τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Freitag, 25. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XII

23. August 2023

 

Mit der Unterscheidung zwischen Verbindungen und Ereignissen, also zwischen festen und weniger festen Entitäten nimmt Serres jenen Behauptungen den Wind aus den Segeln, die ihm unterstellen, er würde unterschiedliche Aussagen über die physische Realität auf verschiedene Aussagende, Aussagesubjekte zurückführen – etwa männliche bzw. weibliche. 

 

Tatsächlich setzt er die Unterschiede in der objektiven Realität selber an und folgt insofern der bekannten antiken Elementenlehre, obwohl die bei ihm einen weniger primären Status hat als bei den meisten Vorsokratikern oder bei Aristoteles.

 

 

zwischenbild nackt auf einem schreibtisch schaut sie lässig und wohlgefällig zu wie ein nackter mann seinen schwanz an ihr geschlecht stößt oder in es einführt oder ihn herauszieht lässig wie ein flußgott läßt sie das geschehen daß die kamera dabei ist und alles aufnimmt ist für sie wohl selbstverständlich vermutlich bekommt sie nur unter dieser bedingung geld für die „sitzung“ immerhin „lebt“ sie von solchen zahlungen 

 

und noch eine bildschöpfung fast von mir ein ausschnitt mit unterbauch von vagina oberrand bis nabel piercing ein barockes wogen einer stillen oberfläche die als oberfläche einen bauch raum abschließt und abdeckt in dem verschiedenste verschiedenfarbige weiche und feuchte und nasse und glitschige vermutlich auch „stinkende“ gewebe organe neben und unter und zwischen einander angeordnet sind in denen allesamt sich ortsbewegungen und chemische reaktionen abspielen an denen milliarden und abermilliarden von mikroorganismen mitarbeiten die ihrerseits davon leben daß sie da beschäftigt sind womöglich meinen sie sie seien hier die hauptakteure vielleicht wissen sie gar nicht daß sich eigentlich die tanner hier für die hauptperson hält so wie die menschen erst seit kurzem von der existenz und der arbeit dieser kleinsttiere „wissen“ tanner denkt wohl kaum jetzt an sie und doch kann sie gar nicht so sein wie sie ist so zufrieden und gefällig und wohlgefällig wenn nicht unter ihrer schönen bauchdecke ihrer wohlgepflegten

 

Andererseits nähert Serres die lukrezianische Auffassung von Raum und Zeit der bergsonianischen an, die die Körperbewegungen als primordial annimmt.

 

Daher sei die Zeit irreversibel, irrevokabel – also „thermodynamisch“.

 

Die Atome laufen, fließen, stürzen dem Fall, dem Tod entgegen. Die Dinge sind schwer, sie fallen ihrer friedlichen Ruhe entgegen. Flüssig - verlaufen sie sich. Heiß – kühlen sie ab. 

 

Fall, Tod, Zerstreuung. Brechungen, Dichotomien, Atome. Das atomare Fließen ist der Seinsgrund, das Hintergrundgeräusch. 

 

Diese Welt auf der Drift ohne Zurück ist hie und da, man weiß nicht wo und wann, mit „Taschen“ durchsetzt, wo Wirbel aufkommen, Anscheine von Zurück. Mit diesen Objekten tauchen auch die Uhren auf. Spiralig, verschoben. Von ihrer Morgenröte an versuchen sie die Zeit des Todes zu schlagen. Die lukrezische Welt ist global entropisch und dank den Tourbillons gelegentlich negentropisch.[1]

 

Die lukrezianische Verbindung steht für die Ektropie. 

 

Die newtonsche Zeit, die reversible, markiert den Widerstand gegen das Irrevokable. Es gibt sie nicht in der lukrezianischen Physik und daher konnte man im 19. Jahrhundert nicht eine Minute lang denken, es gäbe eine solche Physik. Außer bei Bergson. Da herrscht die irreversible Zeit: die Physik der Dinge widersteht ihr hie und da - im großen Abfluß der Drift. Die Historie folgt ihr, rauht ihr Fließen nur ein bißchen auf. Die Historie fließt um die Physik herum. 

