9. März 2022
In der letzten Sitzung haben wir Nachfragen zum
Hauptgegenstand von Buch XII erörtert, die sich daraus ergeben, daß das
Unbewegt-Bewegende mit mannigfachen Bestimmungen und Tätigkeiten geradezu
plastisch als „Figur“ charakterisiert wird, andererseits jedoch als
unwahrnehmbar sozusagen unter Verschluß gehalten wird. Es ist übrigens in der
aristotelischen Lehre das einzige existierende Wesen, dem jede Wahrnehmbarkeit
und somit Erscheinungshaftigkeit sowie Körperlichkeit abgesprochen wird. Wir
versuchen, diese paradoxe Situation aufzuklären.
Wolfgang Koch gibt einige Hinweise, die in
unterschiedliche Richtungen gehen: Aristoteles sei ein aporetischer Denker,
daher müsse die Frage bei ihm gar keine Lösung finden; und mit dem modernen
Begriff des „Absoluten“ könne sie einen verbalen Abschluß bekommen; oder aber
sie habe mit dem Christentum schon längt eine Auflösung gefunden (auch wenn
diese eine andere Richtung eingeschlagen hat).
Im Buch XIII nähert sich Aristoteles selber
dieser Frage an, und zwar auf dem Umweg über Mathematik bzw. Geometrie, also
auf einer eher platonischen Spur.
Das Schöne wird als eine Ursache vieler Dinge
angenommen und damit fügt es sich der allgemeineren Ursache, nämlich dem
Unbewegt-Bewegenden ein, also dem Hauptgegenstand von Buch XII.
Auf die Frage, ob denn das Schöne wahrnehmbar
sei, kann sich Sophia Panteliadou erst nach einigem Zögern und Hin und Her zu
einer positiven Antwort entschließen. Dabei gilt das Schöne für Platon als das
Erscheinendste überhaupt und die Idee des Schönen als die einzige Idee, die wir
mit den Augen erblicken können.
Wird das Schöne auf diese Weise dem
Unbewegt-Bewegenden angeglichen, so wird seine Unwahrnehmbarkeit zumindest
relativiert oder sagen wir, sie wird mit Wahrnehmbarkeit kompatibilisiert .
Und die Frage erhebt sich, ob nicht etwa die
Künstler als Macher des Schönen auch zu jenem UB Zugänge schaffen können, die
interessanter sind als die beiden Buchstaben UB, die ja auch wahrnehmbar sind.
Über das Flächenland von E. A.
Abbot nähern wir uns dem Surrealismus, jener einflußreichen Kunstbewegung des
20. Jahrhunderts, die mit dem “Surrealen“ wohl nicht das Irreale im Auge hatte
sondern irgendwelche Arten von anderem Realen.
Einen weit entfernten Gegenpol zum Surrealismus
bildete im 20. Jahrhundert die Phänomenologie und zwischen den beiden
Richtungen bildeten sich verschiedene künstlerische und philosophische
Richtungen aus.
So etwa die Ding-Dichtungen von Francis Ponge,
die keineswegs
„begriffslos“ sind, sondern den Begriff des
Gegenstandes mit „Gegenspiel“ oder „Gegenfreude“ übertrumpfen wollen.
Oder auf der Linie Bataille-Lacan der Begriff des
„Realen“, der die „Realität“ in ein bestimmtes Extrem treibt.
Lacan hat die Realität aus IMAGINÄR SYMBOLISCH
REAL zusammengesetzt.
Aristoteles hat das Buch V als Begriffsregister
angelegt und damit bestimmte Begriffe hervorgehoben.
Die Figur, die er im Buch XII hingeschrieben und
beschrieben hat, hat er mit vielerlei Prädikaten ausgestattet. Zwei davon hat
er quasi emblematisch hervorgehoben:
UNBEWEGT BEWEGEND (UB)
DENKUNGSDENKUNG (DD)
Ich stelle jetzt eine Liste von Begriffen auf,
die direkt oder indirekt den aristotelischen Aussagen entnommen sind und mit
denen die zentrale Figur des Buches XII ebenfalls bezeichnet, ausgezeichnet
werden kann.
