Um
2010 herum machte in der Philosophie eine neue Richtung von sich reden, der es
irgendwie nicht gelang, sich auf einen einheitlichen Namen zu einigen, was die
Wucht ihres Durchbruchs eher minderte. Dabei hatten es ihre Protagonisten sehr
wohl darauf abgesehen, mit großspurigen Namen das Interesse des Publikums zu
erwecken. Das Ergebnis ist, daß sie nun mehrere Benennungen vorweisen kann,
welche ihren Anspruch mit einer gewissen Breite und Unschärfe plakatieren –
nämlich: Spekulativer Realismus, Objekt-Orientierte Ontologie, Dark Ecology,
Transzendentaler Materialismus …
Die
Richtung, die damit angegeben werden soll, ist tatsächlich eine sehr pauschale
– nämlich eine Abwendung von der großen erkenntnistheoretischen Kehre der
Moderne, die man die kantische oder die quasi-kopernikanische genannt hat. Eine
Umkehrung zur Anerkennung von Phänomenen und Objekten, die unabhängig von einem
Beobachter existieren und wirken. Also eine Umkehrung in einem
objektivistischen, realistischen Sinn. Beinahe könnte man auch sagen in einem
„altruistischen“ Sinn.
Dieser
Neue Realismus hat sich in gleichmäßiger Distanz sowohl zur kontinentalen wie
zur analytischen Philosophie profiliert; er kann sich aber kaum der Diagnose
entziehen, daß er mit seiner Korrespondenz-Auffassung der Wahrheit der
überwältigenden Mehrheit der vorkantischen Philosophen nahesteht – auch
Aristoteles, für den diese objektivistische Position sozusagen
selbstverständlich ist, auch wenn er sie gelegentlich gegen sophistische
Behauptungen verteidigen muß.
Der
Berliner Philosoph Samir Sellami hat in dem im Internet zugänglichen Aufsatz
„Literatur als Kosmogonie. Francis Ponge und das zeitgenössische Interesse an
der Ontologie“ die These vertreten, daß Francis Ponge, obgleich Dichter und
nicht Philosoph, sich ziemlich genau in der Bahn dieser philosophischen Mode,
die erst Jahre nach seinem Tod überhaupt aufgetreten ist, bewegt. Da Ponge
zunächst als „Dichter der Dinge“ bekannt geworden ist, verwundert diese
Zuschreibung kaum - aber die von Sellami durchgeführte Analyse ist geeignet,
auf das Schaffen von Ponge einige Lichter zu werfen, die auch sein Sonnenwerk
betreffen (obwohl ihm dieses in seiner Vollständigkeit nicht bekannt war).
Sellami
analysiert einige Texte von Ponge, darunter auch solche, die keineswegs
dingartige Phänomene zum Gegenstand haben, wie etwa den Regen, dessen
räumlich-filigrane-kinetische Struktur eher mit dem Textgeschehen korreliert.
Er suggeriert ein neomaterialistisches „Auch der Text ist Objekt, Materie,
Ding.“ Bei der Besprechung der Auster geht der Dichter davon aus, daß man sie
öffnen kann, wogegen sie sich allerdings zunächst hartnäckig wehrt – noch
hartnäckiger hat sich meine Computer-Maus dagegen gewehrt, so wie ihre
Vorfahren, etwa noch im Juni, von mir geöffnet zu werden. (Und diese Abwehr
führte mich dann auch zur „Lösung“ meines Computerproblems. Gott sei Dank –
denn wäre ich noch hartnäckiger gewesen, hätte ich diese neuartige Maus
irreparabel zerstört.) Meine kleine Maus-Geschichte ist mit dem Austern-Gedicht
von Ponge vergleichbar, obwohl sie nur Protokollliteratur darstellt. Ponges
Dichten hat sich auf weite Strecken dem Protokollieren angenähert.
Durch
die Konfrontation von Textwelt und Sprachwelt entsteht bei Ponge etwas Drittes,
nämlich ein literarisches Werk, das zwar zu festen „Formeln“ gerinnt, welche
jedoch ständig ersetzt oder vermehrt werden können, wie das vor allem beim
Tisch und bei der Sonne exzessiv durchgeführt worden ist.
