τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Mittwoch, 10. Dezember 2025

De Anima / Peri psyches lesen 29 – (422b 17 - 423b 7)



Protokoll vom 26. November 2025



Nach dem Verlesen des Protokolls vom 12.11.2025 haben wir lange über die verschiedenen Wahrnehmungsebenen diskutiert, die im Kapitel 10 thematisiert werden.

Es wurde über die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem debattiert sowie darüber, ob die Wahrnehmung von den Objekten, die wahrgenommen werden, abhängig ist – wie es von Aristoteles behauptet wird – oder doch von den wahrnehmenden Lebewesen.

Die Dinge werden (bei Aristoteles) sozusagen von sich aus wahrgenommen, d.h., die Wahrnehmung ist vom außenkommenden Ding abhängig und wird nicht (wie heute) intentional aufgefasst. Die Soziologie, zum Beispiel, bezieht sich – wie Manfred Russo betont – vor allem auf die ‚Intention‘ der Wahrnehmenden.

In diesem Kontext haben wir uns auch mit Fragen über den Begriff der Distanz, über das ‚Innen‘ und ‚Außen‘ und das ‚Wie‘ Distanz beschaffen sein muss bzw. kann, auseinandergesetzt – diese hängt vom Wahrnehmungssinn ab. ‚Licht’ ist beispielsweise das Dazwischenliegende beim Sehen.

(Wie im letzten Protokoll erwähnt wurde, vertritt Aristoteles die These, daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß – durch etwas jeweils Bestimmtes: beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft).

Walter Seitter hebt den Aspekt der Kategorienaufzählung hervor. Aristoteles zählt die Qualitäten auf: Schmeck- Riechqualität / scharf, ölig, etc. Geschmack ist in diesem Zusammenhang ein abstrakter Begriff und Schmeckqualitäten sind höhere Abstraktionsstufen.

Diskussion:

K. Bruckschwaiger: „Beim Schmecken kommt die eigene Intention dazu“.

S. Panteliadou: „Die Fähigkeit des Schmeckens, also die Schmeckqualität ist die Voraussetzung dafür“.



Walter Seitter stellt daraufhin die Frage, ob diese Betrachtungsweise in die Philosophiegeschichte eingegangen sei.

Karl Bruckschwaiger stellt fest, dass dies im ‚Sensualismus‘ zu finden sei und verweist ebenfalls auf das 12. Buch der Metaphysik und den Bezug auf die ‚pure Lust‘ und das ‚Genießen‘.

Das Verbinden von Abstraktion mit den konkreten Formen der Wahrnehmung (z.B. das Prinzip der ‚Entelecheia‘ mit dem ‚Wie die Dinge bewegt werden‘) wird von M. Russo als herausragend charakterisiert, ein Gedanke, dem alle Anwesenden ebenfalls zustimmen.

Nach der ausführlichen Besprechung des Geschmacksinns gingen wir zur Lektüre des 11. Kapitels des II. Buches (422b 17) über.

Darin handelt es sich um den Tastsinn, beziehungsweise wie es bei Thomas Buchheims Übersetzung heißt, es geht um die Rede von der Berührung und dem Berührbaren.

Aristoteles fragt zunächst, ob alles, was über das Berührbare (Ding) gesagt wird, auch für die Wahrnehmung der Berührung gilt, nämlich, ob die Wahrnehmungen des Tastens mehrere sind.

Denn in Bezug auf die ‚Berührung’ gibt es eine Schwierigkeit betreffend die Fähigkeit des Berührens und das Organ, womit berührt werden kann. Aristoteles geht anfangs davon aus, dass das ursprüngliche Organ etwas sei, das sich im Fleisch befindet. Was könnte dies aber sein? Ist damit das Fleisch als Organ oder das Fleisch als Medium gemeint?

Diese Frage wird von Aristoteles selbst einige Zeilen danach (422b 23) beantwortet. Da heißt, dass jede Wahrnehmung sich auf einen Gegensatz zu beziehen scheint: das Sehen bezieht sich auf das Weiße und das Schwarze, das Hören auf die Höhe und Tiefe und der Geschmackssinn bezieht sich auf das Schmecken des Bitteren und Süßen.

Hierzu wurde bei unserer Diskussion die Feindifferenzierung zwischen ‚laut‘ und ‚leise‘ bzw. die topologisch innere Struktur beim Hören erwähnt und bezüglich des Sehens wurde auf Goethes Farbenlehre und die Komplementärfarben (Rot-Grün, Blau-Orange) verwiesen.