 

Daher die Beispiele bei Lukrez. Wie die Verbindungen die schweren, likörartigen, warmen, die Physik gliederten, so bildeten die Ereignisse das Gesellschaftlich-Politische. Knechtschaft und Freiheit geordnet um Armut und Reichtum. Das Brot, das fehlt, und das Geld, das überfließt. 

 

Die Historie ist Symptom der Natur. Die Zeit ist das Symptom der Symptome. 

 

Jetzt der Krieg, der jetzige oder der trojanische. Mars ist nur ein Akzidens der stabilen Venus, eine vorübergehende Lockerung des Zirkels. Er geht vorüber, aber gefesselt. Vulkan sollte ihn mit seinem Netz einfangen: penis captivus. Ansonsten bloßer Übergang. Nach jedem Krieg wieder ein Vertrag.

Aber Lukrez unterscheidet diese historischen Übereinkünfte von den stabilen Verbindungen zwischen den Atomen. Die Politik, die Geschichte – das sind nur die ereignishaften Symptome der fundamentalen Kombination.

 

Diese, also Venus selber, ist weit weg von der Geschichte und von der Politik. 

 

Sie ist eigentlich – Materialismus.

 

Das Ruhige des Gartens, seine stille Heiterkeit – das nennt sich „Ataraxie“. Die Seele besteht aus Atomen, wie der Körper, wie die Welt. Die Ataraxie ist ein moralischer Zustand, folglich ein physischer Zustand.

 

Für Lukrez wie für uns ist das Universum das globale Tourbillon lokaler Tourbillons. Gleiches gilt für sein Lehrgedicht.

 

Die Ataraxie ist Abwesenheit von Unruhe. Das Leben des Weisen ist frei von Turbulenzen. Und daher der Natur am nächsten.

 

die sachliche deckung zwischen der venus und dem weisen findet ihre personalunion in den obigen fotos der tanner mayes

 

Die Natur lehrt uns das Rieseln des nie versiegenden Fließens, die Kaskade und die Turbulenzen der Atome. Die Wirbel des Meeres und der Winde. Das tropische Rad der Himmelsobjekte. Die kegelförmige Spirale, die die Dinge formt. Die Seele, wie der Körper, wie die Körper konstituiert aus heißen, luftigen, windigen und namenlosen Atomen. 

 

Die Physik, die Psychologie legen Rechenschaft ab von den verstreuten Knoten, in denen die Wirbel sich bilden.

Diesseits der drei physikalischen Disziplinen erfaßt die Fundamentaltheorie den laminaren Fluß der Atome, das Leere und die Prinzipien. 

 

Diesseits der Kulturpsychologie, die von der Geschichte und von den Göttern gezeichnet ist, von Angst und von Unruhe, von unseren relativen und zufälligen Konkurrenz- und Kampfereignissen, erreicht die Moral einen Prinzipienzustand.

 

Der Weise ist die fundamentale Welt. Er findet die Materialität wieder, den Grund des Seins, wo noch keine Falte die Oberfläche der Wasser gefurcht hat.

 


Walter Seitter

 


[1] Im Unterschied zu Serres, vielleicht, halte ich die Negentropie für die primordiale Größte und plädiere daher dafür, sie nicht mit einem Negativausdruck zu benennen, sondern affirmativ als „Ektropie“ zu bezeichnen, wie das vor über hundert Jahren Georg Hirth und Felix Auerbach getan haben. (154ff.)

Freitag, 18. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XI

16. August 2023

 

Irgendwann, aber lange nach seiner Lukrez-Paraphrasierung (1978), hat Serres gesagt, Hiroshima, wo der Bund zwischen Wissenschaft und Zerstörung seinen größten Triumph zustandegebracht hat, habe ihn zum Philosophen gemacht, nämlich zum Philosophen, der diesen Bund nicht fortsetzen will.

Also hat der epikureische Vertrag zwischen Wissenschaft und Venus doch nicht gehalten, Serres mußte Philosoph werden und das Problem bleibt auf der Tagesordnung.

Er hat es in weiteren Büchern neu formuliert. Im September 2013 publizierte die Zeitschrift Artforum sein Gespräch mit Paul Galvez unter dem Titel „Second Nature“.

