τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Samstag, 8. April 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1027a 28 – 35)

Zuerst eine Diskussion zu den Thesen von Wolfgang Koch.

Dass es im alten Griechenland die Wissenschaften (jedenfalls einige) schon vor der Philosophie gab, geht auch aus Aristoteles hervor, für den überhaupt die Wissenschaften den Horizont seines Tuns bilden. Daher definiert er im Buch I der sogenannten Metaphysik das Objekt dieses seines Unternehmens als „gesuchte Wissenschaft“ (neben den anderen bereits existierenden).

Vor den Philosophen gab es auch die sogenannten „Weisen“, das waren Inhaber verschiedener Rollen (z. B. Verfassungsgeber), denen man ein allgemeines Orientierungswissen zusprach. Bestimmte Wissenschaftler wie Thales oder Pythagoras verallgemeinerten ihre Fragestellung, führten Weisheit und Wissenschaft zu einer neuen Art von Orientierungswissen, zu einer höchsten Wissenschaft zusammen, die „Philosophie“, also Liebe zur Weisheit genannt wurde und automatisch in einen Konflikt mit der Religion geriet. Während sich in den nicht-griechischen Imperien die Wissenschaften mit der staatlichen Religion (wie mit der ebenso staatlichen Ökonomie) gut vertrugen. Dort kam auch keine Philosophie auf. Herodot (490-424) besuchte fremde Länder in Asien und Afrika und beschrieb die Unterschiede zwischen den Kulturen, womit er den Wissenshorizont der Griechen erheblich ausweitete (ohne dass seine Forschung von den Philosophen als Wissenschaft anerkannt wurde).

Ein weitgehend philosophenloses Land war dann viel später Österreich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Da beherrschten die Künste (zusammen mit der Religion) die Bühne der Öffentlichkeit – so sehr, dass die Dichtung die Stelle der Philosophie einnehmen musste. Zeitweise Aufschwünge der Wissenschaften (Mathematik, Ökonomie, Medizin) beförderten tendenziell das Aufkommen von Philosophie, das sich aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verstetigen und zu verdichten begann. Hier könnten viele Übergangsfiguren genannt werden, wie etwa der Psychiater und Schriftsteller Ernst von Feuchtersleben (1806- 1849), der sich für die Reform des Bildungswesens und die Etablierung des Faches Philosophie einsetzte. Der „Wiener Kreis“ steht im frühen 20. Jahrhundert für ein Philosophieren, welches seine Abhängigkeit von den Wissenschaften auch noch affirmiert.

Die Existenz von Philosophie scheint ein rareres Faktum zu sein als die Existenz anderer Wissenschaften. Gleichwohl wird man sagen können, dass die Philosophie eine Form von kultivierter Orientierungssuche ist, ohne die Gesellschaften heute kaum auskommen: so sind alle neueren Verfassungen von philosophischen Konzepten geprägt. Gerhard Weinberger erinnert an Hans Kelsen (1881-1973), der als Architekt der österreichischen Bundesverfassung (1920) gilt; im Jahr 2016, zwei Jahre nach dem Inkrafttreten der neuen tunesischen Verfassung, wurde ihm im dortigen Parlament eine Feier dargebracht, bei der der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer anwesend war.

Damit haben wir einen Bogen von der Entstehung der Philosophie in Griechenland zu ihrer heutigen Bedeutung geschlagen und mit der Geschichte haben wir auch die Dimension berührt, in der Akzidenzien eine stärkere Rolle spielen als in anderen Bereichen, etwa in der Natur. Und zwar die Akzidenzien so, wie sie in Abschnitt 30 von Buch V und in Abschnitt 2 von Buch VI definiert werden: Sachverhalte, Ereignisse, Ereignisfolgen, die nicht immer oder häufig eintreten sondern eher selten oder ausnahmsweise. Im Unterschied zu solchen, die häufig oder regulär auftreten, weil sie von einsichtigen oder sogar einsehenden Instanzen wie Vernunft oder Kunst oder Natur verursacht werden. In der „Geschichte“, d. h. in der Abfolge, in der Masse, im Durcheinander der menschlichen Taten und Leiden überlagern sich reguläre Verursachungen, also geplante und absichtliche Handlungen, mit Gegenaktionen, Überraschungen, Nebenwirkungen, ungewollten Resultaten.

Die Kongruenz von Akzidenzialität und Geschichte war das Ergebnis meiner Poetik-Lektüre. Und jetzt zeigt sich auch in der Metaphysik-Lektüre so etwas.