PERSISTENTER MOTOR
BLEIBENDE ATTRAKTION
DENKAKTIVISTIK
LUSTPERFORMANZ PAUSENLOS
TRANSITIV REFLEXIV
DENKAKROBAT
ZEITVERTREIB IMMERDAR
INTELLIGIBILISIERUNGSSPEZIALIST
KUNSTSTATTNATUR
INTENSIVINITIATIVE
KÖRPERLOSIGKEITSARTIST
NATÜRLICH KÜNSTLICH
STATUS NASCENDI PERPETUUS
EXISTENZARTISTIK
KINETISMUSERFINDER
INTELLIGENZBESTIE
HAUPTSACHE URSACHE
ORIGINALPERVERSION
NARZISSE [1]
LEBENSSIMULATION
ERSCHEINUNGSVERWEIGERNDES
AI TI ON
KUNSTKÜNSTLER IN USW
VIELLEICHTSCHÖNES
MULTIASEXUELLE ZEUGUNGSTÄTIGKEIT
ENTHUSMIASIERUNG
GEGENWARTSERFINDUNG
DAUERKRAFTWERK
AKTIVIERUNGSEXISTENZ
STARBIRTH
Natürlich kann diese Liste emblematischer
Begriffe fortgesetzt werden – aber ich gehe jetzt wieder zu normalen
Aussagesätzen über, in denen Begriffe funktional eingesetzt werden.
Und damit komme ich auch auf die Form zu sprechen,
in der die hiesige Aristoteles-Lektüre und -Deutung und -Verständigung
erscheint. Sie erscheint in Form von Protokollen von Lektüre-Gesprächen, als
protokollarische Schrift.
Es sind nicht genau die „Protokollsätze“, auf die
sich vor hundert Jahren der damit gerade entstehende Wiener Kreis mit größter
Begeisterung gestürzt hat, weil man damit endlich eine Aussageform gefunden zu
haben meinte, mit der die „Metaphysik“ ein für alle Mal aus der Welt geschafft,
endgültig abgeschafft werden konnte. Da die Leute jenes Kreises aber nicht nur
Propagandisten und Abschaffer waren, sondern in erster Linie Intellektuelle,
haben sie sich bald in endlose Diskussionen darüber verstrickt, was denn
eigentlich Protokollsätze seien und was mit ihnen gemacht werden könnte. Endlos
bis zum gewaltsamen Abbruch in den Dreißigerjahren.[2]
Wir bringen im Schriftlichen- oder Graphischen –
nur Protokolle der Lektüre-Gespräche zustande. Also protokollarische Schriften.
Diese sind unsere bescheidenen poietischen Leistungen, mit denen wir dem
Aristoteles etwas entgegen, nein hinzu setzen.
Ganz ohne Poietisches geht es also auch in der
angeblich rein theoretischen Wissenschaft nicht ab, um welche wir uns da
bemühen. Seine Sätze in dem von uns gelesenen Buch sind ja auch nicht gerade
Glanzstücke in Sachen Klarheit und Eleganz.
Aus der aristotelischen
Wissenschaftsklassifikation, die zwischen poietischen und praktischen und
theoretischen Wissenschaften unterscheidet, ergibt sich die Frage, ob die
theoretischen Wissenschaften, wenn sie in ihrer Durchführung auf poietische
Aspekte (technische, Machbarkeits- oder Gestaltungsaspekte) nicht verzichten
können, vielleicht auch praktische Aspekte (nämlich ethische, politische
Entscheidungen) inkludieren müssen.
Diesen Komplex bezeichne ich seit den Menschenfassungen als
„Erkenntnispolitik“ und verstehe darunter ein Bündel von
Entscheidungsrichtungen, die sich direkt auf Erkennen und Nicht-Erkennen sowie
auf die unterschiedlichen Erkennntis- und Wissensmöglichkeiten beziehen.
Den Kern dieses Komplexes bildet eine Frage, für
die es unterschiedliche Benennungen gibt. Seit dem europäischen Mittelalter
bzw. seit Kant firmiert sie als Alternative „Idealismus-Realismus“.
Realismus ist die Annahme, daß Erkenntnis möglich
ist, und zwar Erkenntnis von etwas, was von dem Erkenntnisakt unabhängig ist.
Idealismus ist die Annahme, daß sich die Menschen derart in die
Erkenntnisansprüche und -mittel und -akte verwickeln, daß sie sich daraus nicht
lösen können, sondern immer drinnen gefangen bleiben.
Fritz Mauthner, der seinen Idealismus „Kritizismnus“
nennt, das klingt vornehmer, macht sich über „den berühmten Realismus“ des
Aristoteles lustig.