Darin spricht er davon, wie er in seinem Buch Biogée (Paris 2013) sein Denken neu gesetzt                                                                                                                                                                hat, indem er auf das Murmeln der Bäche, auf die Kühle der Brise, auf das Schweigen der Mikroben gehört habe. Damit habe er allerdings überhaupt keinen „Postismus“ in die Welt gesetzt.

Ich aber setze meine Serres-Paraphrasierungs-Protokollierung fort, um eine Lese- und Denklinie überblicken zu können, auch wenn sie nicht mehr in allen Stücken zu halten sein sollte. Beziehungsweise wenn die Geschichte nicht alle Erwartungen erfüllt hat.

 

Die Griechen haben die Demokratie erfunden und damit auch neue Machtstrategien, die allerdings nicht immer verhindert haben, daß die alte Hierarchie bestehen blieb oder daß mit den neuen Strategien neue Täuschungen zum Zug kamen.

 

Jene Griechen haben allerdings auch andere Dinge erfunden: die Dichotomie, die Trennung, die Teilung. Sie haben die Klassik erfunden: die Spezifizität der Regionen.

 

Der Olymp den Göttern, die Welt den Atomen, die Axt der Mitte.

 

Ich akzeptiere, daß diese oder jene Aussage vieldeutig ist: daß sie zumal dem Mythos, dem Heiligen, der Macht und der Physik angehört. Falls es uns heute einfällt, eine Aussage verstiegen oder schrullig zu finden, dann wegen der Griechen. Sie haben diese Einteilungen, Unterscheidungen, Klassifizierungen erfunden. Sie haben so eine sorgsame Kartographie eingeführt: Verfassung und Meteore, Mathematik und Mythos, Medizin und Geldtheorie – und so weiter.

 

Die Gräzität – das ist die Polytomie. Die Aufmerksamkeit auf jeden Übersprung in eine andere Gattung.

Die Gräzität - das ist die Dichotomie von der Theorie der Segmente zu den Vorstellungen von getrennten Welten.

 

Wären ohne diese Leistungen die Atome erfunden worden?

 

Ja, die Griechen haben überlistet, gemogelt, getäuscht und betrogen – beinahe so gut wie wir. Sie fanden nichts dabei, ein X für ein U vorzumachen oder irgendetwas als Wissenschaft auszugeben. Aber wenn sie immer nur die Taschenspielerkunst ausgeübt hätten – hätten sie dann die Geometrie erfunden?

 

Nein, das ist nicht möglich. Wenn es ein Feld gibt, auf dem man nur mit versteckten Karten nicht gewinnen kann, dann das der Mathematik.

Keiner trete da ein, wenn er Taschenspielerkünstler ist!

Und umgekehrt, jede Philosophie, jeder Diskurs, jeder Text – die vorgeben, sich nie zu täuschen, die gehören zu den Taschenspielern.

 

Das Kriterium der Wahrhaftigkeit ist das Risiko des Irrtums. Der einzige Weg zur Entdeckung ist die Bereitschaft, seinen Irrtum vor allen einzugestehen. Die Physik der Atomisten vermeidet nicht das mathematische Modell.

 

Die natürliche Konstitution, der Materalismus. Anstelle einer politischen Konvention, die über die Natur gestülpt wird. Auch wenn das transzendentale Ich durch die transzendentale Gruppe ersetzt wird, bleibt es beim Idealismus.

Die natürliche Konstitution ist letztlich die atomare Konstitution.

 

Die Menschen sind ebenso wie die Dinge aus Atomen zusammengesetzt. In ihrer Seele wie in ihrem Bewußtsein. Ihr Kollektiv ist ein Zusammengesetztes aus Zusammengesetzten. Was heißt dann – foedus?

 

Die Fundamentalphysik beschäftigt sich mit den Atomen und der Leere. Die Experimentalphysik mit den von jenen fundierten Zuständen: Gewicht, Flüssigkeit, Wärme.

 

Unterscheidung zwischen den eventa und den coniuncta.

 

Die Sprache entsteht mit den Dingen - im selben Prozess. Die Dinge erscheinen mitsamt ihrer Sprache.