Die Erste Philosophie, die vor den anderen betrachtenden Wissenschaften (Physik, Mathematik) rangiert, teilt sich in Theologie, die Wissenschaft vom Höchsten und vom Wissbarsten (siehe Met. I, 983a 5ff.), und in die Ontologie, die Wissenschaft von den allgemeinen Bestimmungen des Seienden als Seienden. Die wiederum gliedern sich in die Wesensbestimmungen und die Akzidenzien, von denen es gar keine Wissenschaft geben soll. Trotzdem geht Aristoteles im Buch VI auf diese ein und fragt sogar nach ihren Ursachen, womit er sie doch wissenschaftlich behandeln möchte.

Bisher hat er zwei Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Akzidenzien gegeben: Ursache ist der Zufall (1025a 25), Ursache ist der Stoff (1027a 14).

1027a 29ff. wird diese Ursachenfrage neuerlich aufgeworfen. Da könnten wir schon während der Osterferien hineinschauen. Immerhin wird zu Ostern ein extrem akzidenzielles Ereignis im aristotelischen Sinn gefeiert: eigentlich unmöglich, angeblich doch passiert, also etwas Exzeptionelles, Unwahrscheinliches, Rares, Rarissimum.



Walter Seitter

Sitzung vom 5. April 2017


Nächste Sitzung am 26. April.

Donnerstag, 30. März 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1027a 19 - 27)

Ich komme darauf zurück, dass ich, um Aristoteles zu paraphrasieren, vom Göttlichen gesprochen habe und vom Akzidenziellen, und dass ich damit die Redeweise wiederhole oder den sprachlichen Trick, mit dem seinerzeit, im 6. Jahrhundert, die Philosophie erfunden worden ist: die Substantivierung von adjektivischen oder verbalen Ausdrücken, und zwar die Substantivierung mittels des neutralen Artikels „das“: „das Seiende“, „das Sein“, „das Gute“. Demgegenüber gab es in der mythischen Sprache davor eher „den Guten“ oder „den Höchsten“ oder „die Schöne“. Die Philosophie hat mit ihren „Hauptwörtern“ das asexuelle dritte Geschlecht gegenüber den sexuellen Geschlechtern emporgehoben und damit das Unbestimmte-Unpersönliche gegenüber individuellen, persönlichen Wesen, die in der Regel als männlich oder weiblich konnotiert werden. Es handelt sich also um eine weittragende Weichenstellung – was nicht ausschließt, dass man die beiden Redeweisen auch in einer Rede, in einer Erzählung, ja in einer Wissenschaft kombinieren kann.

Wenn nun im Buch VI das Göttliche und das Akzidenzielle sich „konträr“ zueinander verhalten, so heißt das, sie bilden auf einer Skala zwei Extreme: so wie immer und selten, notwendig und unwahrscheinlich (eigentlich: unmöglich). Analog etwa auf der Ebene des Alphabets: A und Z. Oder: sehr gut und sehr böse. Konträre Begriffe bilden einen konträren Gegensatz (logisch), konträre Qualitäten sind Gegenteile im konträren Sinn (sachlich).

Dann gibt es noch den kontradiktorischen Gegensatz wie den zwischen A und Nicht-A. Nicht-A steht für die Gesamtheit aller Buchstaben von B bis Z. Das kontradiktorische Gegenteil umfasst also viel mehr als das konträre Gegenteil: den gesamten Rest. Das kontradiktorische Gegenteil zum Notwendigen umfasst alles vom Wahrscheinlichen bis zum Unmöglichen. Das kontradiktorische Gegenteil zum sehr Guten umfasst alles vom ziemlich Guten über das Mittelmäßige bis zum Schlechten und Bösen.

Das Wort „kontradiktorisch“ oder „widersprüchlich“ oder „Widerspruch“ wird allerdings häufig in einem anderen Sinn gebraucht: im Sinn von „garantiert falsch“ und daher: unbedingt zu vermeiden. Der „Satz vom Widerspruch“ oder „vom ausgeschlossenen Widerspruch“ gebietet die Vermeidung von so etwas. Soll da der „Widerspruch“ ausgeschlossen werden? Das mag ein Wunsch von gepeinigten Eltern oder ungeduldigen Lehrern sein – hat aber mit Logik nichts zu tun. Die Logik gebietet die Vermeidung des Selbstwiderspruchs – dass man nämlich einer Sache eine Bestimmung zuspricht und zugleich und in derselben Hinsicht auch abspricht. Wer so „spricht“, tut nur so, als würde er sprechen, sagt aber nichts – stellt sich also auf die Stufe der sprachlosen Pflanzen (von sprachlosen aber simulierenden, gestikulierenden Pflanzen – wenn es die gäbe). So Aristoteles in unserem Buch 1005a 19ff. Hier sollte man also immer sagen „Selbstwiderspruch“, „selbstwidersprüchlich“ – damit man schon beim Sagen merkt, was man gerade sagt.

