τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Montag, 5. März 2018

5. März 2018


Im letzten Protokoll habe ich versucht, die „Zweideutigkeit“ des aristotelischen Substanz-Begriffs unter der Etikettierung der Kategorienschrift anzuschreiben. Diese Zweideutigkeit besteht darin, dass das Individuelle und das Allgemeine in den einen Begriff der ousia zusammengerückt werden – dass sie aber begrifflich doch unterscheidbar bleiben. Im Buch VII der Metaphysik heißen die beiden Versionen der ousia nicht mehr Erste Substanz und Zweite Substanz sondern „Das-da“ und „Was-ist“ – Aristoteles entschließt sich also zu einer viel umgangssprachlicheren Terminologie. Und zeigt damit auch, dass Terminologien einerseits notwendig sind, andererseits aber austauschbar und eventuell verbesserbar.

Am letzten Samstag hat der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz in der Wiener Zeitung ein Gespräch geführt, in dem er die Thesen seines letzten Buches Die Gesellschaft der Singularitäten (Berlin 2018) erläutert – und zwar unter dem Titel „Es gibt eine Krise des Allgemeinen“.

Mit „Singularitäten“ will er sagen, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft die Individualisierung bzw. die Forderung nach ihr sich steigern – sei es auf der Ebene der persönlichen Leistungen oder auf derjenigen der Produktqualitäten in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Man begnügt sich nicht mehr mit der Einordnung in herkömmliche Klassifikationen oder mit dem Einhalten gängiger Standards – sondern strebt nach „Einzigartigkeit“.

Das Allgemeine gerät unter den ästhetischen Verdacht des Gewöhnlichen und Langweiligen oder aber unter den politischen Verdacht von Anpassung und Gleichschaltung, Ausmerzung der Differenzen. Man meint ein Recht auf Besonderheit zu haben und durchsetzen zu müssen. Auf der anderen Seite kippt das Verlangen nach Einzigartigkeit leicht in Überforderung oder es schlägt in Personenkult um, wo sachliche Zugehörigkeiten keine Rolle mehr spielen. Tatsächlich geht es dann nur noch um superlativische Steigerungen von bestimmten Qualitäten, die als solche kaum noch interessieren.

Reckwitz bezieht sich damit auf den Bereich menschlicher Leistungen oder Erfolge, in dem nur noch Superlative zu zählen scheinen.

Es  gibt eine spezielle Wortart, besser gesagt eine Subspezies der Wortart „Substantiv“, sie heißt „Singularetantum“ – und diese Wörter sind nur im Singular gebräuchlich. Meine lange Erfahrung hat mich gelehrt, dass die deutsche Sprache eine besondere Neigung hat, wichtigen Wörtern den Plural zu verbieten. So dem Wort „Glück“. Vor kurzem haben zwei französische Autoren dafür plädiert, das Glück, aber auch das Andere und das Ganz-Andere  in den Plural setzen zu können: Marc Augé und François Jullien. Damit werden solche Wörter Allgemeinbegriffe.

François Jullien hat die Problematik des Allgemeinen in bezug auf die Kulturen ausführlich erörtert und er konstelliert diesen Begriff mit dem Einförmigen, mit dem Abstrakten, mit dem Ähnlichen, mit dem Gemeinsamen. Ebenso zahlreich sind die Gegenbegriffe: das Einzelne, das Besondere, das Singuläre, das Identische. Seine diesbezüglichen Bücher: Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen (Berlin 2009); „Es gibt keine kulturelle Identität“. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur (Berlin 2017)

Mit Bezug auf einen anderen Realitätsbereich hat Bruno Latour in eine ähnliche Debatte eingegriffen. „Speziezismus“ nennt man die Diskriminierung bzw. Andersbehandlung  bestimmter Arten von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Latour behauptet nun in Le Monde vom 5. März 2018, dass eine Kritik daran sich ins Absurde verirrt, wenn sie bestimmte Arteigenschaften, etwa die Verspeisung von Gazellen durch Löwen, leugnet oder abschaffen will. Gegen einen derartigen „Antispeziezismus“ setzt er einen „Multispeziezismus“ – womit Überlegungen innerhalb der menschlichen Spezies über ihre Nahrungsbeschaffung nicht präjudiziert sind; denn Überlegen ist eine menschliche Fähigkeit. (Yves Bonnardel, Thomas Lepeltier, Pierre Sigler: La révolution antispéciste (Paris 2018))

Ordnet man die Phänomene mit Begriffen nach einem Schema von Gattung, Art, Individuum, so heißt das nicht – sie vergewaltigen. Allerdings sind die taxonomischen Schemata nicht unveränderlich.

