Dieses Außen hat den Aspekt  der Kontingenz aber auch den der räumlichen Distanz.

    

Nach dem Sehen hat Aristoteles vom Hören gehandelt. Beide sind Fernsinne und da stellt sich die Frage, wie die Distanz zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem beschaffen sein muß oder kann. 

Aristoteles vertritt die interessante These,  daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß - allerdings durch etwas jeweils sehr Bestimmtes:  beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft.  Diese nun bezeichnet Aristoteles als „Zwischen“  - wofür sich dann  „Medium“  durchgesetzt hat. 

Beim  Tasten und beim Schmecken hingegen ist "kein fremder Körper als Medium" anzunehmen.    Einige Zeilen später heißt es dann. das Schmecken geschehe  nicht durch das Medium, besser gesagt  "nicht durch das Zwischen“.  

Tatsächlich geschieht es durch das Fleisch, nämlich durch das eigene Fleisch des Wahrnehmenden, am besten durch weiches Fleisch, wo das Wahrgenommene mit Feuchtigkeit vermischt wird.

Sodann überlegt Aristoteles,   ob sich  die einzelnen Sinne auch zum  jeweils Unwahrnehmbaren verhalten.  

Er bejaht die Frage,  muß aber dann so paradoxe Feststellungen machen wie: 

das Sehen bezieht sich auf das Sichtbare und auf das Unsichtbare - die Finsternis ist zwar unsichtbar, aber auch sie wird vom Sehen erkannt und ähnlich aber anders das allzu Helle. 

Dabei handelt es sich nicht um schlechthin Unsichtbares - sondern um Unsichtbares, das entsteht, weil bestimmte Umstände eintreten, die die Lichtverhältnisse verändern,  wodurch das Sehen beeinträchtigt  oder unmöglich gemacht wird.

(Viel banaler die Unsichtbarkeit von Dingen, die von anderen verdeckt werden; die Unsichtbarkeit von allen Körperinneren von Festköpern; die Unsichtbarkeit aller Dinge, die weit entfernt sind (zum Beispiel im Nachbarzimmer)).

Aristoteles hebt die Sache auf die logische Ebene, unterscheidet zwischen dem Unmöglichen überhaupt und verschiedenen spezifischen Unmöglichkeiten oder Unfähigkeiten - etwa bei denen, die „fußlos“ sind oder bei solchen, die „kernlos“  sind.

Irgendwo hat Aristoteles von „kernlosen Trauben“ geschrieben und damit solche gemeint, denen die Kerne fehlen, welche ja zur Fortpflanzung dieser Pflanzen notwendig sind.


Der Begriff, mit dem Aristoteles derartige Phänomene gefaßt hat, ist derjenige der „steresis“ oder der „Privation“: da fehlt einer Sache etwas, was normalerweise zu ihr gehört.  Wenn einer Sache, etwa einem Lebewesen,  bestimmte Teile, etwa  der Kopf oder das Herz,  fehlen würden,  dann würde die „Beraubung“ in „Vernichtung“ übergehen.  Dazu der Abschnitt 27 über „verstümmelt“ im Buch V der Metaphysik  (kursiv) .


Analog verhält es sich  beim Schmeckbaren und beim Nicht-Schmeckbaren. Etwas Schmeckbares kann nicht-schmeckbar werden,  wenn das Schmeckorgan, also die Zunge, durch Krankheit  verändert ist. 

Aristoteles nennt so  verschiedene Schmeckqualitäten wie süß, ölig, bitter, salzig, scharf, herb, sauer, stechend.  Diese Qualitäten  liegen im Schmecksinn nur der Möglichkeit nach. Zur vollendeten Wirklichkeit werden sie erst durch die Wirkung der  Schmeckbaren gebracht. 


Da fügt  Aristoteles zwei weit auseinander liegende Wörter so zusammen, daß die Begriffe sich überlagern:

das Poietische und die Entelecheia.

Im Vollzug einer Schmeckwahrnehmung  sind zwei Aktionssubjekte  auf ganz unterschiedliche Weise aktiv und erfolgreich:  das essende Kind und die wohlschmeckende  Banane.

Die wohlschmeckende Banane entfaltet ihre süßen Geschmacksnuancen erst im Mund des schmeckend-genießenden Kindes.  Das Kind genießt die Banane erst dann so richtig, wenn diese im Mund angekommen ist. Sie ist etwas Eigenständiges und Äußerliches - sie kommt von weit her.  

Zum Gesamtvorgang gehört auch eine große geographische Distanz, die mit anderen Medien bewältigt worden sein muß - außerhalb der eigenkörperlichen Medien im Mund des Kindes. 

Im schmeckenden Kind und in der schmeckenden Banane kommt eine Dimension des Kosmos zum Vollzug. 

Und zu dem gehören auch die Wörter, die ich hier Aristoteles folgend herschreibe - sowie auch irgendwelche Worte, die das essende Kind mit den Menschen in seiner Umgebung austauscht und mit denen es mitteilen will, wie sehr ihm die Banane schmeckt. 

Auch die Worte sind Medien, die zwischen den auseinander liegenden Akteuren agieren, damit die zusammenkommen. 

Wenn wir in Bezug auf Aristoteles das Wort „Medien“ verwenden,  dann schieben wir ihn in eine moderne Problematik ein.  

Mittwoch, 12. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 27 ( 421a, 8 – 422a, 7)


Mittwoch, den 29. Oktober 2025


Beim Verlesen des Protokolls der vorigen Sitzung kommt es zu verschiedenen Einwürfen und Assoziationen, wie etwa bei dem Bild einer Göttin im Buch „Aristoteles betrachten und besprechen“ Bd.2 von Walter Seitter wird von Rudolf Kohoutek der Vermouth von Renate Ganser und Elisabeth Samsonow mit dem Produktnamen „Göttinnen“ ins Gespräch gebracht und dessen Verkostung erwähnt. Ich selbst muss erwähnen, dass der Zeitpunkt der Redigierung der aristotelischen Text im 1. Jahrhundert vor Chr. zugleich der Beginn eines regelrechten Buchmarktes war und auch der Beginn von Kopierwerkstätten.

Walter Seitter wollte auf die seltene Erwähnung des Dialektikers als einen möglichen Zuständigen für die Seelenregung des Zorns hinweisen, die im ersten Kapitel des ersten Buch vorkommt. Da erging an mich die Frage von Walter, was den unter Dialektik zu verstehen sein, da antwortete ich mit einer ungefähren Antwort wie „eine Diskussion mit starken Gegensätzen“, was nicht ganz falsch ist, aber etwas kurz gegriffen. Eigentlich wollte ich mit der Etymologie des Wortes antworten, das es von dialégessthai herkommt, das „ein Gespräch führen“ bedeutet.

Aber nach der Topik I,1, 100a, 18ff ist es die Aufgabe der dialektischen Wissenschaft

Ein Verfahren zu finden, von dem aus wir werden Schlüsse ziehen können über jede aufgegebene Streitfrage aus einleuchtenden (Annahmen) und selbst wenn wir Rede stehen müssen, nichts Widersprüchliches zu sagen.“

Das ist der erste Satz der Topik, und in der Folge wird das Wort dialektikos entweder für das Untersuchungsgespräch oder für die Unterredungskunst verwendet, in dem Schlüsse eingesetzt werden sollen, die aus den anerkannten Meinungen deduziert werden konnten. In der Folge meint Aristoteles, das diese Methode in der Rede- und Heilkunst angewendet werden kann, um die Möglichkeiten dieser Art Schlüsse zu ziehen, auszuschöpfen, Topik I,1, 101b, 6ff.


Der in dieser Sitzung gelesene Abschnitt ist das 9.Kapitel des 2.Buches und behandelt das Riechen und den Geruchssinn (osphresis) als weiteres Wahrnehmungsvermögen. Es beginnt mit der Bemerkung, das die Einteilung nicht so leicht fällt wie beim Schall und bei der Farbe, da diese Wahrnehmung beim Menschen schlechter ausgebildet ist als bei anderen Lebewesen. Die Wahrnehmung ist auch nicht genau, was Aristoteles daran festmacht, dass der Mensch keinen riechbaren Gegenstand wahrnimmt, ohne das Unangenehme oder Angenehme zu empfinden. Dieser Mangel an Gegenstand wird mit der undeutlichen Farbwahrnehmung der Tiere mit starren Augen in Beziehung gesetzt. Der Geruchssinn wird des weiteren mit dem Geschmackssinn verglichen, nur das der genauer ist, weil es sich dabei um eine Art Tastsinn handelt, der bei den Menschen am genauesten sein soll. Von dieser Annahme, das der Tastsinn des Menschen genauer ist als bei den anderen Lebewesen, leitet er einerseits die besondere Klugheit des Menschen ab, wie auch die Unterscheidbarkeit von Begabungen. Die mit festen Fleisch sind weniger begabt im Bezug auf das Denken wie die mit weichen Fleisch.

Womit wir schließlich doch bei den Unterscheidungen angelangt sind, zu denen diese beiden verwandten Sinne im Stande sind, die Geschmacks- und Geruchsrichtungen sind süß, bitter, scharf, sauer, pikant und fettig (lipara), wobei der Geruch gerne nach Gegenständen, in der Regel Pflanzen, benannt wird wie Honig, Krokus oder Thymian.

Die Wahrnehmungsgattung des Riechens oder Schmeckens ist auch für das Nicht-wahrnehmbare zuständig wie es auch beim Hören und Sehen der Fall ist. Das Nicht-Riechen oder Nicht-Schmecken hat einen Informationswert.