Die ganze Passage will klarmachen, dass es keine Wissenschaft von den Akzidenzien gibt: weil sie nur ganz selten vorkommen, sodass an ihnen kein Lernen und auch kein Lehren möglich ist. Dabei ist vorausgesetzt, dass sich Lernen und Lehren an den Objekten vollzieht und nicht etwa bloß im Lehrer-Schüler-Verhältnis. Also Lernen durch Anschauen, vermutlich auch Sprechen, wieder Anschauen, Erinnerung, Vergleichung, Erfahrung. Das gibt es nur mit Dingen, die öfter, häufig, vielleicht regelmäßig vorkommen.

Welcher Art können Akzidenzien sein? Aristoteles unterscheidet neun Arten. In unserem Text erwähnt er Eigenschaften, die an einem Ding hängen: weiß. Eigenschaften, die für bestimmte andere zur Wirkung kommen: eine unwahrscheinliche Heilwirkung, die nur für einen Kranken erscheinen kann – ein Vorkommnis. Der Schatzfund im Garten, den man als Ereignis bezeichnen kann. Damit ist man beim Gegenbegriff, den die moderne Ontologie gegen das Ding ausspielt.

Sachverhalt, Tatsache, Vorkommnis, Ereignis – bilden eine Reihe von eher modernen Kategorien, auf die hin man die aristotelischen Akzidenzien umformulieren kann. Unter denen gibt es auch solche, die „immer“ vorkommen, die Winkelsumme im Dreieck, und von der kann man bestimmt eine Wissenschaft machen: die Geometrie. Das heißt die allgemeine Aussage, es gebe keine Wissenschaft vom Akzidens, der wird von Aristoteles selber widersprochen – weil es eben so grundverschiedene Akzidenzien gibt.

Die ganz seltenen Vorkommnisse kann man entweder doch in Reihen stellen, etwa durch lange Beobachtungszeiträume, dann kann man sie auch wissenschaftlich besprechen. Oder es bleibt bei den Singularitäten – die man entweder in der Dichtung bespricht oder man erfindet einen neuen Typ von Wissenschaft eben für solche Entitäten. Das hat man im 19. Jahrhundert getan: mit den historischen Geistes- oder Kulturwissenschaften, zu denen auch die Biographie zählt, und auch die Psychoanalyse versteht sich als eine – allerdings nicht nur theoretische – Wissenschaft vom Individuum. Vorläufer waren die Exegesen von sehr wichtigen und allgemein verbindlichen Texten, die es so nur einmal gibt, nämlich der biblischen Texte, dann auch von Texten der griechisch-römischen Klassik.

Und damit sind wir bei unserer hiesigen Tätigkeit im Aristoteles-Seminar. Zwar sehe ich die Hauptlinie darin, dem aristotelischen Wissenschaftsbegriff, der sich an Regelmäßigkeit orientiert, zu folgen, und seine Sachorientierung nachzuvollziehen (soweit möglich). Aber ein zweites damit verbindbares Erkenntnisinteresse mag sich auf den Text selber, seine Vorgehensweise, seinen Charakter beziehen. Der Text als Individuum. Bestimmte Charakterzüge sind uns schon aufgefallen: eine ziemlich starke Heterogenität zwischen den bisher gelesenen sechs Büchern. Im einzelnen starke Unterschiede zwischen Aussagen zu ein und derselben Thematik. Dabei muß es sich nicht um Selbstwidersprüche handeln, sondern um Differenzen zwischen Aussagen, die ein Thema auffächern.


Im Blick, der auf den Text selber gerichtet ist, geht es darum, wie er sein sachliches Interesse verfolgt. In diesem Wie liegt die Individualität des Textes, seine „Physiognomie“. Seine „Stilistik“ – die aber doch wohl hauptsächlich durch sein Sachinteresse geprägt ist. Das Gesicht des Textes: sein Sehvermögen, seine Sehtätigkeit und gleichzeitig die Struktur seiner Sichtbarkeit.



Walter Seitter

Sitzung vom 29. März 2017

Donnerstag, 16. März 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1026a 33 – 1026b 26)

Wir haben festgestellt, dass die Erste Philosophie zwei deutlich unterscheidbare Richtungen einschlagen soll: eine theologische, die sich auf ein vom Kosmos aus situiertes Unbewegtes Wesen bezieht, und eine ontologische, die formale Aspekte thematisiert, die an jeglichem Seienden vorkommen. Die antike Bezeichnung des ganzen Buches, nämlich Metaphysik, scheint der ersten Richtung näher zu stehen; die zweite hingegen der Logik bzw. dem im frühen 20. Jahrhundert aufgekommenen Begriff der „Metasprache“. Die beiden Richtungen lassen sich auch so unterscheiden, dass die erste auf ein höchstes Wesen, ein superlativisches zielt, während die zweite ins Mannigfaltige geht und da vor allem niedrige Seinsmodalitäten benennt und ordnet; nämlich solche, die von Parmenides und Platon eher dem Nicht-Seienden zugerechnet, also aus dem Wirklichen ausgeschlossen worden sind. Gerhard Weinberger fragt, ob damit auch gemeint sein könnte, was man die „Phänomene“ nennt; und ich sage dazu: was man die „Erscheinungen“ nennt.

