Karl
Bruckschwaiger bemerkt zu meinem von der (seiner Tochter wohlbekannten)
amerikanischen Künstlerin Doja Cat inspirierten Neologismus „Zoodramatik“, er
habe ihn an die „Theodramatik“ des katholischen Theologen Hans Urs von
Balthasar (1905-1988) erinnert. Der Zusammenhang ist mir nicht bewusst
gewesen und, wenn er besteht, dann überbrückt er einen denkbar weiten Abstand –
und doch einen zwischen Theologie und Theologie. Denn ich dachte dabei schon an
die im Buch XII endlich ausbrechen werdende aristotelische „Theologie“.
Jetzt
taucht für mich (wohlgemerkt) die Frage auf, wieso sich Aristoteles, der bei
der Frage nach den für die Menschen zuständigen Ursachen bis zu der doppelten
Bewegursache Sonne/Ekliptik zurückgegangen ist, diese große Ursache nicht als
„erste“ Gesamtbewegursache für alle (anderen) Dinge akzeptiert, sondern über
sie hinaus nach einer andersartigen und unwahrnehmbaren Bewegursache
sucht, obwohl eine solche jedenfalls für meinen eher positivistischen Verstand
kaum plausibel zu sein scheint.[1]
Da
verweist Karl Bruckschwaiger auf die gegenwärtige Physik, die sich ja auch für
eine Wissenschaft hält, und die momentan die Gesamtheit des irgendwie
materiellen Universums so quantifiziert, dass 4,6% davon auf die uns
„bekannten“ Atome entfallen, 23% auf die sog. Dunkle Materie, 72% auf die sog.
Dunkle Energie. Die beiden letzteren „Größen“ entziehen sich unserer
Wahrnehmung und überhaupt jeder näheren kognitiven Erfassung, sie werden nur
als notwendige Voraussetzungen, also Ursachen, derjenigen Kontraktion oder
Expansion des Universums erschlossen oder gar errechnet, die als wirksam
angenommen werden.
Der
Vergleich bezieht sich nur auf die epistemische Problematik – nicht auf
die von Aristoteles gesuchte „Ursache“, welche bei Aristoteles von seiner
Wissenschaftskonzeption aus perspektiviert wird.
Zuletzt
hat Aristoteles ältere Lehren zitiert, die als Urzustand entweder die „Nacht“
oder das „alles beisammen“ angenommen haben. Beide Annahmen lassen sich wohl zu
anderen kosmologischen Auffassungen der Antike leichter in Beziehung setzen als
zu modernen (obwohl auch solche Bezüge nicht ausgeschlossen werden müssen).
Jenen Thesen unterstellt Aristoteles, sie würden die Dinge, die es jetzt
gibt, aus der bloßen Möglichkeit oder, was auf dasselbe hinausläuft, aus einer
bloßen Stofflichkeit im Sinne der materia prima hervorgehen
lassen. Dazu bedürfte es aber zusätzlich einer wirklich bewegenden Ursache, wie
sie im Bauwesen von der Kunst (also von Technik und Kunst) oder in der
pflanzlichen bzw. animalischen Reproduktion von irgendwelchen Samen (und
Samentransporten) geliefert werden.
Da
die Welt vorläufig noch ewig weiterbesteht und insofern keine Zeitknappheit
diese Lektüre beschleunigen muß, kann man auch einmal ein paar Zeilen
zurückspringen (der Text vollzieht selber viele und größere Rücksprünge,
weshalb er sich selber so in die Länge zieht – auch eine Weise der
Vorwärtsbewegung und des Wachstums), gehe ich ein paar Zeilen zurück zu dem
Satz 1071b 20, also zur Suche nach „einem solchen Prinzip, dessen Wesen
Verwirklichung ist“.
Ein
sehr kurzer Satz, in den drei Hauptbegriffe hineingepackt werden, ein
Hauptbegriff der Ätiologie und zwei Hauptbegriffe der Ontologie. Das gesuchte
Prinzip wird mit einem Relativsatz charakterisiert (definiert – wäre zu viel
gesagt), in dem das Subjekt „Wesen“ mit dem Prädikat „Verwirklichung“ bestimmt,
man könnte auch sagen ausgezeichnet wird. Denn es ist ein sehr ungewöhnliches
Prädikat. Üblicherweise werden Wesen mit Spezies-Angaben wie Mensch oder Eiche
oder Tragödie bestimmt (die ihrerseits bestimmten Gattungen zugeordnet sind).
