τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

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Dienstag, 6. Oktober 2015

Grillparzer über Hegel, Heidegger, Hitler

Lesung


 
Palais Wilczek,  Herrengasse 5/Stg 1/2.Stock,  1010 Wien
Österreichische Gesellschaft für Literatur

Walter Seitter: Grillparzer über Hegel, Heidegger, Hitler

Drei kleine satirische Texte stehen im Mittelpunkt einer Lesung, welche den Denker Franz Grillparzer konturieren soll. Dazu werden auch Bolzano, Feuchtersleben, Nietzsche, Mauthner und Wittgenstein zu Wort kommen. Dabei geht es um die Frage, wie der sehr spezielle Rationalismus des österreichischen Dichters im 21. Jahrhundert wahrgenommen und vielleicht aufgegriffen werden kann.

Eine Veranstaltung der Grillparzer Gesellschaft.

Sonntag, 27. September 2015

Feriales Aristoteles-Protokoll

Im Sommer 2015 lancierte der deutsche Historiker Andreas Rödder in einem Beitrag zu aktuellen Krisen (auch zu denen um Griechenland herum) den Slogan „Mehr Aristoteles wagen!“ Eine paradoxe Formulierung, weil Aristoteles kaum etwas zu haben scheint, was nach Wagemut aussieht, sondern eher als Denker der „realistischen“ Lösungen, der „pragmatischen“ Vernunft gilt. Inzwischen hat Andreas Rödder eine sogenannte Kurze Geschichte der Gegenwart (München 2015) vorgelegt, die sich methodisch auf Aristoteles beruft: Erfahrung und Alltagsvernunft. Aus welcher Erkenntnishaltung jedoch auch der von Rödder zitierte Satz „Es ist wahrscheinlich, dass etwas Unwahrscheinliches geschieht.“ stammt - den wir aus der Poetik kennen. Durch Dichtkunst gesteigerter common sense, durch die Poetik gehobene Physik ....

Eine vielleicht ähnliche Einschätzung des aristotelischen Denkens, welche jedoch seine politische Bedeutung klarer zum Ausdruck bringt, liegt bei Martha Nussbaum vor, die das Streben nach dem „guten Leben“ zum Ausgangspunkt für ihre Anknüpfung an den griechischen Philosophen macht. Aristoteles habe einen zu großen Unterschied in der Verteilung der Reichtümer für politisch ungünstig erachtet, weil damit ein Teil der Bürger aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen werde. Sie spricht von einem „aristotelischen Sozialdemokratismus“ und meint damit die Entwicklung kultureller und sozialer Fähigkeit bei möglichst vielen Menschen. Siehe ihr Buch Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Gender Studies (Frankfurt 1999)

Konträr entgegengesetzt, aber für anthropologisches Nachdenken vielleicht förderlich, Gottfried Benns Stellungnahme, der das berühmte Wort des griechischen Philosophen Aristoteles, der Mensch sei ein „zoon politikon“, ein geselliges Lebewesen, „eine Balkanidee“ nannte. Benn fand, das Leben sei in der Pflanze eigentlich ganz gut untergebracht gewesen: „Warum es also in Bewegung setzen und auf Nahrungssuche schicken?“ Von dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ wollte er schon gar nichts wissen – „Der Schöpfungskrone gehn die Zinken aus“ -, und am Ende bekannte er sich zu den Idealen des amerikanischen Politikers Monroe, des Initiators jener „Monroe-Doktrin“, derzufolge sich die Vereinigten Staaten nicht in Übersee, sondern nur im eigenen Lande engagieren sollten. Benn: „Ich bin Isolationist, mein Name ist Monroe.“
Gottfried Benn am 18. Juli 1948 im sogenannten „Berliner Brief“ an Hans Paeschke: „Das Abendland leidet ...   an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Begriffen. Das zoon politikon, dieser griechische Missgriff, diese Balkanidee, das ist der Keim des Untergangs, der sich jetzt vollzieht.“