Von mir die Vermutung, dass Aristoteles mit der Berücksichtigung der niedrigen Seinsmodalitäten, mit ihrer Bewahrung vor dem Ausschluss, also mit seiner Ontologie, einen quasi-demokratischen Akt vollziehe: Rettung der niedrigen Seinsmodalitäten vor der Ausstoßung ins Nichts.

Weiterlesend stoßen wir genau auf derartige Aspekte der Ontologie: das Akzidenzielle, das Wahre und Falsche, die Kategorien (zu denen allerdings wieder die Akzidenzien zählen), möglich und wirklich. Allerdings kommt dann die Erklärung, eine wissenschaftliche Betrachtung der Akzidenzien sei nicht möglich, und der Hinweis, keine der drei Wissenschaftsrichtungen beschäftige sich mit ihnen.

Diese Erklärung überrascht, da sie die platonische Ausschließung der Akzidenzien zu wiederholen scheint, und außerdem, weil Aristoteles selber, vor allem in den Kategorien, die Akzidenzien schon ausführlich erörtert hat. Und übrigens: wo sollen denn die Akzidenzien außerhalb der Wissenschaften überhaupt behandelt oder besprochen werden? In vorwissenschaftlichen oder literarischen Beschreibungen oder Erzählungen? Wie das in der Poetik programmatisch erklärt worden ist? Wird da eine Unterscheidung zwischen wissenschaftsfähigen und nicht-wissenschaftsfähigen Sachen eingeführt?

Bleiben wir bei den Erscheinungen, so gibt es dazu zweierlei wissenschaftliche Strategien: Zurückführung auf Ursachen auf einer anderen Ebene oder aber Ordnung der Erscheinungen auf der Ebene der Erscheinungen. In Bezug auf die Farben sind das die Strategien von Newton und von Goethe.

Welcher Strategie folgt nun Aristoteles? Er verweist darauf, dass die mannigfaltigen Akzidenzien eines Hauses, seine von den Menschen unterschiedlich empfundenen Eigenschaften nicht von der Baukunst bewirkt worden seien. Von dieser stamme nur das Wesen des Hauses, das Haus an sich. Dazu wäre zu vermuten, dass die Auskunft des Aristoteles eher auf die Bauwissenschaft zutrifft als auf die Baukunst – denn diese muß dem Bau ungeheuer viel Akzidenzielles mitgeben: Auswahl des Bauortes, der Materialien, der präzisen Proportionen und Maße, der Farben usw... Hingegen geht es dem Geometer tatsächlich nur um das Wesen des Dreiecks, nicht um die Farbigkeit seiner Zeichnung. Das Akzidens sei überhaupt bloß ein „Name“ und nicht etwas Reales. Daher habe Platon es der Sophistik zugewiesen.

Es folgen ganz elementare Beispiele von akzidenziellen Beziehungen, wie sie schon öfter vorgebracht worden waren: Eigenschaften und Dinge, verschiedene Eigenschaften. Allerdings mit der etwas verwirrenden Entgegensetzung zwischen Akzidenziellem und Entstehen/Vergehen.

In 1026b 25f. dann die paradoxe Wendung. „Man muß vom Akzidens so weit als möglich klären, was seine Natur ist und aus welcher Ursache es ist. Daraus wird klar werden, weshalb es von ihm keine Wissenschaft gibt.“ Also wissenschaftliches Eingehen mit den beiden wissenschaftstypischen Kriterien – und der Aussicht auf die Unmöglichkeit dieser Wissenschaft.


Verfolgt nun Aristoteles in Bezug auf die Akzidenzien doch nicht eine „elementar-demokratischen“ Strategie? Immerhin hat er im Buch VI bereits bis 1026 b 26 dem Akzidenziellen quantitativ gesehen fast mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Göttlichen.


Walter Seitter

Sitzung vom 15. März 2017

Dienstag, 14. März 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1026a 23 – 32)

Zuletzt war ausdrücklich von den theoretischen (betrachtenden) Wissenschaften (oder Philosophien) die Rede und davon, dass sie die ehrwürdigsten sind. Wodurch unterscheiden sie sich von den anderen, den poietischen und den praktischen? Dadurch, dass sie auf kein wissenschaftsfremdes Tun (also Herstellen oder Handeln) abzielen. Sondern sich ausschließlich für ihr wissenschaftliches Tun interessieren: schauen und sagen, denken, beweisen (da sind immerhin schon mehrere Vermögen oder Tätigkeiten involviert). Das Ziel liegt allein im Wissen und womöglich in der Wahrheit. Selbstzweckhaftigkeit dieser Wissenschaften.

