τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Donnerstag, 15. Juni 2017

In der Metaphysik lesen (Buch VI (E), 1026a 10 – 1026b 7)

Wir gehen zum Buch VII über, nach allgemeiner Auffassung das erste der „Substanzbücher“. Ob uns dieses Buch tatsächlich eine andere Ontologie vermittelt als die bisher gelesenen, werden wir sehen.

Unsere hiesige Wahrnehmung hat uns den Eindruck gegeben, dass im Buch VI, aber auch schon im Buch V die Akzidenzien in den Vordergrund treten – obwohl die ontologische Prioritätensetzung, nämlich der Primat der Substanz vor den Akzidenzien, nicht in Frage gestellt wird.

Wiederholung der Formel „to on legetai pollachos“ – die wiederum mit einer gewissen Modifikation erläutert wird: „es bezeichnet das, was ist, und dies da, das Quale und das Quantum ...“ Vor den Akzidenzien wird das Wesen genannt, und zwar in einer doppelten Version: das Was und das Diesda. Der Doppelaspekt des Wesens, der Substanz, ist schon öfter aufgetaucht, so in Abschnitt 8 in Buch V mit der Zuordnung zu Seele und Körper. Hier bleibt es bei den Pronomina, die den Unterschied nur „abstrakt“ andeuten: einerseits das Was oder die Wesenheit oder die Essenz (und Aristoteles hat dafür ca. 10 Bezeichnungen, wie im letzten Protokoll ausgeführt) und andererseits, das Diesda, d. h. ein konkretes Ding. Beide zusammen bilden die Substanz, also ein selbständig existieren könnendes Seiendes. Aristoteles nennt beispielhaft zwei „Wase“: Mensch und Gott. In solchen ontologischen Ausführungen, in denen es um die Seinsmodalitäten geht, wird die Realitätssorte „Gott“ von Aristoteles nur selten genannt – und wenn, dann ohne jede Emphase, er könnte auch sagen: Pferd und Mensch.

Erst im Mittelalter wurde Gott – allerdings ein anderer, nämlich der christliche, an den man glauben sollte – zu einem Hauptbeispiel für die Ontologie: unter dem Titel analogia entis ging es um die Frage, ob Gott überhaupt mit den philosophischen Kategorien zu erfassen ist. Emmanuel Levinas hat sich möglicherweise im 20. Jahrhundert in anderer Begrifflichkeit mit einer ähnlichen Problematik herumgeschlagen (wie Gerhard Weinberger anmerkt).

Das Wesen ist die primäre Kategorie, es bekommt hier auch den Titel „das erste Seiende“; ganz wörtlich übersetzt: das „erstrangig“, „zu allererst“ Seiende; und das schlechthin Seiende.

Das griechische Wort für „Wesen“, ousia, kann etymologisch als Derivat des on, „seiend“, bezeichnet werden und folglich wortwörtlich mit „Seiendheit“ übersetzt werden. Ein sekundäres Substantiv, weiblichen Geschlechts, das einen höheren und artifizielleren Abstraktionsgrad aufweist. Von diesem komplexeren Begriff sagt Aristoteles, er bezeichne das „Erste“ des einfacheren Begriffs: denn das Wesen verschafft einem Seienden die Fähigkeit, selbständig existieren zu können.

Das Wort ousia existierte in der griechischen Umgangssprache bereits vor seiner aristotelischen (bzw. platonischen) Einführung in die Philosophie und hatte eine ökonomische Bedeutung: Vermögen, Besitztum, Anwesen. Mit einer gewissen funktionalen Analogie zur ontologischen Bedeutung: denn ein Besitztum verschafft einem Menschen die Möglichkeit zu selbständiger Existenz (was wiederum in der griechischen Politik entscheidend gewesen ist).

(Das Wort „Existenz“ hat speziell in Österreich auch eine ökonomische Schlagseite.)

Die Korrelate der anderen Kategorien, also der Akzidenzien, können nicht selbständig vorkommen. Aristoteles erwähnt sie in Form der Infinitive Gehen, Gesundsein, Sitzen (eine Begriffsreihe, die ich in meinem Vortrag am 8. Juni zum Thema gemacht habe). Sobald man diese Verben in die Form des Partizip Präsens setzt (das Gehende ...) wird klar, dass sie nur als Zusatzbestimmungen eines Seienden vorkommen können.

