τὸ μὲν οὖν αἰσθάνεσθαι ὅμοιον τῷ φάναι μόνον καὶ νοεῖν.

Das Wahrnehmen also ist ähnlich dem bloßen Aussagen und dem vernünftigen Erfassen.

Aristoteles (De Anima III, 7: 431a)

* * *

Samstag, 21. Oktober 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XIX

Mittwoch, 18. Oktober 2023

 

Letzter Satz von Protokoll XVIII:

 

Tatsächlich gibt es eine Physik – das ist alles.

 

Erster Satz des nächsten also dieses Protokolls:

 

Es gibt eine Natur der Dinge, einen Prozess der Emergenz – das genügt.

 

Ob es sich um Atome, um Arten oder um die Gesellschaft handelt – das Schema ist dasselbe.

 

Zunächst eine Art Gleichgewicht – und dann und hie und da oder neulich ein Abstand.

 

Also Isonomie und clinamen, Strömen und Schwappen und Abfluß.

 

Wie kann es ein Zurück zum Gleichgewicht geben?

Diese Frage hat uns schon beschäftigt, als es am Anfang dieses langsamen Mit-Lukrez-Mitschwimmens darum ging (es war im August 2022), den laminaren Katarakt der parallelen Abflüsse zu betrachten, die Garbe der geraden Linien, die durch die minimale declinatio irgendwo und irgendwann gebrochen, unterbrochen werden. Seither hat der Wirbel, hat die Turbulenz die komplexen Abstände und Rückkehren zum Gleichgewicht gezeichnet, welche die Existenz der kompakten Verbindungen bestimmen. Sie existieren außerhalb des Gleichgewichts, gehen daraus hervor, kehren dahin zurück – in kurzen, mittleren, langen Abständen.

 

Was wir Naturgeschichte nennen, ist eine „Genese“, eine „Natur“ im Sinn der griechischen oder lateinischen Wörter. Daher die eine und selbe Gabelung oder Weichenstellung, innerhalb derer offene Systeme, Empfänger und Sender, rasch verschwindende oder hartnäckig sich einen Augenblick lang drehende und damit bleibende Wirbel stattfinden. Tugenden, dank denen sie zeitweilig dem Untergang zum Tode entgehen. . .

 

So geht es mit der Geschichte. Das nomadische Leben, nach Art der wilden Tiere, der ersten Menschen, der Naturzustand, wie man später sagen wird, ist zunächst ein Zustand, das heißt ein Gleichgewicht. Eine harte Rasse, mit starken Knochen und kräftigen Sehnen, auf einer harten Erde, mit großen Früchten. Deren große Produktivität entspricht den Bedürfnissen zur Genüge.

 

Sponte sua, satis. Was die Erde von sich aus hervorbrachte, erfreute und befriedigte die Menschen.

 

Die Sonne und die Regen gaben, die Menschen waren mit den Gaben zufrieden. Sie umhüllten sich wie die Erde mit der Nacht oder mit Zweigen und Blättern. Ihr Herumirren kannte keinen Abstand zwischen Produktion und Bedürfnis. Sie hatten wie die Atome ihre Begegnungen, und jedes neue Chaos bleibt im globalen Gleichgewicht dank jener einfachen Algebra des Austauschs zwischen dem Angebot der Natur und deren Anspruch oder Entgegennahme.

 

Eine Ausnahme allerdings.

 

Venus steht am Anfang des Gedichts wie auch der Geschichte – inmitten der Völker ohne Historie. Sie vereinigt die verliebten Körper inmitten der Wälder. Die Frauen weichen der Gewalt der Männer, sie geben ihrem eigenen Begehren nach, sie geben um den Preis der Eicheln oder der Birnen nach.

 

Die Frauen werden vom natürlichen Gleichgewicht distanziert, der Mann ernährt sie, um ihre Gunst zu kriegen. Die inclinatio ist schon am Werk im Zufall der Wälder, die Neigung der Balance, des Unrechts, des Begehrens.