Wie verhält es sich aber bei der Wahrnehmung der ‚Berührung’? Aristoteles betont an dieser Stelle, dass im Unterschied zum Sehen oder Hören in Bezug auf das Berührbare mehrere Gegensätze existieren, wie beispielsweise: warm-kalt, trocken-feucht, hart-weich u.a.. Eine zusätzliche Qualität, welche die Wahrnehmung der ‚Berührung‘ auszeichnet, finden wir in der aristotelischen Schrift „Über Werden und Vergehen" / „De generatione et corruptione“; da stellt der Philosoph fest, dass erst durch die ‚Berührung‘ ein Wirken (poiein) oder ein Leiden (paschein) möglich sei. (322b 22-24).

Die Grundfrage in der aktuellen Lektüre lautet jedoch, „was ist beim Vermögen des Berührens das Eine, welches dies ermöglicht?“ (vgl., 422b 33). Die Frage, ob das Wahrnehmungsorgan, bei der Berührung, sich im Inneren des Fleisches befindet – sozusagen zwischen Knochen und Haut – oder außerhalb desselben bzw. direkt das Fleisch ist, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.

Auch dann, wenn ein Teil des Körpers durch eine künstlich angefertigte Haut umspannt wäre, würde die Wahrnehmung der Berührung unsichtbar bleiben – sagt

Aristoteles –, im Unterschied zu den Sinnen des Sehens, des Hörens, des Riechens, bei welchen ersichtlich ist, dass es sich um einen Wahrnehmungssinn handelt.


Aus dieser hypothetischen Annahme wird gefolgert, dass das Fleisch in diesem Fall nur das Medium sein müsste; die Fragestellung somit in Bezug auf die Berührung selbst bleibt im Moment unklar (423a 11-12) – d.h. ob mehrere Wahrnehmungen mit dem Begriff Berührung bezeichnet werden können oder nicht.

Ein beseelter Körper kann nach Aristoteles nur etwas Festes sein und nicht allein aus Luft oder Wasser bestehen – alle Körper sind Mischungen bestehend aus den vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Daraus schlussfolgert Aristoteles, dass der Körper notwendigerweise das Dazwischen (to metaxy) – das Medium – für die Fähigkeit des Berührens sein muss, denn er ist physisch mit den Organen verbunden, die für die Funktionen der Berührung zuständig sind. Dass das Wahrnehmungsorgan mehrere Funktionen haben kann, wird deutlich anhand des Beispiels „Zunge“ – mit der Zunge kann man schmecken und berühren –, aber nicht umgekehrt.

Die Funktion der Umkehrung ist hier wesentlich, denn daraus ergibt sich, dass die zweifache Fähigkeit nicht bei allen Organen vorhanden ist. Und, dass, damit solch eine Wahrnehmung erfahrbar ist, nicht allein das Zusammentreffen des wahrnehmbaren Gegenstands mit dem Wahrnehmungsorgan vorweg bedingend dafür ist, sondern dabei ebenso das Dazwischen notwendig ist, das Medium. Für den Tastsinn oder die Wahrnehmung der Berührung ist das Medium (vielleicht) das Fleisch.

Die Formulierung der folgenden Aporie stellt uns vor dem nächsten Problem: Ist es möglich, dass sich zwei Körper berühren, die sich im Wasser befinden? Dies ist nach Aristoteles unmöglich; und das Gleiche gilt auch im Falle der Luft. Denn, genauso wie es nicht leicht erkennbar ist, dass, wenn ein nasser Körper im Wasser sich mit einem anderen nassen Körper berührt, dazwischen – zwischen den zwei Körpern – sich etwas Anderes befindet, ebenso nimmt man dieses Dazwischen auch bei den anderen Sinnen (oder beim Element Luft) nicht leicht oder notwendigerweise wahr.

Die Härte zum Beispiel oder das Weiche bei einem Gegenstand können wir auch mittels eines anderen Dings empfinden / wahrnehmen, z.B. durch einen Stoff hindurch. Das Laute, das Sichtbare und das Riechbare nehmen wir aber aus einer Entfernung wahr und deswegen bleibt das dazwischen-Liegende unbemerkt.

In Wirklichkeit, stellt Aristoteles hier schlussfolgernd fest, nehmen wir alles nur durch ein Medium wahr (aisthanometha ge πάντων dia tou mesou / 423b 7), auch wenn wir dies nicht immer merken.