Walter Seitter


Sonntag, 4. März 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1033b 20 – 1034a 8

  
Thema ist nach wie vor die Entstehung  -  die Entstehung von Sachen, die es nicht schon immer gegeben hat, von Dingen, die selbständig existieren, von Dingen, die aus Stoff und Form zusammengesetzt sind. Wolfgang Koch erinnert an 1029a 7, wo gesagt wird, dass die Form „früher und mehr seiend“ ist als der Stoff und die Verbindung aus beiden.

Nun ist aber das aus beiden Verbundene die selbständig existierende Substanz, laut Kategorienschrift die Erste Substanz. Welchen Status hat die Form, die früher und seiender genannt wird? In der Diktion jener Schrift heißt sie Zweite Substanz und im zuletzt gelesenen Abschnitt wird von ihr gesagt, dass sie „eidos oder ousia“ genannt wird und dass sie „nicht entsteht“.



Erste Substanz                                                  Zweite Substanz


entstanden                                                           unentstanden und früher


zusammengesetzt aus                
Stoff und Form                                                      unteilbare Form

                                                                                seiender     
                        

selbständig existierend                                      unselbständig                           


„Substanz“                                                              „Essenz“


„beseelter Körper“                                                   „Seele“ 



Die Version von ousia, für die die linke Kolonne steht, ist unserer Erfahrung näher. Die andere Version erscheint eher unklar, sie ist ein Bestandteil der ersten, gleichzeitig wird ihr ein höherer Rang zugesprochen. Ich würde sagen, sie ist ein „Rest“ der platonischen Idee, von der sich Aristoteles distanzieren will, die er aber auch nicht ganz los wird.

Im Absatz 1033b 20ff. schlägt sich Aristoteles mit der Frage herum, ob die damit gemeinten „Formen“ für die Entstehungen der Wesen einen Nutzen bringen, und er verneint die Frage. Andererseits bleibt er bei seiner Ansicht, dass bei der Zeugung eines Tieres eine identische Artform zwischen den Generationen entscheidend ist, in Ausnahmefällen sogar eine Gattungsform wie zwischen Pferd und Maulesel (Kreuzung aus Pferd und Esel). Die Bezeichnung für die Gattungsform, die Aristoteles nicht kennt, lautet heute „Equidae“.

Schließlich wählt Aristoteles eine Formulierung, die meines Erachtens explizit gegen Platon gerichtet ist, der meine, eine Form als ein Urbild (Vorbild) anfertigen zu müssen. Mit diesem Anfertigen unterstellt er ein Konstruieren oder Aufbauen, das von Haus aus fehlgeht, weil der Theoretiker damit über die reine Theorie hinausgehe. (Dass der Theoretiker notwendigerweise zum sprachlichen „Bauen“ übergehen muss, scheint Aristoteles hier zu übersehen.)

Was die Formursache betrifft, so ist sie zwar notwendig für die Entstehung, aber sie ist in der Wirkursache (Künstler, Vater) enthalten und man muss sie nicht „extra“ ansetzen. Das Entstandene, also das Ganze, heißt beispielsweise Kallias oder Sokrates, und besteht aus einer Artform sowie aus diesem Fleisch und diesen Knochen. Diese sind teilbar, die Form aber unteilbar.

Walter Seitter

                                 
Sitzung vom 28. Februar 2018


Nächste Sitzung am 7. März 2018

Freitag, 23. Februar 2018

In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1033a 24 –1033b 19


Noch ein Rückblick auf die Privation oder Beraubung – ein Begriff, der laut Aristoteles wie alle Begriffe in mehreren Bedeutungsnuancen auftritt. Die wichtigste davon spielt eine  Rolle bei der Analyse von jeglichem Werden. Denn Werden ist ein Übergang von einer positiven Bestimmung zu einer anderen, welche zunächst gerade nicht gegeben ist, sondern „fehlt“. Und dieses „Fehlen“ bildet die Lücke oder den Raum, der den Übergang oder das Werden ermöglicht. Und deswegen sagt Aristoteles, dass jedes materielle Ding aus Materie und Form und Privation besteht. (Met. XII, 1069b 33; 1070b 22)

Im Abschnitt 8 unterscheidet Aristoteles zwei Anfänge des Entstehens: das Wodurch, also die Formursache, die mit der Wirkursache zusammenhängt, und das Woraus, also die Stoffursache. Das Bewirken ist das transitive Korrelat zum intransitiven Entstehen, welches mit dem „Erleiden“ identisch sein kann. Bewirken (oder herstellen, machen) und Erleiden stehen ja in der Kategorientafel, zu welcher folglich auch das Entstehen hinzugefügt werden könnte, denn die Zehnerzahl ist nicht in Erz gegossen.