Es fehlt noch das Dazwischenliegende, das Medium, dieser Wahrnehmung, und das ist entweder Luft oder Wasser, beim Menschen ist der Geruch mit der Luft verbunden, und was den Körper betrifft mit dem Einatmen. Riechen ist nicht möglich beim Ausatmen oder beim Anhalten des Atems. Ohne Medium keine Wahrnehmung, also kein Riechen, wenn der Gegenstand direkt auf das Sinnesorgan gelegt wird. Das Riechen über Einatmen ist dem Menschen eigentümlich, bei dem blutlosen Tieren, etwa den Fischen, muss das Riechen in anderer Weise stattfinden.

Bevor Aristoteles den Unterschied im Riechen über den Vergleich mit dem Sehen im Ansatz erklären will, spricht noch die Gefahren des Riechens an, nämlich beim Einatmen von heftigen Gerüchen wie Asphalt oder Schwefel, wobei man diesen Gerüchen zugrunde gehen kann.

Der Unterschied zwischen Riechen im Trockenen und Feuchten wird analog zum Sehen mit beweglichen Augen oder mit starren Augen gesetzt. Wie die Augen derer, die Einatmen, mit Lider verschlossen werden können, ist auch das Geruchsorgan verschlossen und wird erst beim Einatmen geöffnet. Die Formulierung ist überraschend medizinisch genau, „wenn sich Äderchen und Gänge erweitern“ (phlebion kai poron), Aristoteles ist eben ein Arztsohn. Deswegen können Lebewesen mit Atmung im Feuchten nicht riechen, denn dort ist das Einatmen nicht möglich.

Das Schmecken ist aber ist mit dem Feuchten verbunden, was hier nur angedeutet wird und erst im nächsten Kapitel ausführlicher behandelt wird.


Karl Bruckschwaiger

Mittwoch, 22. Oktober 2025

De Anima /Peri Psyches lesen - 26 (420a 9 - 421a 6)

 

Sitzung vom 8. Oktober 2025


Aristoteles:  Über die Seele: 420a 9 - 421a 6

Zu Beginn der Sitzung gebe ich Sophia Panteliadou,  Karl Bruckschwaiger, Joachim Baur  (dieser zum ersten Mal anwesend) den Zweiten Band meines Buches 

"Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik VII-XIV)“

 - welches die hiesigen Lektüren der aristotelischen Metaphysik (womöglich kursiv!) aus den Jahren 2011-2024 dokumentiert.

Da die Metaphysik  nun vollständig gelesen worden ist, und das Buch über die Seele bereits über die erste Hälfte hinaus, kann eine vorläufige Vergleichung versucht werden.

Diese geht von dem aus, was beiden gemeinsam ist. Beide sind Bücher - also bestimmte Mengen von schriftlich gemachten und fixierten Aussagen über bestimmte Gegenstände. Aussagen mit Erkenntnis- also Wahrheitsanspruch.

Beide geschrieben von Aristoteles, jedoch erst im 1. Jahrhundert vor Christus redigiert und ediert.

Das zweite Buch könnten wir nach einem bekannten Schema „Psychologie“ nennen.

Und das erste, das vermutlich nicht ganz fertiggestellt worden ist?  Es macht sich die Prinzipien aller Dinge zu Gegenständen.

Also  Prinzipienlehre oder Archäologie. Oder Lehre von allen Dingen also Pantologie (Comenius: Pansophie)

Das erste handelt von bestimmten unterscheidbaren Dingen. Das zweite jedoch von allen. Insofern  handelt das erste von einer Untermenge - der Allmenge ?

Und wie sind die Behandlungsarten in den  beiden Büchern - sind sie eher gleichartig oder unterschiedlich?

Eine nähere Vergleichbarkeit zwischen den beiden Werken  wird möglich, wenn man die Wissenschaftstheorie ins Auge  faßt,  welche in der Metaphysik drei Wissenschaftsrichtungen unterscheidet:  die Herstellungswissenschaften wie Medizin oder Poetik, dann die Handlungswissenschaften wie Ökonomik, Ethik, Politik und schließlich die Betrachtungswissenschaften Physik, Mathematik  und  Theologie oder Erste Philosophie. Siehe mein Zweiter Band: 217ff.

In der „Psychologie“  wird die Unterscheidung der Wissenschaften anhand einer konkreten psychischen Problemsituation skizziert: jemand ist sehr zornig, weil er beleidigt worden ist: darauf reagiert der Physiker mit seinen Untersuchungen; der Dialektiker mit seinen Überlegungen; der Arzt, der nicht nur nur Wissenschaftler ist sondern  sondern ein eingreifender Künstler, wiederum anders; sogar der Erste Philosoph wird noch erwähnt - jedoch nicht näher qualifiziert.  Siehe 403a 26 - 403b 18.

                                                                       *

Im jetzt gelesenen Abschnitt 8 von „Über die Seele“  wird ausführlich von einer Seelenleistung  gehandelt - nämlich vom Hören.

Denn obwohl Aristoteles am Anfang auch eine Wesensbestimmung der Seele (die immer nur an einem Körper vorkommt)  geliefert hat,  bleibt er nicht bei so einer Wesensbestimmung stehen, sondern geht zu den Leistungen über,  deren Vorkommen überhaupt darauf schließen läßt, wo es so etwas wie eine Seele gibt.

Die Wahrnehmungen gehören zu den spezifischen Leistungen vieler Seelen  - und mit der Betrachtung und Analyse einer Wahrnehmung setzen wir bereits voraus, daß wir es mit einer Seele zu tun haben.  Als Leser dieses Textes sind wir bereits Wahrnehmende, primär Sehend-Wahrnehmende. Als Teilnehmer einer Sitzung sind wir auch Hörend-Wahrnehmende und damit „Fälle“:  aktive Subjekte und passive Objekte von Hörtätigkeit. 

Der Text handelt insofern von uns, obwohl er -  vielleicht -  nichts weiß von uns. 

Während ein sogenannter Hausverstand dazu neigen könnte anzunehmen,  eine Wahrnehmung würde dann am besten funktionieren,  wenn sich zwischen einem Wahrnehmungssubjekt und einem Wahrnehmungsobjekt „nichts“ befindet, das den Übergang stören oder beeinflussen könnte,  sagt Aristoteles,  daß dieser Zwischenraum mit einem Stoff ausgefüllt sein muß, mit einem Medium, das je nach Art der Wahrnehmung unterschiedlich geartet sein muß.

Beim Hören ist dieser Stoff die Luft - eines der vier Elemente. 

Und die Luft muß beim Hören in zwei Abteilungen gegeben sein: einer großen Luftgesamtheit und einer sehr kleinen Luftportion, die im Ohr eingesperrt ist.  Durch die Luftgesamtheit gelangt eine Luftbewegung ans Ohr, ins Ohr, und stößt an die eingesperrte Luft und schlägt auf sie ein und das ergibt das Gehörte: den Schall.



Deswegen sagt Aristoteles, daß seine eigene Höranalyse den Tastsinn metaphorisch einsetzt.  

Bei uns in der Sitzung können Schalle dadurch erzeugt werden, daß ein Buch hinunterfällt oder jemand in lautes Husten ausbricht.

Der Husten wäre aber schon ein Grenzfall - denn da wäre wohl auch schon Stimme dabei. Die ist eine bestimmte Art von Schall, die von einem beseelten Wesen erzeugt wird.  Musikinstrumente aus Holz oder Metall erzeugen Schalle,  aber sie haben keine Stimme.  Stimmen werden von Lebewesen mit den Körperteilen erzeugt, die auch für das Atmen zuständig sind. Aber während das Atmen lebensnotwendig ist, dient die Tätigkeit, die mit Stimme verbunden ist, nämlich das Sprechen, dem, was Aristoteles mit seiner stenographischen Ausdrucksweise  „das wohl“, also das rein adverbiale „gut“, nennt: to eu (womöglich kursiv!) (420b 23)



Die Unterscheidung zwischen dem Lebensnotwendigen und dem  Luxurierenden hängt damit zusammen, daß das Leben (als eine Seinsmodalität)  in sich gestuft oder  geschichtet ist und außerdem alternative Aktionsmöglichkeiten enthält.

"Stimme ist das Anschlagen der eingeatmeten Luft  an die sogenannte Luftröhre, hervorgerufen durch die in diesen Körperteilen befindliche Seele.“ (420b 29)

Diese Formulierung  scheint das Sprechen  mit dem Hören zu parallelisieren (zwei andere Luftmengen einander berührend). 

Doch außerdem wird da sogar die Seele in Körperteile eingeschlossen - das scheint mir mit dem bisher Gelesenen doch nicht recht vereinbar.


Das Sprechen ist eine über das Schmecken und auch über das Atmen hinausgehende Mundtätigkeit.  Es ist mit Vorstellung verbunden und daher „semantisch“ - also bezeichnend-bedeutend. 
















































































































 zwei Luftmassen zu verbinden und erinnert so an die beiden Luftportionen, die das Hören ermöglichen. Nur daß hier auch die Seele in bestimmten Körperteilen platziert wird! Das Sprechen scheint beseelter zu sein als das Hören?

Das Schlagende muß beseelt sein und mit einer Vorstellung  verbunden sein , um „semantisch“ (420b 32) zu sein - also bezeichnend-bedeutend. 

Walter Seitter

Sonntag, 17. August 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 25 ( 419a, 23 – 420a, 9)


Mittwoch, den 2. Juli 2025


Beim Verlesen des Protokolls erinnerte ich mich an die überfliegende Lektüre von Armand Marie Lerois „die Lagune“, das Walter Seitter letztens empfohlen hatte und das ich hiermit auch tue. Es hat einen intimen Charakter eines Zwiegesprächs mit Aristoteles, Darwin, Mendel und korinthischen Schafzüchtern und Fischern vor Lesbos, wo einiges gelobt, anderes für Unsinn erachtet wird, vor allem die fehlende Vererbungslehre, ich denke Aristoteles wollte keine Züchtungsphantasien wie Platon hervorbringen, und hat daher alles auf die Elemente zurückgeführt.