Sophia Panteliadou

Mittwoch, 19. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen 28 - (422a 8 - 422b 17)

 

Protokoll  vom 12. November  2025.


Heute nimmt zum ersten Mal Manfred Russo an unserer Sitzung teil .


Wir lesen das Kapitel 10  des Zweiten Buches.

Aristoteles  handelt von den verschiedenen Wahrnehmungssinnen.

Das Wahrnehmen bildet neben der Ernährung, dem Streben, der Ortsbewegung und dem Denken eine der wichtigen Leistungen der Seele  bzw. der Lebewesen.  Während durch die  Ernährung fremde Körper in den eigenen Körper  aufgenommen werden, wird durch die Zeugung ein gleichartiger aber neuer Körper geschaffen und in die Welt gesetzt. Beim Menschen wie auch bei anderen Lebewesen kommt zum Zeugen das Gebären dazu, das von den weiblichen Exemplaren der Spezies durchzuführen ist. Darüber  vorgestern der Vortrag von Irini Athanassakis in der Weinhandlung.


 In der Antike dürfte das Zeugen allein den Männern zugeschrieben worden sein. Nach heutiger Auffassung wird das Zeugen von den beiden Geschlechtern strikt gleichzeitig nämlich miteinander durchgeführt. 

   Was nun das Wahrnehmen betrifft, so wird es  von Aristoteles dahingehend charakterisiert,   daß es im Unterschied zum Denken nicht bei einem selbst liegt. Denn wahrgenommen werden einzelne und äußere Dinge (siehe 417b - 28).

Die Wahrnehmung kann  ihre Tätigkeit nicht selber initiieren - sie ist darauf angewiesen, daß ihr Objekte aus einem Außen zufallen.

Dieses Außen hat den Aspekt  der Kontingenz aber auch den der räumlichen Distanz.

    

Nach dem Sehen hat Aristoteles vom Hören gehandelt. Beide sind Fernsinne und da stellt sich die Frage, wie die Distanz zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem beschaffen sein muß oder kann. 

Aristoteles vertritt die interessante These,  daß die Distanz durch etwas Dazwischen-Liegendes ausgefüllt sein muß - allerdings durch etwas jeweils sehr Bestimmtes:  beim Sehen durch das Licht, beim Hören durch die Luft.  Diese nun bezeichnet Aristoteles als „Zwischen“  - wofür sich dann  „Medium“  durchgesetzt hat. 

Beim  Tasten und beim Schmecken hingegen ist "kein fremder Körper als Medium" anzunehmen.    Einige Zeilen später heißt es dann. das Schmecken geschehe  nicht durch das Medium, besser gesagt  "nicht durch das Zwischen“.  

Tatsächlich geschieht es durch das Fleisch, nämlich durch das eigene Fleisch des Wahrnehmenden, am besten durch weiches Fleisch, wo das Wahrgenommene mit Feuchtigkeit vermischt wird.

Sodann überlegt Aristoteles,   ob sich  die einzelnen Sinne auch zum  jeweils Unwahrnehmbaren verhalten.  

Er bejaht die Frage,  muß aber dann so paradoxe Feststellungen machen wie: 

das Sehen bezieht sich auf das Sichtbare und auf das Unsichtbare - die Finsternis ist zwar unsichtbar, aber auch sie wird vom Sehen erkannt und ähnlich aber anders das allzu Helle. 

Dabei handelt es sich nicht um schlechthin Unsichtbares - sondern um Unsichtbares, das entsteht, weil bestimmte Umstände eintreten, die die Lichtverhältnisse verändern,  wodurch das Sehen beeinträchtigt  oder unmöglich gemacht wird.

(Viel banaler die Unsichtbarkeit von Dingen, die von anderen verdeckt werden; die Unsichtbarkeit von allen Körperinneren von Festköpern; die Unsichtbarkeit aller Dinge, die weit entfernt sind (zum Beispiel im Nachbarzimmer)).

Aristoteles hebt die Sache auf die logische Ebene, unterscheidet zwischen dem Unmöglichen überhaupt und verschiedenen spezifischen Unmöglichkeiten oder Unfähigkeiten - etwa bei denen, die „fußlos“ sind oder bei solchen, die „kernlos“  sind.

Irgendwo hat Aristoteles von „kernlosen Trauben“ geschrieben und damit solche gemeint, denen die Kerne fehlen, welche ja zur Fortpflanzung dieser Pflanzen notwendig sind.