Gerhard Weinberger  erwähnt, dass Bernard Sichère in seinem Buch Aristote au soleil de l’être (Paris 2017) sagt, Aristoteles habe die Kategorien von der griechischen Grammatik aus entwickelt. Ich konkretisiere diese Aussage, indem ich behaupte, die Kategorien hätten ihre direkten Vorlagen in den Wortarten – die im Griechischen und im Deutschen ähnlich strukturiert sind.

In der Poetik sind ja die Kapitel 20 und 21 linguistischen Fragen gewidmet und da gibt es auch eine ganz knappe Aufzählung der Wortarten, welche auf dieses Problem bezogen werden kann: Konjunktion, Artikel, Nomen, Verb (1456b 20).

Eine etwas vollständigere Auflistung der Wortarten der deutschen Sprache  sieht so aus:

Artikel oder Geschlechtswort, Nomen oder Substantiv oder Dingwort, Adjektiv oder Eigenschaftswort, Verb oder Zeit- oder Tätigkeitswort, Adverb oder Umstandswort, Pronomen oder Fürwort, Präposition oder Verhältnis- oder Vorwort, Konjunktion oder Bindewort, Numerale oder Zahlwort, Interjektion oder Ausrufewort. Die Nomina bilden die Vorlage für die Kategorie der Substanz, was ja daran sichtbar wird, dass man statt „Nomen“ auch „Substantiv“ sagt: das Substantiv ist die für die Substanz zuständige Wortart. Die Adjektive oder Eigenschaftswörter sind der Kategorie der Qualität zuzuordnen, und die Verben oder Zeitwörter oder Tätigkeitswörter der Kategorie bzw. Doppelkategorie Wirken/Erleiden.  Neulich haben wir ja gelesen, wie Aristoteles den Übergang vom Substantiv zum Adjektiv ausdrücklich vorführt und sogar auf eine paradoxe Spitze treibt, indem er diesen Übergang auch dazu einsetzt, dass aus einem Demonstrativpronomen ein neues von ihm erfundenes Demonstrativpronomen entsteht. Zur Beschreibung dieser Vorgänge braucht man nicht esoterische Theorien – es genügt so ein banaler Begriff wie „Wortart“. Die Lehre von den Wortarten wurde im 2. Jahrhundert vor Christus zum ersten Mal ausgebaut.

Für die aristotelische Kategorienlehre (oder Ontologie) ist typisch, dass der Substanz ein Primat zugesprochen wird und daher ist es wichtig, dass man sich davon eine klare Vorstellung macht. Ich erinnere daran, dass wir uns im Frühjahr 2016 ausgiebig über die Frage unterhalten haben, wo denn und wie denn das, was dem aristotelischen Begriff der Substanz entspricht, real vorkommt. Anhand einiger Stellen im Buch V und im Vorgriff auf Buch VII wurde die These aufgestellt, dass Aristoteles auf „Substanz“ im pointierten Sinn mit solchen Pronomina wie „wer“, „du“ oder mit solchen Nomina wie „Sokrates“, „Kallias“ hindeutet. Und dass er die Seinsmodalität „Substanz“ am besten in den „Dingen“ realisiert sieht, die wir „Tiere“ oder „Menschen“ nennen (sofern man sich auf die irdische Realität beschränkt).

Zu meiner Überraschung konnte ich neulich feststellen, dass der von Peter Kunzmann, Franz-Peter Burkardt, Franz Wiedmann verfasste dtv-Atlas zur Philosophie (München 1991), ein Buch, das sich bestimmt nicht zur Spitzenklasse der Aristoteles-Forschung zählt, die aristotelische Kategorienlehre in hervorragender Weise darstellt: indem um sein Porträt herum die zehn Kategorien jeweils mit einer auf Aristoteles (als Person) bezogenen Angabe angeschrieben sind. Substanz: Aristoteles, Qualität: Philosoph, Relation: Lehrer des Alexander – usw.