Diese „Reinheit“ und der hohe Rang der betrachtenden Wissenschaften hat sich speziell in der antiken Physik so ausgewirkt, dass sie sich vom Handwerk und vom Ingenieurwesen weitgehend ferngehalten hat – im Unterschied etwa von der Medizin oder der Strategik. Genau das hat sich dann in der frühen Neuzeit geändert, als das Experiment einen hohen Stellenwert in der Theorie bekam: Experiment heißt Versuchsanordnung, Eingriff, Fragestellung durch Veränderung der materiellen Bedingungen und Warten auf Reagieren der Natur; die Natur zwingen, Antworten zu geben. Die Naturbeherrschung also die Herstellung, die programmatisch zum Ziel erklärt wird, wird bereits in der Theorietätigkeit vorweggenommen, „ausprobiert“. Die Theorie selber operiert instrumentell-technisch.

In der Mathematik ist das anders – sie ist ja keine Naturwissenschaft; eigentlich ist sie die reine „Geisteswissenschaft“. Die historisch-philologischen Wissenschaften, die im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt und dann „Geisteswissenschaften“ genannt wurden, haben gewissermaßen den antiken Typ „betrachtende Wissenschaften“ übernommen (auch wenn ihnen dann die „praktische“ Zwecksetzung „Bildung“ noch ein bisschen aufgeladen worden ist – aber die „betrachtende Lebensweise“ mit ihrer Autarkie galt schon in der Antike als ideale Lebensform). Wie es scheint, müssen heute die Geisteswissenschaften um ihre Existenzberechtigung, also um ihre Finanzierung kämpfen.

In 1026a 23 wird die zuvor als „theologische Philosophie“ bezeichnete Wissenschaft „Erste Philosophie“ genannt und sofort mit der Frage verknüpft, wovon sie eigentlich handelt. Drei Möglichkeiten: von Allgemeinem oder von einer Gattung oder von einer bestimmten Natur. Letzteres wäre nur möglich, wenn es überhaupt neben den natürlichen Wesen noch ein anderes Wesen gäbe. Wenn nein, wäre die Physik die erste Wissenschaft und der Materialismus, der sich in der Lehre von den Substanzen eigentlich schon angekündigt hat, wäre das letzte Wort. Wenn ja, also wenn es ein unbewegtes Wesen gibt, dann ist die Wissenschaft davon die erste und gleichzeitig ist sie die allgemeine Wissenschaft, weil jenes erste Wesen das erste von allen ist. Die obige Frage, die drei Möglichkeiten offen ließ, bekommt nun eine Antwort, die sich wieder in drei Richtungen gliedert. Diese Erste Wissenschaft ist Theologie und sie ist Ontologie in zwei Variationen: Wissenschaft vom Was des Seienden und Wissenschaft von den übrigen Bestimmungen des Seienden.

Die Folge wird zeigen, dass Aristoteles – jedenfalls im Buch VI – die Betrachtung des Ehrwürdigsten sehr schnell abtut, die Betrachtung der Unwichtigsten und Zufälligsten hingegen ziemlich ausführlich bespricht. Es scheint da eine Widersprüchlichkeit in seiner Rede zu geben.

PS.: Wolfgang Koch stellt die Behauptung auf, dass Aristoteles mit seiner geozentrischen Kosmologie den Fortschritt der Wissenschaft blockiert habe. Die pure Betrachtung hat tatsächlich bestimmte Entdeckungen verhindert – sie hat die Naturbeherrschung blockiert, weil sie sie gar nicht angestrebt hat. Die Moderne hat die Naturbeherrschung vorangetrieben – mit vielen Vorteilen für die Wissenschaft, für unsere Lebenstechnik und mit erst langsam sichtbar werdenden Nebenfolgen.

Allerdings muß man die Begrifflichkeit des Aristoteles, wenn man sie aufgreift, richtig handhaben. Die Erde ist in seiner Kosmologie unbewegt – sie ist aber kein „unbewegtes Wesen“ in seinem Sinn; sie besteht hauptsächlich aus den Elementen Erde und Wasser, die sich beide nach unten bewegen. Also müsste sie sich konsequent in einer Richtung bewegen. Tatsächlich bewegt sich der Himmelskörper Erde für Aristoteles nicht „nach unten“. Wir sagen heute, daß  die Erde  ihr  Position relativ zu ihren Nachbarkörpern  rhythmisch stabil hält. Das schließt nicht aus, dass sie sich makrokosmisch doch in einer Richtung bewegt: Gravitation oder Expansion? Eher das zweite. 


