Unsere erste Lektüre des Abschnitts 30 hat den bereits öfter aufgekommenen Eindruck bestätigt, dass sich das Buch V nicht nur durch eine eigenwillige Textstruktur sondern gelegentlich auch durch inhaltliche Einseitigkeit oder gar Extravaganz auszeichnet. Ich erinnere an den Abschnitt 27 über die Eigenschaft „verstümmelt“, eine extrem „akzidenzielle“ Eigenschaft, die jeweils auf einen Unfall zurückzuführen ist – und da wird sie in eine Reihe mit theoretischen Begriffen gehoben.
Die systematische Positionierung der Akzidenzien besteht in ihrer Unterordnung unter das Wesen und diese Unterordnung wird hier in allen vier Beispielen eher überspielt als betont. Das Akzidens „weiß“ wird dem Akzidens „musisch“ zugeordnet und die notwendig dazuzudenkende Substanz wird nur mit dem unbestimmten Personalpronomen „jemand“ notiert. Hier sieht es fast so aus, als würde ein Akzidens einem anderen zugeschrieben (was Aristoteles anderswo ausdrücklich verwirft: Met. IV, 1007b 2ff.). Andererseits wird das dem Dreieck zukommende Akzidens "Winkelsumme von 180°" als ebenso notwendig und ewig wie das Wesen des Dreiecks bezeichnet.
Und die beiden überraschenden Vorfälle – der Schatzfund im Garten und die Schiffsentführung, sie passieren zwar jemandem, aber der wird gar nicht substanziell oder essenziell definiert als derjenige, der über diesen Vorkommnissen steht. Er verschwindet eher unter ihrer Wucht und ihren eventuellen Folgen. Daher sehe ich eine Konvergenz zwischen diesen Beispiels-Ereignissen, aus denen sich eine Komödie oder sonst ein Drama entwickeln könnte, und der aristotelischen Tragödientheorie, in der Aristoteles selber seine Substanz-Akzidenzien-Ordnung explizit umwirft und die pragmata zu den Hauptakteuren erklärt (anstelle der Götter und Menschen).[1]
Michael-Thomas Liske hat in seinem Akzidens-Artikel diese Tendenz des aristotelischen Akzidens-Artikels bemerkt und sehr gut zum Ausdruck gebracht, wenn er schreibt: „Met. V 30 entwickelt einen Begriff des symbebekos, der zum Zufälligen zugespitzt ist ....“ und für so ein Akzidens gebe es keine bestimmte Ursache sondern eine zufällige (tychon), also wieder eine akzidenzielle.[2] Die Verkettung der Akzidenzien, pragmata oder tychonta, konstituiert laut Poetik die Handlung der Tragödie. Die wird von Aristoteles als ontologische Sonderzone ausgewiesen, in der eine revisionäre Ontologie erprobt wird. Ist die Literaturtheorie das Gebiet für diese Entfernung von einer Ontologie, die auf dem Boden einer Naturlehre erwachsen ist?
Weder der moderne noch der antike Artikel über das Akzidens erwähnen die schlichteste Systematisierung der Akzidenzien, welche in den Kategorien vorliegt, von denen neun eben die Akzidenzien benennen und gliedern: Qualität, Quantität, Relation usw. Mit dieser Kategorienlehre werden die Akzidenzien zu braven und folgsamen Trabanten der Substanz erklärt.
Doch der Abschnitt 30 des Buches V entfernt sich davon. Er spannt das Profil der aristotelischen Akzidenzienlehre in eine bestimmte Richtung aus, polarisiert es in einer bestimmten Richtung und trägt so insgesamt zu ihrer nicht einfachen Reichhaltigkeit bei. Ja er probt den „Aufstand“ der Akzidenzien gegen ihre schlichte Unterwerfung unter die Substanz.
----------------------
[1] Siehe Aristoteles: Poetik 1450a 15ff; Walter Seitter: Poetik lesen 1 (Berlin 2010): 97ff. In der modernen Ontologie dreht sich zwischen Substanz (Ding) und Ereignis der Streit um den ersten Platz ; siehe den bereits oft zitierten Uwe Meixner sowie H. Gutschmidt, A. Lang-Balestra, G. Segalerba (Hg.): Substantia – Sic et Non. Eine Geschichte des Substanzbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart in Einzelbeiträgen (Heusenstamm 2008): 445ff.