Da
die Übersetzung des Tisches von mir angefertigt worden ist und ich damit halb
gescheitert bin bzw. halb kapituliert habe, weiß ich, wovon ich spreche. Ich
meine nicht nur – das ist unvermeidlich, daß man etwas meint. Ich mache etwas,
folglich kann ich etwas – und ich mache vieles nicht, nicht-wollend oder
nicht-könnend. Die Aufforderung, die Tisch-Sache zu vollenden, bedrängt mich
immer noch – obwohl sie mir unmöglich scheint.
Mit
der Sonne steht es anders, da ist die vollständige Sammlung der Notizen erst im
Vorjahr, also ein halbes Jahrhundert nach dem Tod von Ponge, erschienen und da
haben der Verlag und der Übersetzer in einem Kraftakt sondergleichen den Exzess
des Werks, der jedem Ponge-Text innewohnt, durch die Sprachen-Verdoppelung noch
gesteigert und so ein gelbes Ungetüm fabriziert, das über Ponge noch hinausgeht
– typisch Sonne.
Einen
ausführlichen Essay hat Ponge einem ganz anderen Ding oder vielmehr Unding
gewidmet, das seit über hundert Jahren die energetische Allzuständigkeit der
Sonne zu ersetzen, jedenfalls zu verdrängen scheint und sich eine andere Art
von Allgegenwärtigkeit erobert hat und damit unseren gesamten Lebensstil
umgewälzt hat: der Elektrizität. Den Einbruch dieses Leitungs-, Schalt- und
Effizienzdispositivs habe ich selber analysieren können, weil es in meinem
Leben von 1945 bis 1950 gefehlt hat. Solange es gefehlt hat, wurde es von
denen, denen es gefehlt hat, „das Licht“ genannt.
„Licht“
nennt man immer noch das, was den Tag von der Nacht unterscheidet. Als sich die
Nacht noch stärker vom Tag unterschieden hat (als heute), hat man der Nacht den
Plural von Licht, nämlich die Lichter, zugeordnet. Inzwischen bevölkern die
Lichter den 24-Stunden-Tag - man sehe nein man sieht sie ununterbrochen an
Geräten aller Art, z. B. auf meiner Maus und auf meiner Tastatur links auf der
Umschalttaste zum Dauergroßschreiben – etwa UBE (Unbewegtes Bewegendes).
Die
verschiedenen Namen für den neuen Philosophischen Realismus könnten auch den
Charakter der Ponge-Unternehmung bezeichnen. Ich selber habe im Nachwort zum
Tisch von Poetischer Physik gesprochen, die ich von der Wissenschaftlichen und
von der Philosophischen Physik unterscheide. Natürlich ist es auch interessant,
zu erfahren, wie Ponge selber sein Unternehmen charakterisiert. Er tut es
mehrfach.
*
In
dieser deutsch-französischen Ausgabe sind die beiden Sprachen keineswegs gleich
stark vertreten. Sofern das französischsprachige Werk von Ponge präsentiert und
in Facsimilia und Transkriptionen dokumentiert wird, überwiegt das Französische
bei weitem. Längst nicht alle Texte sind auch übersetzt – und zwar keineswegs
aufgrund augenscheinlicher Unübersetzbarkeit (insofern muß mich die
Unvollständigkeit meiner Tisch-Übersetzung nicht allzu sehr grämen). Der
Kommentar ist in deutscher Sprache verfaßt und er schlägt viele Brücken
zwischen den beiden Sprachen, aber manche Ponge-Perlen bleiben nur-französisch
– man kann sie oft und oft anschauen.
Die
Gesamtedition hat also zwei Autoren. Gegenüber den vielen Fragmenten, die von
Ponge stammen, stellt sie ein „zweites“, ein anderes Buch dar, eigentlich das
erste und einzige Buch.
Das
Wirken und die Wirksamkeit der Sonne wird als ein zweiseitiges Ja verstanden –
das exklamatorische Ja der Sonne selbst und das akklamierende Ja ihrer
Geschöpfe oder Untertanen. Allerdings ist diese Akklamation, die in Tempeln und
Kulten stattgefunden hat, in unserer Kultur nicht mehr an der Tagesordnung.
„Was
ist die Sonne als Objekt? Sie ist das glänzendste der Objekte der Welt. Ja!
Dermaßen glänzend, wir haben es gesehen … Es braucht ein ganzes Orchester: die
Trommeln, die Hörner, die Pfeifen, die Tuben. Und die Tamburine und das
Schlagzeug. Und all das nur um eine einzige Silbe, einen einzigen Einsilber zu
orchestrieren. Die Sonne kann durch keine logische Formel ersetzt werden - denn
sie ist kein Objekt. Sie ist das Gegenteil von einem Objekt. Sie ist das Loch.