Wie Aristoteles Demokrits Auffassung ablehnt, das man etwas sehen könne ohne ein Dazwischenliegendes wie die Luft, dann spürt man seine Angst vor der Leere, die kein Erleiden des Wahrnehmungsvermögen erzeugt, und damit auch kein Wahrnehmen selbst.

Wie also die Farbe das Licht braucht, um gesehen zu werden, braucht das Feuer weder Licht noch Dunkelheit, sondern macht das Durchsichtige selbst durchsichtig. Das Durchsichtige ist wohl das Dazwischenliegende, wie bei Geruch und Schall das Sinnesorgan durch etwas Dazwischenliegendes bewegt wird. Wenn man das Schallende oder Riechende direkt auf das Sinnesorgan legt wird es zu keiner Wahrnehmung kommen. Es braucht ein Medium, das angeregt werden kann, ein Dazwischenliegendes, beim Schall ist es die Luft, beim Geruch etwas noch nicht Benanntes.

Walter Seitter erinnert an das Medium des Tastsinnes, wo das Fleisch das Dazwischenliegende ist, welches im Kapitel 11 erörtert wird.

Weiteres wird das Wasser als eine Dazwischenliegendes für die Wahrnehmung angenommen, zumindest für die Lebewesen, die darin leben.

Obwohl Aristoteles zuerst gesagt hat, dass das Dazwischenliegende für den Geruch ohne Namen sei, ist er bei der Erörterung des Riechens im Wasser sicher, dass das Riechen bei den Landbewohner mit dem Atmen zu tun hat, also müsste das Riechen auch mit der Luft zu tun haben, aber die Ursache dafür wird später angegeben werden.


Jetzt soll zunächst der Schall und das Gehör bestimmt werden, das Wort ist hier akoes, also die Akustik. Aristoteles beginnt in bekannter Manier mit der Unterscheidung des Schalls der Wirklichkeit und dem Vermögen nach. Es ähnelt einer Einteilung nach medialen und materialen Ursachen des Schalls, wenn es nicht zu neumodisch formuliert wäre. Die Dinge, die vermögend sind zu erschallen, müssen fest und glatt sein, also zum Beispiel Erze, die geschlagen werden, um in dem was dazwischen liegt einen Schall zu erzeugen.

Der wirkliche Schall, energeian psophos, entsteht immer von etwas, an etwas und in etwas, und alle drei Bedingungen müssen vorhanden sein. Der Schall entsteht an etwas das geschlagen wird, und diese Etwas muss aus Erz und glatt sein, keine Wolle. Hohlkörper können die Schläge brechen und vervielfältigen, dennoch muss auch ein Schlag gegen die Luft erfolgen, aber Aristoteles geht davon aus, das die Luft nicht zerstreuen darf, sodass schnell genug geschlagen werden muss um dieser Zerstreuung zuvorzukommen. Wenn eine nicht zerstreute Luftmasse, wir nennen es gewöhnlich Welle, wieder abgestoßen wird, wie ein Ball, dann entsteht ein Echo.

Ein Echo entsteht immer, da sich der Schall wie das Licht überall bricht und reflektiert, denn sonst gäbe es nicht überall Licht.

Kaum gesagt, wird die Reflexion durch Erz oder glatte Körper als begrenzt bestimmt, sodass es zum Schattenwurf kommt. Der Schatten ist ein Fehlen von Reflexion und von Licht, also gibt es nicht überall gleich viel Licht.

Etwas überraschend kommt Aristoteles auf die Leere (kenon) zu sprechen, die für das Hören ausschlaggebend sei. Die Luft scheint leer zu sein, aber sie muss als kontinuierliche und einheitliche bewegt werden, wir sagen als wässrige Anschauung Welle dazu, Aristoteles kennt diese Formulierung nicht. Dazu braucht es glatte Oberflächen, dass eine einheitliche Luftmasse unaufgelöst zum Gehör bewegt werden kann. Das Gehör ist aber von Natur mit Luft zusammengewachsen, daher kann die äußere Luft mit Schall die innere Luft des Gehörs bewegen.

Hier scheint ein Satz der Vorgänger wirksam zu werden, nämlich das Gleiches durch Gleiches wahrgenommen wird. Jetzt stellt Aristoteles fest, das nicht jeder Körperteil das Seelenvermögen des Hören hat, weil die Luft nicht überall durchkommt.

Also nur Körperteile mit Luft haben das Seelenvermögen des Hörens, auch nur dann wenn die Luft nicht zerstreut an das Ohr gelangt. Erst diese Bewegung erzeugt dann den Schall, der gehört werden kann. In der Luft selbst ist ansonsten kein Schall.

Die Luft ist somit keine Leere, denn sie kann immerhin bewegt werden.


Karl Bruckschwaiger



Sonntag, 29. Juni 2025

De Anima - Peri Psyches 24 (418a 25 - 419a 22)

Sitzung am 18. Juni 2025



Nach der Verlesung des Protokolls vom  4. Juni wird noch einmal die Frage aufgeworfen, was vom Protokoll erwartet wird.  Protokolliert werden soll nicht der Aristoteles-Text "an sich",  sondern das Text-Stück, das in der jeweiligen Sitzung gelesen und besprochen worden ist - mitsamt den  für wichtig erachteten Deutungen, Erklärungen, Wortmeldungen oder dergleichen.  Die Auswahl und Gewichtung obliegt der Entscheidung des jeweiligen Protokollanten,  der sich einer gewissen Objektivität befleißigen soll.  Da es sich um Sitzungen eines philosophischen Seminars handelt,  sollte zur dokumentierenden Objektivität auch der Gebrauch des eigenen Verstandes treten,  der  auf die  Frage, was ein Protokoll oder was ein Begriff ist,  etwas sagen kann. Sagen und nicht nur wissen - das ist ja der dritte Term in dem Dreieck der kognitiven Ähnlichkeiten (III, 7: 431a) 

Im Abschnitt davor war von verschiedenen Modalitäten des Erkennens ausführlicher die Rede, sodann  vom Wahrnehmen.

Jetzt wird vom Sichtbaren gesagt,  es sei die Farbe - aber mit der merkwürdigen  Hinzufügung,  damit sei  der Begriff gemeint, für den es allerdings keine Bezeichnung gebe; es handle sich um das Sichtbare als von der Farbe Verursachtes - diese  versetze das Diaphane in Bewegung: denn das sei ihre Natur.  Das Diaphane wird erst durch eine Farbe sichtbar.

Diaphan sind solche Körper wie Luft und Wasser und gewisse Festkörper, die durch das Feuer oder den Äther in den Zustand des Lichts versetzt worden sind.  Andernfalls verbleibt das Diaphane im Zustand der Finsternis - es selber bleibt die gleiche Natur. Mein Übersetzer schreibt hier sehr ungenau von einer selben „Substanz", womit er eine Seinsmodalität einführt, also einen Begriff aus der Ontologie.

Die Ontologie handelt von mehreren Ebenen von Seinsmodalitäten:  Substanz-Akzidens, Akt-Potenz,  eins und viele,  wahr und falsch.

Hier hingegen verbleibt man  mit  der Seelenlehre im Bereich der Physik - also in der Körperlehre. 

Gegen Empedokles vertritt Aristoteles die Ansicht, das Licht  bewege sich nicht - weder die Vernunft noch die Erscheinungen würden solches nahelegen. Im Licht erscheine die eigene Farbe eines jeden Gegenstandes. In der Finsternis gibt es andere Erscheinungen: das Feuerartige und das Leuchtende, den Perlmuttglanz an Pilzen, an Fleisch sowie an Köpfen, Schuppen und Augen von Fischen, bei denen man nicht ihre eigene Farbe sieht.   

Man sieht ihre eigene Farbe nicht, sondern man sieht etwas anderes, ein schillerndes  vielfarbiges Hin- und Herglänzen - wer ist dieses „man“? Es ist der berühmte Philosoph Aristoteles, in Wahrheit ein umtriebiger Neugieriger, der, wenn es in Athen ungemütlich, politisch gefährlich wurde, sich an fischreichen Küsten    auf das Zerschneiden, Beobachten, Vergleichen und Beschreiben von Tieren und Tierteilen  verlegte.

      


Hierzu verweise ich auf die umfangreiche Studie

Arman Marie Leroi:

DIE LAGUNE (oder wie Aristoteles die  Naturwissenschaft erfand)

(Darmstadt 2017) 

Die Farbe bewegt das Diaphane und durch dieses hindurch das Wahrnehmungsorgan.  Dieses Dazwischen ist keine Leere.  Die Ansicht  des Demokrit, im Falle einer Leere  würde man   etwas  weit Entferntes  am besten sehen, wird von  Aristoteles  entschieden zurückgewiesen.  Dabei entspricht diese Ansicht durchaus dem heutigen Hausverstand -  auch dem  meinigen. Aristoteles hingegen sagt, man sehe überhaupt nur Entferntes. Und man sehe es nur, wenn das Dazwischen mit einem geeigneten Medium angefüllt sei.  

Und er versteigt sich zu der kontra-intuitiven Behauptung, im Falle eines leeren Zwischenraumes  würde man nicht bloß undeutlich  - sondern gar nichts  - sehen.

Das geeignete Medium, also ein bestimmter Zwischen- oder Leitkörper  sei Voraussetzung für die Wahrnehmung. 
Fn.



Diese Auffassung  verbindet sich mit der aristotelischen   Skepsis gegenüber der  Vorstellung des leeren Raumes. 


Fn. 
Aristoteles hat dem Thema auch eine eigene kleine Schrift gewidmet:  Über die Wahrnehmung und die Gegenstände der Wahrnehmung.  In: Aristoteles: Kleine naturwissenschaftliche Schriften (Parva naturalia) (Stuttgart 1957).  Siehe dazu Walter Seitter: Physik der Medien. Materialien, Apparate, Präsentierungen (Weimar 2002): 33ff.
                 