Edmund Husserl hat den Realismus in seiner
imperativischen Parole „Zu den Sachen selbst!“ zum Ausdruck gebracht und mit
dem Imperativischen hat er eben auch zum Ausdruck gebracht, daß der Realismus
mitsamt und trotz seinen sozusagen normalen Aspekten wie Intentionalität,
Evidenz und Deskription eben auch eine dezisionale Wurzel hat, die allerdings
zumeist nicht bewußt wird.
Wenn jemand den Realimus als erkenntnispolitische
Option annimmt (etwa Aristoteles siehe 1051b 6ff.), dann heißt das allerdings
noch lange nicht (soll ich sagen: leider?), daß diese oder jene von ihm
behauptete Erkenntnis tatsächlich eine Erkenntnis ist (und nicht Irrtum,
Täuschung, Lüge . . .). Wahrheitsgarantie gibt es auch für „Realisten“ nicht.
Zum Glück gibt es einen anderen ungefähr
synonymen Begriff für Realismus ohne dieses verfängliche weil meinungsfreudige -ismus-Suffix:
Das von Sigmund Freud aufgestellte Realitätsprinzip.[3] Ein
bei allen Menschen angelegtes und mehr oder weniger (!) wirksames
Verhaltensschema, welches im Unterschied und in Auseinandersetzung mit dem
Lustprinzip die Orientierung an den Aspekten der Umwelt ermöglicht, die dem
Menschen nicht von vornherein gefallen, die seinem Willen widerstehen können
und die als Gegenstände speziell seine Erkenntnisfähigkeit herausfordern.
Die ältere philosophische und die neuere
psychoanalytische Terminologie kommen also in dieser Begrifflichkeit ungefähr
überein, womit das Verständnis der Angelegenheit eigentlich sichergestellt sein
sollte.
Indem wir uns beim Aristoteles-Lesen ans
Realitätsprinzip halten, müssen wir die damit verbundenen Lustmöglichkeiten
nicht ausschalten. Da es sich um eine freiwillig ausgeübte Tätigkeit handelt,
würde ein solcher Verzicht der Tätigkeit eine Ende setzen und außerdem würde er
sie verfälschen, weil zu ihrem Gegenstand auch freudige Elemente gehören.
Dies zu einer gewissen Aufklärung über das, was
wir da tun – vor allem auch darüber, daß es sich um sensomotorisches Tun
handelt. Und nicht bloß etwa um irgendein Verehren oder dergleichen.
Mit dem Abschnitt 4 wendet sich Aristoteles der
Ideenlehre zu, die als Hauptstück der platonischen Philosophie gilt. Mit ihr
hat er sich in diesem Buch schon mehrmals auseinandergesetzt, daher möchten wir
erwarten, daß er auch dieses Thema nun aufgreift, um eine Nachbetrachtung zu
seiner Theologie anzustellen, wie er das eben mit den mathematischen
Gegenständen getan hat.
Gegen die heraklitische Reduktion der Realität
auf das Fließen habe Sokrates auf der Frage nach dem Was insistiert und so habe
er das Allgemeine zum Gegenstand der Untersuchung gemacht – ohne es als
abgetrenntes, d. h. selbständig existierendes zu betrachten. Das hätten erst
die Anhänger der Ideenlehre getan – und damit kann Aristoteles wohl nur Platon
und engste Platoniker meinen. Er stochert auf diese Weise höchst kritisch in
seiner eigenen Bildungsgeschichte herum und er tut das ohne (anti)ödipales
Ressentiment.
Walter Seitter
[1] Im Aristoteles-Lexikon bemerkt
Michael Bordt, daß man den aristotelischen Gott aufgrund der noesis noeseos
kritisch als „eine Art Narziß“ betrachtet habe. Und er wendet dagegen ein,
selbst die Wahrnehmung führe nach Aristoteles die Reflexivität mit sich. Ich
schlage als figurales Synonym die glücklichere Blume vor.
[2] Siehe dazu David
J. Edmonds: Die Ermordung des Professor Schlick. Der Wiener Kreis und
die dunklen Jahre der Philosophie (München 2021)
[3] Siehe Art.
„Realitätsprinzip“, in Das Vokabular der Psychoanalyse,
herausgegeben von J. Laplanche und J.-B. Pontalis, II: 427ff.