[2] Die aristotelische Ursachenlehre teilt sich in zwei Viererreihen: die wohlbestimmten Verursachungen vollziehen sich dank Natur oder Vernunft (Kunst), die unbestimmten im automaton oder in der tyche; und in jeder Verursachung wirken vier Ursachen zusammen: Stoff-, Form-, Wirk-, und Zielursache; siehe Physik II.
Walter Seitter
Sitzung vom 18. Jänner 2017
PS.:
Buchpräsentation
Helmuth Vetter:
Parmenides: Sein und Welt
Institut für Philosophie, Hörsaal 3D
Universitätsstr. 7, 1010 Wien
Donnerstag, 26. Jänner 2017 um 17 Uhr
τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.
Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.
Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)
* * *
Donnerstag, 19. Januar 2017
Donnerstag, 12. Januar 2017
In der Metaphysik lesen (Buch V (D), 1025a 14 - 35)
Das Buch V weist die sonderbare Form einer Auflistung von 30 Begriffen auf, die auf ziemlich gleichartige Weise analysiert, in ihrer Mehrdeutigkeit auseinandergelegt werden. Der letzte Abschnitt mit dem letzten Begriff ist dem Akzidens gewidmet – einem Hauptbegriff der aristotelischen Philosophie und gleichzeitig auch einem „letzten“, nämlich dem Gegenbegriff zum „Wesen“, insofern gerade einem „Nebenbegriff“, wenn man die Rangordnung in Betracht zieht. Begriffe, die rangmäßig obenan stehen, haben wir in den ersten Abschnitten angetroffen; seit geraumer Zeit, etwa seit der Nummer 10, haben wir es eher mit niedrigen Begriffen zu tun, die dem Akzidenziellen näherstehen – nun also genau der Begriff des Akzidens.
Zuerst eine logische Charakterisierung (gleichzeitig eine ontologische): A. ist das, „was an etwas vorhanden ist und wahrheitsgemäß ausgesagt werden kann aber nicht aufgrund von Notwendigkeit oder Häufigkeit“. Bernd Schmeikal weist darauf hin, dass logische Modalität und mathematisierbare Wahrscheinlichkeit unterschieden werden müssen – aber hier scheint Aristoteles die Wahrscheinlichkeit in die Modalitäten einzugliedern (explizit hat er das in der Poetik getan). Akzidenzielles hat einen niedrigen Wahrscheinlichkeitsgrad. Das ist offensichtlich beim zufälligen Schatzfund, der zwar als Glücksfall erlebt werden kann, zunächst aber ist er ein Störfall bei der Gartenarbeit. Zweites Beispiel das Zusammentreffen von Gebildetheit und weißer Hautfarbe (sofern diese, also die Hautfarbe der Europäer, gemeint ist). Wenn Aristoteles diese beiden Beispiele formal also wahrscheinlichkeitsmathematisch gleichschalten würde, hieße das, dass er das Bildungsniveau der Europäer eher gering veranschlägt. Aber auch das Bildungsniveau der feinen Leute, die ihre vornehme Blässe bewahren, weil sich nicht als Hirten oder Bauern verdingen müssen. Auch das dritte Beispiel für diese Art von Akzidenzialität geht in Richtung Unwahrscheinlichkeit, da es geradezu einen Verkehrsunfall evoziert: der Reisende, den ein Sturm oder ein Raubüberfall nach Ägina verschleppt hat.
In allen drei Beispielen nennt Aristoteles denjenigen, „an dem“ das Akzidens vorkommt: den Gartenarbeiter, den Musischen, den Reisenden. Doch setzt er dafür nirgends den Kategorien-Begriff ein, der in der aristotelischen Systematik dafür zuständig ist: ousia, Substanz.
Diese drei Beispiele stehen für den ersten Typ von Akzidens: dasjenige, was nur zufällig an etwas vorkommt.