Für Aristoteles war die relative Stabilität der Erde, also der Augenschein, die Anzeige dafür, dass sie sich nicht bewegt.. Im 20. Jahrhundert haben Husserl und Sloterdijk der Geozentrik - und damit dem Augenschein - eine gewisse Berechtigung zugesprochen.  Aristoteles' Auffassung von den "betrachtenden Wissenschaften" beruht auf seiner Hochschätzung des Augenscheins - die ihn von Platon trennt und einem Sophisten wie Protagoras annähert.  Sie nähert ihn auch den Dichtern an. Ich selber habe die Philosophische Physik zwischen der Wissenschaftlichen und der Poetischen Physik positioniert.  Siehe mein Nachwort zu Francis Ponge: Der Tisch. Ein Textauszug.  (Klagenfurt 2011)



Walter Seitter

Sitzung vom 8. März 2017

Donnerstag, 2. März 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1026a 20 – 23)

Zum Thema der Erkennbarkeit des Guten wird nachgetragen, dass sie nur dann gegeben ist, wenn die Frage nach dem Guten spezifiziert wird, also auf bestimmte Arten des Guten und dann auch auf konkrete Fälle eingeschränkt wird. Wenn es um die ethische Güte geht, die eine menschliche Qualität ist, muß diese Qualität sowohl durch entsprechende Sensibilität wie durch ein differenziertes Vokabular erfasst werden. Bloße Gewohnheiten oder Traditionen können da nur konventionelle Übereinstimmung herstellen. Auch bei der genannten Qualität geht es um Wahrnehmung, um feines Gespür, um Unterscheidungsvermögen und so können Urteile zustande kommen, die auf Zustimmung hoffen können – bei solchen mit ähnlich ausgebildeter Sensibilität. Wozu die fünf Sinne und eventuell noch ein sechster oder siebenter beizutragen haben. Daher lautet das aristotelische Motto der Hermesgruppe: wahrnehmen ist so etwas Ähnliches wie vernünftig erfassen.

Dann zu dem zuletzt gelesenen Passus, wo Aristoteles gewisse äußerste kosmische Entitäten, wenn es sie überhaupt gibt (!) zum Gegenstand der dritten, sachlich gesehen der ersten theoretischen Wissenschaft erklärt. Und er ernennt sie zu Ursachen, ewigen Ursachen für die Erscheinungen der Göttlichen (diese wohl nicht persönlich aufgefaßt, wie Gerhard Weinberger, heute unser Gast, richtig vermutet – womit sowohl die griechische Volksreligion wie die monotheistischen Offenbarungsreligionen ausgeschlossen sind).

Jetzt bekommt die dritte, eigentlich die erste der betrachtenden Philosophien, eine Bezeichnung: sie wird die „theologische“ genannt. Und ihr Gegenstand, das Göttliche, wird wieder rein hypothetisch eingeführt: wenn irgendwo vorhanden, dann in einer solchen Natur. Wird es damit einfach der Natur zugeordnet, für die die Naturkunde, also die Physik, zuständig ist? Dann wäre es auf den Rang der Naturkunde herabgesetzt. Oder doch der Natur, welche die äußerste Grenze des Kosmos darstellt? Dann wäre auch verständlich, warum diese Wissenschaft, jetzt wieder Wissenschaft, den höchsten Rang zugesprochen bekommt: aufgrund ihres Gegenstandes wie auch aufgrund ihres eigenen Niveaus. Den höchsten Rang innerhalb der betrachtenden Wissenschaften, die ihrerseits über den praktischen und den poietischen Wissenschaften stehen  (Wolfgang Koch sagt, dass von denen die poietischen Wissenschaften höher stehen).

Und nun wird auch der zweite Satz eingeschoben, der direkt dem Göttlichen gewidmet ist und der dem Göttlichen wiederum äußerst wenig zuspricht: nämlich das „wenn überhaupt“ und zweitens die Einordnung in „eine solche Natur“. Und drittens wird dem Göttlichen auch eine Qualität zugeschrieben: der Superlativ von „ehrenvoll“, „kostbar“ – „wichtig“(?).

Diese Annäherung an das Göttliche ist äußerst vorsichtig und trotz des genannten Superlativs doch eher minimalistisch. Sie geht von der Naturkunde aus, die mit vergänglichen Körperteilen illustriert wird; dann von der Mathematik, der bereits das Unbewegte zugeordnet wird; dann geht sie zum äußersten Rand des Kosmos über, zu ewigen Ursachen für die Erscheinungen – des Göttlichen. Und dieses sehr entfernte und nur hypothetisch mit Existenz ausgestattete Göttliche, das zwischen Erscheinen und Darüberhinaus oszilliert ...  Es oszilliert epistemologisch und wohl auch ontologisch zwischen Stärke und Schwäche. Immerhin meine ich, dass dieses Oszillieren zu seiner Erkennbarkeit, auch zu seinem Charakter gehört. Ist diese aus knappen Sätzen zusammengesetzte aristotelische Darlegung nachvollziehbar? – Ja, aber mitsamt ihrer offen erklärten Darlegungsschwäche. Schwierige Nachvollziehbarkeit – aber immerhin.