Doch da und dort tauchen die Katastrophen auf, die wilden Tiere. Die Herumirrenden jener ersten Zeitalter leben wie die wilden Tiere mit den wilden Tieren. Und gegen die wilden Tiere. Diese als Beute für jene und jene für diese.

 

Der Mensch gehört zur Nische der Tiere, das Tier in die Menschennische. Der Löwe und das Wildschwein verjagen die Schläfer aus ihrem Bett. Das Gleichgewicht, die Ruhe ist gebrochen. Beutetier und Beutejäger vertauschen ihre Rollen. Wie bei den Tieren so bei den Pflanzen. Der Schierling gedeiht bei den Blumen, das Giftige inmitten des Erfreulichen.

 

Und die Unfruchtbarkeit nimmt überhand – mit den Klimawandlungen. Das Gleichgewicht zerbricht dort und da – diese Brüche lösen die Geschichte aus.

 

Frauen, Wildtiere, Giftblumen zerbrechen das Gleichgewicht zu Exzess oder Mangel. Es ist, als ob das Männliche Natur wäre, das Weibliche bereits Geschichte.

 

Nun verstehen wir besser die Gefahren der Liebe, ihre Illusionen und Leiden, die im vorhergehenden Buch geschildert worden waren. Der Haß der Frau oder gegen die Frau ist protohistorisch.

 

Venus ist da, von Anfang an, Anfang der Zeiten wie des Textes. Die Opferung der Iphigenie stammt aus den Wäldern der Urzeit.

 

Ein Mädchen, getötet für die Gegengabe Wind, eröffnet die Geschichte der Waffen.

 

Ein Mädchen, zunächst ausgehungert, dann genährt, im Austausch gegen sexuelle Fortpflanzung, eröffnet die Geschichte überhaupt. Der Mythos des Anfangs wird in die reale Zeit übersetzt. Die Geschichte ist nur Gewalt.

 

Die Degradierung hat eingesetzt. Die sexuelle Fortpflanzung kompensiert dank einer neuen Methode die Erschöpfung der Mutter Erde, die keine Kinder mehr in die Welt setzt. Die sogenannte Menschengeschichte entwickelt sich in Kontinuität mit der Naturgeschichte. Die Frau sorgt für den Nachwuchs wie auch für die Tauschbeziehungen. Das Menschengeschlecht errichtet Hütten, um sich vor den wilden Tieren zu schützen. Nachdem es sie getötet hat, bekleidet es sich mit ihren Häuten.

 

Auch das Feuer ist eine List, dank der man der Kälte, die durch die Klimaverschlechterung eingetreten ist, entkommen kann. Der Blitz als das Feuer, das sich dem kanonischen clinamen verdankt, bewährt sich als Lösung. Und indem die Ehe die Anhäufung der Schulden beendet, indem die Frau zum Eigentum eines Mannes wird, muß sie alles gewähren.

 

Dennoch können alle diese Kompensationen die verlorene Isonomie nicht wieder herstellen. Man muß die Hütten ausbauen und Zitadellen errichten. Es bleibt immer ein Rest, der zu begleichen ist. Es geht nicht mehr um die Statik eines Gleichgewichts, sondern um die Dynamik einer Bewegung.

 

 

Die Kompensation, die eine Degradierung beseitigt, verursacht eine neuerliche.

 

Das Begehren, das durch die Degradierung hervorgerufen worden war, erzeugt eine neuerliche.

 

Das alles bringt keinen Zyklus, denn die Lösungen sind immer wieder neu, und die Mängel desgleichen.

 

Das ergibt eine Spirale, die immer wieder eine neue Bahn beschreibt. Eine Turbination, die fortschreitend Gleichgewicht sucht und verliert. Die wirbelförmige Lösung ist isomorph zur natürlichen Genese aus dem Chaos.

 

Die Geschichte ist also eine Physik – was zu zeigen war. (218ff.)