 

Lukrez macht verständlich, daß die Welt verständlich ist. Mein Text, mein Wort, mein Körper, das Kollektiv, seine Zustimmungen und seine Kämpfe, die Körper, die fallen, fließen, flammen, donnern wie ich – all das ist nur ein Netz von Urelementen in Kommunikation.

 

 

Was also ist die Physik? Die Wissenschaft von den Relationen. Von Relationen zwischen Atomen unterschiedlicher Familien. Angemessenheiten, Übereinkünften, Konkurrenzen, Koitussen.

Daher der Eröffnungsgesang: als Göttin, die allein die Natur zu regieren vermag, dekretiert Venus das foedus, den Vertrag: ego coniungo vos. Venus setzt die Atome zusammen und ebenso die Zusammensetzungen. Sie ist jedoch nicht transzendent wie die anderen Götter, sie ist dieser Welt immanent. Sie ist die Relation selber. Venus sive natura sive coniuncta sive foedera. Sie inspiriert die Neigung, sie ist die Neigung. Die Deklination ist auch ein Differential der Wollust, die erste Aufgeregtheit vor der Verbindung.

 

Aphrodite allein regiert: wer hat jemals anders steuern können als mit dem Winkel des Steuerrads?

Lukrez unterscheidet sorgfältig die coniuncta, welche die stabilen Objekte erzeugen, von den eventa, Ereignissen oder Akzidenzien.

 

So führt er die Teilung zwischen der Physik und der Historie durch.

 

Gewicht, Wärme, Flüssigkeit sind die Qualitäten der Venus. Diese Verbindungen garantieren die Stabilität der Dinge, das heißt die mögliche Erfahrung. Unser Determinismus sagt dasselbe, Garant der Wiederholung.

 

Ganz anders die Ereignisse, die ein labiles Fließen von der Ankunft zum Ausgang vollziehen – nur Zutaten. Sie verbinden sich nicht in einem Koitus, bringen es nur zu einem Abgang, verfließen in einem Abfluß. Sie vergehen auf nimmer wieder.

 

Walter Seitter

Montag, 14. August 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez X

9. August 2023

 

 

Die Paraphrasierung, die Michel Serres vom Lehrgedicht De rerum natura durchgeführt hat, welches von dem römischen Schriftsteller Lukrez im 1. Jahrhundert vor Christus geschrieben worden ist, gliedert sich in acht Abschnitte:

 

PROTOKOLL

MATHEMATIKEN

ZURÜCK ZUM MODELL

ERFAHRUNGEN-EXPERIMENTE

KONDITIONEN-BEDINGUNGEN

GENESE DES TEXTES

HISTORIE

MORAL

 

Im vergangenen Sommer ist die hiesige Protokollierung meiner Serres-Lektüre bis in den Abschnitt Konditionen-Bedingungen vorgedrungen. Die epistemologischen Bedingungen „Beobachtung und Simulakren“ habe ich nachvollzogen, wobei die Simulakren sich wohl als „Erscheinungen“ übersetzen ließen.

 

Unter den kulturellen Bedingungen führt Serres an: Gewalt und Vertrag: Wissenschaft und Religion.

Serres‘ historische Epistemologie unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Wissenschaftsgeschichten, die jeweils auf eine unwissenschaftliche „Vorgeschichte“ erst die Geschichte der Wissenschaft folgen lassen. (9)

Anstatt das Lehrgedicht als ein „unreines Gemisch aus Metaphysik, politischer Philosophie und Träumereien über die individuelle Freiheit der Dinge selber“ zu verstehen, liest er es als einen „Physik-Traktat“. (10)

 

Er stellt den Text also neben andere antike Physik-Abhandlungen, die zum Teil älter sind, über die er sich jedoch nicht äußert. Wohl aber nimmt er zur Kenntnis, daß es in der griechisch-römischen Antike mehrere divergierende Gattungen von Physik gab. Und eine davon, die epikureische in der Fassung von Lukrez, untersucht er in ihrer spezifischen Gestalt, aber auch im Hinblick darauf, ob und wie sie vom 20. Jahrhundert nach Christus aus als vergleichbare und zulässige Wissenschaft betrachtet werden könnte – wobei er das seit dem 17. Jahrhundert durchgesetzte Monopol-Paradigma der Physik in Frage stellt und dem lukrezianischen Paradigma sogar noch eine Zukunft in Aussicht stellt.

