Mittwoch, 11. Oktober 2023
MORAL
Die Seele und der Abstieg zur Hölle
Wir sind nicht unsterblich, die Seele zersetzt sich
ebenso wie die Glieder, die verfaulen und sich zerstreuen, unabsehbar. Niemand
steigt in die Unterwelt hinunter. Die Hinterwelt findet gar nicht statt. Weder
der Acheron noch die Angstszenen, welche die Fabel dorthin verlegt.
Aber das Lukrezische Gedicht greift sie auf,
wiederholt sie – Tantalus, Sisyphus oder die Danaiden, die Wasser in ein
durchlöchertes Faß gießen müssen. Das Gedicht schreibt diese Figuren wieder und
wieder, der Maler malt sie aufs Herrlichste (John Williams Waterhouse) – in dem
Moment, in dem niemand an sie glaubt. Der Maler muß solche Mädchen gekannt und
studiert haben, um sie so gut malen zu können. Dass es gab sie, es gibt sie
wirklich – solche Mädchen, aber auch Knaben, die so oder so sich ergießen, sich
vergießen, ja verschütten und verspritzen.
John William Waterhouse (1849-1917): Die Töchter des
Danaos
Wenn die Religion ihren Sinn verliert, wird er von
anderer Seite nachgeliefert.
Wenn das Opfer der Iphigenie gar nicht stattgefunden
hat, so finden doch die Stürme des Meeres statt und die Gewalttätigkeiten der
Menschen gleichfalls.
Die erhabenen Höhen des Olymp mögen nicht ganz so
voller Götter sein, wie gesungen worden ist, aber die Gewalten der Natur sind
dort sehr wohl am Werk und anderswo ebenfalls und die Festungen der
Wissenschaft erheben sich in höchste Höhen.
Alles das hier und jetzt bei „uns“.
Sisyphus ist ein König der Historie. Die Hölle ist
der Kampf um die Macht. Die Hölle ist die Historie.
Die Hölle, das sind wir selber. (206)
So paraphrasiert, antiphrasiert Serres einige
Jahrzehnte später Sartres Satz aus dem Jahr 1944. Einige Jahrzehnte später und
in einer triumphalen Phase von Frieden und Wirtschaftswunder und
Wissenschaftsfortschritt. Der Satz aus dem Theaterstück Geschlossene
Gesellschaft hatte schlicht und einfach den Krieg, den totalen Krieg,
auf den Begriff gebracht.
Jetzt, so sagt Serres mit dem Religionskritiker
Lukrez, ist die Hölle das Leben der Dummen, das Leben der Irren, das kranke
Leben selber. Es ist die Folter, die man sich selber antut. Die Legende erlaubt
es uns, das Schwarze in uns zu lesen. Es handelt sich nicht so sehr um eine
psychologische Lektüre jener Legenden. Wir selber, sind in dem, was wir sind,
die Psychologie selber. Die religiösen Legenden bilden die Archaik unserer
Humanwissenschaften.
Und Lukrez hat es gesehen.
Denn: was haben wir eigentlich erkannt, seitdem im
letzten Jahrhundert (beziehungsweise im vorletzten) die Denkmuster und die
Codes, Herr und Knecht, Ödipus, das Apollinische und das Dionysische
aufgewiesen worden sind?
Bruchstücke von Legenden oder Erzählungen, mit denen
sich eine Struktur entziffern läßt.
Einige Stücke Hölle, um die Historie zu
entschlüsseln, um das Worträtsel, das mentale und demenzielle Logogriph zu
enträtseln. Die Finsternis der Unterwelt graphiert sich an den Grenzen der
Seele – wo wir nicht wissen, daß wir uns foltern. In der Nachbarschaft des
Todes, Todestrieb.
Hat die Religion ihre vitale Bedeutsamkeit verloren,
so wird sie zum Tableau der menschlichen Möglichkeiten. Die mythischen
Erzählungen werden zum ethnologischen oder anthropologischen Katalog der Riten.
Die Hölle, das ist der Mimetismus. Die
anthropologische Interpretation ist keine schlechte Annäherung an die
Formierung der mythischen Figuren. Die wiederum sind ebenso fähige
Interpretanten wie sie Interpretate sind.
Vorwissenschaftliche Menschenwissenschaften.
Die Höllen taugen als Lektüreschlüssel für das
Rechtswesen und für die Politik, für die Historie der Institutionen und für die
seinerzeit so genannte Tiefenpsychologie.
Zieht sich der Glaube (aber was ist das?) aus den
Religionen zurück, so bleibt die Geschichte der Religionen als Archäologie der
Humanwissenschaften. Aber es genügt.
Wieso sind die Modelle so genau?