 

Walter Seitter

Montag, 16. Oktober 2023

In der Metaphysik lesen (1090b 5 – 1091a 22)

11. Oktober 2023

 

Die überlieferte Reihenfolge der „Bücher“ der Metaphysik I – XIV wird der Redaktionsarbeit des 1. Jahrhunderts zugeschrieben. Etwas übertreibend könnte man sagen, dieses Werk sei zwischen dem 4. und dem 1. Jahrhundert vor Christus verfaßt worden und vom Autor nicht selber vollendet worden.

Die Bücher XIII und XIV, in denen wir nun seit dem Dezember 2021 (!) lesen, machen nach dem Buch XII mit der Theologie doch einen etwas schwachen Eindruck. Sie stellen hauptsächlich Fragen nach der Seinsweise oder nach dem Wirklichkeitsrang der „mathematischen Dinge“ und versuchen nachzuweisen, daß ihnen kein hoher Rang zukommt, der sie etwa zu Ursachen anderer Dinge machen könnte. Es komme ihnen nicht einmal das Abgetrenntsein, also das selbständige Existieren, zu.

 

Aristoteles schiebt eine im Irrealis formulierte Behauptung ein, daß nämlich, wenn es weder die Zahlen noch die Größen gäbe, immerhin die Seele und die wahrnehmbaren Körper existieren müßten.

 

Trotz des ganz anderen Kontextes läßt sich sagen, daß Aristoteles hier eine ähnliche Minimalnotwendigkeit formuliert wie Descartes mit seinem Cogito ergo sum. Nur daß bei Aristoteles das unleugbare Minimum etwas mehr umfaßt - die Seele und die wahrnehmbaren Körper. Also die beiden konstitutiven Pole der „Welt“. Die wird von Aristoteles aber „Natur“ genannt, und zwar die Natur, die aufgrund der Erscheinungen, die wohlgemerkt im Plural auftreten, aber nicht zusammenhanglos wie eine schlecht gemachte Tragödie daher kommt.

 

Davon haben wir in der ersten Periode der hiesigen Aristoteles-Lektüre-Unternehmung gelesen – nämlich in der Poetik.

 

Diese Gott sei Dank noch weitergehende Unternehmung, die vielleicht irgendwann auch historisch „aufgearbeitet“ werden wird, fügt also unterschiedliche Wissensformen zusammen, die Aristoteles auch explizit miteinander verbindet.

 

Mit der oben genannten „Seele“ mag in erster Linie die menschliche gemeint sein, aber da ich die cartesische Engführung dann dazu erwähnt habe, sei darauf hingewiesen, daß bei Aristoteles die Seele kein Monopol des Menschen ist, er spricht Seelen, aber eben verschiedenartige, auch den Tieren, ich würde sagen, zu allererst den Tieren zu; den Menschen dann insoweit, als sie auch Tiere sind, und dazu noch den Pflanzen (einschlägige Beobachtungen stehen neuerdings jeden Tag in der Zeitung, wenn man etwas bessere Zeitungen liest).

 

Die so verstandene Natur kann nicht aus Zahlen oder sonstigen mathematischen Dingen hervorgehen. Diese haben nicht die Kraft, auf irgendwelche Dinge einen Einfluß auszuüben.

 

Diese eher moderne Redeweise von „Einfluß“ hat mich erstaunt und im Wörterbuch nachschauend (es handelt sich um das uralte Griechisch-deutsche Schulwörterbuch, das auch dem Peter Handke behilflich ist) finde ich, daß Aristoteles hier das mir unbekannte Wort symballesthai verwendet, die mediale Form von symballein, welche die transitiven Bedeutungen „verabreden, beschließen, zustandebringen, zusammenbringen (österreichisch), herstellen“ hat.

 

Was Aristoteles sagen will, ist, daß die mathematischen Dinge, Zahlen, geometrische Größen und dergleichen nicht fähig sind, die Dinge der Welt hervorzubringen oder aber abzuändern.