Dieses Göttliche, ein substantiviertes Adjektiv, bezeichnet etwas Qualitätsartiges, ähnlich wie das Gute; das Substanzhafte, das ihm zugeschrieben wird, bleibt ohne Profil. Nun tritt es aber über den Superlativ von timios direkt ins Bedeutungsfeld „gut“ ein, von dem ich gesagt habe, dass es verständlich, intelligibel, nachvollziehbar ist. Die Nachvollziehbarkeit des aristotelischen Göttlichen bleibt eine sehr gebrochene.


Daher liegt hier etwas anderes vor als eine große Verkündigung – die man glauben soll. Im Anschluß wird dann auch gleich die Benennung der dritten betrachtenden Wissenschaft als Theologie in Frage gestellt.


Walter Seitter

Sitzung vom 1. März 2017

Donnerstag, 23. Februar 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI, 1026a 8 – 19)


Der eben gelesene kleine Abschnitt, der der Physik gewidmet ist, scheint mit seinen Beispielen aus der menschlichen und der pflanzlichen Anatomie etwas über die Vorlesung Physik hinauszugehen. Tatsächlich befasst  sich die  Wissenschaft der Naturkunde mit allen Naturkörpern, ja mit der Definition aller wahrnehmbaren Wesen (VII 1037a 14). Wir gehen davon aus, dass Aristoteles beim Schreiben dieses Buches hier die Physik   bereits vorliegen hatte, und das würde heißen, dass seine Situation mit der meinigen insofern vergleichbar ist, weil ich ebenfalls schon eine sehr weit ausholende Philosophische Physik in mehreren Büchern in Angriff genommen habe und von dieser Ausgangslage aus die zusätzlichen theoretischen Wissenschaften als Leser ins Auge fasse.

Wobei sich die Frage stellt, welche zusätzlichen Disziplinen es da noch gibt.

Für Aristoteles beantwortet sich die Frage zunächst mit der Mathematik. Doch diese Antwort fällt äußerst knapp aus – es scheinen nur unbewegliche und selbständige Gegenstände überhaupt noch übrigzubleiben – sind die wirklich Sache der Mathematik? Wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass er sich hier so zurückhaltend äußert – obwohl wir doch offiziell längst „wissen“, dass die Mathematik für Aristoteles die zweite betrachtende Wissenschaft ist und welche ihre Gegenstände sind.  Es gibt ja Leute wie Friedrich Kittler, die behaupten, Aristoteles habe ein gestörtes Verhältnis zur Mathematik, er habe den Ahnherrn der griechischen Mathematik, Pythagoras, nie verstanden. Von mir selber weiß ich leider, dass ich da ziemlich schwach bin.

Aristoteles noch einmal: Unbewegliches und Selbständiges ist Sache der Mathematik.

Und dann: wenn es Ewiges, Unbewegliches, Selbständiges gibt – also das Gleiche plus Ewiges, wenn es das gibt, ist es Sache einer betrachtenden Wissenschaft. Aber nicht der Physik und nicht der Mathematik (deren Zuständigkeit jetzt anders bestimmt und geteilt wird). Sondern einer dritten oder vielmehr vorausliegenden, einer ehesten, also ersten Wissenschaft, die vom pluralischen Selbständigen und Unbeweglichen handelt – das doch zuvor der Mathematik zugeordnet worden war. Aber wohlgemerkt nur,    w e n n  es Ewiges, Unbewegliches, Selbständiges gibt.

Und diese Sachen werden jetzt plötzlich zu Ursachen ernannt – zweifellos eine Ernennung nämlich Aufwertung.

(Wie steht es eigentlich mit der Wertfreiheit (oder nicht) der drei Wissenschaftsrichtungen?

Die poietischen Wissenschaften werden kaum als wertfrei gelten können – denn sie zielen ja auf Herstellungsfähigkeiten, die ihrerseits erwünschte also wertvolle Werke hervorbringen sollen: Gesundheit, Gedicht oder dergleichen.

Die praktischen Wissenschaften zielen auf Handlungen, die in sich selber erwünscht also gut also wertvoll sein sollen.

Im Unterschied dazu sind die theoretischen Wissenschaften „wertfrei“, weil sie nur betrachten und aussprechen (!), was so ist, wie es ist – ohne ein Eingreifen, ohne Verändern, ohne Wunschdenken. Aber wie wir gleich lesen werden, spricht Aristoteles gerade diesen Wissenschaften einen Wert zu und zwar den höchsten. Oder soll  man sagen: einen Rang und zwar den höchsten?

Die drei Wissenschaftsrichtungen haben also alle etwas mit irgendwelchem Guten zu tun – aber wo und wie und inwiefern?)