Am 6. März 2013 kamen wir darauf zu sprechen, dass Lacan am 15. Dezember 1971 in seinem Seminar auf die Metaphysik des Aristoteles zu sprechen kam, ja ihre Lektüre empfahl – allerdings mit der merkwürdigen Klausel, man müsse das Buch wie ein blödes Büchel lesen: unter Absehung von all der sogenannten „Metaphysik“, die man aus dem Buch herausgelesen habe und deren „Dekonstruktion“ jetzt der letzte Schrei sei.[1]

Genau ein Jahr zuvor, am 9. Dezember 1970, hat Michel Foucault seine Lehre am Collège de France unter dem Titel „Der Wille zum Wissen“ eröffnet, welcher eigentlich den ersten Satz der Metaphysik paraphrasiert: „Alle Menschen streben von Natur aus zum Wissen.“ Als Beweis bzw. als Beispiel für diese Behauptung spricht Aristoteles davon, dass die Menschen die Sinneswahrnehmungen, vor allem die visuellen, lieben, nämlich hochschätzen, weil sie so reichlich liefern. Die Bezeichnung „Philosophie“ setzt dieses semantische Wortfeld, nämlich die Verbindung von volitiven und kognitiven Elementen fort. c bezieht sich in der ersten Vorlesung auf jenen ersten Satz, kommt aber zu dem Schluß, dass Aristoteles die Außenbeziehungen zwischen Wissen und Begehren gekappt habe, indem er das Streben nach dem Wissen in die menschliche Natur eingeschrieben hat. Die Wissensformen, die sich dem allgemein-menschlichen Erkennen widersetzen, das tragische, das sophistische, das kommerzielle Wissen, welche von Gewalt, Kampf, Aneignung gezeichnet seien, habe er so nachhaltig ausgeschieden, dass erst Nietzsche sie wieder zu philosophischen Gegenständen gemacht habe.[2]

Foucault geht dann auch auf die ersten Ausführungen in der Metaphysik ein, welche die frühesten Ergebnisse philosophischer Erkenntnis sammeln und kritisieren. Es gehe dabei um den Aufweis der ersten Prinzipien, welche die allerwahrsten sind und insofern in der „Erkenntnis“ bereits enthalten sind. Wieso kommt es dann eigentlich zu den vielen Unterschieden, Mängeln und Defiziten in den älteren Philosophemen? Ein Grund dafür liegt in der Vielfältigkeit auf der Ebene der Prinzipien, Ursachen und Bestandteile. Die einzelnen Philosophen haben einzelne Aspekte hervorgehoben und andere vernachlässigt. Ein anderer Grund liege in gewissen Tricks der Sophisten - deren Gemeinsamkeit darin liege, dass den Wörtern als solchen, dass der „Materialität des Diskurses“ der Primat eingeräumt werde. Und Foucault identifiziert sich mit dieser materialistischen sowie bellizistischen Einstellung der Sophisten.[3] Das geht ungefähr in die Richtung, die Lacan für die Lektüre empfiehlt.

Aristoteles hingegen versucht - laut Foucault - das als vorgängig vorausgesetzte Erkennen einzuholen. Es mag sein, dass er das versucht. In unserer Lektüre stellen wir allerdings fest, dass der Text des Buches Metaphysik die apriorische Zirkularität des „Erkennens“ nicht einholt, sondern dass er immer wieder neue Anläufe macht, die Durcharbeitung von Aporien zum Programm erhebt und vorläufig zu keinem definitivem Ende kommt.

Der Inhalt des Gesamtbuches wird anfänglich als „Weisheit“ bezeichnet – eine ehrwürdige Kategorie seit archaischen Zeiten, von den Sophisten jedoch ins Zwielicht gerückt: zwischen mutigem Nonkonformismus und höherer Geschäftsklugheit.