 

 

Im Abschnitt über die „kulturellen Bedingungen“ hatte Serres das 20. Jahrhundert mit der interessanten Figur des Arbeiters von Ernst Jünger aufgerufen: Herakles, dessen Kämpfe als „Arbeiten“ besungen werden.

 

Epikur hat mit diesen sogenannten Arbeiten Schluß gemacht. Er diktiert das foedus, den neuen Bund mit der Natur. Er beschließt die heraklitische Epoche, in der der Krieg die Mutter aller Dinge ist und die Physik unter dem Diktat des Mars steht.

 

Lukrez kritisiert Heraklit mit Strenge, Empedokles jedoch mit Milde: dieser andere Sizilianer hatte ja mit seiner Einführung der Freundschaft oder Liebe dem Vertrag zugearbeitet.

 

Gegen den Haß und die Zwietracht hatte sich Aphrodite fröhlich erhoben.

 

Epikur und Lukrez haben Mars aus der Physik hinausgetrieben.

 

Aber wir stellen fest:

 

Indem Descartes dekretiert hat, daß die Natur zu beherrschen und in Besitz zu nehmen sei, und Bacon definiert hat, wie man sie unterwerfen kann, ist der Bündnis-Vertrag gebrochen.

 

Herkules und Archimedes übernehmen die Regie.

Auch das objektive Wissen wird von einer Gemengelage aus vorgängigen Entscheidungen getragen.

Letztendlich wird es vom Leben oder vom Tode getragen, bewegt, orientiert.

 

Eines der schwierigsten Probleme überhaupt:

 

Die Wissenschaft wird von gesellschaftlichen, kulturellen Postulaten und Entscheidungen bedingt; andererseits ist sie universell und unabhängig von jeder vorgängigen Übereinkunft.

2 x 2 = 4, die Körper fallen gemäß Newton, die Entropie nimmt im geschlossenen System zu – auf jedem Breitengrad, egal unter welcher Klassenherrschaft.

 

Die Wissenschaft ist bedingt – aber bedingungslos.

 

Nun gibt es Bedingungen, die das von ihnen Bedingte in seinem Inhalt frei lassen.

 

Sie sind bedingend – aber nicht determinierend.

Ein kleines Zimmer, ein Sessel, ein Tisch, drei Schreibhefte, zwei Bleistifte, ein das möglich machendes monatliches Gehalt und somit die jetzige Gesellschaft mit ihrer Geschichte und ihrer Gliederung bilden ein Gefüge von Bedingungen dafür, daß ich ein Buch schreibe.

 

Dieses aber kann oder kann nicht sein: eine Abfolge von Gleichungen oder eine Zusammenstellung von Gedichten. Es kann eine Kopie sein oder eine Erfindung, es kann exakt sein oder abwegig, es kann aktuell sein oder banal.

 

Man kann jederzeit von einem Produkt auf seine Bedingungen schließen, aber nicht von den Bedingungen aufs Ding.

Dieses schlichte Prinzip hat fast die gesamte gegenwärtige Philosophie in einen retroaktionären Prozess verwandelt.

 

Ihre Redeweise, mag sie auch hellsichtig sein, ist unerschöpflich, solange sie sich auf den Weg zurück macht, um die vielen Bedingungen zu finden; aber sie ist impotent, sobald es darum geht, nach vorn zu gehen und von der Bedingung zum Ding zu gelangen. Sie nimmt daher eine unproduktive Position ein – nicht aufgrund einer theoretischen Schwäche, sondern weil sie unbestimmbar und unabschließbar ist.

 

Welche sind die Bedingungen, die bei gegebenen Produktionsbedingungen ein Produkt in eine bestimmte Richtung lenken?

 

Serres versucht, die ausschlaggebenden Bedingungen ohne Rekurs auf psychologische oder ethische Faktoren ausfindig zu machen.