Nach dieser Betrachtung in der Klammer und auf Metaebene wieder zurück zu den Gegenständen der dritten beziehungsweise ersten betrachtenden Wissenschaft – falls es solche Gegenstände überhaupt gibt.

Es sind Ursachen (im Plural) für die Sichtbarkeiten, Offenbarkeiten, Erscheinungen, Evidenzen (im Plural) des bzw. der Göttlichen (im Plural).

Wolfgang Koch sagt, dass Aristoteles hier den Sprung in die Spekulation macht.  Er selber könne das Gesagte nicht nachvollziehen, wolle es aber nicht abwerten.

Ich sage zum einen, dass mit den „Sichtbarkeiten“ die Funktion der Betrachtung und Nachvollziehbarkeit aufrecht bleibt. Insofern die Sichtbarkeiten solche der Göttlichen sind, gibt es jedoch einen Übergang mit Differenz. Die Göttlichen scheinen zwar zu erscheinen, aber die Erscheinungen sind nicht ganz identisch mit den Erscheinenden. Wir haben auch ansatzweise davon gesprochen, was diese Erscheinungen sein könnten: die äußerste aus den Fixsternen bestehende Sphäre des Kosmos, deren Materie der Äther ist – siehe Himmel.

Zum andern wird mit dem „wenn“ (das dann gleich wiederholt wird) eine Kluft eingeführt, ein Abgrund, der diese  dritte und angeblich erste betrachtende Wissenschaft (mitsamt den Erscheinungen) von den eher normalen beiden ersten (für uns ersten!) Wissenschaften trennt. Wenn es das überhaupt gibt ... Da wird ein Fragezeichen davor gesetzt ...  eine „Als-Ob-Betrachtung“? Also doch Spekulation?

Soviel einstweilen zu dem winzigen Satz 1026a 18. Rührt hier Aristoteles zum ersten Mal – in der Metaphysik – an das Göttliche? Im Buch I geschah das schon (982b 29ff., 983b  29) – aber war es dort nur historisch gemeint? Nicht nur. Dazu kommen noch im Buch V bei der Nennung der Körper(!), die Wesen sind, die daimonia (1017b 12).

Zusammenfassend nennt Aristoteles noch einmal die drei betrachtenden Wissenschaftsrichtungen: die mathematische, die physische, die theologische. Doch plötzlich bezeichnet er sie als „Philosophien“ und verleiht ihnen damit einen höheren Status.

Diese auffällige Tatsache muß uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt „Metaphysik“ in dem Buch bisher fast immer unter „Wissenschaft“  lief. Von Anbeginn an lief es unter „gesuchte Wissenschaft“ und das bedeutet, dass es bereits etablierte Wissenschaften gibt, zu denen nun eine weitere hinzukommen soll. Die etablierten sind solche, die es schon seit längerem gibt – so die Mathematik mitsamt ihren Gliederungen, so die Medizin; dann die Physik, die Aristoteles selber in Form gebracht hatte (die aber auch schon Vorgängerinnen gehabt hatte).

Die aristotelische Philosophie wurde von Anfang an und jederzeit im Horizont der Wissenschaften entwickelt – die besprochene Klassifikation verstärkt die Bedeutung des Plurals. Dieser Horizont gehört zu ihr und zu jeder Philosophie. Philosophen, die die Philosophie aus dem Horizont der Wissenschaften emanzipieren wollten, würden in eine déformation professionelle verfallen, die als „Philosophismus“ bezeichnet wird: Befreiung der Philosophie von den Kriterien der Wissenschaftlichkeit (Nachvollziehbarkeit, Diskutierbarkeit).  Aristoteles wird die Philosophie immerzu unter der großen, nicht übermäßig vornehmen Gattung „Wissenschaft“ subsumieren. Und damit reiht er sich eher bei den "analytischen" Philosophen ein als bei den "kontinentalen". 

Plural oder Singular?


Natürlich kann  man, muß man jedes Substantiv, je nach Sachlage, im Singular oder im Plural verwenden. Im 19. Jahrhundert gab es eine Tendenz, bestimmte Wörter in einen feierlichen und irgendwie anspruchsvollen Singular zu setzen. So auch „die“ Wissenschaft. Und besonders interessant, vor allem für den Bereich der poietischen Fähigkeiten, Tätigkeiten, Wissenschaften: „die“ Kunst, „die“ Technik. Beide vom griechischen Wort techne abgeleitet, welches eine Vielzahl von Techniken/Künsten bezeichnet hat. „Die“ Kunst und „die“ Technik reißen den mannigfaltigen Bedeutungsraum von techne dualistisch auseinander und suggerieren zwei große womöglich unverträgliche Institutionen.


Walter Seitter


Sitzung vom 22. Februar 2017