Die nächste Sitzung findet am 2. Juli 2025 statt.
 
Walter Seitter 

 

Montag, 16. Juni 2025

De Anima / Peri psyches 23 (430a, 26 - 431b, 19)

 4.Juni 2025

De anima, Zweites Buch, Abschnitte 6 und 7

Nachtrag zur letzten Sitzung: Walter erinnert an das „Dreieck“ von Wahrnehmung, Denken und Sagen und fand die diesbezügliche Frage von Maximilian gut: Warum schreibt Aristoteles „Sagen“ und nicht „Handeln“? Der Austausch von „Sagen“ gegen „Handeln“ wäre aber nicht ganz einleuchtend, weil „Handeln“ wohl über das „Sagen“ bzw. die Sprache hinausgeht.

Was ist ein „Protokoll“? Diese Frage wurde in den beiden letzten Sitzungen ausführlicher besprochen: am 7. Mai 2025 (siehe Protokoll Seitter) sowie am 21. Mail 2025 (diesbezügliche Aussagen fehlen im Protokoll Bruckschwaiger).

Walter findet, dass insgesamt die Sache mit den Qualitäten eines „Protokolls“ noch immer nicht klar genug erscheint und insistiert darauf: Protokolliert wird, wer in einer Sitzung anwesend ist und was gesagt und für wichtig erachtet wird. Für unser Seminar ist in den Protokollen weniger der Text „Über die Seele“ selbst entscheidend, vielmehr das, was dazu gesagt wird: Ergebnisse, allfällige Auffassungsunterschiede im Sinne einer Sitzung als „Ereignis“ und/oder auch eines „Beschlusses“ mit Handlungsanweisungen. Der Verlauf der Sitzung soll im Protokoll nachvollziehbar sein. Auch Anmerkungen zum jeweils vorigen Protokoll gehören in ein Protokoll (wie Auslassung wichtiger Aussagen).

Heute werden wesentliche Aussagen der vorigen Sitzung nochmals repliziert bzw. entlang des neuen Textabschnittes kommentiert:

- Wahrnehmung und Denken: „(...) liegt das Denken bei einem selbst, wann immer man will, das Wahrnehmen aber nicht, denn es muss etwas da sein, das man wahrnehmen kann.“ (Kapitel 5 gegen Ende)

- Wahrnehmung, Bewegung und Veränderung: „Die Wahrnehmung beruht (...) auf Bewegtwerden und Erleiden.“ (Anfang Kapitel 5)

- Was den einzelnen Wahrnehmungen „eigentümlich“ ist? Aristoteles: „Mit »eigentümlich« meine ich, was man nicht mit einem anderen Sinn wahrnehmen kann und worüber man sich nicht täuschen kann, wie etwa das Sehen der Farbe, das Hören des Schalls und das Schmecken des Saftes (...).“ – oder anders: „Von dem an sich Wahrnehmbaren ist das Eigentümliche das, was im eigentlichen Sinne wahrgenommen wird, d.h. das, worauf sich das Wesen jedes Sinnes von Natur bezieht.“ (= letzter Satz von Abschnitt 6)



- Wahrnehmung ist mit „Bewegung“ verbunden. Bewegungen werden vom Sehen und vom Greifen – also von mehreren Sinnen – wahrgenommen. Der Tastsinn ist differenzierter und nimmt mehrere Unterschiede wahr: Temperatur, Glätte, Feuchtigkeit ... (Seitter)

- Der Schritt von Betrachtung zu Veränderung. Wenn ein Denker (bloß) „weiter-denkt“, ist das noch keine „Veränderung“.

- Die Differenzierung zwischen dem „Vermögen“ der Wahrnehmung und der „Vollendung“.

- Walter macht einen Unterschied: Qualitäten, die den Sachen selber zukommen; andere Qualitäten werden von uns hinein-projiziert (dies wird aber bei Aristoteles nicht in dieser Form ausgesagt).

- Zum Schall / Klang: Tastsinn in der Musik. Hier wird an Sophia aus der letzten Sitzung angeknüpft: Was erzeugt ein Pianist? (...) Und der Trompetenspieler: Luft in Bewegung. Luft ist auch ein Körper. Nochmaliger Verweis auf das Buch von Walter Seitter, Physik des Daseins: Bausteine zu einer Philosophie, Sonderzahl 1997.

- Luft ist Bewegung eines unsichtbaren Körpers: Exkurse zur Sichtbarkeit / Unsichtbarkeit des Atems.

Der Abschnitt 7 wird mehr oder weniger nur verlesen, aber aus Zeitmangel noch nicht genauer verhandelt: Sichtbarkeit, Farbe, Licht / Finsternis, Farblosigkeit, Durchsichtigkeit, Einwand von Aristoteles gegen die Auffassungen von Empedokles etc.

Rudolf Kohoutek





Sonntag, 1. Juni 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 22 ( 417a, 22 – 418a, 6)

 Aristoteles – Lektüre 22


Mittwoch, den 21. Mai 2025


Der hier behandelte Abschnitt betrifft die weitgehend die zweite Hälfte des 5.Kapitels des 2.Buches. Zu Beginn macht Aristoteles die programmatische Ansage, das er über die Wahrnehmung insgesamt sprechen werde und er läßt eine Reihe von Bestimmungen folgen, dass Wahrnehmen im Bewegtwerden und Erleiden stattfindet, dass es eine Art qualitative Veränderung zu sein scheint.

Eine Aporie scheint für Aristoteles zu sein, dass keine Wahrnehmung der Wahrnehmungen zustande kommt, dass es für das Wahrnehmen ein Außending geben muss.

Zusätzlich sprechen wir über das Wahrnehmen in zweifacher Weise, einmal dem Vermögen nach, wie auch der Wirklichkeit nach. Zwar ist die Bewegung selbst eine unvollkommene Wirklichkeit und zugleich wird alles bewegt von dem der Wirklichkeit nach Seienden. Diese schwierige Verhältnis von Wirklichkeit und Bewegung wird hier nicht aufgelöst, vielmehr wendet sich sich Aristoteles einer weiteren Differenzierung zu, der zwischen Vermögen und Vollendung.

Es werden zuerst zwei Arten des Vermögens vorgestellt in Bezug auf das Wissen, so wird ein Mensch wissend genannt weil er einerseits zu den wissenden Lebewesen gehört oder schon im Besitz des Schriftwissens ist (grammatikén). Der zweitere ist insofern mehr vermögend, dass er betrachten (theoreìn) kann, wenn ihn nichts Äußeres hindert. Der schon der Vollendung nach betrachtend ist, der weiß im eigentlichen Sinn dieses bestimmte A (kyríos èpistamenos óde to A). Die Ersteren sind zwar dem Vermögen nach Wissende, aber sie müssen sich durch Lernen verändern, um aus einen entgegengesetzten Zustand in die Vollendung umzuschlagen (metabalon) oder beginnen das Schriftwissen auch auszuüben, um in das Wirklich-Sein des Wissen zu gelangen.

Auch das Erleiden dieser Veränderung ist nicht ein Einfaches, einerseits ist es eine Zerstörung (Phtora) durch das Entgegengesetzte, Nicht-Wissen wird durch Wissen zerstört, andererseits wird das dem Vermögen nach Seiende durch die Vollendung bewahrt. Die Veränderung selbst wird zum Maßstab, wie das Vermögen zur Vollendung gesetzt ist. Der Denkende verändert sich nicht, wenn er denkt, seine Denken braucht keinen Unterricht, wenn er das dem Vermögen Seiende zur Vollendung überführt, genauso wie der Hausbauer, wenn er ein Haus baut. Wer als dem Vermögen nach seiender lernt, von dem soll nicht gesagt werden dass er etwas erleidet, obwohl es zwei Arten der Veränderung gibt, die des Umschlagens in die privativen Zustände, wie schon oben erwähnt, nämlich zum Haben und der Natur.

Der erste metabolèn betrifft das Wahrnehmungsvermögen, das dem Betrachten gleich ausgesagt wird, aber verschieden ist. Die Wirklichkeit des Wahrnehmens braucht einen sichtbaren oder hörbaren Gegenstand. Das Wahrnehmen bezieht sich auf Einzeldinge, während das Wissen sich auf Allgemeines bezieht, das in gewisser Weise sich in der Seele befindet. Deswegen kann man immer denken, wenn man will, wahrnehmen ist nur möglich, wenn ein wahrnehmbarer Gegenstand vorliegt. Auch die Wissenschaften von den wahrnehmbaren Gegenständen müssen diese Zugehörigkeit zu den Außen- und Einzeldingen berücksichtigen.

Das dem Vermögen nach Ausgesagte ist nichts Einfaches, sondern bezieht ein Erleiden oder Veränderung mit ein, damit der Wahrnehmungsgegenstand der Vollendung nach erreicht wird.

So verstehe ich den letzten Satz des Kapitels: Also erleidet es, während es nicht gleich ist, nachdem es aber gelitten hat, ist es es angeglichen und wie jenes.

Also aus dem Knaben ist nach der erlittenen Ausbildung ein Feldherr geworden.


Karl Bruckschwaiger


Mittwoch, 14. Mai 2025

De anima / Peri psyches lesen 21 - (416b 31 - 417a 21)

 

7. Mai 2025



Nach der Verlesung des Protokolls  vom 23. April 2025 (verfaßt von Rudolf Kohutek)  spreche ich die Erwartung aus, daß dieses Aristoteles-Seminar nicht nur die wunderbare Gelegenheit bietet, Griechisch (gemeint ist Altgriechisch) zu lernen, wofür es hier bereits einige Beispiele gibt, sondern auch Deutsch.  Und probeweise  stelle ich die Frage, was ein Protokoll eigentlich ist:  was denn „protokollieren“ als Tätigkeit ist.  Anstatt Wikipedia zu befragen, erwarte ich Antworten von denen, die hier oder sonstwo schon protokolliert haben.  Eine erste Antwort kommt von Maximilian Perstl,  der sich an seine Pfadfinder-Zeit erinnert.  Auch bei den Pfadfindern  wird Protokoll geführt.