 

Die Physik des Lukrez, will er gezeigt haben, ist dieselbe wie diejenige des Archimedes: aber sie ist von der martialischen in die venerische Richtung übergegangen. Die Hydrostatik ist von der Theorie der Gefäße zur Konstituierung der Biologie übergegangen. Von einer Technologie der trägen Materie zur Biologie.

 

Das Modell ist dasselbe, das Modellierte ist ein anderes. Die Teile und die Nachbarschaften sind andere geworden.

 

Ausbeutung, Ausforschung, Ausfaltung, Verteilung der Furchen, der Bahnen.

 

Die Strategie wird von der Topologie bestimmt, die im Organigramm aufgezeichnet wird – da geschieht die Weichenstellung zwischen einer martialischen und einer venerischen Neigung, Orientierung, Bewegung.[1] (142ff.)

 

Epikur ist ein Gott außerhalb aller Götter. Der neue Gott einer anderen Geschichte, der die archaischen Traditionen allesamt überholt hat. Er macht Schluß mit dem Heiligen, indem er es vollendet. Und die Epikureer, die Atheisten, verehren mit Fug und Recht den Gründer dieser Wissenschaft als einen Gott. Und mit seiner heroischen Geste, die die Heroen überbietet, führt Epikur die Geburt der Venus auf den aufgewühlten Wassern herbei. Das Wissen des foedus, der Liebe, der Freundschaft.

 

Mit der Vertreibung der Götter sind auch die antiken Wiederholungen der Opferungen hinfällig, wie René Girard gesehen hat.[2]

 

Nach Serres war das Sakrale ein Wissen von den intersubjektiven und polemischen Beziehungen der Gruppendynamik. Nach dem Sakralen wird die Natur objektiv geboren, ist die Wissenschaft möglich. (147f.)

 

Walter Seitter




[1] „Organigramm“: ein Schachtelwort bzw. eine Kurzform für „Organisationsdiagramm“, mit dem eine Arbeits- und Entscheidungsorganisation übersichtlich dargestellt wird. Und zwar eventuell so, daß die tatsächlichen Informations- und Leitungswege verzeichnet werden.

[2] René Girard (1923-2015), französischer Philosoph, der die These vertritt, das Christentum habe die Gewaltspirale, die in der Opferung eines Sündenbocks realisiert wird, aus der Welt geschafft.

Samstag, 29. Juli 2023

In der Metaphysik lesen*Hermann – Lektüre 32 (77rF - 78vA) Seite 216, Z 12 bis Seite 222, Z 20 bei Burnett.

Mittwoch, den 28. Juni 2023

 

Nachdem Hermann die bewohnbare Welt über die geografische Eingrenzung und die Multiplikation von Brüchen, von Al-Battani übernommen, zu bestimmen versuchte, wendet er sich jetzt definitiv verschiedenen geometrischen Versuchen an der Kugelform zu. Weil Al-Battani diese bewohnbare Fläche durch Multiplikation der kleinen Zahlen, in dem Fall Bruchzahlen, ermittelt hat, die dabei immer kleiner werden, ist Hermann der Meinung, dass hier, wegen der Unsicherheit der Prinzipien, nur eine geometrische Demonstration die entsprechenden Beweise liefern könne. Diese ist aber auf der ebenen Fläche nicht möglich sondern muss an der Kugelform bewiesen werden.

Damit beginnt Hermann eine mehrseitige Demonstration mit Linien an der Kugeloberfläche, um die Fläche des bewohnbaren Teils der Erde zu bestimmen. Es werden Kreise durch die Pole gezogen und rechtwinklige Kreise um die Ebene der Ekliptik, den Äquinoktialkreis, es kommen immer neue Kreise dazu um die Fläche einzuengen oder zu erweitern. Der englische Übersetzer Burnett möchte das in den Anmerkungen genau nachvollziehen, er zeichnet auch ein Modell und findet dabei natürlich Unstimmigkeiten. Ich betrachte es als eine Leidenschaft von Hermann, der sich selbst über die Diskussionswürdigkeit seiner Ergebnisse im Klaren ist.