Bleiben wir bei den verbalen Bezeichnungen für die volitiven Annäherungen an das kognitive Ziel, so haben wir das „Streben“, das „Lieben“ und zwar das hochschätzende, das verehrende Lieben (agapesis) sowie die Freundschaft, die im Wort „Philosophie“ steckt. Doch die Hauptbezeichnung, die Aristoteles zunächst für sein Unternehmen erfindet, heißt „gesuchte Wissenschaft“: eine älteste und gleichzeitig eine neueste Wissenschaft, weniger gut begründet und aufgestellt als etwa Mathematik oder Medizin. „Gesuchte Wissenschaft“ – das heißt zunächst einmal Wissenschaft, speziell aber eine noch zu suchende und umso mehr eine noch suchende und nur suchende Wissenschaft: eine Aufeinanderfolge und Aneinanderfügung von verschiedenen Suchbewegungen, die jeweils in einem der „Bücher“ vorangetrieben und dann abgebrochen werden.

Daß für Aristoteles die Suchtätigkeit charakteristisch ist, geht aus einem Artikel über zwei griechische Philosophen des 15. Jahrhunderts – Plethon und Scholarios - hervor, welche die Überlegung oder Erwägung (boule, bouleuesthai) näher  bestimmen wollten. Die boule ist nach Aristoteles eine Erkenntnisform, die in praktischen Angelegenheiten ihren Platz hat, wo es um die richtigen Mittel für einen vorausgesetzten Zweck geht. Doch in dem erwähnten Aufsatz geht es um die Frage, ob sie auch in Natur und Kunst anzutreffen ist. Plethon bejaht die Frage, weil er unter boule die Antizipation des Zwecks durch den Intellekt versteht. Scholarios verneint sie, weil er die boule eher aristotelisch als ein Suchen und Herumschaun auffaßt, das mit Zweifel und Unsicherheit einhergeht. Es scheint, dass er damit dem Duktus der Metaphysik nahekommt.[4]

Die Metaphysik beginnt mit einem Satz über das Wollen. Das Streben nach Wissen, das allen Menschen von Natur aus zukomme. Diese Verallgemeinerung und Naturalisierung des Wollens hat nach Foucault den Effekt, die tatsächlichen Verhältnisse zwischen dem Wissen und dem Wollen zu verdrängen und die Philosophie für Jahrtausende vor den Unruheherden namens Wollen, Begehren, Kampf, Macht zu schützen. Er sieht also im ersten Satz der Metaphysik eine sehr zweideutige „Voluntarismus-Erklärung“. Bei Aristoteles laufe sie auf eine Zähmung, ja Stilllegung des Wollens hinaus. Gegen einen solchen „Erkenntnis-Quietismus“ möchte Foucault seinen eigenen „Wissens-Voluntarismus“ setzen.

Am Anfang der erwähnten Vorlesung vom 9. Dezember 1970 erklärt Foucault, dass er den Titel „Der Wille zum Wissen“ auch den meisten seiner bisherigen historischen Analysen hätte geben können und er würde auch zu den künftigen passen. Das heißt sein Lebenswerk bestehe aus „Fragmenten zu einer Morphologie des Willens zum Wissen“.[5] Tatsächlich sollte er ja auch 1976 dem ersten Band seiner Geschichte der Sexualität diesen Titel geben.[6]

Aristoteles, der Foucault die allgemeine Formel für die voluntaristische Erkenntnisdramatik liefert, habe sich dieser schließlich doch entzogen. Er habe den Willen zur Erkenntnis naturalisiert, essenzialisiert – und ihn so seiner Kontingenz, seiner Gewaltsamkeit beraubt.

Sowohl die Erkenntnis wie auch darüber hinaus die Wahrheit seien „Erfindungen“ – über dem Spiel der Instinkte: Erfindungen aus Schein, Illusion, Irrtum, Lüge. So resümiert Foucault über Nietzsche seine Gegenposition zu Aristoteles.[7]

Das Singuläre unserer Metaphysik-Lektüre könnte sein: dass sie auf der Poetik-Lektüre aufruht. Eingedenk der Tatsache, dass die Philosophie in Griechenland entstehen konnte, weil da die Religion nicht nur von den Priestern sondern maßgeblich von den Künstlern gestaltet worden ist.