Der Begriff, mit dem Aristoteles derartige Phänomene gefaßt hat, ist derjenige der „steresis“ oder der „Privation“: da fehlt einer Sache etwas, was normalerweise zu ihr gehört.  Wenn einer Sache, etwa einem Lebewesen,  bestimmte Teile, etwa  der Kopf oder das Herz,  fehlen würden,  dann würde die „Beraubung“ in „Vernichtung“ übergehen.  Dazu der Abschnitt 27 über „verstümmelt“ im Buch V der Metaphysik  (kursiv) .


Analog verhält es sich  beim Schmeckbaren und beim Nicht-Schmeckbaren. Etwas Schmeckbares kann nicht-schmeckbar werden,  wenn das Schmeckorgan, also die Zunge, durch Krankheit  verändert ist. 

Aristoteles nennt so  verschiedene Schmeckqualitäten wie süß, ölig, bitter, salzig, scharf, herb, sauer, stechend.  Diese Qualitäten  liegen im Schmecksinn nur der Möglichkeit nach. Zur vollendeten Wirklichkeit werden sie erst durch die Wirkung der  Schmeckbaren gebracht. 


Da fügt  Aristoteles zwei weit auseinander liegende Wörter so zusammen, daß die Begriffe sich überlagern:

das Poietische und die Entelecheia.

Im Vollzug einer Schmeckwahrnehmung  sind zwei Aktionssubjekte  auf ganz unterschiedliche Weise aktiv und erfolgreich:  das essende Kind und die wohlschmeckende  Banane.

Die wohlschmeckende Banane entfaltet ihre süßen Geschmacksnuancen erst im Mund des schmeckend-genießenden Kindes.  Das Kind genießt die Banane erst dann so richtig, wenn diese im Mund angekommen ist. Sie ist etwas Eigenständiges und Äußerliches - sie kommt von weit her.  

Zum Gesamtvorgang gehört auch eine große geographische Distanz, die mit anderen Medien bewältigt worden sein muß - außerhalb der eigenkörperlichen Medien im Mund des Kindes. 

Im schmeckenden Kind und in der schmeckenden Banane kommt eine Dimension des Kosmos zum Vollzug. 

Und zu dem gehören auch die Wörter, die ich hier Aristoteles folgend herschreibe - sowie auch irgendwelche Worte, die das essende Kind mit den Menschen in seiner Umgebung austauscht und mit denen es mitteilen will, wie sehr ihm die Banane schmeckt. 

Auch die Worte sind Medien, die zwischen den auseinander liegenden Akteuren agieren, damit die zusammenkommen. 

Wenn wir in Bezug auf Aristoteles das Wort „Medien“ verwenden,  dann schieben wir ihn in eine moderne Problematik ein.  

Mittwoch, 12. November 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 27 ( 421a, 8 – 422a, 7)


Mittwoch, den 29. Oktober 2025


Beim Verlesen des Protokolls der vorigen Sitzung kommt es zu verschiedenen Einwürfen und Assoziationen, wie etwa bei dem Bild einer Göttin im Buch „Aristoteles betrachten und besprechen“ Bd.2 von Walter Seitter wird von Rudolf Kohoutek der Vermouth von Renate Ganser und Elisabeth Samsonow mit dem Produktnamen „Göttinnen“ ins Gespräch gebracht und dessen Verkostung erwähnt. Ich selbst muss erwähnen, dass der Zeitpunkt der Redigierung der aristotelischen Text im 1. Jahrhundert vor Chr. zugleich der Beginn eines regelrechten Buchmarktes war und auch der Beginn von Kopierwerkstätten.

Walter Seitter wollte auf die seltene Erwähnung des Dialektikers als einen möglichen Zuständigen für die Seelenregung des Zorns hinweisen, die im ersten Kapitel des ersten Buch vorkommt. Da erging an mich die Frage von Walter, was den unter Dialektik zu verstehen sein, da antwortete ich mit einer ungefähren Antwort wie „eine Diskussion mit starken Gegensätzen“, was nicht ganz falsch ist, aber etwas kurz gegriffen. Eigentlich wollte ich mit der Etymologie des Wortes antworten, das es von dialégessthai herkommt, das „ein Gespräch führen“ bedeutet.