Wolfgang Koch bemerkt, dass Aristoteles mehrfach das Aussagen, die Aussageweise (Kategorie) thematisiert, und meint trotzdem, dass Aristoteles, indem er das Wesen als Substrat betrachtet, sich radikal von der modernen Physik unterscheidet, für welche die Physis mit allen ihren Details (Gesetze, Teilchen, Effekte) nur Konstrukt ist. Die moderne Physik setze die Physis als Wesen, als Substrat in Klammern, und setze sich selber absolut.

Ich meine, dass sie das nicht konsequent tun könne, auch nicht tun wolle (selbst wenn sie es behauptet). Sowohl der Physiker als Seiendes wie auch die technischen Anwendungen der Physik kommen im „Substrat“ vor.

Für Aristoteles bilden die Physik und die Physis zwei unterscheidbare und zusammengehörige Ebenen. Bloß eine Ebene gibt es nicht und die Ebene der Physis ist auch nicht abschaffbar (siehe den Energieerhaltungssatz, der sich seinerseits in allen Physiken seit Newton hält).

Aristoteles nennt dann noch einmal zwei Beispiele für Wesen: Mensch und Feuer. Und er meint, wir können die dazugehörigen Phänomene am besten erkennen, wenn wir das Was der beiden Wesen erkennen. Wir stellen die Frage, wie man das machen kann, und für den Menschen geben wir die ziemlich tautologische Antwort: mit Anthropologie. Es gibt aber vielerlei Anthropologien und überdies könnte es sein, dass auch andere Disziplinen das Was des Menschen zu erkennen jedenfalls beanspruchen – etwa die Psychoanalyse oder die Theologie. Mit dem Beispiel „Feuer“ verweist Aristoteles direkt auf das Gebiet der Physik. Wissenschaftliche Physik? Philosophische Physik?

Und dann die neuerliche und geradezu pathetische Beschwörung der uralten und unaufhörlichen Frage nach dem Wesen des Seienden, die nur als Frage nach dem Was des Wesens gefragt werden könne, worüber verschiedenste Ansichten im Umlauf seien.

Legt man diese Frage auf die hier eingesetzte Begrifflichkeit fest, das heißt auf die beiden Begriffe „seiend“ und „Wesen“, so ist sie wohl nicht so „ewig“ (wie Wolfgang Koch bemerkt) - sondern eine griechische Spezialität, die damals höchstens hundert Jahre alt war. Aber vielleicht stellt sich Aristoteles bewusst in diesen Kontext.





Walter Seitter

Sitzung vom 14. Juni 2017

Samstag, 6. Mai 2017

In der Metaphysik lesen: Geschichte(n) über Philosophen, Akzidenzien und das Sterben

Sophia Panteliadou berichtet von einem Kunstprojekt, das sich mit dem Gehen beschäftigt, und wir stellen die Frage, ob diesem Thema auch Philosophen nahegetreten sind. Aristoteles kann hier indirekt genannt werden, insofern seine Athener Schule unter dem Namen „Peripatetiker“ gelaufen ist: Hin- und Hergeher. Wie Gerhard Weinberger vermerkt, ist diese Bezeichnung dann in der weiblichen Form „péripateciennes“ für die (weiblichen) Prostituierten üblich geworden. Womit die Prostituierten gewissermaßen zu Aristotelikerinnen ernannt worden sind – meines Erachtens kein Sakrileg. Andererseits ist Aristoteles im späten Mittelalter in die Rolle eines Reittiers für die schöne Hofdame Phyllis hineinfabuliert worden – womit dem Philosophen eine zusätzliche Bewegungstechnik, vor allem aber eine leidenschaftliche Verirrung nachgesagt worden ist.

Wolfgang Koch stellt zwei sehr kurze Erzählungen (Parabeln) aus dem 20. Jahrhundert vor – von Marcel Béalu und von Daniil Charms. Beide handeln lakonisch von merkwürdigen Begebenheiten, in denen „Substanzen“ (Menschen, eventuell Statuetten) und „Akzidenzien“ (Anfertigung der Statuetten, Vorbeikommen der Leute, eventuell Wegwerfen der Statuetten, Serie von unfreiwilligen Fensterstürzen) aufeinander prallen – womit ich eigentlich jetzt den Akzidenzien den Vorrang eingeräumt habe. Das tut auch Wittgenstein, wenn er sagt „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Tatsächlich besteht die Welt aus Substanzen und Akzidenzien und die Rolle der letzteren unterstreicht der Maler Siegward Sprotte mit der Inschrift: „Wenn der Zufall abnimmt, nimmt der Abfall zu." Es gehört zu einer gewissen Qualität des Lebens, dass nicht alles reglementiert, geplant abläuft; das heißt, dass nicht einige Substanzen oder gar nur eine allmachtsartig alles festlegt. Und natürlich wird die Lebensqualität dadurch bestimmt, wie die Akzidenzien „ausfallen“. 

