τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 7. Februar 2013

Metaphysik als Superlativ-Wissenschaft


Anstatt im Text weiterzulesen, schauen wir uns noch einmal die Bestimmungen an, die Aristoteles der „gesuchten Wissenschaft“ unter dem Titel „Weisheit“ zuspricht. Und zwar zuerst ihre spezifischen Objekte: das sind – entsprechend dem Duktus der bisherigen Ausführungen – die ersten Ursachen, also hier bereits eine Superlativierung der Ursachenforschung, die laut Aristoteles das Kennzeichen aller theoretischen Wissenschaften ist; sodann das Erkennen über das Sein (und nicht das Nicht-Sein); die Wissenschaft vom Wesen (und nicht von den Akzidenzien); die Wissenschaft vom Wißbarsten, also vom Klarsten, Deutlichsten, das mit „Wesen“ ineinsfällt; und im Übergang zum nächsten Typ die Wissenschaft vom Erscheinendsten laut Platon also vom Schönen bzw. Schönsten; sodann der andere Typ von Objekten: das Ziel und das Gute – womit wohl nicht nur irgendwelche Ziele oder Güter gemeint sind, wie sie von den praktischen und den poietischen Wissenschaften anvisiert werden: gute Handlungen, gute Hervorbringungen, sondern das Ziel schlechthin und das Selber-Gute (das Höchst-Gute), das Höchst-Gelingen; mit diesen Objekten „kippt“ die gesuchte Wissenschaft von einer bloß theoretischen zu einer auch praktischen und poietischen, d. h. sie ist selber die theoretisch-praktisch-poietische Höchst-Wissenschaft. Und dann die „subjektiven“ Merkmale dieser gesuchten Wissenschaft: die erkennendste, die wissendste Wissenschaft: nicht nur Feststellung von Akzidenzien oder irgendwelchen naheliegenden Ursachen (Vaterschaftstest siehe Gerichtsurteil vom 6. Februar 2013); eventuell beweisende Wissenschaft oder aber noch höhere nämlich einsehende Wissenschaft; herrschendste und führendste Wissenschaft – jedenfalls gegenüber den anderen Wissenschaften, und zwar aufgrund ihrer Einsicht hinsichtlich des Zieles und des Guten; diese aber kann sie nur haben, weil sie die wünschendste Wissenschaft ist: etwas verständlicher gesagt: die engagierteste, die verehrendste, die enthusiastischste.

Wenn die gesuchte Wissenschaft als Superlativ-Wissenschaft auch praktisch und poietisch orientiert oder vielmehr orientierend ist, dann kann die wissenschaftstheoretische Annäherung an sie, also an die „Weisheit“, wie sie Aristoteles hier vorführt, nicht die einzige sein. Es müßte auch eine praktisch-ethische sowie eine poietisch-technische geben. Die erste verläuft über Tugend-Übung, über sogenannte „Askese“ oder „Spiritualität“ (wie sie von Michel Foucault auch aus spätantiken Quellen rekonstruiert worden ist), die zweite über die Kunst oder die Magie, wofür auch das Beispiel der Alchemie stehen mag oder Foucaults „Ästhetik der Existenz“.

Diese beiden Wege werden von Aristoteles hier nicht beschritten, nicht einmal erwähnt. Ihre Möglichkeit, Notwendigkeit gar, konstruiere ich aus den zitierten knappen Angaben, aber auch aus dem Namen „Weisheit“. Daß er in der Poetik die Dichtung über die Geschichtsschreibung stellt, zeigt immerhin, daß auf den drei Paradigmen Wissenschaft, Kunst, Praxis unterschiedlich hohe Realisierungsstufen angesiedelt sind, die miteinander in Konkurrenz, jedenfalls in Vergleich treten können. Zuhöchst fallen oder vielmehr gipfeln sie in eins.

Walter Seitter