Bei uns bestehen die Protokolle darin,  daß jemand, der an einer Sitzung des hiesigen philosophischen Seminars  teilgenommen hat, so eine Sitzung protokolliert.  Protokollieren heißt: das, was in einer Sitzung stattgefunden hat, in seinen Grundzügen schriftlich dokumentieren. Es wird hier nicht Aristoteles protokolliert - wie sollte das gehen? 

So eine Definition geben können ist bereits ein Anfang  von Philosophieren. Die Bereitschaft bzw. Fähigkeit,  von jedweder Entität (Protokoll, Lust . . . . ) eine ordentliche Begriffsbestimmung vorzuschlagen und dann diskussiv weiter zu verfolgen, gehört zur Kernkompetenz des Philosophen. Und so eine Kompetenz zu lehren und zu üben - dazu ist jede philosophische Lehrveranstaltung, auch diese hier, verpflichtet.  

 Bei uns besteht eine Sitzung aus der gleichzeitigen Anwesenheit von ca. drei oder mehr Personen  mitsamt Vorlesen, Anhören, Lesen, Fragen und Antworten; möglicherweise  heftigem Diskutieren, eventuellen Empörungen  - sowie Vereinbarungen. Daran nehmen alle teil.

Eine Sitzung ist ein örtlich und zeitlich bestimmtes Zusammensein bestimmter Personen. Also ein physisches Ereignis mit psychischen sowie noetischen   Bestandteilen.  

Ein  derartiges Protokollieren impliziert immer auch, daß der Protokollführer zumindest indirekt sich selber mitprotokolliert: denn  er war ja dabei. Unvermeidliche Selbstimplikation. 

Unser derzeitiger  Lesegegenstand, nämlich das aristotelische Buch „Über die Seele“, bringt es mit sich, daß die Selbstimplikation uns auch von diesem Gegenstand, also vom aristotelischen Text nahegelegt wird.  Denn zu den beseelten Wesen, die da Thema sind, gehören hauptsächlich wir Menschen,  und dieser Tatbestand kommt denn auch auch im jüngsten Protokoll mehrfach zum Ausdruck, indem es sich ironische oder kritische Anmerkungen erlaubt beziehungsweise auf moderne Disziplinen wie Psychologie oder Psychoanalyse verweist. 

Aus der erwähnten Selbstimplikation ergibt sich, daß strikte Selbstlosigkeit keinen Platz hat  - die  wäre ja schlicht und einfach Untätigkeit.

Die Protokolle dienen  dazu, gegen das Vergessen anzukämpfen. Man mag sich vielleicht noch an den ersten Satz der Metaphysik erinnern, der von einem Streben aller Menschen nach Wissen spricht. Ein philosophischer Leser dieses Satzes ist ein aktiver und er fragt sich, ob der Satz auch auf ihn zutrifft. 

Mit dem Abschnitt 5 wendet sich Aristoteles dem Wahrnehmungsgeschehen zu. Und der  Frage,  wieso ohne äußere Dinge keine Wahrnehmung zustandekommt.  Wieso sie dermaßen von anderen Dingen abhängig ist - also nicht autark ist. Damit kommen wir zur Möglichkeit der Halluzination - die ist wohl nicht abhängig von äußeren Dingen und sie mag sich selber für Wahrnehmung halten.  Ist aber keine.   

In Anlehnung an das Motto der Hermesgruppe (III, 7, 431a), wo eine trianguläre Vergleichung zwischen Wahrnehmen und Denken und Sagen vorgenommen wird, fragen wir uns, ob man die vier kognitiven Tätigkeiten Wahrnehmen, Vorstellen, Denken, Sagen in dieser Reihenfolge dahingehend charakterisieren kann, daß mit ihnen die Abhängigkeit von der Außenwelt mehr und mehr abnimmt. 

Der aristotelische Text greift auf Stücke aus der Ontologie zurück, die in anderen Schriften entwickelt worden sind: Unterschied zwischen Aktivität und Passivität und Unterschied zwischen Vermögen,  Verwirklichung und Vollendung. 

Und er appliziert sie nun auf einen Tätigkeitsbereich,  der uns als Mitwirkenden an einer philosophischen Veranstaltung nicht fremd sein dürfte.

Es ist der Tätigkeitsbereich, den ich ein bißchen lateinisch als den „kognitiven“ bezeichnen würde, also denjenigen, in dem es um Erkenntnis geht. 

Aristoteles drückt sich so aus, daß er   "den Menschen" zu denjenigen Wesen zählt, die Wissen bzw. Wissenschaft besitzen. Ich nehme an, wir zählen uns sehr wohl zu diesen Wesen, auch wenn wir geneigt sind, den Besitzanspruch nicht zu hoch zu hängen. 

Und er konkretisiert diese Aussage dadurch, daß er diese Qualifizierung  durch die Beherrschung   der  „Grammatik“  - also Schreibkunst - bestimmt. Mein Übersetzer Gernot Krapinger schreibt:  Schreiben und Lesen. 

Seit dem 20. Jahrhundert nach Christus nennt man das eine „Kulturtechnik“  - der Besitz von Wissen (oben war die Rede vom Streben nach Wissen)  wird damit technisch materialisiert und auf eine  historisch-geographische  bzw. biographische Kontingenz zurückgeführt - Schulbildung oder nicht. (Aristoteles sieht hier wieder eine Abhängigkeit von äußeren Umständen - also die  oben vermutete zunehmende Unabhängigkeit setzt sich nicht auf allen Linien durch).

Der Wissende,  der die dritte Stufe, die Stufe der Vollendung erreicht hat, ist derjenige, der „dieses A da“ genau versteht. 

Was ist mit dem gemeint?  Irgendeine zufällige Entität - wie oben durch „Protokoll“  oder „Lust“ exemplifiziert.  Aber wie zeigt jemand, daß er „Protokoll“ oder „Lust“  genau versteht?  Nicht dadurch, daß er behauptet, er verstehe sie. So einfach ist es nicht. Aristoteles behauptet zwar, das Verstehen selber sei einfach,  aber das Zeigen ist etwas anderes: nämlich ein Wahrnehmbar-Machen. Die Sache mit anderen Worten umschreiben. 

Und das Zustandekommen eines einfachen Verstehens ist schon gar nicht einfach. Es beruht darauf, daß durch Lernen vom Nicht-Wissen zum Wissen übergegangen worden ist, oder aber vom Rechnen- und Schreiben-und-Lesen-Können zum wirklichen Ausüben dieser Fähigkeiten. 

Und das dazugehörige Erleiden - also Passivsein - sei einerseits eine Vernichtung (das griechische Wort „phthora“  wird von meinem Übersetzer richtig wiedergegeben)  des vorherigen Zustandes,  andererseits "eher ein Bewahren“ des Vermögens zur Vollendung. Man könnte sagen: eine Steigerung des Vermögens zur vollkommenen Leistung. 

Da wir hier ein philosophisches Seminar sind, füge ich eine naheliegende philosophiehistorische Assoziation ein und ipso facto protokolliere ich sie gleich: diese aristotelische Zusammenfügung von gegensätzlichen Bestimmungen ist von G. W. F. Hegel in dem einen deutschen Wort „Aufhebung“  wiedergefunden und wieder formuliert worden.

Wo man Wissenschaft hat, kommt es zu dem, was Aristoteles „Anschauung“ nennt und worin er keine Veränderung sehen möchte - sondern eine Zugabe oder Steigerung in Richtung auf sich selber oder auf Vollendung oder eben eine andere Art von Veränderung. Man könnte sagen, Aristoteles sucht nach Worten - findet aber nicht gleich welche. Er ist so einer wie wir. 

Analog meint er, das Denkende verändere sich nicht, indem es denkt - so wie der Bauende sich während seiner Bautätigkeit nicht verändert - denn er bleibt ja ein Bauender.

Wo das Denken und Überlegen aus der Möglichkeit zur Vollendung übergeht, sei nicht das Wort „Belehrung“ angebracht, da sei nach einer anderen Benennung zu suchen.

Wenn man aus dem Zustand der Möglichkeit heraus lernt und unter dem Eindruck von Realitäten beziehungsweise von guten Lehrveranstaltungen  Wissen gewinnt, so soll man das nicht Erleiden nennen -  oder man soll zwei Arten von Veränderung unterscheiden: Umschlag in Privationen oder aber Umschlag in Richtung Haben und Natur. Sobald ein Wesen gezeugt ist,  verfügt es über Wahrnehmung wie über Wissen. Das Denken liegt bei einem selber, wann immer man will; das Wahrnehmen hingegen ist davon abhängig, daß Dinge  da sind, die wahrgenommen werden:  einzelne und äußerliche; und das gilt auch für die "Wissenschaften von den wahrnehmbaren Dingen“ (das sind die von Aristoteles bevorzugten). . 

Es darf hier noch angemerkt werden (der Protokollschreiber schreibt das Protokoll ein paar Tage nach der Sitzung, und da kann er im Text noch etwas sehen, was zur Sache gehört), daß Aristoteles hier von seiner professionellen Erkenntnistätigkeit spricht - und dabei das Wort „Philosophie“ durchaus vermeidet. Eher ordnet er sie den Wissenschaften zu. 

Wir dürfen darüber nachdenken, wie wir es damit halten wollen.