Aber nach der Topik I,1, 100a, 18ff ist es die Aufgabe der dialektischen Wissenschaft

Ein Verfahren zu finden, von dem aus wir werden Schlüsse ziehen können über jede aufgegebene Streitfrage aus einleuchtenden (Annahmen) und selbst wenn wir Rede stehen müssen, nichts Widersprüchliches zu sagen.“

Das ist der erste Satz der Topik, und in der Folge wird das Wort dialektikos entweder für das Untersuchungsgespräch oder für die Unterredungskunst verwendet, in dem Schlüsse eingesetzt werden sollen, die aus den anerkannten Meinungen deduziert werden konnten. In der Folge meint Aristoteles, das diese Methode in der Rede- und Heilkunst angewendet werden kann, um die Möglichkeiten dieser Art Schlüsse zu ziehen, auszuschöpfen, Topik I,1, 101b, 6ff.


Der in dieser Sitzung gelesene Abschnitt ist das 9.Kapitel des 2.Buches und behandelt das Riechen und den Geruchssinn (osphresis) als weiteres Wahrnehmungsvermögen. Es beginnt mit der Bemerkung, das die Einteilung nicht so leicht fällt wie beim Schall und bei der Farbe, da diese Wahrnehmung beim Menschen schlechter ausgebildet ist als bei anderen Lebewesen. Die Wahrnehmung ist auch nicht genau, was Aristoteles daran festmacht, dass der Mensch keinen riechbaren Gegenstand wahrnimmt, ohne das Unangenehme oder Angenehme zu empfinden. Dieser Mangel an Gegenstand wird mit der undeutlichen Farbwahrnehmung der Tiere mit starren Augen in Beziehung gesetzt. Der Geruchssinn wird des weiteren mit dem Geschmackssinn verglichen, nur das der genauer ist, weil es sich dabei um eine Art Tastsinn handelt, der bei den Menschen am genauesten sein soll. Von dieser Annahme, das der Tastsinn des Menschen genauer ist als bei den anderen Lebewesen, leitet er einerseits die besondere Klugheit des Menschen ab, wie auch die Unterscheidbarkeit von Begabungen. Die mit festen Fleisch sind weniger begabt im Bezug auf das Denken wie die mit weichen Fleisch.

Womit wir schließlich doch bei den Unterscheidungen angelangt sind, zu denen diese beiden verwandten Sinne im Stande sind, die Geschmacks- und Geruchsrichtungen sind süß, bitter, scharf, sauer, pikant und fettig (lipara), wobei der Geruch gerne nach Gegenständen, in der Regel Pflanzen, benannt wird wie Honig, Krokus oder Thymian.

Die Wahrnehmungsgattung des Riechens oder Schmeckens ist auch für das Nicht-wahrnehmbare zuständig wie es auch beim Hören und Sehen der Fall ist. Das Nicht-Riechen oder Nicht-Schmecken hat einen Informationswert.

Es fehlt noch das Dazwischenliegende, das Medium, dieser Wahrnehmung, und das ist entweder Luft oder Wasser, beim Menschen ist der Geruch mit der Luft verbunden, und was den Körper betrifft mit dem Einatmen. Riechen ist nicht möglich beim Ausatmen oder beim Anhalten des Atems. Ohne Medium keine Wahrnehmung, also kein Riechen, wenn der Gegenstand direkt auf das Sinnesorgan gelegt wird. Das Riechen über Einatmen ist dem Menschen eigentümlich, bei dem blutlosen Tieren, etwa den Fischen, muss das Riechen in anderer Weise stattfinden.

Bevor Aristoteles den Unterschied im Riechen über den Vergleich mit dem Sehen im Ansatz erklären will, spricht noch die Gefahren des Riechens an, nämlich beim Einatmen von heftigen Gerüchen wie Asphalt oder Schwefel, wobei man diesen Gerüchen zugrunde gehen kann.

Der Unterschied zwischen Riechen im Trockenen und Feuchten wird analog zum Sehen mit beweglichen Augen oder mit starren Augen gesetzt. Wie die Augen derer, die Einatmen, mit Lider verschlossen werden können, ist auch das Geruchsorgan verschlossen und wird erst beim Einatmen geöffnet. Die Formulierung ist überraschend medizinisch genau, „wenn sich Äderchen und Gänge erweitern“ (phlebion kai poron), Aristoteles ist eben ein Arztsohn. Deswegen können Lebewesen mit Atmung im Feuchten nicht riechen, denn dort ist das Einatmen nicht möglich.

Das Schmecken ist aber ist mit dem Feuchten verbunden, was hier nur angedeutet wird und erst im nächsten Kapitel ausführlicher behandelt wird.