 

Wohl aber gelingt es den Theoretikern, die solches behaupten, „groß zu tun“ (griechisch und österreichisch), indem sie irgendwelche eigene Meinungen fabrizieren. Dabei entsteht ein so genanntes langes Gerede wie etwa dasjenige von Sklaven, wenn sie dummes Zeug reden.[1]

 

Was sie sagen, ist unsinnig und widerspricht sich selbst wie auch dem, was die Vernünftigen sagen. Daß sie nämlich eine Entstehung der ewigen Dinge annehmen.

 

Jedoch reden sie kosmologisch und physikalisch also naturkundlich und daher ist das, was sie sagen, im Hinblick auf die Natur zu untersuchen.

 

 

Walter Seitter

 




[1] Aristoteles verweist hier auf den Dichter Simonides von Keos (557-468), dem die Erfindung der Mnemotechnik zugeschrieben wird, deren bekanntestes Zeugnis, die sogenannte Parische Chronik, den Zeitraum von 1582 bis 298 vor Christus umfassen soll. 

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XVIII

Mittwoch, 11. Oktober 2023

 

MORAL

Die Seele und der Abstieg zur Hölle

Wir sind nicht unsterblich, die Seele zersetzt sich ebenso wie die Glieder, die verfaulen und sich zerstreuen, unabsehbar. Niemand steigt in die Unterwelt hinunter. Die Hinterwelt findet gar nicht statt. Weder der Acheron noch die Angstszenen, welche die Fabel dorthin verlegt.

 

Aber das Lukrezische Gedicht greift sie auf, wiederholt sie – Tantalus, Sisyphus oder die Danaiden, die Wasser in ein durchlöchertes Faß gießen müssen. Das Gedicht schreibt diese Figuren wieder und wieder, der Maler malt sie aufs Herrlichste (John Williams Waterhouse) – in dem Moment, in dem niemand an sie glaubt. Der Maler muß solche Mädchen gekannt und studiert haben, um sie so gut malen zu können. Dass es gab sie, es gibt sie wirklich – solche Mädchen, aber auch Knaben, die so oder so sich ergießen, sich vergießen, ja verschütten und verspritzen.

 

 

 

John William Waterhouse (1849-1917): Die Töchter des Danaos

Wenn die Religion ihren Sinn verliert, wird er von anderer Seite nachgeliefert.

 

Wenn das Opfer der Iphigenie gar nicht stattgefunden hat, so finden doch die Stürme des Meeres statt und die Gewalttätigkeiten der Menschen gleichfalls.

 

Die erhabenen Höhen des Olymp mögen nicht ganz so voller Götter sein, wie gesungen worden ist, aber die Gewalten der Natur sind dort sehr wohl am Werk und anderswo ebenfalls und die Festungen der Wissenschaft erheben sich in höchste Höhen.

 

 

Alles das hier und jetzt bei „uns“.

 

Sisyphus ist ein König der Historie. Die Hölle ist der Kampf um die Macht. Die Hölle ist die Historie.

 

Die Hölle, das sind wir selber. (206)

 

So paraphrasiert, antiphrasiert Serres einige Jahrzehnte später Sartres Satz aus dem Jahr 1944. Einige Jahrzehnte später und in einer triumphalen Phase von Frieden und Wirtschaftswunder und Wissenschaftsfortschritt. Der Satz aus dem Theaterstück Geschlossene Gesellschaft hatte schlicht und einfach den Krieg, den totalen Krieg, auf den Begriff gebracht.

 

Jetzt, so sagt Serres mit dem Religionskritiker Lukrez, ist die Hölle das Leben der Dummen, das Leben der Irren, das kranke Leben selber. Es ist die Folter, die man sich selber antut. Die Legende erlaubt es uns, das Schwarze in uns zu lesen. Es handelt sich nicht so sehr um eine psychologische Lektüre jener Legenden. Wir selber, sind in dem, was wir sind, die Psychologie selber. Die religiösen Legenden bilden die Archaik unserer Humanwissenschaften.

 

Und Lukrez hat es gesehen.

 

Denn: was haben wir eigentlich erkannt, seitdem im letzten Jahrhundert (beziehungsweise im vorletzten) die Denkmuster und die Codes, Herr und Knecht, Ödipus, das Apollinische und das Dionysische aufgewiesen worden sind?