Wenn die Seele materiell ist und aus winzigen Atomen
besteht, wenn die Zeit die Ordnung der verbundenen Dinge ist, wenn die
Knechtschaft, der Reichtum und die Armut, die Freiheit, der Krieg und die
Eintracht, eventa also Ereignisse sind, dann müssen die
Humanwissenschaften von der Wissenschaft übernommen werden, die für die coniuncta zuständig
ist: also von der Physik.
Der Traktat von der Seele, der mit den finsteren
Untiefen anhebt, aus denen sie auftaucht, und zum vollständigen Tableau der
Institutionen aufsteigt, welche sie tragen, beginnt folglich beim Atom und
endet mit ihm.
So ist es, so wird es sein.
Die Töchter des Danaos befleißigen sich, das Faß
ohne Boden mit Wasser zu füllen. Das Faß aber ist unser Körper selber, und
unsere Seele, die in kleinen Partikeln entweicht. Aber auch die Erde selber:
das Bassin der Meere. Die Danaostöchter gießen Seele in die Körper, sie
schütten Flüsse in die Tiefen, Ozeane auf die Welten.
Sie wiederholen, unterweltlich, die Genesis.
Sie projizieren ihre eigenen Körper, sie modellieren
sie. Homöostatisch und homöorhetisch.
Lassen wir Troja, es ist zu weit weg. Athen kann
sich selber zerstören.
Lassen wir die Götter mit ihrem Gelächter, mit ihren
Gelagen, mit ihrer Transzendenz.
Bleiben wir bei unserer Immanenz. Alles ist da und
es ist genug.
Wir können Götter werden, in der Natur und in
unserer Natur.
Heben Lukrez und Serres damit unsere Verdammung in
die Hölle auf?
Nicht ganz, aber sie suspendieren sie und erklären
auch einen ganz anderen Zustand für uns für möglich den man mindestens als
Olymp bezeichnen müßte aber Olymp für uns und mit uns also vielleicht mit
solchen die gescheiter sind als jene Götter - was allerdings doch nicht ganz
leicht sein dürfte.
Jede Interpretation ist bereits eine Verschiebung.
Dazu bedarf es keiner Reise: weder nach Troja, noch zu den Göttern und auch
nicht in die Unterwelt.
De natura rerum liefert eine Ilias, eine Odyssee oder Äneis –
ohne Ortsveränderung.
Meine liebe Körperseele: bleib da und nimm irgend
ein Ding in die Hand! Irgend etwas aus Erde, aus Wasser, einen Stein oder ein
Tier! Lies dieses Objekt der Welt! Lies es, wie es geschrieben ward, aus den
Buchstaben seiner Atome! Was in seinen Eingeweiden geschrieben steht, in seinen
kristallinen oder in seinen runden weichen Molekülen, die über einander rollen
– das ist es, wie dieses Ding geboren worden ist, wie es naturiert worden ist.
Das Ding ist das geschriebene Gedächtnis seiner Formierung, seiner Emergenz aus
dem Chaos. Lies seine Atom-Buchstaben, meine liebe Seele, lies den Körper-Satz,
den Objekt-Text, lies das Schreibtafelding. Das Ding, den Text seiner Genese.
Das Ding, in dem geschrieben steht, daß es durch Sturz und Zufall, durch
Wasserfall und Abguß, durch Wirbel und Zusammenfluß zustande gekommen ist – das
ist der textile Text, in dem auch du geschrieben stehst, meine materielle und
sterbliche Seele!
Der Garten, das Lokale
Isonomia, aequilibritas bezeichnen ein nicht ohne weiteres
wahrnehmbares Gleichgewicht zwischen gegenteiligen Erscheinungen oder
Entwicklungen in unterschiedlichen Gegenden. Der Tod einer Welt wird durch die
Geburt einer anderen ausgeglichen. Die Ruinen da koexistieren mit der Lebensfülle
woanders. Diese Konstanz bedeutet bei Lukrez nicht die ewige Wiederkehr
sondern eine Distribution im Universum.
Wenn Athen untergeht, sich in Leere und Atome
auflöst, so bedeutet das nicht, daß aus dem Staub und dem Chaos hier wieder
eine blühende Natur und Kultur hervorgehen.
Das Gleichgewicht ist global und in Raum und Zeit
zufällig verteilt.
An ungewissen Orten und zu einer unvorhersehbaren
Zeit, findet ein anderer Aufbruch statt. Es gibt keinen lokal geschlossenen
Zyklus.
Noch prosaischer gesagt: die bekannte Tatsache, daß
sich die Dinge und Ereignisse nicht nur im Nacheinander und Voreinander der
Zeit abspielen sondern auch im Nebeneinander und Auseinander und Untereinander
und Übereinander des Raumes oder vielmehr der Orte und Gegenden, bringt es mit
sich, daß die Unterschiede und Gegenteile und Gegensätze ungeheuer viele
Chancen haben.