Der zweite Typ von Akzidens kommt ebenfalls an etwas vor – aber notwendig und ewig. Wie die Winkelsumme von zwei rechten am Dreieck. Wieso aber dann Akzidens? Weil sie nicht in seinem Wesen enthalten ist, da das Dreieck auch ohne sie konstruiert werden kann – allerdings stellt sie sich dann notwendig ein: notwendiges oder eigentümliches Akzidens. Ewiges Akzidens (wohlgemerkt eine nicht-religiöse Ewigkeit). Ein sehr wesensnahes Akzidens, für unsere Vorstellung eigentlich schon eine wesentliche Eigenschaft. Doch die moderne Mathematik hat auch Dreiecke mit anderen Winkelsummen erdacht und insofern den Begriff des „notwendigen Akzidens“ plausibel gemacht...
Dieser „Lexikon-Eintrag“ zum Akzidens kann als aristotelisch gelten, selbst wenn sich seine Redaktion über den Tod des Aristoteles hinaus erstreckt hat, etwa gar bis ins 1. Jahrhundert vor Christus, in welchem nach allgemeiner Auffassung Andronikos von Rhodos die Schlußredaktion der heute erhaltenen Schriften vornahm. Ein Vergleich mit dem Akzidens-Artikel in Ottfried Höffes Aristoteles Lexikon (Stuttgart 2005) zeigt, dass da die Systematik rund um den Begriff viel besser ausgearbeitet ist. Aber selbst dieser Beitrag erwähnt überhaupt nicht die sachliche Gliederung des Akzidens-Begriffs, wie sie durch neun der zehn Kategorien geleistet wird.
Das Buch V erweist sich als ein Textstück, welches zentrale Begriffe der aristotelischen Philosophie in einer Weise ordnet, die eher auf eine Entsystematisierung hinausläuft und unterschiedliche Anschlußmöglichkeiten eröffnet.
Zu den Akzidenzien habe ich gelegentlich noch weitere Fragen beziehungsweise Gesichtspunkte entwickelt. So die Frage, ob nicht auch zufällige akzidenzielle Eigenschaften insofern an Notwendigkeiten hängen, als die jeweiligen Parameter wie etwa Ort oder Zeit oder Farbe (Qualität) den jeweiligen Wesen, also den natürlichen Körpern, notwendig zukommen. Eine derartige Erörterung findet sich in dem Mail-Verkehr zwischen Wilhelm Schwabe und mir, abgedruckt unter dem Titel „Platon, Aristoteles“, in Sehen und Sagen. Für Walter Seitter (Wien 2017): 166ff. Und in Poetik lesen 2 (Berlin 2014) wird gezeigt, wie Aristoteles selber die Dominanz der Substanzen gegenüber den Akzidenzien relativiert und diese zu den Hauptakteuren erklärt.
Walter Seitter
Sitzung vom 11. Jänner 2017
Donnerstag, 20. Oktober 2016
In der Metaphyik lesen (Buch I bis V)
Da unser
Aristoteles-Seminar bis zum Jahresende 2016 eine Pause einlegt, machen wir
heute eine „Zwischensitzung“ und versuchen eine Bilanz über die Lektüre der Metaphysik,
Buch I bis V, zu ziehen.
Um diesem
Resumé eine gewisse Exaktheit zu verleihen, möchte ich nicht nur eine
„Inhaltsangabe“ machen, sondern auch formale Aspekte einbeziehen.
Solche sind:
Textform (z.
B. Abhandlung, Dialog, Liste, Geschichtserzählung, Hymnus, Aphorismus)
Textduktus,
Vorgangsweise, Operation (Beschreibung, Kritik, Gründung, Beweisführung)
Was an den
Büchern I bis V auffällt, ist, dass sie sehr unterschiedlich gebaut sind –
gerade hinsichtlich der eben genannten Kategorien.
Buch I liefert
in Abschnitt 1 und 2 eine sorgfältige Konstruktion des Begriffs einer irgendwie
neuen und daher gesuchten Wissenschaft, die sich an der Weisheit orientiert und
auch schon Hinweise auf die Entstehung dieser Wissenschaft gibt. Die Abschnitte
3 bis 10 bieten eine gegliederte Historie und Kritik der bisherigen Versuche zu
dieser Wissenschaft: Wissenschaft von den allgemeinen und höchsten Prinzipien
und Ursachen – oder Philosophie.
Buch II fügt
einige systematische Aspekte dazu, so den Begriff der Wahrheit.