Derartige Substanzen sind entstanden und sie sind vergänglich. Wie eine eherne Kugel. Doch die Form oder das Was-es-ist-dies-zu-sein, das entsteht nicht – es entsteht nicht „an sich“, sondern „in einem anderen aufgrund von Kunst oder Natur oder  Vermögen“ (1033a 5ff.). Man macht, dass die Kugel ehern ist, „man macht sie da hinein“, indem man die Kugelform mit dem Erzmaterial verbindet. Jede Entstehung ist eine Verbindung aus zwei Voraussetzungen – eine davon ist die unentstandene Form, nach der das Entstandene benannt wird, nämlich Kugel; die andere ist das Material, nach dem das Entstandene ebenfalls benannt wird, aber adjektivisch. (1033a 9ff.)

Heißt das nun, dass die Form „ewig“ ist? Sophia Panteliadou hält diese Bezeichnung für unpassend, weil sie sie an die „Ewigkeit“ im christlichen Sinn erinnert. Näher liegt eine mögliche Ähnlichkeit mit der platonischen Lehre von den „Ideen“, die mit den aristotelischen Formen oder Wesen tatsächlich eng verwandt sind und ausdrücklich als ewig bezeichnet werden. Der Unterschied dürfte sich so fassen lassen: die aristotelischen Formen sind unentstanden und unvergänglich, existieren aber an sich nur gewissermaßen virtuell (und zwar in allen Menschenseelen!). Real existieren sie nur unselbständig in Verbindung mit Stoff als Wesensbestandteile von vergänglichen Körpern. Diese Körper konstituieren sie, „koproduzieren“ sie, sie machen sie zu dem, „was“ sie sind.

Die protagonistischen Vertreter der Formen sind also die Seelen, worauf ich in dem Aufsatz „Morphismus, Energismus, Krypto-Animismus ... Eine postaristotelische Glosse“ hingewiesen habe.

Walter Seitter

Sitzung vom 21. Februar 2018


Nächste Sitzung am 28. Februar 2018


Sonntag, 18. Februar 2018


In der Metaphysik lesen (BUCH VII (Z), 1033a 6 – 24


Zu der sehr weiten Bestimmung der Seele in De anima 431b 21 stellen wir einige Überlegungen an. Die menschliche Seele, von der da die Rede ist, zeichnet sich gegenüber der pflanzlichen und tierischen dadurch aus, dass sie durch den nous (Vernunft) erweitert ist, sodass sie weit mehr fremde Eindrücke (pathemata) aufnehmen und als fremde Wesensformen festhalten kann (sicherlich auch mittels der Sprache), sodass sie eben nicht nur die Wesensform „Mensch“ ist, sondern ungefähr alle wie etwa „Haus“, „Gesundheit“, „Gott“ und so weiter. Diese aber in anderer Weise – eben „gewissermaßen“. Vielleicht in einer(?) eigenen Etage, irgendwie in „hinzukommender“, „akzidenzieller“ oder „symbebekotischer“ also „mitgekommener“ Weise. Die Seele als ein Fall, eine Sonderzone von essenziellem Akzidenzialismus, von Mengenbildung, Weltbildung ...

Und das spätantike griechische Wort für Bewusstsein, „syneidesis“, heißt wörtlich „Zusammenwissung“, noch wörtlicher „Mitgesehenhabung“. Von Aristoteles her ließe sich Bewusstsein als ein an ein Einzelwesen gebundenes pluralisches „Mehr-sein“, „Viele-sein“, „Quasi-alle-sein“ bestimmen.

In unserem Abschnitt geht es um die Seinsmodalität „Entstehung“ – und zwar um das Woraus der Entstehung. Haupttendenz der Aussage: ein Wesen entsteht aus etwas Wesensgleichem. Jenes ursprüngliche Etwas kann entweder auf der Ebene der Formursache oder auf derjenigen der Stoffursache liegen (womit zwei von den vier „Ursachen“ genannt sind).

In dem Buch, das wir jetzt lesen, betont Aristoteles hauptsächlich die Seite des Sachlichen. Gelegentlich aber wendet er sich der sprachlichen Seite der Angelegenheit zu: wie sprechen wir von diesen Vorgängen?