Freitag, 2. Mai 2025

De anima / Peri psyches lesen - 20/2 ( 415b 15 – 416b 11)

Aristoteles – 23. April 2025 – Protokoll

[ Karl ist entschuldigt / verhindert. Nächstes Treffen: Mittwoch 7. Mai 2025 ]



Vorbemerkungen (RK):

[ Zunächst möchte ich einen Rückblick auf bisherige Ausführungen zur Bestimmung der Seele geben. Dabei gehe ich zurück an den „Anfang der Untersuchung“: S. 75 / Zeile 23: ]

Unterscheidung „Beseeltes“ / „Unbeseeltes“ im Hinblick auf »Lebendig-Sein«: dabei gibt es „vielfache Weisen von Lebendig-Sein“:

- „Vernunft“

- „Wahrnehmung“

- „Ortsbewegung“

- „Stillstand“

- „Nahrungsaufnahme“

- „Schwinden und Wachstum“ – „in die entgegengesetzte Richtung wachsen und schwinden“ / „nach oben“ / „nach unten“ / „gleichmäßig in beide Richtungen und nach allen Seiten“ / „und zwar fortwährend“

Um „lebendig zu sein“ genügt bereits eine dieser „Weisen“.

Diese „Weisen“ werden als „Vermögen“ bzw. als „Prinzip“ bestimmt.

Dazu kommt noch, dass bei diesen „Entitäten“ einzelne Weisen „abgetrennt“ werden können / was aber bei den „sterblichen Lebewesen unmöglich“ ist.

Dabei wird noch unterschieden: „Lebendig zu sein kommt also allem, was belebt ist, durch dieses Prinzip zu; Lebewesen (zu sein) aber zuerst durch die Wahrnehmung“.

Und als erste Wahrnehmung kommt allen (Lebewesen) der Tastsinn zu.“

[ jetzt werden Beispiele, einzelne Fähigkeiten dieser „Vermögen“ sowie Kombinationen aufgeführt... ]

Tastsinn“ / „Tastwahrnehmung“ haben alle Lebewesen.

Und es wird noch einmal präzisiert und gebündelt: „Die Seele ist Prinzip dieser genannten Tätigkeiten und ist durch diese definiert als Ernährungsvermögen, Wahrnehmungsvermögen, Denkvermögen oder (Orts-) Bewegung.“ (bis 413b)

Ob aber jedes einzelne davon Seele ist oder Teil der Seele, und wenn es Teil ist, ob es auf solche Weise (Teil ist), dass er nur dem Begriff nach abtrennbar ist oder auch dem Orte nach, ist bei einigen von ihnen nicht schwer zu sehen, bei manchen bereitet es aber Schwierigkeiten.“

Und immer weiter: „Wahrnehmung, dann auch Vorstellung und Strebung. Denn wo es Wahrnehmung gibt, dort gibt es auch Schmerz und Lust. Und wo es diese gibt, gibt es notwendig auch Begierde.“ (bis Zeile 24)

[ Skeptisch war ich bezüglich der Einbeziehung der „Vernunft“, aber dazu kommt jetzt noch eine kritische Anmerkung: ]

Über die Vernunft und das Vermögen der theoretischen Betrachtung ist noch nichts klar, es scheint aber eine andere Gattung von Seele zu sein, und diese allein scheint abgetrennt werden zu können, so wie das Ewige vom Vergänglichen.“ Wie auch die Unterscheidung von „Wahrnehmen“ und „Meinen“.

Die „Verschiedenheit unter den Lebewesen“ ergibt sich daraus, ob alle oder nur einzelne „Vermögen“ zutreffen. „Wissenschaft“ und „Seele“ sind zu unterscheiden. (414a, Zeile 7)

Und nach einigen Beispielen jetzt die subtile Unterscheidung: „Die Seele ist aber das, wodurch wir primär lebendig sind und wahrnehmen und denken – sie dürfte folglich eine Art Begriff und Form sein, nicht aber Materie und das Zugrundeliegende.“ (bis Zeile 14)

[ Hier folgen Aussagen zu Körper und Seele, auf die man schon dringend gewartet hat: ]

Da, wie wir gesagt haben, die Substanz auf dreifache Weise ausgesagt wird, nämlich erstens als Form, zweitens als Materie und drittens als das aus beiden Zusammengesetzte, wovon die Materie Vermögen und die Form der Vollendung ist, (und) da das aus beiden Zusammengesetzte Beseeltes ist, ist nicht der Körper die Vollendung der Seele, sondern sie ist (die Vollendung) eines bestimmten Körpers.“ (Zeile 19)

Und deswegen liegen diejenigen richtig, die meinen, die Seele existiere weder ohne Körper noch sei sie ein bestimmter Körper; denn sie ist kein Körper, sondern etwas des Körpers, und deswegen kommt sie im Körper vor, und zwar in einem Körper von bestimmter Beschaffenheit.“ (bis Zeile 22)

Und nicht so wie die früheren Philosophen sie in einen Körper einfügten, ohne zusätzlich zu bestimmen, in welchen und von welcher Beschaffenheit, obgleich es nicht einmal den Anschein hat, dass jedes Beliebige Beliebiges aufnimmt. So aber ergibt es Sinn: Denn die Vollendung eines jeden Dinges kommt von Natur aus in das dem Vermögen nach Vorhandene und die ihr geeignete Materie hinein. Dass die Seele also eine Art von Vollendung und Begriff dessen ist, das ein Vermögen hat, ein solches zu sein, ist hieraus klar.“ (S. 81, bis Zeile 28)



Kapitel 3: Hier werden die verschiedenen „Vermögen der Seele“ gebündelt und kurz abgehandelt:

- „Ernährungsvermögen“,

- „Strebevermögen“,

- „Wahrnehmungsvermögen“

- „Vermögen zur Ortsbewegung

- und „Denkvermögen.“ (414a, bis Zeile 33)

[ Ausgehend von diesen fünf elementaren Vermögen der Seele werden sie nun auch „psychologisch“ bezeichnet in der Richtung, wie sie mehr als 2000 Jahre später in der Psychoanalyse kulminieren: hier zunächst aber nur in den Begriffen Strebung, Begierde, Mut, Wunsch, Lust, Leid. ]

Aber auch die unmittelbarer physiologischen Seiten werden genannt: Wahrnehmung der Nahrung, Tastsinn, trocken/feucht, kalt/warm, Schall, Farbe, Geruch/Geschmack. (414b, bis Zeile 13)

Und nun die begrifflichen Logiken der Figuren der Vermögen. (414b weiter 415a)

[ Dies kulminiert in „Überlegung und Denken“, wobei die betreffende „theoretische Vernunft“ hier aufgeschoben wird. In Andeutungen und Beispielen werden aber kurz begriffslogische Fragen erörtert, aber auch die Spezifitäten der einzelnen „Vermögen“ für sich genommen und im Zusammenhang. ]

[ Das ausführlichere Kapitel 4 setzt methodisch / logisch ein: ]

Es ist notwendig, dass derjenige, der über diese (Seelenvermögen) Untersuchungen anstellen will, von jedem einzelnen von ihnen herausfindet, was es ist, und dann bei den anschließenden und den übrigen weiterforscht. Wenn es aber nötig ist anzugeben, was jedes einzelne von ihnen ist, etwa was das Denkvermögen ist oder das Wahrnehmungsvermögen oder das Ernährungsvermögen, so ist vorher noch anzugeben, was das Denken und was das Wahrnehmen ist. Denn die Wirklichkeiten und Tätigkeiten sind dem Begriff nach früher als die Vermögen. Wenn sich dies aber so verhält und man noch vor diesen deren Gegenstände betrachtet haben muss, so soll man diese aus demselben Grund vorher eingeteilt haben, wie Nahrung, Wahrnehmungsgegenstand und Denkgegenstand.“ (S. 87/89, Zeilen bis Ende 414b)

[ Aber dabei darf das „Göttliche“ nicht zu kurz kommen: ] „Lebewesen“ bzw. „Gewächse“, „damit sie am Ewigen und am Göttlichen teilhaben, soweit es ihnen möglich ist. Denn alle (lebendigen Wesen) streben nach jenem (Göttlichen), und um seinetwillen tun sie alles, was sie von Natur aus tun.“ (415b...)

[ Damit endet hier aber auch schon der Ausflug ins „Göttliche“: ]

Die Seele ist Ursache und Prinzip des lebendigen Körpers.“

[ Aber damit ist es nicht genug: ]

Diese werden jedoch auf vielfältige Weise ausgesagt. Und ebenso ist die Seele dreier der unterschiedenen Weisen Ursache:

- Sie ist das Woher der Bewegung,

- das Worum-willen,

- und auch als die Substanz der beseelten Körper ist die Seele Ursache.“

[ 415b, Zeilen 10 usw., und immer schön »philosophisch«, mit einem Verweis auf Fehleinschätzungen von Empedokles – und am ausführlichsten zur Nahrung – 415b und 416b ]

- [ Schlicht: ] „(...) Deswegen kann man ohne Nahrung nicht existieren.“

- [ Und in etwas lausiger ›philosophischer‹ Diktion: ]Die Nahrung aber stellt das für das Wirklich-Sein Erforderliche bereit.“ (416b, 20)

[ Bei solchen Sätzen kann ich mir Aristoteles nicht anders als listig über die Köpfe der Zuhörer*innen blinzelnd vorstellen ... ]

[ Das hindert aber nicht daran, dass ] „die Verdauung durch Wärme bewerkstelligt wird“ [ was gelegentlich zur Gasbildung führt... ]

[ mit der weitreichenden Schlussfolgerung: ] „Deswegen hat alles Beseelte Wärme.“ (Zeile 29)

[ Durchaus findig wird nun das Kapitel 5 eröffnet – mit Überlegungen zur „Wahrnehmung“: ]


Sitzung vom 23. April 2025

Walter erinnert daran, dass das Protokoll bald nach jeder Sitzung verfasst und verteilt werden sollte: (1) eine Zusammenfassung des gelesenen Abschnitts von Aristoteles und (2) wichtige Ausführungen, die nicht direkt zum Text gehören.