Karl Bruckschwaiger

Mittwoch, 22. Oktober 2025

De Anima /Peri Psyches lesen - 26 (420a 9 - 421a 6)

 

Sitzung vom 8. Oktober 2025


Aristoteles:  Über die Seele: 420a 9 - 421a 6

Zu Beginn der Sitzung gebe ich Sophia Panteliadou,  Karl Bruckschwaiger, Joachim Baur  (dieser zum ersten Mal anwesend) den Zweiten Band meines Buches 

"Aristoteles betrachten und besprechen (Metaphysik VII-XIV)“

 - welches die hiesigen Lektüren der aristotelischen Metaphysik (womöglich kursiv!) aus den Jahren 2011-2024 dokumentiert.

Da die Metaphysik  nun vollständig gelesen worden ist, und das Buch über die Seele bereits über die erste Hälfte hinaus, kann eine vorläufige Vergleichung versucht werden.

Diese geht von dem aus, was beiden gemeinsam ist. Beide sind Bücher - also bestimmte Mengen von schriftlich gemachten und fixierten Aussagen über bestimmte Gegenstände. Aussagen mit Erkenntnis- also Wahrheitsanspruch.

Beide geschrieben von Aristoteles, jedoch erst im 1. Jahrhundert vor Christus redigiert und ediert.

Das zweite Buch könnten wir nach einem bekannten Schema „Psychologie“ nennen.

Und das erste, das vermutlich nicht ganz fertiggestellt worden ist?  Es macht sich die Prinzipien aller Dinge zu Gegenständen.

Also  Prinzipienlehre oder Archäologie. Oder Lehre von allen Dingen also Pantologie (Comenius: Pansophie)

Das erste handelt von bestimmten unterscheidbaren Dingen. Das zweite jedoch von allen. Insofern  handelt das erste von einer Untermenge - der Allmenge ?

Und wie sind die Behandlungsarten in den  beiden Büchern - sind sie eher gleichartig oder unterschiedlich?

Eine nähere Vergleichbarkeit zwischen den beiden Werken  wird möglich, wenn man die Wissenschaftstheorie ins Auge  faßt,  welche in der Metaphysik drei Wissenschaftsrichtungen unterscheidet:  die Herstellungswissenschaften wie Medizin oder Poetik, dann die Handlungswissenschaften wie Ökonomik, Ethik, Politik und schließlich die Betrachtungswissenschaften Physik, Mathematik  und  Theologie oder Erste Philosophie. Siehe mein Zweiter Band: 217ff.

In der „Psychologie“  wird die Unterscheidung der Wissenschaften anhand einer konkreten psychischen Problemsituation skizziert: jemand ist sehr zornig, weil er beleidigt worden ist: darauf reagiert der Physiker mit seinen Untersuchungen; der Dialektiker mit seinen Überlegungen; der Arzt, der nicht nur nur Wissenschaftler ist sondern  sondern ein eingreifender Künstler, wiederum anders; sogar der Erste Philosoph wird noch erwähnt - jedoch nicht näher qualifiziert.  Siehe 403a 26 - 403b 18.

                                                                       *

Im jetzt gelesenen Abschnitt 8 von „Über die Seele“  wird ausführlich von einer Seelenleistung  gehandelt - nämlich vom Hören.

Denn obwohl Aristoteles am Anfang auch eine Wesensbestimmung der Seele (die immer nur an einem Körper vorkommt)  geliefert hat,  bleibt er nicht bei so einer Wesensbestimmung stehen, sondern geht zu den Leistungen über,  deren Vorkommen überhaupt darauf schließen läßt, wo es so etwas wie eine Seele gibt.

Die Wahrnehmungen gehören zu den spezifischen Leistungen vieler Seelen  - und mit der Betrachtung und Analyse einer Wahrnehmung setzen wir bereits voraus, daß wir es mit einer Seele zu tun haben.  Als Leser dieses Textes sind wir bereits Wahrnehmende, primär Sehend-Wahrnehmende. Als Teilnehmer einer Sitzung sind wir auch Hörend-Wahrnehmende und damit „Fälle“:  aktive Subjekte und passive Objekte von Hörtätigkeit. 

Der Text handelt insofern von uns, obwohl er -  vielleicht -  nichts weiß von uns. 