 

Bruchstücke von Legenden oder Erzählungen, mit denen sich eine Struktur entziffern läßt.

 

Einige Stücke Hölle, um die Historie zu entschlüsseln, um das Worträtsel, das mentale und demenzielle Logogriph zu enträtseln. Die Finsternis der Unterwelt graphiert sich an den Grenzen der Seele – wo wir nicht wissen, daß wir uns foltern. In der Nachbarschaft des Todes, Todestrieb.

 

Hat die Religion ihre vitale Bedeutsamkeit verloren, so wird sie zum Tableau der menschlichen Möglichkeiten. Die mythischen Erzählungen werden zum ethnologischen oder anthropologischen Katalog der Riten.

Die Hölle, das ist der Mimetismus. Die anthropologische Interpretation ist keine schlechte Annäherung an die Formierung der mythischen Figuren. Die wiederum sind ebenso fähige Interpretanten wie sie Interpretate sind.

 

Vorwissenschaftliche Menschenwissenschaften.

 

Die Höllen taugen als Lektüreschlüssel für das Rechtswesen und für die Politik, für die Historie der Institutionen und für die seinerzeit so genannte Tiefenpsychologie.

Zieht sich der Glaube (aber was ist das?) aus den Religionen zurück, so bleibt die Geschichte der Religionen als Archäologie der Humanwissenschaften. Aber es genügt.

 

Wieso sind die Modelle so genau?

 

Wenn die Seele materiell ist und aus winzigen Atomen besteht, wenn die Zeit die Ordnung der verbundenen Dinge ist, wenn die Knechtschaft, der Reichtum und die Armut, die Freiheit, der Krieg und die Eintracht, eventa also Ereignisse sind, dann müssen die Humanwissenschaften von der Wissenschaft übernommen werden, die für die coniuncta zuständig ist: also von der Physik.

 

Der Traktat von der Seele, der mit den finsteren Untiefen anhebt, aus denen sie auftaucht, und zum vollständigen Tableau der Institutionen aufsteigt, welche sie tragen, beginnt folglich beim Atom und endet mit ihm.

 

So ist es, so wird es sein.

 

Die Töchter des Danaos befleißigen sich, das Faß ohne Boden mit Wasser zu füllen. Das Faß aber ist unser Körper selber, und unsere Seele, die in kleinen Partikeln entweicht. Aber auch die Erde selber: das Bassin der Meere. Die Danaostöchter gießen Seele in die Körper, sie schütten Flüsse in die Tiefen, Ozeane auf die Welten.

Sie wiederholen, unterweltlich, die Genesis.

 

 

Sie projizieren ihre eigenen Körper, sie modellieren sie. Homöostatisch und homöorhetisch.

 

Lassen wir Troja, es ist zu weit weg. Athen kann sich selber zerstören.

 

Lassen wir die Götter mit ihrem Gelächter, mit ihren Gelagen, mit ihrer Transzendenz.

 

Bleiben wir bei unserer Immanenz. Alles ist da und es ist genug.

 

Wir können Götter werden, in der Natur und in unserer Natur.

 

Heben Lukrez und Serres damit unsere Verdammung in die Hölle auf?

 

Nicht ganz, aber sie suspendieren sie und erklären auch einen ganz anderen Zustand für uns für möglich den man mindestens als Olymp bezeichnen müßte aber Olymp für uns und mit uns also vielleicht mit solchen die gescheiter sind als jene Götter - was allerdings doch nicht ganz leicht sein dürfte.

 

Jede Interpretation ist bereits eine Verschiebung. Dazu bedarf es keiner Reise: weder nach Troja, noch zu den Göttern und auch nicht in die Unterwelt.

 

De natura rerum liefert eine Ilias, eine Odyssee oder Äneis – ohne Ortsveränderung.

