τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Freitag, 14. Juni 2013

Berliner Protokoll

Meine neuerliche Berlin-Reise hatte wiederum einen ins Theoretische gehenden Grund, nämlich die Präsentierung von Tumult 40: Friedrich Kittler – Technik oder Kunst?

Sonntag, 8. Juni. Schon am Vormittag sehe ich in Potsdam eine große Ausstellung zum 100. Geburtstag des Malers Siegward Sprotte (1913-2004). Ich habe ihn 1980 in Kampen auf Sylt kennengelernt und er hat mir das philosophische Grundmotiv „Sehen und Sagen“ nahegebracht, das in meine „Philosophische Physik“ eingegangen ist. Daher habe ich ihn in der Physik des Daseins zitiert (siehe Seite 13f.) und war wohl einer der ersten, die den Maler einen Philosophen genannt haben.

In Potsdam stoße ich zufällig auf die Vertretung der „Prußen Stiftung Tolkemita“, welche das spärliche Erbe des Volkes der Preußen zu wahren sucht. Dieser Sache war Tumult 21: preußisch gewidmet.

Montag, 9. Juni. Im Literaturhaus treffe ich Peter Berz, Mai Wegener, Joulia Strauss und wir besprechen die für Mittwoch vorgesehene Tumult-Präsentierung. Am Abend treffen wir im Terzo Mondo Kostas Papanastastasiou, einen Sänger und Schauspieler. Vor ungefähr 10 Jahren habe ich in seinem Lokal sowohl ihn wie auch Joulia singen hören: ihn als zeusartig-mächtigen Volkssänger, sie als artifizielle Neugriechin (sie betreibt ungefähr alle Künste im Kittler-Feld).

Dienstag, 10. Juni. In der Neuen Nationalgalerie, dem von vielen gerühmten puren Glas-Quader, haben derzeit die 40 Skulpturen aus weißem Marmor, die das Spree-Athen um 1800 repräsentieren und die sonst in der „Schinkel-Kirche“ aufgestellt sind, Unterstand gefunden. Eine große Gesellschaft aus griechischen Gottheiten, deutschen Geistesgrößen. In der Nationalgalerie stoße ich auf die Città Ideale aus dem späten 15. Jahrhundert: eine ideale Stadtlandschaft, deren Marmorboden unmittelbar in die gleich hohe Meeresoberfläche übergeht und die nicht nur auf Holz gemalt ist, sondern die auch auf einem gemalten Holzsockel aufruht. Ein Gleichnis Venedigs.

Mittwoch, 12. Juni. Eine Tagung über „Griechische Identität als ein philosophisches Problem – von den byzantinischen Zeiten bis zur heutigen Krise in Griechenland“. Vortrag von Christos Giannaras (Athen) über „Die ideologische Version der politischen Identität und der griechische tropos“. Ich lese seit vielen Jahren die Artikel von Giannaras in der Tageszeitung Kathimerini, wo er sein Bild des Griechentums den jetzigen Griechen entgegenhält. Er ist ein Philosoph, der aus der theologischen Richtung der „Neo-Orthodoxie“ stammt. Und diese Denkrichtung ist in dem Vortrag von Dionysios Skliris (Paris) näher dargestellt worden – unter Einbeziehung von Giannaras. Diese Schule versucht eine Erneuerung der Theologie von der mystischen Richtung des Hesychasmus aus, und setzt auch Motive von Husserl, Heidegger, Lacan ein. Ein wichtiges Thema für diese Theologen ist die Trinität mit ihren anthropologischen Implikationen. Diesem Thema hat übrigens der Thessalonicher Psychoanalytiker Christos Sidiropoulos eine umfangreiche philosophisch-psychoanalytische Arbeit gewidmet.

Am Abend dann die Feier zum 70. Geburtstag von Friedrich Kittler mit der Präsentierung des Tumult-Bandes (der bis dato nur absentiert worden war). Dabei ist ein anderer Blick auf das griechische Erbe getan worden: ein eher naturwissenschaftlich inspirierter. Im Verlauf dieses Abends haben Joulia Strauss, Peter Weibel und ich die Einzigkeit des „Urknalls“ in Frage gestellt: Rückgang von der Explosion zur Gravitation, vom „Knall“ zum „Ur“, Auflösung des „Ur“ in u und r .... Neben dem Tumult-Band wird auch Friedrich Kittler: Philosophien der Literatur vorgestellt.