Im Zentrum des Abschnitts 416a steht die Nahrung: Der Seele wird das Vermögen zur Ernährung und zur Zeugung zugeschrieben. Teils empirisch, teils kategorial ergibt sich die Frage, inwiefern sich „Gleiches durch Gleiches ernähre“ (416a, Zeile 30), oder umgekehrt „sich das Entgegengesetzte durch Entgegengesetztes ernähre“, „da Gleiches von Gleichem nicht affizierbar sei, die Nahrung aber einen Umschlag bewirke und verdaut werde und der Umschlag für alle Dinge in den entgegengesetzten Zustand bzw. in den dazwischenliegenden verlaufe. (416b)

Ferner erleidet die Nahrung etwas von dem, was sich ernährt, dieses aber nicht von der Nahrung ist (...).“ (Fortsetzung 416b)

Insofern sie (die Nahrung) nämlich unverdaut ist, nährt sich das Entgegengesetzte durch das Entgegengesetzte, sofern sie aber verdaut ist, das Gleiche durch das Gleiche, so dass klar ist, dass beide auf gewisse Weise recht haben und nicht recht haben.“ (Zeile 7 bis 9).

Die Schlussfolgerungen daraus sind aber nur zum Teil abgeleitet und verständlich: „Da sich aber nichts ernährt, was nicht am Leben teilhat (?), dürfte der beseelte Körper das Sich-Ernährende sein, insofern er beseelt ist, so dass auch die Nahrung im Verhältnis auf ein Beseeltes, und zwar nicht auf akzidentielle Weise.“ (Zeile 10-13)

[ Kurze Ausführungen und Argumente sind schon in obigen Absätzen umrissen... – Hier sind die Schlussfolgerungen mehr oder weniger einsichtig bzw. kryptisch: ]

(...) Es (das Beseelte) bewahrt nämlich seine Substanz und besteht so lange, wie es sich ernährt; und es ist auch fähig, Zeugung zu bewirken, nicht vom Sich-Ernährenden, sondern von einem, das so ist wie das Sich-Ernährende; seine eigene Substanz existiert ja bereits, und nichts erzeugt sich selbst, sondern erhält sich (nur).“ (Zeile 13 bis 18)

Folglich ist das derartige Prinzip der Seele ein Vermögen, das seinen Besitzer erhält, insofern er ein solcher ist. Die Nahrung aber stellt das für das Wirklich-Sein Erforderliche bereit. Deswegen kann man ohne Nahrung nicht existieren. Da es aber dreierlei gibt, das Sich-Ernährende, das, wodurch es sich ernährt, und das Nährende, so ist das Nährende die erste Seele, das Sich-Ernährende der sie besitzende Körper und das, wodurch er sich ernährt, die Nahrung.“ (bis Zeile 23)

[ Diese unterschiedlichen physiologischen Beschreibungen von Vorgänge bzw. Abhängigkeiten könnten auch wie eine Metaphorik der Seele erscheinen. ]

[ Im folgendem Kapitel 5 werden dann – ohne Übergang – Wahrnehmungen angesprochen, die dem näher kommen, wie die Seele spätestens seit dem 19. Jahrhundert thematisiert worden ist... ]

Parallel zum Text von Aristoteles wurde eine ganze Reihe von Kommentaren und Assoziationen angesprochen:

- Für das „Soziale“ erinnert Walter an den griechischen Begriff „socein“ (?) im Sinn von Retten und Erhalten. „Erhalten“ als „weiter Existieren“.

- Aus Anlass von Ostern: Was musste da von Jesus „gerettet“ werden?

- „Rettung“ findet statt, wenn etwas (Schädliches) passiert ist...

- Für den Hunger ist das Essen die Rettung.

- Unbeseelte Körper werden als „Ding“ bezeichnet. Aber der Stein hat keine Seele.

- Walter erinnert daran, dass es auch den „Animismus“ gibt, der alles beseelt. Im Animismus wird auch der Stein beseelt sein!

- Die Skala von Mensch – Pflanze – Sein, bzw. von „niedrigeren“ Lebewesen (innerhalb einer ganzen Reihe von Tierarten).

- Aristoteles geht dabei auch auf die Pilze ein...

- Von Vorgängen / Prozessen geht es dann zu Wörtern und ganzen Sätzen...

- „Tiere haben eine Seele“ / und der Einwand, dass dies alles (auch) Sprachregelungen sind.

- Walter geht zurück zur Grundfrage: Was meinen wir mit „Seele“? Die katholische Seele... Die christliche Seele hat eine Heilsgeschichte. Etwas ist glücklich/fraglos gegeben; Schritt 2 ist ein Unheil, auf das im Schritt 3 die „Rettung“ antwortet ...

- Bei Aristoteles gibt es erste Brücken zur „psychoanalytischen Seele“ (siehe oben).

- Aristoteles kennt keine „Sünde“. Sünde bzw. „Schuld gegen jemanden“ setzt ein „Ich“ voraus.

- Zeugen – Erhalten – Retten

- Es gibt dabei immer das „Vorhergehende“: Der Zeugende muss selbst gezeugt worden sein. Die „Gebärende muss geboren worden sein“...

- Zeugung / männlich – weiblich ...

- „insofern“ ist eine Worterfindung von Aristoteles (Walter)

- „als ob“ mit starken Anklängen an Heidegger (Sophia)

- Walter: „Ernährung ist die Einverleibung eines Fremdkörpers“ (z.B. Brot).

- Daran schließt sich eine kurze skeptische Diskussion zu „Nahrung“ an: eine „Nahrung verschlingen“ / Walter abstrakter: „einen anderen Körper“...

- Das geht über in die Polarität „passiv – aktiv“. In diesem Sinne wäre „das Gegessene“ passiv – und wird dann aktiv ...

- Walter: Fragen zur „ersten Seele“ (Kapitel 4, Zeile 22). Die Seele in ihrer niedrigsten Form / unterste Seele / „primäre Seele“



[ ENDE PROTOKOLL / Rudolf Kohoutek ]



 

De anima / Peri psyches lesen - 20 ( 415b 15 – 416b 11)

De anima / Peri psyches lesen  19 ( 415b 15 – 416b 11)

23.April 2025


Wir haben soeben gelesen (415b 8ff.), dass die Seele eine Art physis ist, die
verantwortlich für die Art und Weise, wie ein Lebewesen ist, zeichnet, und ist somit
ursächlich für das Sein. Im ersten Buch der aristotelischen Metaphysik (A, Kap. 3) wird
konstatiert, dass es vier mögliche Arten gibt, wonach die Ursache [aition]
unterschieden werden kann: zunächst werden ‚die Substanz‘ sowie das ‚Was es war
zu sein‘ genannt ( – „das Sosein […], denn das Warum wird zuletzt auf den Begriff der
Sache zurückgeführt, Ursache aber und Prinzip ist das erste Warum“ – Übersetzung
v. Hermann Bonitz), zweitens die Verbindung mit dem ‚Stoff‘ und das ‚Zugrunde-
liegende‘, zum dritten kommt es auf das ‚Woher‘ (der Anfang der Bewegung) an und
viertens handelt es sich um das letzte Ziel, das Weswegen [oû éneka] und das Gute
[tágathón] – denn dies ist das Ziel [télos] allen Werdens und der Bewegung.
Von dieser Stelle der Abhandlung (Peri Psyches, Buch II, 415b 15) an sowie in den
nächsten Zeilen wird die Funktion von Seele als letzter Zweck (oû éneken)
hervorgehoben. Aristoteles führt hier eine Analogie zum Tun des ‚nous‘ ein, der gemäß
der Natur eines Dings / einer Sache agiert – denn das Ziel seiner Natur ist das Ding
selbst / die Sache selbst. Ebenso geschieht es in Verbindung mit der Seele, nachdem
das letzte Ziel für die Lebewesen die Verwirklichung der Seele, ihrer Natur nach, ist.
An diesem Punkt der Analyse stellt sich eine Differenzierung in Bezug auf das letzte
Ziel heraus und dies findet in zweifacher Hinsicht statt: zum einen ‚um dessen Wille‘
[to te oû] etwas geschieht und zum anderen ‚um wessen Willen‘ [to ô] es geschieht
(415b 21), oder anders gesagt, es handelt sich bei der Formulierung ‚oû éneka‘ (415b
20 f.) sowohl um das ‚Ziel‘ als auch um dies, wofür es ‚Ziel‘ ist. In Folge wird betont,
dass die Körper nur ein Werkzeug der Seele seien, denn die Seele ist die originäre
Ursache der Bewegung in Bezug auf den Ort. (415b 22), was allerdings nicht allen
lebenden Wesen zukommt – wie beispielsweise den Pflanzen und manchen anderen
Lebewesen. Hier haben wir eine interessante Wendung in Bezug auf die
Wahrnehmung. Nach Aristoteles gibt es keine ‚aisthesis‘ (Wahrnehmung) ohne die
Teilhabe der Seele, zudem ist Wahrnehmung eine Art der Veränderung (415b 24) und
Veränderung ist bekanntlich eine ‚Bewegung‘ (vgl. oben, dritte Ursachen-Bedeutung).
In einem kritischen Exkurs zur Empedokles‘ Lehre betreffend das Wachsen der
Pflanzen, entwickelt Aristoteles im Kontext der Nahrungsaufnahme seine eigene
Position in Bezug auf die Stofflichkeit, Schwere, Leere, Wachstum und Schwinden.
Auch an diesem Koinzidenzpunkt stellt sich heraus, dass die Seele Ursache des
Wachsens und Nährens ist und aus diesem Grund unternimmt der Philosoph den
Versuch herauszuarbeiten, in welcher Hinsicht ‚Seele‘, ‚Ernährung‘ und ‚Zeugung‘
zusammenhängen. Zwischen den verschiedenen Umwandlungsformen oder der
Wechselwirkung zwischen den Materialien – Nahrung / Genährtes oder Baustoff /
Tischler. Von Bedeutung scheint hier der Wandel aus Passivität zur tätigen Handlung
zu sein und beide Formen werden notwendigerweise den Lebewesen
beziehungsweise den beseelten Körpern zugesprochen. (416b 2-11).