Dagmar Travner komponiert aus den aristotelischen Akzidenzienerwähnungen in V, 30 und VI, 1, 2, 3 eine kleine Geschichte aus Wetterkapriolen, Menschen, Eigenschaften, Heilungen, Tod durch Gewalt, glücklichen und unglücklichen Zufällen.

Und die Akzidenzien beschränken sich nicht auf die seltenen Ereignisse, wie das Aristoteles in VI, 2 definitorisch festlegt. Sie sind sehr wohl auch mit Notwendigkeit versehen. Disjunktiv in der Form, dass man in der konkreten Situtation entweder stirbt oder nicht (1027b 6), schlechterdings in dem Sinn, dass ein Lebewesen irgendwann sterben muß (1027b 9). Daher definierten die vorphilosophischen Griechen die Menschen als die „Sterblichen“ (und nicht etwa als die „Vernünftigen“).

Denn das Sterben ist ein Akzidens – ja das Akzidens par excellence. Es tritt gewissermaßen niemals ein – das ist für mich meine Erfahrung seit über 75 Jahren (allerdings habe ich im Alter von zehn Jahren das Sterben in einem Traum tatsächlich erlebt). Aber irgendwann dürfte oder müsste es eintreten – doch bitte nicht heute oder morgen oder überhaupt ....

Unter welches der neun „offiziellen“ Akzidenzien wird man das Sterben subsumieren können? Vielleicht unter paschein – also leiden, erleiden, affiziert werden. Aber Aristoteles scheint sich nicht dafür zu interessieren, das Sterben „theoretisch“ einzuordnen. Vielleicht kommt er ihm dort am nächsten, wo er der Verstümmelung einen prominenten Platz innerhalb der theoretischen Begriffe zuweist und sie von der tödlichen Privation genau unterscheidet. Auch der Begriff der phthora (Vernichtung) könnte hier genannt werden.

Im selben Abschnitt 27 von Buch V erklärt Aristoteles sogar, dass das Akzidens „Lage“ gewissen Dingen „nach ihrem Wesen“ zukommt (1024a 19). So wie ich behaupte, daß das Akzidens Farbe allen Körpern notwendig zukommt.

Aristoteles hat betont, dass es keine Wissenschaft vom Akzidens gibt und es wird wohl so sein, dass es jetzt keine Wissenschaft gibt, die mein Sterben im Detail voraussehen, ableiten, analysieren kann. Aber dass das Wissen vom Sterben wissenschaftlich vorangetrieben werden kann, möchte ich nicht ausschließen – nicht nur medizinisch, sondern philosophisch vielleicht in einer praktischen Wissenschaft, die zu mehr Weisheit führt. Es sei denn, dass so eine Wissenschaft vor Jahrtausenden oder Jahrhunderten bereits versucht worden ist.

Wie schon erwähnt hat Aristoteles in der Poetik den Akzidenzien viel mehr Gewicht zugemessen als in seinen anderen Schriften – da geht es eben um Geschichten: literarische, die ihrerseits existenzielle nachbilden. Selbst für die Geschichte der Philosophie lässt sich ein geradezu unfallartiger Zufall sozusagen prominent anführen. Als erster Philosoph gilt nämlich Thales von Milet. Doch die Episode, die ihn zu einem Philosophen gemacht hat, setzt voraus, dass er vorher schon Mathematiker und Naturforscher war. Eines Nachts so vor sich hin gehend, den Blick zu den Sternen erhoben, fiel er in einen Brunnen. Und eine witzige reizende Magd verspottete ihn: „Er strenge sich an, die Dinge im Himmel zu erkennen, von dem aber, was ihm vor Augen und vor den Füßen liege, habe er keine Ahnung.“ Dieser peinliche Vorfall und Kommentar könnte Thales über die Wissenschaft aufgeklärt und ihn zum Philosophen gemacht haben. Unfall und Begegnung sind die beiden extremen Bedeutungspole von „Akzidens“.