Donnerstag, 13. Juni. Ich treffe Christian Bertram und Simone Bernet, die eben aus Rom, Pompeji, Neapel zurückgekehrt sind. Berichte von Tizian, Marées, Wandmalerei. Im Atelier von Joulia Strauss sehe ich eine Schildkröte aus Glitzerdraht (so wie ihr Kittler-Porträt). Ich sehe und sage dieses Auf- und Abtauchen der Regenbogenfarbenpunkte, wie ich es auch im schwarzen Sand von Kos gesehen habe. Ich praktiziere die Philosophische Physik (deren Buchausgabe jetzt ins Neugriechische übersetzt wird).

Walter Seitter

 

Donnerstag, 6. Juni 2013

In der Metaphysik lesen (999b 17 – 1000a 4)


Nehmen wir an, das Einzelding werde durch zwei Prinzipien gebildet: die Form (morphe, eidos oder ousia) und den Stoff (hyle). In welchem Verhältnis stehen die zum Einzelding? Sind sie daneben, dabei oder darin? Aristoteles verwendet die  Präpositionen „neben“ und „bei“; das „darin“ scheint er zu implizieren, wenn er sagt, das Einzelding oder das Gesamtding „ist diese beiden“ (999b 24). Allerdings erscheinen die Ausführungen in diesem Abschnitt keineswegs klar. Vielleicht deswegen, weil wir uns mitten in den Aporien befinden.

In der neunten  Aporie geht es um die Anzahl der Prinzipien. Sind sie eines – so entweder der Art nach oder der Zahl nach. Beide Annahmen widersprechen dem, was wir von Aristoteles wissen. Ein einziges Prinzip der Zahl nach: das würde heißen: ein strikter Ursach-Monismus etwa so wie das Wasser für Thales oder ein einziger Schöpfergott wie im Alten Testament. Aber Aristoteles diskutiert diese Frage gar nicht so grob-weltanschaulich. Sondern er formalisiert sie zu erkenntnistheoretischen und logischen Widersprüchen und als konkretes Beispiel nimmt er nun anscheinend das, was er gerade schreibt, nämlich diese oder jene Silbe, die aus Buchstaben besteht.

Es sieht so aus, als würde Aristoteles Streitfragen, die bekannt sind, sozusagen als Schulbeispiele vorführen und im Schnellverfahren abhandeln. Von einem wirklichen Durcharbeiten dieser Streitfragen, das er am Anfang des Kapitels postuliert hat, merkt man wenig.

Walter Seitter


 

Donnerstag, 30. Mai 2013

In der Metaphysik lesen (999a 33 – 999b 24)


Man hat den Eindruck, Aristoteles schlägt sich noch immer mit dem Platonismus (sprich: Ideenlehre) herum. Diejenigen, die annehmen, daß etwas außerhalb der Einzeldinge existiert, laufen Gefahr, in die platonische Irre zu gehen. Gilt das auch für die Annahme, der Stoff (hyle) existiere außerhalb der Einzeldinge? Aristoteles wendet sozusagen gegen seine eigene Position ein, wenn es nur die Einzeldinge gäbe, so gäbe es nur Sinnesdinge und es wäre nichts erkennbar – es sei denn man verstiege sich zur Behauptung, die Sinneswahrnehmung sei selber Wissenschaft (Sensualismus). Und dann gäbe es nichts Unbewegt-Ewiges. Dann aber wäre die Entstehung der Vergänglichen auch nicht möglich – denn die beginne mit einer Entstehung aus Unentstandenem (andernfalls würde die genealogische Kette ins Endlose zurückreichen und damit selber unmöglich werden oder die Entstehung müßte aus einem anfänglichen Nichts hervorgehen (ebenso unmöglich)). Aristoteles betont, was banal erscheinen mag, daß das, was entstanden ist, sobald es entstanden ist, auch ist. Dieses Insistieren mag ein Zugang zu dem sein, was man später „Ontologie“ genannt hat. Dann schiebt er einen anderen unentstandenen Bestandteil eines jeden Seienden ein, nämlich die ousia, die laut Schwarz noch unentstandener ist als der Stoff (wenn so ein Unterschied möglich sein sollte). Wenn es diese beiden Unentstandenen nicht gäbe, hätte nie etwas entstehen können und folglich gäbe es überhaupt nichts.