Der metaphysische Abgrund.
Das
glänzendste aller Objekt der Welt ist die notwendige Bedingung aller anderen
Objekte. Die formelle und unverzichtbare Bedingung der ganzen Welt. Sogar die
Bedingung für den Blick.
Und
das ist ihre Grausamkeit, ja ihre Geschmacklosigkeit. Was uns sogar daran
hindert, sie anzubeten.
Diese
Bedingung für alle Objekte zeigt sich in der Welt. Sie hat die Stirn, sich
darin zu zeigen, sie besteht darauf, sie erscheint da.
Und
sie zeigt sich so, daß sie es untersagt, daß man sie anblickt, daß sie den
Blick zurückstößt …
wahrhaft
welcher Tyrann!
Nicht
nur zwingt er uns zu existieren, zwingt er uns, ihn zu betrachten,
gleichzeitig
hindert er uns daran , untersagt uns, ihn zu fixieren.
Er
ist ein Tyrann und ein Künstler. Ein Feuerwerker, ein Schauspieler. Nero.
Ahenobarbus.
Das
ist, kurz gesagt, passiert.
Die
Sonne, die nicht das Leben ist, die viel mehr ist als das Leben ,
die
vielleicht der Tod ist, die zweifellos jenseits von Leben und Tod ist,
sie
hat einige ihrer Teile von sich weggestoßen, hat sie verbannt und
auf
eine gewisse Distanz weggeschickt, um sich von ihnen betrachten zu lassen.
Auf
eine gewisse Distanz geschickt. Eine genau kalkulierte Distanz. Ausreichend,
damit sie abkühlen. Ausreichend, damit sie genügend Abstand haben, um sie zu
betrachten. Ungenügend um nicht ihrer Anziehung unterworfen zu sein und nicht
aufhören dürfen, um sie herum ihren Betrachterdienst zu leisten.
So
kühlen sie ab, denn sie hat sie dem Tod ausgeliefert, indem sie sie von sich
abgesondert hat und zum Dienst ihrer Betrachtung ins Exil geschickt hat.
Aber
bevor sie sie dem Tod ausgeliefert hat, hat sie sie, weit schlimmer noch,
dieser Krankheit ausgeliefert, dieser lauen Wärme, die man das Leben nennt. So den
Menschen seinen 37 Grad Celsius. Ach wieviel näher ist das Leben, diese laue
Wärme, dem Tod als der Sonne mit ihren Milliarden Grad Celsius.
Dasselbe
gilt für die Formen und Farben,
welche
die jeweilige Verdammung eines jedes Wesens,
eines
jeden von der Sonne exilierten Betrachters ausdrücken.
So
sind die Körper und das Leben selber nichts anderes als eine Degradierung der
Sonnenenergie mit dem Ziel ihrer Betrachtung und Vermissung und schließlich des
Todes.
So
ist die Sonne eine Geißel
-
nicht wie die Dreschflegel,
die
die Schalen zersprengen -
eine
Geißel, eine sadistische Geißel
Eine
Geißel und ein Arzt. Eine
Geißel,
die ihre Opfer am Leben hält
und
sich von ihnen begehren läßt.
So
glänzend dieses Objekt auch ist – die geringste Wolke, die sie hervorbringt,
verbirgt sie und weckt das Verlangen nach ihr. Und daran fehlt es nicht. Und so
vollzieht sich die Hälfte des Lebens im Schatten und im Wunsch nach der Wärme
und dem Licht, also nach der Zwangsarbeit des Blau.
Indessen
birgt auch diese Geschichte eine Lehre für uns. Durch den Eigensinn und die
sadistische Koketterie der Sonne in die Nacht getaucht sehen die dafür
bestimmten Objekte plötzlich den Himmel. Die Sonne mußte sie von sich
entfernen, damit sie sie betrachten können. Auf einmal sehen sie jedoch
Myriaden von Sternen, von anderen Sonnen.
Und
es hat nicht lang gedauert, bis sie sie zählen und bis sie ihre eigene Sonne
nur mehr unter den anderen zählen und nicht mehr als die wichtigste von ihnen.