Während ein sogenannter Hausverstand dazu neigen könnte anzunehmen,  eine Wahrnehmung würde dann am besten funktionieren,  wenn sich zwischen einem Wahrnehmungssubjekt und einem Wahrnehmungsobjekt „nichts“ befindet, das den Übergang stören oder beeinflussen könnte,  sagt Aristoteles,  daß dieser Zwischenraum mit einem Stoff ausgefüllt sein muß, mit einem Medium, das je nach Art der Wahrnehmung unterschiedlich geartet sein muß.

Beim Hören ist dieser Stoff die Luft - eines der vier Elemente. 

Und die Luft muß beim Hören in zwei Abteilungen gegeben sein: einer großen Luftgesamtheit und einer sehr kleinen Luftportion, die im Ohr eingesperrt ist.  Durch die Luftgesamtheit gelangt eine Luftbewegung ans Ohr, ins Ohr, und stößt an die eingesperrte Luft und schlägt auf sie ein und das ergibt das Gehörte: den Schall.



Deswegen sagt Aristoteles, daß seine eigene Höranalyse den Tastsinn metaphorisch einsetzt.  

Bei uns in der Sitzung können Schalle dadurch erzeugt werden, daß ein Buch hinunterfällt oder jemand in lautes Husten ausbricht.

Der Husten wäre aber schon ein Grenzfall - denn da wäre wohl auch schon Stimme dabei. Die ist eine bestimmte Art von Schall, die von einem beseelten Wesen erzeugt wird.  Musikinstrumente aus Holz oder Metall erzeugen Schalle,  aber sie haben keine Stimme.  Stimmen werden von Lebewesen mit den Körperteilen erzeugt, die auch für das Atmen zuständig sind. Aber während das Atmen lebensnotwendig ist, dient die Tätigkeit, die mit Stimme verbunden ist, nämlich das Sprechen, dem, was Aristoteles mit seiner stenographischen Ausdrucksweise  „das wohl“, also das rein adverbiale „gut“, nennt: to eu (womöglich kursiv!) (420b 23)



Die Unterscheidung zwischen dem Lebensnotwendigen und dem  Luxurierenden hängt damit zusammen, daß das Leben (als eine Seinsmodalität)  in sich gestuft oder  geschichtet ist und außerdem alternative Aktionsmöglichkeiten enthält.

"Stimme ist das Anschlagen der eingeatmeten Luft  an die sogenannte Luftröhre, hervorgerufen durch die in diesen Körperteilen befindliche Seele.“ (420b 29)

Diese Formulierung  scheint das Sprechen  mit dem Hören zu parallelisieren (zwei andere Luftmengen einander berührend). 

Doch außerdem wird da sogar die Seele in Körperteile eingeschlossen - das scheint mir mit dem bisher Gelesenen doch nicht recht vereinbar.


Das Sprechen ist eine über das Schmecken und auch über das Atmen hinausgehende Mundtätigkeit.  Es ist mit Vorstellung verbunden und daher „semantisch“ - also bezeichnend-bedeutend. 
















































































































 zwei Luftmassen zu verbinden und erinnert so an die beiden Luftportionen, die das Hören ermöglichen. Nur daß hier auch die Seele in bestimmten Körperteilen platziert wird! Das Sprechen scheint beseelter zu sein als das Hören?

Das Schlagende muß beseelt sein und mit einer Vorstellung  verbunden sein , um „semantisch“ (420b 32) zu sein - also bezeichnend-bedeutend. 

Walter Seitter

Sonntag, 17. August 2025

De Anima / Peri psyches lesen – 25 ( 419a, 23 – 420a, 9)


Mittwoch, den 2. Juli 2025


Beim Verlesen des Protokolls erinnerte ich mich an die überfliegende Lektüre von Armand Marie Lerois „die Lagune“, das Walter Seitter letztens empfohlen hatte und das ich hiermit auch tue. Es hat einen intimen Charakter eines Zwiegesprächs mit Aristoteles, Darwin, Mendel und korinthischen Schafzüchtern und Fischern vor Lesbos, wo einiges gelobt, anderes für Unsinn erachtet wird, vor allem die fehlende Vererbungslehre, ich denke Aristoteles wollte keine Züchtungsphantasien wie Platon hervorbringen, und hat daher alles auf die Elemente zurückgeführt.

Wie Aristoteles Demokrits Auffassung ablehnt, das man etwas sehen könne ohne ein Dazwischenliegendes wie die Luft, dann spürt man seine Angst vor der Leere, die kein Erleiden des Wahrnehmungsvermögen erzeugt, und damit auch kein Wahrnehmen selbst.