Hier
hingegen prallen Wesen und Verwirklichung aufeinander oder Seiendheit und
Wirklichkeit. Ein Zusammenprall von W und V. Oder von S und W. Sind die beiden
überhaupt unterscheidbar? Ist so eine Aussagung, in der V von W oder W von S
ausgesagt wird, mehr als eine Tautologie - bekanntlich die lächerliche Krone
der Ontologie?
Wenn
man darauf verzichtet, sich jetzt über die Ontologie lustig zu machen, so wird
man nun gerade hier auf ihre Mehrdimensionalität (über die hier schon
ironisiert worden ist) gestoßen, die sich nicht in der berühmten
Vielfachaussagung des Seienden erschöpft (welche nur eine ihrer
Dimensionen ausmacht). Seiendheit und Wirklichkeit könnten im Deutschen
als zwei strikte Synonyme aufgefaßt werden – aber die aristotelischen Wörter
unterscheiden sich tiefgreifend: das eine stammt von dem neutral oder gar
minimal klingenden „seiend“, während im anderen das Werk und die Tätigkeit und
die Erfüllung der Möglichkeit steckt, also das Werden und der Prozeß und all
das, was die Modernen entweder bedauernd oder triumphierend bei Arisoteles
vermissen.
Mit
dem zitierten Satz kippt die Ontologie vom Wesen zur Wirklichkeit, sie schlägt
eine andere Richtung ein. Bruch oder Knick oder Kurve – diese Frage wird man
erst später stellen können, wenn sichtbar geworden sein wird, wohin die Bewegung,
die Schreib-, Denk-, Textbewegung, die Schreib-, Denk-, Textproduktion (denn
Bewegung ist auch eine Ursächlichkeit) hin gelangt.
Die
Ontologie wird hier zum Kippen gebracht, um einen Weg zu einem anderen Prinzip
zu bahnen, welches aber nicht mit lauter Negativprädikaten „bestimmt“ oder
besser gesagt un-bestimmt werden soll.
Wieder
zurück zum Gang der Untersuchung im Abschnitt 6. Nach Abweisung der Lehren,
die den Anfang aller Dinge in Möglichkeitszuständen sehen, nennt Aristoteles
Leukipp und Platon, die eine immerwährende wirkliche Bewegung annehmen – ohne
jedoch die Ursache dafür anzugeben, dass die Bewegung einmal so und einmal so
verlaufe.
Aristoteles
unterscheidet jetzt drei Arten von Bewegungen: solche von Natur aus,
solche durch Gewalt und solche durch Vernunft.
Die
gewaltsame Bewegung und die vernunftbedingte kann man dem Menschen zurechnen.
Die erste greift störend in den Kreislauf der naturhaften Bewegungen ein, die
zweite greift ebenfalls in die Natur ein, versucht aber, sie nicht durch
Maßlosigkeit vom Typ „Unendlichkeit“ aus ihren Bahnen zu werfen – und stellenweise
gelingt es ihr, Vollkommenheiten hervorzubringen, die die Natur nicht zustande
bringt (man denke an Ästhetik und Ethik).
Hier
kann man an die alte Geschichte von der Mutter Erde erinnern, die sich bei Zeus
darüber beklagt hat, dass die gewaltsamen Menschen auf ihr herumtrampeln,
woraufhin Zeus von langer Hand den trojanischen Krieg einfädelt, der die Erde
von allzu vielen kriegerischen Männern befreien sollte. In der Folge haben die
Menschen viele Methoden ersonnen, um in ihren Aktionen Vernünftigkeit und
Gewaltsamkeit „zweckrational“ zu verbinden und die Erde nicht nur kriegerisch
sondern auch friedlich zu beschädigen.