Buch III führt
den erkennntispsychologischen Begriff der Aporie ein. Nennt dann 14 Aporien,
die sich um Prinzipien und Ursachen, Wesen und Akzidenzien drehen, und
behandelt alle 14 in jeweils kurzen Abhandlungen – sodaß die Textform der Liste
zweimal zum Zug kommt.
Buch IV
vollzieht in Abschnitt 1 und 2 ganz explizit den Gründungsakt einer
betrachtenden Wissenschaft vom Seienden als Seienden, d. h. von den Modalitäten
des Seins. In Abschnitt 3 bis 8 indirekte Beweisführung für das allgemeinste
Axiom, das inhaltlich mit den Abschnitten davor zusammenhängt, aber prozedural
anders geartet ist.
Buch V hat die
Form eines Lexikons: 30 Begriffe, die teilweise in I und IV schon vorgekommen
sind, teilweise engere Spezifizierungen darstellen, werden in ziemlich
gleichförmiger Weise analysiert: und zwar nach dem Vorbild aus Buch IV: n wird
in vielfältiger Weise ausgesagt, n bedeutet einerseits dies, andererseits das
... Bei diesen Analysen handelt es sich um Operationen. Führt man einen Begriff
wie „Operation“ für das Sprechen von Aristoteles ein, so erhöht man schlagartig
die Klarheit dieses Sprechens. Denn man sagt, was man bei ihm sieht.
Das Buch, das
wir lesen, heißt seit dem 1. Jahrhundert vor Christus Metaphysik; im 17.
Jahrhunderte entstand die Disziplinbezeichnung „Ontologie“. Wie können wir die
beiden Begriffe inhaltlich unterscheiden und wie auf die Bücher I bis V
verteilen? Buch I, wo Anthropologie, Kosmologie, Theologie angeschnitten
werden, kann man der Metaphysik zuordnen, obwohl dieser Begriff in vielfacher
Weise aufgeladen, auch verzerrt worden ist. Die reinste Zuordnung lässt sich
meines Erachtens mit dem Begriff „Ontologie“ vornehmen: und zwar in erster
Linie zu Abschnitt 1 und 2 von Buch IV.
Das Buch V mit
seinen 30 Begriffsanalysen lässt sich ebenfalls der Ontologie zuordnen, in
manchen Punkten aber auch der Physik, in manchen der Logik oder der Ethik.
Frage, ob sich
die Bezeichnung „Ontologie“ heute noch sinnvoll bzw. „nützlich“, d. h. mit
Klarheit und Deutlichkeit verwenden lässt. Sophia Panteliadou ist eher
skeptisch. Gianluigi Segalerba hält die Bezeichnung für verwendbar, setzt sie
auch in seinen Schriften ein. Eine mögliche Alternative sieht er in
„Entitätenlehre“ – der Vorteil dieses Ausdrucks liegt in der Pluralform
„Entitäten“.
Tatsache ist,
dass die Bezeichnung „Ontologie“ im aristotelischen Sinn heute nicht nur in der
Aristoteles-Forschung, sondern auch bei anderen Philosophen im Gebrauch ist, so
etwa bei Analytischen Philosophen. „Ontologie“ tendiert zu neutralen
Bedeutungen, weniger zum Guten oder zum Göttlichen. Diese Sachverhalte haben
eher in der „Metaphysik“ ihren Platz.
Walter Seitter
Sitzung vom 19. Oktober 2016
Mittwoch, 28. September 2016
Mit Lust erkennen
Rezension von Walter Seitter zu
Arbogast Schmitt
Wie aufgeklärt ist die Vernunft der
Aufklärung? Eine Kritik aus aristotelischer Sicht
472 S., geb., € 43,20 (Universitätsverlag Winter, Heidelberg)
http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/5083079/Mit-Lust-erkennen
Arbogast Schmitt
Wie aufgeklärt ist die Vernunft der
Aufklärung? Eine Kritik aus aristotelischer Sicht
472 S., geb., € 43,20 (Universitätsverlag Winter, Heidelberg)
http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/5083079/Mit-Lust-erkennen
Mittwoch, 29. Juni 2016
In der Metaphysik lesen (1024b 27 – 38)
Beinahe ebenso
befremdlich wie die Rede von „falschen“ Sachen erscheint die Rede von
„falschen“ Begriffen. Aristoteles muß denn auch eine Verrenkung anstellen, um
diesen Sprachgebrauch zu rechtfertigen: „Daher ist jeder Begriff falsch für
etwas anderes als wofür er wahr ist.“ (1024 b 28) – wie etwa der Begriff des
Kreises für das Dreieck falsch ist.