Sophia Panteliadou

Mittwoch, 26. März 2025

De Anima - Peri Psyches lesen 19 - 415a 24 - 415b 14

 

19. März 2025


Im Buch I hat Aristoteles  verschiedene ältere Ansichten über das Wesen der Seele, ihre verschiedenen Arten und ihre Zusammensetzung referiert. Zuvor hat er auch festgestellt, daß die Seele Gegenstand verschiedener Zugänge und folglich auch Thema  für unterschiedliche Disziplinen und  Spezialisten sein kann  - etwa für den Naturforscher oder den Dialektiker. Oder auch für den Techniker oder den Mathematiker oder den Ersten Philosophen.  So 403a 29ff..  Damit schneidet er ein wichtiges Kapitel an: die Differenzierung zwischen verschiedenen menschlichen Leistungen (poetischen, praktischen, kontemplativen), den jeweils bestimmte Wissenschaftsgattungen zugeordnet sind. 

 

Wenn er dann seine eigenen Definitionen und Unterscheidungen formuliert,  sagt er nicht dazu, in welcher Eigenschaft er das gerade tut; man kann aber unterstellen, daß  er sich der Vielschichtigkeit des Gegenstandes bewußt ist, weshalb jede einzelne Fragestellung nur eine partielle ist. Aber auch dessen, daß eigentlich  die Inhaber der Seelen, die beseelten Wesen, die Lebewesen, die lebenden Körper   untersucht werden - und daß dazu auch die Menschen gehören und folglich auch er selber. 

Diese Selbsteinbeziehung wird von Aristoteles nie ganz außer Acht gelassen und vielleicht ist das eine Differenz, die ihn von der modernen Naturwissenschaft trennt, die sich seit dem  17. Jahrhundert durchgesetzt hat . Vielleicht hat Rudolf Kohoutek mit seinem Hinweis auf die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston in diese Richtung gedeutet. Allerdings hat sich der „Aristotelismus“, der bis ins 17. Jahrhundert dominiert hat, auch nicht bewährt; er hat die Forschung eher blockiert.


Unsere Aristoteles-Lektüre sollte kein Aristotelismus sein, keine schlichte Aristoteles-Verehrung, wir können ihn zwar verehren, aber das wäre zu wenig. Wir sollten in unterschiedlichen Richtungen etwas leisten - nicht bloß „jubilieren“ (Bruno Latour).

Aristoteles fragt nach den Leistungen, durch die sich die verschiedenartigen Lebewesen auszeichnen. Er sagt „Werke“ und meint damit  wahrnehmbare Tätigkeiten mitsamt Ergebnissen.

Die ersten und gemeinsten Leistungen  sind Ernährung und Zeugung.

Es empfiehlt sich, diese sehr bekannten Leistungen gelegentlich noch primitiver zu formulieren als Aristoteles das tut. Ernährung ist Einverleibung von Fremdkörpern durch einen Körper. Solche Fremdkörper sind etwa für die Pflanzen das Wasser. Bei der Aufnahme von  Licht und von Erde ist es schon schwieriger, von Einverleibung zu sprechen, denn die Aufnahme ist selektiv - es wird nicht einfach von außen etwas genommen und eingebaut. Es wird nicht gebaut sondern genommen und verwandelt, zu sich verwandelt. Aristoteles nennt das „Verbrauch“.

 Verwandlung zu sich - transsubstantiatio in se ipsum.


Sozusagen die Gegenrichtung ist die Zeugung oder Fortpflanzung .

Aber dazu sind nach Aristoteles nicht alle Lebewesen fähig, sondern nur die vollkommenen Exemplare, die nicht verstümmelten, die nicht verletzten.

Aristoteles imaginiert nicht eine hundertprozentig vollkommene Welt, sondern hat auch Begriffe für die unvollkommenen Mitglieder  der Welt. Hier ein anderes Wort als dasjenige im Buch V der Metaphysik,  das zu den dreißig Hauptbegriffen zählt und das von allen anderen Lesern der Metaphysik sorgfältig verschwiegen, übersehen, ignoriert worden ist. Von Aristoteles jedoch in seiner kosmologischen Tragweite ernstgenommen worden ist. Siehe Walter Seitter: Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik I-VI) (Freiburg-München 2018): 210-212. (Im übrigen hat dieses Buch nur eine Abbildung nämlich die Aristoteles-Skulptur am Rande des Aristoteles-Platzes in Thessaloniki, die vom Bildhauer deutlich mit Verletzungen gezeichnet, ausgezeichnet worden ist; op.cit.: 219-222).

Außer den verstümmelten Lebewesen sind noch andere unfähig zum Zeugen; nämlich die „automatisch“ oder „von selber“ entstandenen - eben die selber nicht durch richtige Zeugung entstandenen. 

Was aber ist „richtig zeugen“?

to poiesai heteron hoion auto - ein anderes machen wie es selber (414a 28),

ein Tier ein neues Tier, ein junges Tier, eine Pflanze eine neue Pflanze, eine ganz kleine, die groß werden soll.

Ich wage es, die kurze aristotelische Serienbildung ein bißchen zu verlängern und voranzuschreiben: ein Mensch einen Menschen. Lacan nennt das: le petit d’homme.

In der Metaphysik, die auch Physik ist und nicht nur  Meta, hämmert Aristoteles mehrfach den Satz „der Mensch zeugt einen Menschen“ (1070a 31)

Das ist ein Machen, nach dem die poietischen oder Herstellungswissenschaften (z. B. Poetik, Heilkunde, Weinmischungskunstlehre) benannt sind. Die einschlägige Wissenschaft wäre die Zeugungskunstlehre: wie macht man richtig ein Kind?

Die Menschen machen das Zeugen sexuell, also bisexuell oder amphigonisch, und nicht monogonisch. Wahrscheinlich wird die Zeugungskunstlehre über die Sexualwissenschaft noch hinausgehen müssen  und auch in die Ökonomik einmünden, die praktische Lehre zum richtigen Haushalten. 

Und dann noch die Angabe des übergeordneten Zwecks, der damit erreicht werden soll: 

sie tun das, damit sie am Immerdar und am Göttlichen teilhaben, soweit sie das können. Das Göttliche wird dazugesagt, dazugedacht - soll aber der Grund sein für das allgegenwärtige sichtbare, hörbare, riechbare und so weiter weiter und weiter pflanzen und zeugen und gebären.

Sie, alle die -  tun das, soviel  ich weiß, hat Aristoteles es auch getan, denn er war nicht so verletzt wie sein bronzener Abguß, den verletzten Abguß bekam er nur,  weil er derartige Verletztheiten nicht verschwiegen sondern ausgesprochen hat. 

Und diese „alle“ werden anschließend neu verbalisiert: panta  (415b 1).


Und was machen die Übersetzer? Alle - außer Klaus Corcilius und dem Neugriechen - schreiben  
„alles“.  Sie schreiben einfach „alles“ - so als ob ich jetzt geschrieben hätte: alles schreibt ….. 

Ich aber gewähre auch denen, die katastrophal-singularistisch schreiben „alles“,  den Plural, der ihnen zusteht, obwohl sie ihn eigentlich nicht verdienen , weil sie ihn anderen - den Tieren, den Pflanzen - absprechen.


Und was tun diese alle? Jetzt spricht Aristoteles deutlicher aus, daß sie die oben dazugesagte Teilhabe anstreben, sie streben nach jenem. Und Aristoteles verallgemeinert:  alle tun das, was sie tun,  der Natur gemäß um jenes willen. 

Das „Worumwillen“ ist der aristotelische Spezialausdruck für den Zweck, der durch eine Bewegung oder Handlung, durch eine herstellende oder eine gebrauchende Kunst erreicht werden kann oder soll. 


Hier geht es um die Immerwährendheit, die den Menschen versagt ist - das heißt alle Menschen, auch die wohlgeratenen, leiden an einer Schwäche und Unvollkommenheit, nämlich an der Sterblichkeit, gegen die sie immerhin eine Kommentierung ins Werk setzen können: die Fortpflanzung, also die Erzeugung neuer Individuen, die Erzeugung einer Kette aus ähnlichen Gliedern, die weiterreicht und in der sie sich selber eine Dauerhaftigkeit verschaffen können - wenngleich eine sehr gebrochene, immer wieder unterbrochene , aber doch auch weiter gehende - die immerhin bis zudem jetzt  Lebenden geführt hat. 

Aristoteles konstruiert einen Zusammenhang zwischen den gut ausgestatteten aber immer noch hinfälligen Menschen, die im Hinblick auf ein dauerhaftes Wesen eine gebrochene Dauerhaftigkeit zustande bringen. Diesem dauerhaften Wesen spricht er Göttlichkeit zu. Aber seine Erscheinungskraft scheint so  schwach zu sein, daß ihr von seiten der Menschen nachgeholfen werden muß, indem sie es bewundern und gebrochen nachahmen. 

Indem die Menschen das göttliche Wesen bewundern und nachahmen, stützen sie seine prekäre Erscheinungskraft.


Mit der Aussage, das Leben sei das Sein der Lebewesen (415b 13) fügt Aristoteles seiner Ontologie eine notwendige Ergänzung hinzu. Die Seinsweise der Menschen wird zur Ontologie hin aufgeschlossen. Und jetzt setzt Aristoteles anstatt des substantivierten Partizips „das Seiende“ den Infinitiv „das Sein“ ein,   der sich flüssiger, weicher anfühlt.  

Literatur: Peter Heuer:  Leben als Sein (2024)