 

Meine liebe Körperseele: bleib da und nimm irgend ein Ding in die Hand! Irgend etwas aus Erde, aus Wasser, einen Stein oder ein Tier! Lies dieses Objekt der Welt! Lies es, wie es geschrieben ward, aus den Buchstaben seiner Atome! Was in seinen Eingeweiden geschrieben steht, in seinen kristallinen oder in seinen runden weichen Molekülen, die über einander rollen – das ist es, wie dieses Ding geboren worden ist, wie es naturiert worden ist. Das Ding ist das geschriebene Gedächtnis seiner Formierung, seiner Emergenz aus dem Chaos. Lies seine Atom-Buchstaben, meine liebe Seele, lies den Körper-Satz, den Objekt-Text, lies das Schreibtafelding. Das Ding, den Text seiner Genese. Das Ding, in dem geschrieben steht, daß es durch Sturz und Zufall, durch Wasserfall und Abguß, durch Wirbel und Zusammenfluß zustande gekommen ist – das ist der textile Text, in dem auch du geschrieben stehst, meine materielle und sterbliche Seele!

 

Der Garten, das Lokale

 

Isonomia, aequilibritas bezeichnen ein nicht ohne weiteres wahrnehmbares Gleichgewicht zwischen gegenteiligen Erscheinungen oder Entwicklungen in unterschiedlichen Gegenden. Der Tod einer Welt wird durch die Geburt einer anderen ausgeglichen. Die Ruinen da koexistieren mit der Lebensfülle woanders. Diese Konstanz bedeutet bei Lukrez nicht die ewige  Wiederkehr sondern eine Distribution im Universum.

 

Wenn Athen untergeht, sich in Leere und Atome auflöst, so bedeutet das nicht, daß aus dem Staub und dem Chaos hier wieder eine blühende Natur und Kultur hervorgehen.

 

Das Gleichgewicht ist global und in Raum und Zeit zufällig verteilt.

 

An ungewissen Orten und zu einer unvorhersehbaren Zeit, findet ein anderer Aufbruch statt. Es gibt keinen lokal geschlossenen Zyklus.

 

Noch prosaischer gesagt: die bekannte Tatsache, daß sich die Dinge und Ereignisse nicht nur im Nacheinander und Voreinander der Zeit abspielen sondern auch im Nebeneinander und Auseinander und Untereinander und Übereinander des Raumes oder vielmehr der Orte und Gegenden, bringt es mit sich, daß die Unterschiede und Gegenteile und Gegensätze ungeheuer viele Chancen haben.

 

Dieses erste Prinzip regiert die globale Ökonomie. Das zweite bestimmt die Existenz der lokalen Welt, die damit zur Erscheinung kommt. Entstanden aus dem clinamen  geht es mit dem Ort auf dem Weg der Degradierung hinunter – auf dem Weg der Energieentwertung, die trotz der Energieerhaltung „automatisch“ weitergeht . . . . Serres zitiert jetzt einfach ein paar Gemeinplätze des ewigen Jammerns. Der Mai, die Muskelkraft , das Glück – die sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Die Erde ist nicht mehr so fruchtbar. Das Klima verschlechtert sich, die Unfruchtbarkeit nimmt zu (geschrieben vor 50 Jahren). Die Natur nähert sich der Auflösung und dem Tod.

 

Das ist das lokale Gesetz des Niedergangs.

 

Also die beiden Prinzipien der Isonomie und des Niedergangs, oder der Energieerhaltung und der Energieentwertung.

 

Serres sagt, daß die Heranziehung dieser modernen Begriffe zum Verständnis des antiken Textes keineswegs „anachronistisch“ sei, also eine fälschliche Verquickung von Aussagesystemen, die miteinander nichts zu tun hätten.

 

Wie mir das neulich mein Freund Walter Pamminger sehr heftig entgegengehalten hat, als ich in meinem Vortrag „Aristotelische Wissenschaftstheorie“ (am 1. Juli 2023 in der Weinhandlung VINOE in der Piaristengasse) den aristotelischen Wissenschaftsbegriff immerhin „Wissenschaftsbegriff“ genannt habe und nicht etwa Unwissenschafts- oder Außerwissenschafts- oder Vorwissenschaftsbegriff.