Diese Gar-Nichts-Hypothese wird von Aristoteles immerhin ausgesprochen und damit liefert er das Stichwort für die berühmte Frage, die sich durch die neuzeitliche Ontologie ziehen sollte (Leibniz-Schelling-Heidegger): Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Welche Frage die Annahme zu implizieren scheint, daß die Gar-Nichts-Existenz irgendwie wahrscheinlicher, weil einfacher oder bequemer, wäre – etwa im Sinne der entropischen Wahrscheinlichkeit von weniger Differenz (Information) gegenüber mehr Differenz (Information). Diese Implikation ist von Leibniz selber formuliert worden, der an seine Frage die Erklärung anschließt: „Das Nichts ist einfacher und leichter als etwas.“[1]

Die Modernen neigen dazu, das Sein von etwas überhaupt als völlig kontingent anzusetzen: stattdessen könnte es „ebenso gut“ (mindestens) nichts geben. Die Ontologie bewegt sich ständig im Zusammenspiel mit Meontologie. Heidegger: „ens qua ens ex nihilo fit“. Die jüdisch-christliche Schöpfungslehre hat ihren Anteil an dieser postantiken Auffassung (allerdings nur für die „Schöpfung“).

Für Aristoteles ist das „Sein überhaupt“ nicht kontingent, das Gegenteil davon vielmehr unmöglich. Und als Grund dafür braucht er hier nicht einen fernen unbewegten Beweger, sondern die mit den Dingen ständig kopräsenten Prinzipien Stoff und Form. Unentstandene Prinzipien in der Schöpfung, die aber gerade keine „Schöpfung“ ist – sondern eine insgesamt ewige Welt, die eine Gesamtkontingenz nicht zuläßt, sie immer schon überwunden hat.

Walter Seitter


[1] Es ist das Verdienst von Rémi Brague, vor kurzem auf diesen Punkt hingewiesen zu haben: ders.: Les ancres dans le ciel. L’infrastructure métaphysique (Paris 2011): 62. Er verbindet die Frage mit den ethischen Problemen von Selbstmord und Fortpflanzungsverweigerung und aktualisiert die mittelalterliche Lehre von den Transzendentalien „seiend“, „wahr“, „gut“ zu einer Diagnose der Neuzeit in dem Sinn, daß im 19. Jahrhundert die Frage nach dem Guten dominiert habe, im 20. Jahrhundert die Frage bzw. die Krise des Wahren, während sich im 21. Jahrhundert die ethisch-politische Krisensituation fundamental-ontologisch verschärfen könnte.

Freitag, 24. Mai 2013

Ad Konrad Celtis | Metaphysik (998b 5 – 999b 23)

Konrad Celtis: lesen, reisen, verhandeln, programmieren, gründen, sehen – und all dies in lateinischen Versen fortlaufend formulieren, beschreibend und vorschreibend. Ein lebenslängliches und lebensbildendes Schreiben im staccato der Versdichtung, in den emblematischen Inschriften der Holzschnitt-Bilder. Ein fortlaufendes Auto(bio)graphieren, welches die Form der Traktat-Philosophie verschmäht und daher den Anschein erzeugt, Philosophie überhaupt zu verweigern. Oder aber man sieht in dieser écriture de soi eine andere Form des Philosophierens, eine zusammengestückelte oder bastlerische, eine eher performative oder indirekte (wie sie bei den italienischen Humanisten schon versucht worden ist und bei Montaigne bald eine Prosa-Form finden sollte). Hat Celtis die bereits vorliegende Philosophie eher geographisch bzw. nach Nationen geordnet, so performiert sich sein neuartiges Philosophieren damit, daß es seine Vorschläge und Aussagen „peregrinativ“ transportiert und adressiert: an alle vier Grenzlinien Deuschlands – damit aus Deutschland eine forschende und schreibende, eine erkenntnisfreudige Nation werde. Seinen emotionalen Erkenntnisantrieb oder sagen wir sein Paradigma der Erkenntnismotivation (Erkenntnispolitik) liegt weniger in der Religion sondern in der Erotik, in der Beflügelung durch mehr als eine Liebe. Amores - die poetisch überhöht und publiziert werden. Wer sein „Collegium“ absolviert hat, sollte nicht ein Zeugnis mit Noten bekommen sondern den Lorbeerkranz des Dichters: poeta doctus. Eine erot(izist)ische, hedon(ist)ische, ästhet(izist)ische Erkenntnispolitik?