Für jedes
Einzelding gibt es eigentlich nur einen wahren Begriff: den Wesensbegriff; aber
dann doch noch viele andere Begriffe – nämlich die dem Ding zukommenden
Affektionen oder Akzidenzien. Für Sokrates also: „Mensch“ und „gebildet“; diese
möglichen zusätzlichen Begriffe sind zahlenmäßig nicht begrenzt.
In diesem
Zusammenhang wendet sich Aristoteles gegen den Philosophen Antisthenes, einen
Sokrates-Schüler, der von 445 bis 365 gelebt hat und ein Begründer der
Kynischen Schule gewesen ist. Er soll gemeint haben, auf jedes Einzelne könne
nur ein einziger Begriff angewendet werden, nämlich der für es eigentümliche.
Damit werden Begriffe im präzisen des Wortes, nämlich Allgemeinbegriffe,
ausgeschlossen und eigentlich nur Namen, nämlich Eigennamen, zugelassen. Die
weittragende Konsequenz einer solchen „Begriffspolitik“: so wird Widerrede
unmöglich und beinahe auch die Falschrede.
Innerhalb
eines solchen Systems könnten wir von Gesche nur sagen: „Gesche ist Gesche“.
Nicht aber „Gesche ist Malerin“ – was ihr Gelegenheit gäbe zu, sagen „Nein, ich
bin Maler“.
Anscheinend
bedarf es eines so berühmten Buches wie der Metaphysik und eines so berühmten
wie auch verfemten Autors wie Aristoteles, dass eine banale linguistisch-logische
Unterscheidung wie die zwischen Begriff und Name in Erinnerung gerufen, nein
überhaupt bekannt gemacht wird. Ist das etwa eine „metaphysische“
Unterscheidung? Auf jeden Fall eine sehr wichtige und ohne die – jedenfalls
praktische - Kenntnis dieser Unterscheidung kann man eigentlich in keiner
Sprache mitreden, weder auf Deutsch noch sonst wie.
Mit seiner
Kritik an Antisthenes plädiert Aristoteles für die Möglichkeit der Widerrede
und sogar für die Möglichkeit der Falschrede?
Ist er nun
etwa auf die Seite der Protestler übergelaufen, die irgendetwas sagen dürfen
möchten, weil man wird doch noch dies oder das sagen dürfen?
Oder gab es da
nicht im Buch IV den sogenannten „Satz vom Widerspruch“, eigentlich „Satz vom
ausgeschlossenen Widerspruch“? Was sollte da ausgeschlossen werden?
Und jetzt hält
ausgerechnet der seriöse Philosoph Aristoteles dem Protestphilosophen
Antisthenes vor, er mache mit seiner „Logik“ Widerrede und fast auch Falschrede
unmöglich.
Wieso tritt
Aristoteles für die Möglichkeit der Widerrede und sogar der Falschrede
ein?
Weil nur unter
diesen Bedingungen die Möglichkeit, wohlgemerkt nur die Möglichkeit, zu
Wahrrede (véridiction) aufrechterhalten bleibt. Irgendwo sagt das auch Lacan
(denn der sagt ziemlich oft irgendetwas Wahres). Aber dank dem netten
Antisthenes sagt es – allerdings sehr komprimiert – bereits Aristoteles.
Bekanntlich
hat jedes Ding, jedes Wesen, jeder Sachverhalt und jedes Ereignis die Pflicht,
zu etwas gut zu sein.
Wenn das Metaphysik-Lesen
dazu gut ist, irgendjemanden auf die Unterscheidung zwischen Namen und Begriff
– mitsamt den Konsequenzen – aufmerksam zu machen, dann ist es schon zu etwas
gut.
Und was den
„Satz vom Widerspruch“ anlangt, so wird über den auch noch Klarheit hergestellt
werden.
In diesem
Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Sommer.
Nächste
Sitzung am 12. Oktober 2016
Walter Seitter
Sitzung vom 29. Juni 2016
Abonnieren
Posts (Atom)