Nächste Sitzung: 7. Oktober 2015

Walter Seitter



[1] Siehe Jacques Lacan: Séminaire XIX: ... ou pire. 1971-1972 (Paris 2011): 28f.
[2] Siehe Michel Foucault: Leçons sur la volonté de savoir. Cours au Collège de France. 1970-1971 (Paris 2011): 7ff.
[3] Siehe Michel Foucault: op. cit.: 33f.
[4] Siehe Sergei Mariev: Plethon and Scholarios on Deliberation in Art and Nature, in : J. Matula, P. R. Blum (Hg.): Georgios Gemistos Plethon. The Byzantine and the Latin Renaissance (Olmütz 2014): 113ff.
[5] Michel Foucault: op. cit.: 3.
[6] Siehe Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen (Frankfurt 1977)
[7] Siehe Michel Foucault: Leçons sur la volonté de savoir. Cours au Collège de France. 1970-1971 (Paris 2011): 195ff.

Donnerstag, 2. Juli 2015

In der Metaphysik lesen (1018b 9 – 1018b 14)

Wir fragen uns, ob oder inwieweit unser Text „logisch“ komponiert ist oder eher zufällig zusammengewürfelt erscheint. Diese Frage kann man in bezug auf das gesamte Buch stellen, das aus 14 „Büchern“ besteht. Das Buch V, das „Wörterbuch“, erscheint da doch nur so eingeschoben. Und selber enthält es 30 deutlich abgesetzte Abschnitte, wobei 9, 10 und 11 nicht jeweils einen ordentlichen Begriff behandeln, sondern jeweils mehrere zusammengehörige irgendwie adjektivische Bestimmungen.

Nun also „Früher, später“. Wir siedeln diese Begriffe auf der Zeitachse an, Aristoteles hingegen nicht nur in der, sondern auch in einem logischen Raum oder in der Dimension der Orte. Insofern würde sich die Übersetzung „erster“ bzw. „letzter“ nahelegen. Das Erstere wäre zunächst das, was in einer Gattung den Anfang bildet oder dem Anfang näher steht – entweder der Natur nach oder in irgendeiner Beziehung; dem Ort nach ist das erstere, was einem natürlichen Ort oder einem gewählten Ort näher ist; ein natürlicher Ort wäre ein mittlerer oder ein entferntester. Ein mittlerer Ort im aristotelischen Sinn wäre die Erde, ein entferntester Ort wäre der „erste“ oder „äußerste“ Himmel.

Mit diesen beiden von Natur aus hervorgehobenen Orten, mit der Koexistenz von Geozentrik und Heliozentrik, deutet sich an, dass Aristoteles Anthropozentrik und Theozentrik verbindet, theoriegeschichtlich protagoreisches und platonisches Denken. Nach dem kopernikanischen Sieg des Heliozentrismus über den Geozentrismus, der etwa von Edmund Husserl im 20. Jahrhundert in Frage gestellt worden ist, lässt sich eine kosmologische Polarität oder Balance annehmen, die auch aristotelisch gedacht werden kann.

Sofern sein philosophisch konstruierter Gott im Kosmos verortet werden kann, würde er dem äußersten Himmel zugeordnet werden. Das wäre denkbar, weil er diesen Gott ohnehin „physikalisch“ definiert: als unbewegten Beweger. Diese rein physikalische Gottesdefinition geht natürlich in die Richtung einer „Physik von allem“ (mit welcher ich sympathisiere).[1]

Woran sich die Frage anschließen ließe: gibt es auch eine rein physikalische Definition des Menschen?

Nächste Sitzung: 7. Oktober 2015

Walter Seitter


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Sitzung vom 1. Juli 2015 



[1] Siehe Walter Seitter: Physik des Daseins. Bausteine zu einer Philosophie der Erscheinungen (Wien 1997); Physik der Medien. Materialien, Apparate, Präsentierungen (Weimar 2002); (Meta)physics of Media, in: B. Herzogenrath (Hg.): mediamatter (New York – London 2015)

Samstag, 27. Juni 2015

In der Metaphysik lesen (1018a 23 – 1018b 8)

Die Begriffe „entgegengesetzt“ und „Gegenteil“ mögen zwar aus der Logik stammen, aber hier beziehen sie sich auf Phänomene der Außenwelt. Innerhalb der Logik spricht man eher von „Gegensatz“, denn die Logik hat es mit Sätzen zu tun. Die Rhetorik mit Reden – daher „Gegenrede“.