Die nächste und die tyrannischste gewiß. Aber doch nur mehr als eine der
Sonnen.
Und
ich sage nicht, daß eine solche Betrachtungsweise sie beruhigt – aber sie rächt
sie.
Solchermaßen
ins Unerhörte der Nächte gestoßen, in die Unordnung, in die absurde Unordnung
und in den schlechten Geschmack der Welt
zählt
der Mensch immerhin die Sonnen.
Schließlich
behauptet sich sein Überdruß und er hört sogar auf zu zählen.“ (242ff.)
In
diesem Text geht Ponge von der Bewunderung der Sonne zu einer anderen
Einstellung über: aus der Konstellation Erde-Sonne erschließt er ein
Abhängigkeitsverhältnis, in dem der Sonne quasi-menschliche Eigenschaften
zugeschrieben werden. Sie habe die Erde und ihre Bewohner einerseits
ausgestoßen und zu ihren Betrachtern herabgewürdigt, auf lange Sicht sie aber
dem Kältetod ausgeliefert – woran auch die lächerlichen 37 Grad Celsius
Lebenstemperatur nichts ändern würden. Immerhin wird damit der schmale Temperaturkorridor
angedeutet, in den wir eingesperrt sind.
Der
Text nimmt zwar eine Wendung ins Pessimistische, trotzdem erinnert er an die
erotisch-kinetische Fassung des Verhältnisses zwischen Unbewegt-Bewegendem und
Beweglich-Bewegten in der aristotelischen Metaphysik – obwohl Ponge
bekanntermaßen weder mit Aristoteles noch mit Metaphysik etwas zu tun haben
wollte. Aber diese antikische Denkweise setzt sich auch bei ihm durch.
Die
folgenden Notizen kehren allmählich zum Sonnenlob zurück, nennen die Sonne
einen freigebigen Greis, ja einen geilen Greis, dessen Hände alles, was sie
betasten, zum Leben erwecken, in sexuelle Erregung versetzen, zur Fortpflanzung
antreiben, dann aber verkommmen, verwelken und sterben lassen. Die perversen
Zärtlichkeiten – denn der allmächtige Greis macht sich an seinen Nachkommen zu
schaffen – treiben Mißbrauch mit allem, was am Leben ist. Alle Lebenden
treiben, weil die Sonne scheint, Mißbrauch an- und miteinander, Mißbrauch (in
der Lust) zum Tode. Das Erscheinen der Sonne legt Schatten über die Dinge. Ein
jedes Ding trägt am Schatten, den es wirft und über andere legt. Die
Wahrnehmung des Schattens an ihm zeichnet jedes Ding zum zweiseitigen,
zwiespältigen aus. (286)
Ponge
bemüht die Heraldik, um dieses Zwie- zu bemühen: Jedes Ding ist halb weiß,
silberfarben, und halb schwarz, zobelfarben. Was diesen Zwiespalt zwischen
Licht und Schatten halbwegs erträglich macht, ist seine Wandelbarkeit. Was
Schatten wirft, ist gegen Schatten, den andere werfen, nicht gefeit. (287)
„Die
Sonne
Tag
für Tag, über alle Gipfel der Welt,
steigt
eine hoch aufgerichtete Blume
deren
Glanz
ihre
Pracht tilgt ihren Stiel,
der
kletternd zwischen den beiden Augen
der
zu engen Natur,
um
ihre Stirn auseinander zu reißen,
in
unsere Herzen eingewurzelt ist.“ (290)
Was
Ponges Zeichnung (291) vor Augen legt, ist eine X-Strahlen-Skizze oder
Röntgenaufnahme: Radiographie. Denn vom Stiel der Sonnen-Blume heißt es, daß
deren Überhelle seinen Anblick verwehrt. Erst ein vom Glanz der Sonne
ungetrübter Blick nähme die Sonne als Blume, die in unseren Herzen wurzelt,
wahr und nähme wahr, daß der erigierte eklipsierte Stiel einen Riß durchs
Antlitz der Natur legt. Die Zeichnung legt ein Weltbild vor Augen, das sowohl
vom heliozentrischen wie vom kopernikanischen abweicht. (357)
Durch
dieses korrespondierende Gefüge aus Naturanschauung und sprachlicher Natur im
Zeichen der Sonne - heliozentrischer Phänomenologie – legt das Radiogramm mit
der emporgereckten Blüte seinen Riss.
Walter
Seitter