τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Sonntag, 18. Oktober 2026

De anima / Peri psyches lesen 44 (432b2 - 432a14)

 

Protokoll vom 7. Oktober 2026



Buch III,  432a 15 - 433a 15

Die Seele verleiht den Wesen, die sie haben, also den Lebewesen,  zwei Fähigkeiten; diejenige zum Urteilen und diejenige zur Bewegung im Raum.  Die erste könnten wir als kognitive Fähigkeit bezeichnen, die zweite als eine Fähigkeit zu einem physikalischen Vorgang.

Aristoteles wendet sich der letzteren zu -  vielleicht weil sie üblicherweise weniger mit der „Seele“ assoziiert wird. Diese Fähigkeit hängt eng mit dem Körper zusammen und es stellt sich die Frage, ob das Bewegende an der Seele ein abtrennbarer Teil von ihr ist oder zu ihr als ganzer gehört. 

In welchem Sinn kann man von verschiedenen Seelenteilen sprechen  - gibt es unendlich viele oder kann man sich mit der Dreiteilung in das Denkende, das Mutvolle, das Strebende oder mit der Zweiteilung in das Vernünftige und das Unvernünftige begnügen?

Bei der Erwähnung weiterer Unterscheidungen kommt Aristoteles darauf zu sprechen, daß sich die Wahrnehmungsfähigkeit schwerlich als vernünftig  oder unvernünftig klassifizieren lasse,  daß die Vorstellungsfähigkeit sich von allen anderen unterscheide, ähnlich die Strebefähigkeit, die sich in zwei Gruppen aufteile. 

Aristoteles muß sich   seinen Vorsatz zurückrufen, die Bewegung im Raum zum Thema zu machen. Was veranlaßt das Lebewesen, sich fortzubewegen? Es muß die Vorstellung oder das Streben sein. Nichts bewegt sich,  es  sei denn, es strebt nach etwas oder es flüchtet vor etwas - oder aber es wird durch äußere Gewalt gezwungen. Diese aus einer Zweiteilung entwickelte Dreiteilung zeichnet sich dadurch aus, daß sie die räumliche Körperbewegung politisiert und in Richtung Krieg ausrichtet, in dem  es so sowohl freiwillige wie auch unfreiwillige Bewegungen gibt.

Nach einem kleinen Exkurs in die Zoologie kommt eine Präzisierung zur "sogenannten Vernunft“  (wie Aristoteles  - halb ironisch ? - schreibt). Die Vernunft sei nicht die Bewegende -  so formuliert er, um diese seine zoologisch-anthropologischen Ausführungen von seiner theologischen These von  der noesis als dem höchsten Bewegungsprinzip deutlich abzugrenzen.

„Denn die theoretische Vernunft ist nicht auf das Handeln ausgerichtet und sagt nichts aus über das, was man meiden oder erstreben soll; die Bewegung aber gehört immer zu einem, der etwas meidet oder erstrebt.  Aber selbst wenn sie etwas derartiges betrachtet,  befiehlt sie nicht sogleich, zu meiden oder zu erstreben.“

Wenn sie etwas Furchtbares  denkt, so befiehlt sie nicht sogleich, sich zu fürchten. Wohl aber  wird  das Herz bewegt. Denkt sie etwas Lustvolles, so wird ein anderer Körperteil bewegt. Die Vernunft wirkt sich also auch auf die Körperteile aus, denen Aristoteles ein eigenes Buch gewidmet hat.

Zusammenfassend  erklärt Aristoteles, daß das Streben und die auf das Handeln ausgerichtete Vernunft für die Bewegungen im Raum zuständig sind.





PS.:

Als Begleitlektüre nenne ich den Essay „Kohlenstoffchauvinisten, oder: Was ist Leben?“ im Blog „Mensch.Macht.Maschine“ von Gernot Blümel im Internet




Walter Seitter

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