 

Hier jedoch behauptet Serres ausdrücklich, daß die beiden im 19. Jahrhundert nach Christus formulierten Prinzipien der Energieerhaltung sowie der Energieentwertung, bereits von Heraklit und ganz bestimmt von Aristoteles (!) (natürlich in ihrer Sprache), also schon vor Lukrez formuliert worden seien. Daher sei es nicht abwegig, zu untersuchen, ob die moderne Wissenschaft (also die nach der Renaissance), diese Prinzipien von den Griechen aus erneuert habe.

 

Wir arbeiten seit einigen Jahrzehnten in der Verzweigung zwischen zwei Linien, einer horizontalen und einer geneigten. Die Theorie arbeitet in diesem Raum seit Bergson, der sich nicht umsonst für Lukrez interessierte – und da stellt sich die Frage der Historie.

 

Was wir die Arbeit, die Kultur und die Geschichte der Menschen nennen, das spielt sich auf dem „Talweg“ der Degradierung, auf der Linie der Inklination ab – um die Wirkungen dieser Niedergangs zu kompensieren und zumindest die Linie der Isonomie wieder zu erreichen.

 

Und das nennt man die Naturgeschichte: die Abnutzung hat einen Sinn und eine Zeit,nämlich die integrale declinatio. Hier kann es lediglich um ein homöorrhetisches Gleichgewicht gehen.

 

In ihrer ersten Großzügigkeit bringt die Erde Kinder zur Welt. Aber das dauert nur eine Zeit lang, in welcher die Kräfte der Lebewesen nachlassen. Die Spontanzeugung kann nur ein degeneriertes Fossil der ursprünglichen chthonischen Zeugung sein.

 

Wenn die Mutter Erde erschöpft ist, so tritt die sexuelle Zeugung an ihre Stelle. Diese Mutation ist so stark wie bei Empekokles der Übergang vom Zeitalter der Freundschaft zu dem des Zwistes oder wie bei Platon die Umkehr der Erddrehung (im Politikos). 

Von der Erzeugung durch die Erde zur sexuellen Zeugung setzt sich die Reproduktion, die Weiterführung des Lebens fort. Aber die Methode wandelt sich: von der chthonischen zur venerischen.

 

Die neue Methode versucht, den Niedergang zu kompensieren. Sie versucht, die horizontale Linie, von der die declinatio abgewichen war, wieder zu erreichen. Aber der neue Zustand degradiert wiederum.

 

So geschieht alles, wie es am Anfang der Dinge geschehen ist.

 

Von der Physik als Geburt der Welt aus dem Chaos zu dieser Naturgeschichte als Zeugung, Entwicklung und Absterben der lebendigen Spezies ist das Modell immer das gleiche.

 

Heute würden wir sagen: die Biologie ist eine Physik - oder die Genetik läßt sich auf die Genesis der trägen Materie zurückführen. Damit würden wir mit unseren Kategorien, mit unseren Einteilungen urteilen.

Tatsächlich gibt es eine Physik – das ist alles.

 

Walter Seitter

Freitag, 6. Oktober 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XVII

Mittwoch, 4. Oktober 2023

 

HISTORIE

 

Die verschiedenen Ebenen der Physik rühren vor allem daher, daß Serres die Lukrez-Lektüre mit der Lektüre des Mathematikers Archimedes gekoppelt hat und damit auch entdeckt hat, daß die Verbindung von Phänomen-Beschreibung und mathematischer Strenge sich nicht einer „modernistischen Revolution“ verdankt, sondern eine antike Erfindung ist, welche in der Renaissance und Klassik[1] sorgfältig studiert und reproduziert worden ist.

 

Serres schlägt nun eine weitere Doppellektüre vor:

 

Lukrez: De rerum natura (ca. 55 vor Christus)

 

Leibniz: De rerum originatione radicali (1697)

 

Leider setzt er das Leibniz-Buch als bekannt voraus und referiert es nicht.