Wenn eine Statue aus Stein ist, nennen wir sie nicht mehr Stein – sondern Statue. Es ist hier eine neue Wesensform durchgesetzt worden und eine neue Substanz entstanden, weil die  - künstliche – Wesensform „Statue“ die – immer noch bestehende – Wesensform „Stein“ überformt hat. Und der „Stein“ transformiert sich in die akzidenzielle Qualität „steinern“. Unser Sprechen ersetzt das Substantiv durch das Adjektiv aus demselben Wortfeld. Und Aristoteles vollzieht die Adjektivierung auch an dem bloßen Demonstrativpronomen „jenes“ – vermutlich eine künstliche, eine neologistische Adjektivierung (wie Sophia Panteliadou meint): wenn etwas aus „jenem“ gemacht ist, dann ist es selber ein „jenernes“. Vielleicht ein Beispiel dafür, dass Aristoteles auch vor einem Wortspiel, das als Sprachmanipulation erscheint, nicht zurückschreckt.

Und wieder zurück zu dem Fall mit der ärztlichen Heilung. Woraus entsteht der Gesunde? Da sind zwei Antworten möglich: er entsteht aus dem Substrat Mensch oder er entsteht aus der Privation von „gesund“, also aus dem Kranken. Aristoteles meint, wir sagen eher: aus der Privation. In diesem Fall ziehen wir die Privation vor. Beim Entstehen einer Statue beziehen wir uns, wenn wir nicht vom Material reden, sondern von der Form, kaum von der Privation – die würde heißen „Nicht-Statue“, und das wäre eine „undeutliche und unbenannte“ Privation, die man „konstruktivistisch“ herbeisupponieren müsste.

Die Privation „krank“ ist hingegen ein echter mit Leiden verbundener Mangelzustand – da ergibt sich die Rede von Beraubung aus der Natur des Erlebens.

Wenn Aristoteles die Privation dennoch zu einem generellen Woraus der Entstehung erklärt, dann führt er einen kriminalistischen Begriff in die Ontologie ein, die es nicht immer mit menschlichen, mit (a)sozialen Umständen zu tun hat. Man könnte von einem anthropomorphisierenden, jedenfalls von einem dramatisierenden ontologischen Begriff sprechen.

Und damit hätten wir ein Gegenbeispiel zu der üblichen Kritik an der Ontologie, dass sie nämlich existenzielle Sachverhalte mit einer allzu neutralen Sprache (Hauptbegriff: „das Seiende“) verdeckt. Doch in ihrer allgemeinen ontologischen Bedeutung läuft die Privation darauf hinaus, dass jede Bestimmtheit mit dem Fehlen irgendeiner anderen Bestimmtheit verbunden ist, womit auch der Übergang zu dieser möglich ist – also ein Werden oder Entstehen.

Im Buch V hat Aristoteles den Privationen einen eigenen Abschnitt gewidmet (22), wobei er die speziellen Privationen, also die echten Mängel, im Bereich des Organischen ansiedelt (Pflanze, Mensch), dabei auch die Qualifizierung „schlecht“ einführt; die allgemeinen Privationen sieht er mit dem Präfix „un“ gekennzeichnet: unsichtbar, unschmelzbar; er geht aber auch zur Unterscheidung von gut und schlecht, gerecht und ungerecht über. Einer Sonderform von spezieller Privation, der Verstümmelung, hat er einen eigenen Abschnitt gewidmet (27); dabei geht es um Beraubungen, die auf einen Unfall zurückgehen; die können sowohl einen Menschen wie einen Becher betreffen.

Wir erwähnen das von Arnold Gehlen formulierte Theorem vom Menschen als „Mängelwesen“, womit eine konstitutive also essenzielle Organschwäche des Menschen (im Vergleich zu anderen Tieren) gemeint ist. Ein anderer Begründer der Philosophischen Anthropologie, Helmuth Plessner, sprach von einer „primären Unerfülltheit des Lebewesens“, damit meinte er den für alle Tiere zutreffenden Tatbestand eines ständigen Aneignen-müssens (atmen, essen ...). Wohl in der Nähe dessen liegt Jacques Lacans Rede vom menschlichen Begehren, das durch einen unaufhebbaren Mangel konstituiert ist.


Walter Seitter

Sitzung vom 14. Februar 2018



Nächste Sitzung am 21. Februar 2018