In der Metaphysik lesen (998b 5 – 999b 23)

Sind die Prinzipien der Dinge eher bei den – physischen – Bestandteilen aufzusuchen oder bei den – logischen – Gattungen? Das war die Frage, die Aristoteles mit dem Kapitel 3 aufgeworfen hatte. Er argumentiert einmal in die Richtung, einmal in die andere. Im großen und ganzen hält er daran fest, daß nur eine der beiden Möglichkeiten in Frage kommt. Denn der „Begriff der Wesenheit“ sei nur einer. Allerdings führt er mit „Wesenheit“ noch einmal einen anderen Begriff ein und unterstellt gleichzeitig, daß Prinzip und Wesenheit wenn schon nicht identisch sind so doch auf einer Linie liegen. Er sagt aber nicht, ob der Begriff der Wesenheit aufseiten der Gattung oder des Bestandteils angesiedelt ist. Abgesehen davon, daß er mit der Einzigkeit der Wesenheit die von mir aufgefundenen ca. neun Synonyme für „Formalursache“ zu strikt univoken Synonymen erklärt (herabsetzt).

Aristoteles stellt sich dann auf die Seite der Hypothese von den Gattungen als Prinzipien, schließt aber gleich die Frage an, ob das für die ersten Gattungen oder für die zuletzt von den Individuen ausgesagten Gattungen zutreffe. Mir scheint der hier eingesetzte und im Plural gebrauchte Begriff atomon für „Individuum“ wichtig zu sein, weil er unserem heutigen üblichen Sprachgebrauch nahesteht und weder in der Übersetzung von Schwarz (sehr wohl aber in der englischen von Tredennick) noch im Aristoteles-Lexikon von Höffe klar hervortritt. Welche aber sind die „ersten“ und die „letzten“ Gattungen? Aristoteles spricht daraufhin von den höchsten und allgemeinsten Gattungen – das sind wohl die „ersten“. Und da bieten sich zwei solcher Gattungen an: das Seiende und das Eine. Die beiden haben jedoch keinen Gattungsunterschied gegeneinander – sie sind gleich allgemein. Also sind sie nicht die Gattungen, die als Prinzipien in Frage kommen.

Wenn das Eine in höherem Maße „prinzipartig“ (eine Adjektivbildung, die zeigt, wie Aristoteles mit den Wörtersorten umgeht) ist, dann dürfte die letzte Gattung eher in Frage kommen.

Zudem scheinen die – spezifischen – Unterschiede in höherem Maße „eine“ zu sein und in noch höherem Maße die Unzerlegbaren und die Individuen und über dem Besser und Schlechter gibt es keine höhere Gattung, vielmehr ist das Bessere jeweils das Frühere also das Prinzipartigere. Die ersten Gattungen könnten nur dann Prinzipien sein, wenn sie außerhalb der Individuen existierten.

Walter Seitter



Samstag, 4. Mai 2013

Perspektiven der Antike

Wissenschafts- und Forschungsminister o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle
lädt herzlich zum Science Talk >

Perspektiven der Antike oder Was wir von Hellas lernen können

Montag, 13. Mai 2013 19.00 Uhr
Aula der Wissenschaften Wollzeile 27a, 1010 Wien

Mit Vorträgen von: Prof. Dr. Klaus BARTELS,
Klassischer Philologe und Publizist, Kilchberg bei Zürich
Honorarprofessor Dr. Karl-Wilhelm WEEBER, M.A., Professor für Alte Geschichte an der Universität Wuppertal, Lehrbeauftragter für die Didaktik der Alten Sprachen an der Ruhr-Universität Bochum
o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz TÖCHTERLE, Bundesminister für Wissenschaft und Forschung
Im Anschluss: Podiumsdiskussion
Durch den Abend führt:
ORF-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher

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Auch die Hermes-Leute werden eingeladen sich zu dieser Veranstaltung anzumelden und einzufinden (U.A.w.g. bis 10. Mai 2013).