Dieses erste Prinzip regiert die globale Ökonomie.
Das zweite bestimmt die Existenz der lokalen Welt, die damit zur Erscheinung
kommt. Entstanden aus dem clinamen geht es mit dem Ort auf
dem Weg der Degradierung hinunter – auf dem Weg der Energieentwertung, die
trotz der Energieerhaltung „automatisch“ weitergeht . . . . Serres zitiert
jetzt einfach ein paar Gemeinplätze des ewigen Jammerns. Der Mai, die
Muskelkraft , das Glück – die sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Die
Erde ist nicht mehr so fruchtbar. Das Klima verschlechtert sich, die
Unfruchtbarkeit nimmt zu (geschrieben vor 50 Jahren). Die Natur nähert sich der
Auflösung und dem Tod.
Das ist das lokale Gesetz des Niedergangs.
Also die beiden Prinzipien der Isonomie und des
Niedergangs, oder der Energieerhaltung und der Energieentwertung.
Serres sagt, daß die Heranziehung dieser modernen
Begriffe zum Verständnis des antiken Textes keineswegs „anachronistisch“ sei,
also eine fälschliche Verquickung von Aussagesystemen, die miteinander nichts
zu tun hätten.
Wie mir das neulich mein Freund Walter Pamminger
sehr heftig entgegengehalten hat, als ich in meinem Vortrag „Aristotelische
Wissenschaftstheorie“ (am 1. Juli 2023 in der Weinhandlung VINOE in der
Piaristengasse) den aristotelischen Wissenschaftsbegriff immerhin
„Wissenschaftsbegriff“ genannt habe und nicht etwa Unwissenschafts- oder
Außerwissenschafts- oder Vorwissenschaftsbegriff.
Hier jedoch behauptet Serres ausdrücklich, daß die
beiden im 19. Jahrhundert nach Christus formulierten Prinzipien der
Energieerhaltung sowie der Energieentwertung, bereits von Heraklit und ganz
bestimmt von Aristoteles (!) (natürlich in ihrer Sprache), also schon vor
Lukrez formuliert worden seien. Daher sei es nicht abwegig, zu untersuchen, ob
die moderne Wissenschaft (also die nach der Renaissance), diese Prinzipien von
den Griechen aus erneuert habe.
Wir arbeiten seit einigen Jahrzehnten in der
Verzweigung zwischen zwei Linien, einer horizontalen und einer geneigten. Die
Theorie arbeitet in diesem Raum seit Bergson, der sich nicht umsonst für Lukrez
interessierte – und da stellt sich die Frage der Historie.
Was wir die Arbeit, die Kultur und die Geschichte
der Menschen nennen, das spielt sich auf dem „Talweg“ der Degradierung, auf der
Linie der Inklination ab – um die Wirkungen dieser Niedergangs zu kompensieren
und zumindest die Linie der Isonomie wieder zu erreichen.
Und das nennt man die Naturgeschichte: die Abnutzung
hat einen Sinn und eine Zeit,nämlich die integrale declinatio. Hier
kann es lediglich um ein homöorrhetisches Gleichgewicht gehen.
In ihrer ersten Großzügigkeit bringt die Erde Kinder
zur Welt. Aber das dauert nur eine Zeit lang, in welcher die Kräfte der
Lebewesen nachlassen. Die Spontanzeugung kann nur ein degeneriertes Fossil der
ursprünglichen chthonischen Zeugung sein.
Wenn die Mutter Erde erschöpft ist, so tritt die
sexuelle Zeugung an ihre Stelle. Diese Mutation ist so stark wie bei Empekokles
der Übergang vom Zeitalter der Freundschaft zu dem des Zwistes oder wie bei
Platon die Umkehr der Erddrehung (im Politikos).
Von der Erzeugung durch die Erde zur sexuellen
Zeugung setzt sich die Reproduktion, die Weiterführung des Lebens fort. Aber
die Methode wandelt sich: von der chthonischen zur venerischen.
Die neue Methode versucht, den Niedergang zu
kompensieren. Sie versucht, die horizontale Linie, von der die declinatio abgewichen
war, wieder zu erreichen. Aber der neue Zustand degradiert wiederum.
So geschieht alles, wie es am Anfang der Dinge
geschehen ist.
Von der Physik als Geburt der Welt aus dem Chaos zu
dieser Naturgeschichte als Zeugung, Entwicklung und Absterben der lebendigen
Spezies ist das Modell immer das gleiche.
Heute würden wir sagen: die Biologie ist eine Physik
- oder die Genetik läßt sich auf die Genesis der trägen Materie zurückführen.
Damit würden wir mit unseren Kategorien, mit unseren Einteilungen urteilen.
Tatsächlich gibt es eine Physik – das ist alles.
Walter Seitter