Die Gegenteile  sind Teile der Welt, es können auch psychische, ethische, politische, eventuell göttliche („dämonische“) Sachen sein. Das einzige und knappe Beispiel, nämlich die Entgegensetzung  grau-weiß (die wir zur Polarität schwarz-weiß ergänzt haben), bezieht sich eindeutig auf die physische Außenwelt.  Und zwar handelt es sich um Eigenschaften.

Im weiteren Verlauf von Abschnitt 10 erläutert Aristoteles seine Begriffe mit „Art“, „Gattung“, „Unterscheidung“, die wiederum der Logik angehören, aber „entgegengesetzt“ und „Gegenteil“ gehen weiterhin über die Logik hinaus – egal, ob damit Dinge oder Eigenschaften gemeint sind (aus dem Text geht das überhaupt nicht hervor, weil Aristoteles nur karge Artikel und Pronomina einsetzt:  die da und solche und jene ...)

Unser aristotelisches Buch operiert auf weite Strecken als "objektorientierte Logik". Es setzt die Logik voraus und schaut hinaus, es setzt der Logik Augen ein.

In der von Ursula Wolf herausgegebenen Rowohlt-Ausgabe der Metaphysik wird nun genos nicht mit „Gattung“ übersetzt sondern mit „Geschlecht“.

Das ist als Übersetzung abstrus – und eben deswegen lehrreich. Denn das griechische Wort genos hat ursprünglich eine biologische Bedeutung und heißt „Abstammung“, „Verwandtschaft“, „Geschlecht“. Die Wurzel „gen“ verweist auf Zeugung. Auch das deutsche Wort „Gattung“, das inzwischen als logischer Begriff etabliert ist, stammt aus einem biologischen Kontext. Durch Begattung und Zeugung werden Individuen produziert, die verwandtschaftlich zusammengehören, und diese Zusammengehörigkeit heißt „Gattung“ oder „Art“.

In der Logik bezeichnet dann Gattung eine weitere Zusammengehörigkeit, Art eine engere.

Das lateinische genus hat dieselbe Bedeutung wie das griechische genos. In der Grammatik bezeichnet es die Wortgeschlechter männlich, weiblich, sächlich.

In der Verwandtschaftslehre gibt es die Geschlechter des Miteinander (Mann, Frau) und die Geschlechter des Nacheinander (Eltern, Kinder, Vorfahren, Nachkommen).

Die lateinische Sprache hat neben dem sächlichen genus einen männlichen, gewissermaßen personalen, Parallelbegriff hervorgebracht: den genius. Die Zeugungskraft, die Seele des Mannes, die er mit der Zeugung von Kindern ins Werk setzt, welche dann ihrerseits auch so einen genius haben (die Frauen haben jeweils eine Juno). Aber nicht nur Menschen, auch Hügel, Täler, Gebäude, Institutionen haben dieser animistischen Vorstellung zufolge jeweils einen Genius – einen Schutzgeist oder ein „Geistchen“.

Der österreichische Philosoph Edgar Zilsel (1891-1944) ist diesen Dingen nachgegangen, als er die Vorgeschichte des Geniebegriffs erforscht hat, auch die Wurzeln des modernen Geniekults, der bei Otto Weininger große Wirkung getan hat.[1]

Inzwischen rühmt sich Österreich, ein genfreies Land zu sein.


Walter Seitter


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Sitzung vom 24. Juni 2015 



[1] Siehe Edgar Zilsel: Die Entstehung des Geniebegriffes. Ein Beitrag zur Ideengeschichte der Antike und des Frühkapitalismus (Tübingen 1926): 9ff.; ders.:  Die Geniereligion. Ein kritischer Versuch über das moderne Persönlichkeisideal, mit einer historischen Begründung (1918) (Frankfurt 1990)