τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ ... νοεῖν.

Das Wahrnehmen nun ist ähnlich dem ... vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 4. Februar 2013

Zur Ökonomie von Gut und Böse


Zwei Monate nach seinen beiden Auftritten auf der Berliner Schuld-Schulden-Bonds-Konferenz (siehe Berliner Protokoll vom 12. Dezember 2012) wird Tomáš Sedláček im Standard vorgestellt. Sein Buch Die Ökonomie von Gut und Böse wurde zum internationalen Bestseller; die dramatisierende Aufführung seiner Thesen durch die Prager Theatergruppe LiSTOVáni (an der er oft selber mitwirkt) hat weltweit Erfolg.

Am 12. Dezember zitierte ich ihn mit der Aussage, er lese ökonomische Bücher religiös und religiöse Bücher ökonomisch. Diese Selbstauskunft könnte in der Richtung „verallgemeinerte Ökonomie“ (Georges Bataille) verstanden werden. Sein Buchtitel läßt sich so lesen, daß er die Ökonomie der Spannung von Gut und Böse unterordnet, womit eindeutig ein normativer Begriffsgegensatz gemeint ist, ein moralischer oder gar religiös aufgeladener. Ich erinnere mich daran, daß er auf der Bühne die Ökonomie unter den trivialeren Gegensatz von Gut und Schlecht gestellt hat – den jedermann, jeder Leser, jeder Konsument so verstehen kann, daß er fragen kann, welche Ökonomie ist für mich gut oder für mich schlecht? Damit sind wir im optativen Parameter, welchen Aristoteles für die Handwerkskünste (und abgeleitet davon auch für eventuelle Handwerkskunstlehren, die bereits zur Betriebswirtschaftslehre gehören) einführt. Wenn Sedláček der herrschenden Wirtschaftswissenschaft vorwirft, sie glaube bzw. predige den Glauben an „objektive“ ökonomische Gesetze, um bestimmte Interessen durchzusetzen, so operiert er formal „religionskritisch“ und führt die Ökonomie auf die optative Dimension zurück, die dem Sachbereich Ökonomie, der ein Praxisbereich ist (essen, kaufen, arbeiten, verkaufen, spekulieren ... wollen), innewohnt. Er kritisiert eine bestimmte und womöglich verdeckte Optativität oder gar Normativität, um ihr eine andere Optativität entgegensetzen, die sich natürlich auch zu einer Norm hochstilisieren läßt: gute Wirtschaft gegen böse Wirtschaft. Auf jeden Fall wird das wissenschaftliche Ideal der „Wertfreiheit“ (obwohl dieses in gewissem Sinn jeder Wissenschaft inhärent sein muss!) destruiert (ich würde sagen zurechtgestutzt oder zurechtgedreht).

Im Standard-Interview zeigt Sedláček, daß er diese verzwickte epistemologische Situation durchaus kennt. Auf die Aussage bzw. Frage „Sie glauben nicht an die wertfreie Ökonomie. Welche Werte würden sie ihr zuschreiben?“ antwortet er recht oxymorisch: „Zunächst einmal ist Wertfreiheit schon selbst ein großer Wert. Und wertfrei zu sein, ist sowieso unmöglich.“

Zweifellos wird hier das Wort „Wert“ nicht ganz univok gebraucht. Tatsächlich hat das Wortfeld „werten“, „wertvoll“ usw. wie wir schon festgestellt haben eine umfassende Bedeutung, die verschiedene optative und normative Dimensionen, moralische und andere, meinen kann; andererseits gehört das Wort „Wert“ in einem engeren Sinn ganz und gar dem Bereich der Ökonomie an: Gebrauchswert, Tauschwert, Entwertung, Aufwertung ... Dieses Wortfeld steht für die triviale ökonomische Optativität, eine bestimmte Art von „besser oder schlechter“.

Vielleicht wäre es angezeigt, dieses Vokabular auf den Bereich der Ökonomie einzuschränken und es nicht auf andere Bereiche loszulassen, wo es dann zu Unklarheiten oder Verwechslungen führt. Für andere Optativitäten (und wenns sein muß auch Normativitäten) empfehlen sich andere Wörter wie „wünschenswert“, „kostbar“, „notwendig“, „herrlich“, „verpflichtend“ ....  

Walter Seitter