Der
berühmte Soziologe Max Weber hat mit seinem wohlklingenden Begriff der
„Zweckrationalität“ einen willkommenen Vorschub geleistet – denn eigentlich
wollte er damit „Mittelrationalität“ also Angemessenheit von Mitteln für
bestimmte Zwecke sagen. Aber in dem Moment hat ihn sein Sprachverstand
verlassen oder vielmehr es folgt nun die Sprache einem dominanter werdenden
Trend der „Verwechslung“ von Mitteln und Zwecken.[2]
Die
Verschmelzung von Gewalt und Vernunft im menschlichen Handeln hat nun zu dem
neuen Begriff „Anthropozän“ geführt, der signalisiert, dass die
menschliche Ursächlichkeit oder gar Verantwortung solche Ausmaße annehmen
sieht, dass sogar eine erdgeschichtliche Epoche nach dem Menschen benannt wird.
Soviel
zum derzeitigen Verhältnis zwischen den drei mehr oder weniger bekannten
Bewegungssorten – mit dem die vier schon öfter erörterten Verursachungsweisen
(Natur, Kunst, Zufall, Automat) umformuliert, auch verständlicher werden.
Aristoteles
nimmt noch eine andere Ursächlichkeit an, es ist genau die, die er näher
bestimmen will. Im Moment bezeichnet er sie nur als „erste“ Bewegung und meint,
sie unterscheide sich sehr von den drei genannten.
Hier
empfiehlt es sich, das Attribut „erst“ ernstzunehmen und dabei auch Deutsch zu
lernen (Griechisch lernt man, wenn man Aristoteles liest, ohnehin). Die
Ordinalzahl „erst“ wird von Aristoteles öfter etwas leichthändig – und nicht
immer konsequent – vergeben.
„Erst“
ist ein Superlativ, dessen Positiv man auf der Ebene von „ehe“, also vor, früh
findet, und dessen Komparativ „eher“ lautet. Die Raffinesse des Superlativs
liegt darin, dass er den Komparativ sozusagen mitnimmt – also „eherst“ und
daraus eine gewisse Geschmeidigkeit bezieht.
Die
„erste“ Bewegung ist nicht nur pauschal die erste und vorrangige vor allen
(anderen), sondern jeweils eher als die Bewegung A und die Bewegung B ....
(wiederum die Pluralität der „alle“). Sie beansprucht einen Vorrang (nicht
nur einen zeitlichen) sowohl vor der naturhaften wie auch vor der gewaltsamen
und der vernunftmäßigen, die ja ihrerseits eher nebeneinander, miteinander,
gegeneinander koexistieren und dabei auch eine andere Klassifizierung der
Bewegungen bilden als die schon öfter besprochene, welche die Bewegungen oder
Veränderungen nach vier Kategorien unterscheidet.
Hier
geht es um eine Unterscheidung verschiedener Bewegungen innerhalb des Kosmos im
Ganzen und Aristoteles bezieht sich nun auf Platon, der die für die Seele
typische Selbstbewegung zur ersten und vorrangigen Bewegung erklärt und
sie auf eine Ebene mit dem Himmel stellt.[3] Mit
der ersten Behauptung stimmt Aristotels nicht überein, wohl aber mit der zweiten. Die
Seele ist für Aristoteles die Fähigkeit zur Selbstbewegung und sie findet sich
in den pflanzlichen, tierischen und menschlichen Körpern – doch die postulierte
Erstheit kommt den Seelen nicht zu. Ebenso wenig wie dem Himmel – also der
peripheren Sphäre des Kosmos.
Die
Suche muß also weitergehen.
Das
hier erscheinende Bild kann zeigen, wie nahe der Himmel der Erde erscheinen
kann.
Walter Seitter
[1] Zur
Sonnenkausalität hat
Francis Ponge sehr vieles gesagt. Hier nur ein
Satz von geradezu aristotelischer Schlichtheit: „Die Sonne ist der Gegenstand,
dessen Erscheinen und Verschwinden, im Apparat der Welt wie auf jeden der
(anderen) Gegenstände, die ihn komponieren, am
meisten Wirkung und Eindruck produziert.“ (Francis Ponge:
op. cit.: 865)
[2] Man
kann sich denken, welche Mittel da in
den Vordergrund treten. Siehe dazu Joseph
Vogl: Kapital und Ressentiment.
Eine kurze Theorie der Gegenwart (München 2021).
[3] Siehe Platon: Phaidros 245c, Timaios 34b.