Aristoteles schwankt stark in seinen theoretischen Einschätzungen der Akzidenzien. Zwar unterscheidet er sich von seinen theoretischen Vorgängern dadurch, dass er ihnen überhaupt einen ontologischen Status zugewiesen hat – anstatt sie als „eigentlich unwirklich“ abzutun. Doch kann er sich nur schwerlich darauf verständigen, ihren Platz in seiner Wissenschaft, in seinen Wissenschaften kohärent zu bestimmen. Sie werden eine Achillesferse künftiger Aristotelismen bilden.



Walter Seitter

Sitzung vom 3. Mai 2017

Samstag, 1. April 2017

Was war zuerst da: Philosophie oder Wissenschaft?

1// Nach Seitter: die Philosophie (was sichtbar werde in der Substantialisierung der Aussagen). Diese Position entspricht der Konvention, Naturbeobachtungen (Physiologien) und Mathematik der Griechen dem Gesamtkorpus des antiken Philosophierens zuzuschlagen und die Physiologien von Milet, Heraklit und Thales zum Ausgangspunkt des okzidentalen Weltentwurfs der Vernunft zu erklären.


2// Dem entgegen sagt Nietzsche: »Die Griechen übernehmen die Wissenschaft von den Orientalen. Die Mathematik und Astronomie ist (sic!) älter als die Philosophie« (NF 1872, 19.96). Diese These lässt sich noch erweitern auf Geographie, Physik, Kosmologie und Medizin, die als Erkundungsfelder alle schon vor der Philosophie bestanden haben. Auch die Substantialisierung von Aussagen findet sich bereits in der praktisch-technischen Wissenskultur der Alten, z.B. »das Unendliche« bei Pythagoras.


3// Die Vorsokratiker unterschieden sich allerdings in einem Punkt von ihren mesopotamischen und ägyptischen Kollegen. Sie suchten nicht nur »positive Kenntnisse«, sondern sie verstärkten die Suche nach Prinzipien zwischen den Resulaten. Mit anderen Worten: sie theoretisierten ihr Wissen stärker, sie leiteten Ideen aus den Resultaten ab, deren Diskussion sich in den Doxographien über Generationen hinweg verfolgen lässt. Die Wissenschaften der Griechen waren darüber hinaus diskursiver als die ihrer Vorgänger an den grossen Strömen (Pichot, 276); sie wurden sich über die Rolle der Sprache bewusst, und die Wahrheitssuche der Eleaten und Sophisten fügte dem Sammeln von Erkenntnissen die Erkenntniskritik hinzu, d.h. die Frage nach der Gültigkeit der Erkenntnisse (Pichot, 450).


4// Das alles war historisch neu, aber wurden die Vorsokratiker auf diese Weise zu den »ersten Philosophen«, wie Aristoteles meint (Metaphysik, I.3), der die Ausdrücke Wissenschaft und Philosophie weitgehend synonym verwendet? Dagegen spricht einiges. »Die Philosophie hat nichts Gemeinsames, sie ist bald Wissenschaft, bald Kunst«, lehrt Nietzsche; und Nietzsche beschreibt im Rückblick aus dem 19. Jahrhundert ein triadisches Wechselspiel dieser Sphären. In der Genese des griechischen Denkens geht es den Philosophen vor allem um Wissenschaftsbeherrschung: »Was soll der Philosoph? Inmitten der ameisenhaften Wimmelei das Problem des Daseins, überhaupt die ewigen Probleme zu betonen. Der Philosoph soll erkennen, was noth thut, und der Künstler soll es schaffen. Der Philosoph soll am stärksten das allgemeine Leid nachempfinden: wie die alten griechischen Philosophen jeder eine Noth ausdrückt: dort, in die Lücke hinein stellt er sein System. Er baut seine Welt in diese Lücke hinein« (NF-1872, 19.23).


5// In die Lücke der ewigen Probleme baute der Philosoph sein System. Die Wissenschaften verloren sich für ihn nur zu leicht in den praktischen Interessen. »Es handelt sich nicht um eine Vernichtung der Wissenschaft, sondern um eine Beherrschung. Sie hängt nämlich in allen ihren Zielen und Methoden durch und durch ab von philosophischen Ansichten, vergißt dies aber leicht. Die beherrschende Philosophie hat aber auch das Problem zu bedenken, bis zu welchem Grade die Wissenschaft wachsen darf: sie hat den Werth zu bestimmen!« (NF-1872, 19.24).


