τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 25. Februar 2013

Wo kommen die Ideen her?

Philosophisches Café am 23. Februar 2013 mit den Herren Zeidler und Gabriel.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Was ist eine Idee, und wie erhält man sie? Es falle schwer, ohne Platon zum Thema Stellung zu beziehen – aber zunächst wird es  nicht um die sogenannten platonischen Ideen, sondern eher um Ideen im Sinne eines Einfalls oder eines gewichtigen Gedankens gehen. Zwei Beispiele: Kekulé träumte nachts von einer Schlange und hatte am Morgen die Idee für das Modell des Benzolrings; Archimedes saß in der Badewanne, spielte mit Seife und Seifenschale und dabei kam ihm die Idee für die Formel zur Berechnung des spezifischen Gewichts.

Ideen sind ein Mittel zur menschlichen Lebensführung, sie tauchen auf, um Probleme zu bewältigen – in vielen Stresssituationen tendiert man jedoch dazu Gewohntes zu wiederholen: Ist Gelassenheit die Voraussetzung für Neues? Oder eher Extrembedingungen, Notfälle, Zwangslagen? Welche Ideen werden weiterverfolgt oder unterstützt, welche fallengelassen? Es scheint gute und schlechte, ja sogar böse Ideen zu geben. Inwieweit ist eigentlich jede Idee ein Plagiat? Fast alles was wir denken, hat wohl schon irgendwann jemand anderes gedacht.

Die psychologisch-evolutionäre Herleitung einer Idee scheint eine schwierige bis sinnlose Frage, da die Idee von der Frage nach der Idee schon dagewesen sein musste, bevor jemand fragen konnte, wo sie herkam. Ist die Idee etwas, das nur im Kopf existiert, ein aus Erfahrung gewonnener Geistesblitz, oder das Bleibende, dahinterliegende? Wir nähern uns nun doch Platon an und fragen sokratisch: Was ist das aber, eine Idee? Aus neuzeitlicher Sicht, seit Descartes liegt die Idee auf der in der bisherigen Diskussion verfolgten Linie: Vorstellung, Einfall, Leitbild, Programm, Bewusstseinsinhalt. Bei Platon ist die Idee der Begriff der Sache selbst. Der tapfere Mensch, oder die fromme Handlung sind hiesige Vertreter der Tapferkeit, der Frömmigkeit an sich. Alles was irgendwoher kommt, kommt aus den Ideen, weil die Ideen auch das Sein verleihen. Für Aristoteles, der Platon hier eine „Verdoppelung“ der Dinge vorwirft, sind die Ideen in den einzelnen Dingen präsent, im konkreten Einzelnen, das ebenso konkretes Allgemeines repräsentiert. Der Mensch Sokrates ist einzig und konkret und gehört der Gattung Menschheit an.

Es stellt sich das Lokalisierungsproblem (vgl. Universalienstreit): die Frage ob die Ideen, bzw. Begriffe im Jenseits, in den Dingen oder im menschlichen Geist zu finden seien. Konkret auf die Idee als Einfall bezogen: woher empfange ich sie, „von oben“, durch einen Sinnesreiz, oder aus der Seele? Künstler und Kreative werden befragt, woher sie ihre Ideen nehmen, es wird überlegt, wie Dostojevski dazu kam Die Brüder Karamasow nierderzuschreiben, oder woraus Schubert die Musik für seine Sinfonie in c-Moll schöpfte? Wer von sich behauptet, Urheber oder Besitzer einer Idee zu sein, vermittelt damit einen gewissen Anspruch, an etwas Wesentlichem teilzuhaben, in Richtung der platonischen Unvergänglichkeit ... vielleicht sogar etwas Ewiges geschaffen zu haben.

Das Insistieren auf einem Ort führt zu Problemen. Wahrnehmbar sind Ideen als „Begriffe, die motivierende Kraft haben“. Die Frage nach dem Woher stellt sich nicht wirklich, sondern die Frage nach ihrer Wirksamkeit im Täter oder im Akteur und wie sie sich dann weitervermitteln, miteinander in Beziehung treten.

Noch ein paar spirituelle Fragen: Hat Gott die Ideen geschaffen oder hat er auf einen Bestand schon existierender Ideen zurückgegriffen? Nach Augustinus sind die Ideen die Gedanken Gottes vor der Schöpfung. Was sind die Empfangsbedingungen für Ideen? Bestehen Ideen in der Teilhabe im Kontakt mit den obersten Ideen? Wenn unsere Erkenntnis begrenzt ist, dann muss es noch etwas geben, das „außen“ ist. Man kann sich auch fragen: „Bin ich selber eine Idee?“

Nach Platon empfinden wir Glück im Anschauen der höchsten Ideen, des reinen Seins. Die höchste Idee ist das Gute. Das Gute ist wie die Sonne im Sonnengleichnis, die durch ihr Licht den Dingen erst Sichtbarkeit verleiht, sie wachsen lässt. Mehr als Sein. Was soll das aber sein? Überfließendes Sein. In der asiatischen Tradition wird das überfließende Sein mit dem Nichts assoziiert. Unsere Tradition insistiert tendenziell eher auf dem Sein. Dennoch liefert uns das einen Hinweis: Zum Empfang großer Ideen oder für deren Verkörperung, scheint eine gewisse Leere Vorbedingung zu sein.

Nicola Schößler