Wie also die Farbe das Licht braucht, um gesehen zu werden, braucht das Feuer weder Licht noch Dunkelheit, sondern macht das Durchsichtige selbst durchsichtig. Das Durchsichtige ist wohl das Dazwischenliegende, wie bei Geruch und Schall das Sinnesorgan durch etwas Dazwischenliegendes bewegt wird. Wenn man das Schallende oder Riechende direkt auf das Sinnesorgan legt wird es zu keiner Wahrnehmung kommen. Es braucht ein Medium, das angeregt werden kann, ein Dazwischenliegendes, beim Schall ist es die Luft, beim Geruch etwas noch nicht Benanntes.

Walter Seitter erinnert an das Medium des Tastsinnes, wo das Fleisch das Dazwischenliegende ist, welches im Kapitel 11 erörtert wird.

Weiteres wird das Wasser als eine Dazwischenliegendes für die Wahrnehmung angenommen, zumindest für die Lebewesen, die darin leben.

Obwohl Aristoteles zuerst gesagt hat, dass das Dazwischenliegende für den Geruch ohne Namen sei, ist er bei der Erörterung des Riechens im Wasser sicher, dass das Riechen bei den Landbewohner mit dem Atmen zu tun hat, also müsste das Riechen auch mit der Luft zu tun haben, aber die Ursache dafür wird später angegeben werden.


Jetzt soll zunächst der Schall und das Gehör bestimmt werden, das Wort ist hier akoes, also die Akustik. Aristoteles beginnt in bekannter Manier mit der Unterscheidung des Schalls der Wirklichkeit und dem Vermögen nach. Es ähnelt einer Einteilung nach medialen und materialen Ursachen des Schalls, wenn es nicht zu neumodisch formuliert wäre. Die Dinge, die vermögend sind zu erschallen, müssen fest und glatt sein, also zum Beispiel Erze, die geschlagen werden, um in dem was dazwischen liegt einen Schall zu erzeugen.

Der wirkliche Schall, energeian psophos, entsteht immer von etwas, an etwas und in etwas, und alle drei Bedingungen müssen vorhanden sein. Der Schall entsteht an etwas das geschlagen wird, und diese Etwas muss aus Erz und glatt sein, keine Wolle. Hohlkörper können die Schläge brechen und vervielfältigen, dennoch muss auch ein Schlag gegen die Luft erfolgen, aber Aristoteles geht davon aus, das die Luft nicht zerstreuen darf, sodass schnell genug geschlagen werden muss um dieser Zerstreuung zuvorzukommen. Wenn eine nicht zerstreute Luftmasse, wir nennen es gewöhnlich Welle, wieder abgestoßen wird, wie ein Ball, dann entsteht ein Echo.

Ein Echo entsteht immer, da sich der Schall wie das Licht überall bricht und reflektiert, denn sonst gäbe es nicht überall Licht.

Kaum gesagt, wird die Reflexion durch Erz oder glatte Körper als begrenzt bestimmt, sodass es zum Schattenwurf kommt. Der Schatten ist ein Fehlen von Reflexion und von Licht, also gibt es nicht überall gleich viel Licht.

Etwas überraschend kommt Aristoteles auf die Leere (kenon) zu sprechen, die für das Hören ausschlaggebend sei. Die Luft scheint leer zu sein, aber sie muss als kontinuierliche und einheitliche bewegt werden, wir sagen als wässrige Anschauung Welle dazu, Aristoteles kennt diese Formulierung nicht. Dazu braucht es glatte Oberflächen, dass eine einheitliche Luftmasse unaufgelöst zum Gehör bewegt werden kann. Das Gehör ist aber von Natur mit Luft zusammengewachsen, daher kann die äußere Luft mit Schall die innere Luft des Gehörs bewegen.

Hier scheint ein Satz der Vorgänger wirksam zu werden, nämlich das Gleiches durch Gleiches wahrgenommen wird. Jetzt stellt Aristoteles fest, das nicht jeder Körperteil das Seelenvermögen des Hören hat, weil die Luft nicht überall durchkommt.

Also nur Körperteile mit Luft haben das Seelenvermögen des Hörens, auch nur dann wenn die Luft nicht zerstreut an das Ohr gelangt. Erst diese Bewegung erzeugt dann den Schall, der gehört werden kann. In der Luft selbst ist ansonsten kein Schall.

Die Luft ist somit keine Leere, denn sie kann immerhin bewegt werden.


Karl Bruckschwaiger