6// Die Wissenschaftsbeherrschung wurde das Hauptziel der philosophischen Produktion des 4. Jahrhunderts vuZ – vornehmlich durch Platon und Aristoteles. Diese Systemphilosophen bildeten erstmals Institutionen, die das Lehrgut eines Meisters bewahrten, sie schafften Bibliotheken, in denen das als »überholt« geltende Wissen mit der Zeit zwangsläufig wieder verloren gehen musste. Die vorsokratischen Erkenner und Erkunder haben keine solchen Schulinstitutionen betrieben; die Häuser des 4. Vorjahrhunderts aber vermittelten die Kenntnisse nun nicht nur hierarchisch, sie dramatisierten das gewonnene Wissen in einem sich ständig selbst verschlingenden Prozess.


7// Der Anfang der Systemphilosophie war der Anfang der Universitätsphilosophie. Sie bändigte den Wissenstrieb der Forscher, indem sie den Begriff des geistigen Fortschritts ins Spiel brachte, den sie wiederum von den Künsten entlehnte, einem noch älteren Spiel einander übertrumpfender Darstellungsweisen und Geschmacksmoden. Und die Systemphilosophie marginalisierte die denkerische Einzelleistung, indem sie den Erkenntnisgewinn zwingend an den Austausch unter Wissenden band. Auch dieses Diskursverfahren entlehnte sie wiederum der Kultur, speziell dem griechischen Theater, das sein Publikum bei einmaligen Aufführungen in öffentlichen Wettkämpfen in den Bann zog.


8// »Der Philosoph der tragischen Erkenntniß. Er bändigt den entfesselten Wissenstrieb, nicht durch eine neue Metaphysik. Er stellt keinen neuen Glauben auf. Er empfindet den weggezogenen Boden der Metaphysik tragisch und kann sich doch an dem bunten Wirbelspiele der Wissenschaften nie befriedigen. Er baut an einem neuen Leben: der Kunst giebt er ihre Rechte wieder zurück. Der Philosoph der desperaten Erkenntniß wird in blinder Wissenschaft aufgehen: Wissen um jeden Preis. Für den tragischen Philosophen vollendet es das Bild des Daseins, daß das Metaphysische nur anthropomorphisch erscheint. Er ist nicht Skeptiker. Hier ist ein Begriff zu schaffen: denn Skepsis ist nicht das Ziel. Der Erkenntnißtrieb, an seine Grenzen gelangt, wendet sich gegen sich selbst, um nun zur Kritik des Wissens zu schreiten. Die Erkenntniß im Dienste des besten Lebens. Man muß selbst die Illusion wollen – darin liegt das Tragische« (NF-1872, 19.35).


9// Die Philosophie war in der nietzscheanischen Perspektive den Wissenschaften keinesfalls  vorausgegangen, sie bildete in ihren Denkschulen vielmehr eine Art saturnischen Katalysator der Forschungsbemühungen, dessen Institutionen nun ständig die eigenen Kinder frassen. Die Medientheorie führt hier leicht auf eine falsche Spur. Dass von den Denkern des 6. und 5. Vorjahrhunderts so wenig erhalten geblieben ist, hängt weniger mit der geringen Haltbarkeit der Bücher als mit ihrem Inhalt zusammen.


10// Die vorsokratischen Physiologen, Mathematiker und Heiler waren – trotz ihres gesteigerten Theoretisierens und trotz dem Aufkommen der Erkenntniskritik – keine »Philosophen« im Sinn der aristotelischen Selbstvorstellung von Philosophie. Als »Philosoph« anzusprechen wäre eigentlich erst jener Denker, der seinen ungenügenden Vorläufern den Titel der »ersten Philosophen« zuschreibt, um ihre Ergebnisse in der Lücke der ewigen Probleme zu unterwerfen und sie der Kritik der Zusammenschau zuzuführen. Nur in diesem engen Sinn ist Aristoteles als der »Vater der Wissenschaften« anzusehen. Einer saturnischen Wissenskultur des offenen Austausches der Resultate und der Beschleunigung des ergebnisoffenen Fortschritts. Auf diese Weise ging, wie überall, auch in Griechenland der wissenschaftliche Geist der systematisierenden Philosophie voraus. Und schneller als anderswo geriet das Naturverhältnis der Griechen in die Zirkulationssphäre des Werts.


Text von Wolfgang Koch
Überlegungen zu den Sitzungen vom März 2017


Literatur:
André Pichot, La naissance de la sciene, 1991

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente, 1869-88