Deshalb schließt er gleich nach den geometrischen Demonstrationen eher Überlegungen zur Plausibilität an. Hermann mischt die Einteilung der Kugel in Quadranten mit einer Sechsteleinteilung, wobei diese Sechstel noch einmal geteilt werden um ein Zwölftel der Erde als bewohnbaren Anteil zu bekommen. Das wird ihm dann zu wenig, denn es muss noch der Raum des Oceanus und Amphitrides mitberücksichtigt werden, die die bewohnte Welt umfliessen. Deshalb wendet sich Hermann einer anderen Autorität zu, dem Ptolemaios, der den Anteil der bewohnbaren Welt mit einem Fünftel annimmt, wobei er zugleich Al-Battani verteidigt, der nicht die Absicht gehabt hätte, unsere bewohnbare Welt vorzustellen. Die Diskussion der Autoritäten hat keine genaue Bestimmung der bewohnbaren Welt zur Folge, aber ein Minimum, ein Zwölftel und ein Maximum, ein Fünftel der Oberfläche des Erdballs. Die anderen Teile kommen wegen des zu großen oder zu kleinen Abstandes von der Sonne ohnehin nicht in Frage, die die richtige Wärme zur Bewohnung zur Verfügung stellen muss.

Während Hermann zwischen diesen Teilen zu große Räume der Hitze und Trockenheit annimmt, sieht er kein Hindernis zum borealen Kreis des Nordpols hin, außer die Unkenntnis des Weges. Auch der Übersetzer Burnett sieht außer dem heißen Tierkreiszeichen Schütze keinen Grund, warum die Tropen nicht überquert werden können.

Hermann zieht einen Kreis durch Toledo um etwas zu demonstrieren, das mir aus dem Verlauf des Textes nicht so deutlich wird, aber der Kreis ist parallel zum Äquinoktialkreis und daher ein Breitenkreis, der den Meridian in einem mit Buchstaben bezeichneten Punkt schneidet. Diese Breite wird schon damals mit 40 Grad bestimmt. Die heutige Position von Toledo ist 40° Breite und -4° Länge.

 

Karl Bruckschwaiger

 

Nächster Termin: Aristoteles, Metaphysik, Buch XIV

Anfang Oktober 2023

Samstag, 24. Juni 2023

In der Metaphysik lesen (1089b 26 – 1090b 4)

21. Juni  2023

 


Beim Lesen im Buch XIV haben wir bemerkt, daß Aristoteles hier seine Aufmerksamkeit wiederum hauptsächlich auf die Aussage-Mannigfaltigkeit des Seienden legt, welche das axiomatische (oder theorematische ?) Prinzip seiner im Buch IV formell begründeten Ontologie ist. Doch die deutschen Übersetzungen bemühen sich nur wenig, seine Formulierungen, die diese Aussagerichtung performativ zum Ausdruck bringen, der deutschen Sprache aufzuzwingen.

 

Etwas Ähnliches habe ich vor Jahren beim Vergleich zwischen französischen philosophischen Büchern und den deutschen Übersetzungen wahrgenommen. Sophia Panteliadou erwähnt als Beispiel dafür das Buch Politiques de l’amitié  von Jacques Derrida, das als Politik der Freundschaft ins Deutsche übersetzt worden ist - womit der Übersetzer entweder seine Blindheit oder seine Mutlosigkeit bezeugt hat.  

 

Ähnlich scheint es nun dem Text der Metaphysik zu ergehen – obwohl hier nun gerade die Pluralistik-Tendenz des aristotelischen Denkens Aussage-Thema ist. Schlagartig wird hier sichtbar – aber nur für die Sehenden, wie Aristoteles berühmt und unerkannt, ja verfälscht worden ist.

 

Aristoteles fragt nicht, wieso es eine Vielheit des Seienden gebe, sondern „wie die Seienden viele sind“, und er antwortet, weil „das Substrat viele wird und ist“ – er spricht also einem Singular-Subjekt ein Plural-Prädikat zu.

 

In neuerer Zeit ist sogar ein deutscher philosophischer Buchtitel damit bekannt geworden, daß er sich so etwas erlaubt:

 

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?

 

Aristoteles stellt die Frage, wieso es der Verwirklichung nach viele Wesen gebe und nicht nur eines.

 

Damit scheint er der Auffassung, es gebe nur eines, eine gewisse selbstverständliche Plausibilität einzuräumen. Ist es so eine, wie sie in gewissen philosophischen Milieus auch noch heute zu existieren scheint, wo man mit dem Wort „Wesen“ irgendeine und zwar eine Erhabenheit assoziiert? Ein Mystifizierung des „Wesens“, die den entsprechenden aristotelischen Begriff, der doch der „bekannteste“ ist, verkennt.

 

 

 

Neulich war auch die Bochumer Philosophiehistorikerin Barbara M. Sattler in Wien und ich präsentierte ihr meine These, daß Aristoteles im Buch XIII und XIV die Mathematik zurückzudrängen versuche. Sie meinte dazu, dieses Zurückdrängen beziehe sich auf die pythagoreisch-platonische Mathematik. Tatsächlich war es ja diese Mathematik, die den mathematischen Gegenständen eine volle Realität zugesprochen hat. Vergleichbar mit den aktuellen Entwicklungen der exakten Wissenschaften, wo die Mathematik sich mehr und mehr vordrängt – während draußen die Natur sich auch mehr und mehr vordrängt – aber anders.

 

Dieses Drängen der Natur gab es allerdings auch schon seinerzeit und Aristoteles sah sich verpflichtet, es zur Kenntnis zu nehmen und zur Kenntnis zu geben. Und das nannte er „Physik“.

 

Jene Mathematiker identifizierten die Zahlen mit den Ideen, mußten aber feststellen, daß die Zahlen den wahrnehmbaren Dingen anhaften – zum Beispiel der musikalischen Harmonie oder den Himmelskörpern.

 

Andere wiederum, die nur die Zahlen zugelassen haben, kamen zum Schluß, es gebe gar keine Wissenschaft von den wahrnehmbaren Dingen. Aristoteles betont hingegen, daß es sie gibt – nämlich die Physik. Und daß er das schon oft gesagt habe.

 

Damit artikuliert er auch die positive Kehrseite seiner Mathematik-Kritik: die Affirmation der Physik.

Wenn einige Pythagoreer-Platoniker behaupten, die natürlichen Körper würden aus den Zahlen hervorgehen, wendet Aristoteles dagegen ein, Schweres oder Leichtes könne doch nicht aus etwas hervorgehen, was mit Schwere oder Leichtigkeit gar nichts zu tun habe. Wie schon an der Stelle mit den Farben, insistiert er auch hier auf Wahrnehmungsqualitäten. Sie und nur sie eröffnen den Zugang, zu dem, was die realen Dinge der Physik sind.

 

Die mathematischen Axiome beziehen sich nicht auf die wahrnehmbaren Qualitäten, aber sie sind gültig und sie schmeicheln der Seele – und daher neigte man dazu, ihre Realität mit derjenigen der wahrnehmbaren Dinge gleichzusetzen.

 

So schätzt Aristoteles „erkenntnispsychologisch“ die Täuschungsgefahr ein, die mit dem Ineinandergreifen der unterschiedlichen Seinsmodalitäten gegeben ist, wogegen nur deren sorgfältige Unterscheidung hilft – die Ontologie.

 

Die bisherige Lektüre von Buch XIII und XIV führt also zu einem vorläufigen Resümé, das sich wissenschaftspolitisch so formulieren läßt: Physik und Ontologie sind als zwei wohlunterschiedene Wissensformen zu praktizieren, um elementare Klarheiten zu gewinnen.

 

Walter Seitter

 

 

Postskriptum

 

In der letzten Zeit versuche ich gelegentlich, anderen elementare Wahrheiten zu evozieren. Ich frage die Person AB, die gerade ein Rindsgulasch ißt, was aus dieser Speise wird, indem sie gegessen wird und nachdem sie gegessen worden ist. Ich bekomme von AB unterschiedliche Antworten: das Rindsgulasch wird verstoffwechselt; aus dem Rindsgulasch wird Kot; es entsteht ein angenehmes Sättigungsgefühl; ich frage dann: Sättigungsgefühl bei wem? Antwort: bei mir (AB). Nur ganz zögerlich nähert man sich oder vielmehr verweigert man sich einer klaren Antwort. Vielleicht müßte ich die Frage so stellen: wer entsteht aus dem Rindsgulasch?