 

Daher erinnere ich an eine am 13. September hier erwähnte Stelle (S. 183), die auf diese Leibniz-These anspielt und zwar so, daß der Rückbezug zu Lukrez deutlich wird: da wird das clinamen, also eine Fluktuierung, die das einförmige Dahinfließen modifiziert, als letzte - besser wohl als erste - Voraussetzung dafür genannt, daß lieber etwas existiert als nichts. Denn nur eine solche Abweichung führt zu einer Verbindung und zu einem stabilen Mehr gegenüber der Leere.

Im Internet kann man einen Artikel über den Leibniz-Text lesen, der die Leibniz-These als Antwort auf die Leibniz zugeschriebene fundamental-ontologische Frage, warum eher etwas existiert und nicht vielmehr nichts, erläutert.

 

The Ultimate Origin of Things 

Gottfried Wilhelm Leibniz (PDF)

De rerum originatione radicali, 1697

 

 

Der Aufsatz von Jonathan Bennett scheut sich nicht, Leibnizens These bis zu den theologischen Höhen hinaufzuspannen, die erforderlich sind, um sie nachvollziehen zu können.

Sie setzt aber bereits auf einer Ebene ein, die man als hedonistische bezeichnen kann:

 

On that same principle, if we always ate sweet things they would become insipid; we need also sharp, acidic, and even bitter tastes mixed in with the rest to stimulate our palate. Someone who hasn’t tasted bitter things doesn’t deserve sweet things, and indeed won’t appreciate them! This is a law of delight: Pleasure doesn’t come from uniformity, which creates disgust and makes us numb rather than happy.

Minds are  produced in the exact image of God. They relate to him not only as machines relate to their maker (as other things do), but also as citizens to their prince. They are going to last as long as the universe itself does. They express the whole universe in a certain way, concentrating it in themselves, so that they might be called ‘whole parts’.

Certain things regress to their original wild state and others are destroyed and buried, but we should understand this in the same way as the afflictions that I discussed a little earlier: this destruction and burying leads to the achievement of something better, so that we make a profit from the loss, in a sense.

You may object: ‘If this were so, the world should have become Paradise long ago!’ I have a quick answer to that. Many substances have already reached great perfection; but because of the infinite divisibility of the continuum, there are always parts asleep in the depths of things, yet to be roused and advanced to greater and better things, advanced to greater cultivation, in short. Thus, progress never comes to an end. . . 

 

When Leibniz writes of ‘parts asleep in the depths of things’ he reflects his doctrine—not expounded here—that everything in the natural world is made of organisms, each of which is made of still smaller organisms, each of which is...

 

Anderswo habe ich Bilder gefunden, die paradiesische Zustände so realistisch abbilden, daß an ihrer realen Existenz nicht gezweifelt werden kann, sofern man filmischen Aufnahmen vertrauen kann. Man kann ihnen – jedenfalls fallweise – vertrauen, da man – „man“ das kann ich sein oder ein du oder wir – solches selber auch erlebt, erfahren hat. Erlebt, erfahren hat man es nur, wenn man dabei selber nicht nur passiv sondern auch aktiv, aktivierend dabei gewesen ist.

Der dazugehörige Serres-Text auf den Seiten 200ff. scheint die Frage der Historie anzureißen und auszudehnen: 

Ursprung der Welt (Gustave Courbet?)

Archäologie der Welt, Archäologie der Wissenschaft (Michel Foucault?)

Und wenn seit Aristophanes, seit den Vögeln, gar nichts passiert wäre? Im Anfang war das Chaos. Und die Liebe gleich den flüchtigen Wirbeln des Windes. 

 

Auf den Seiten 200ff. kann ich das Wort plaque = Tafel, Platte, Schild leider nicht zuordnen. Verweist es auf Schrift?

Die lokale Arbeit an der plaque transformiert das Relief – entstellt es bis zur Verkenntlichkeit. Es wird unlesbar, hat man nicht die Tiefenplakette aufgefunden . . . .

Serres scheint weiterhin von dieser Sache zu sprechen und ordnet ihr nicht die unumkehrbare Zeit der Entropie zu, die zur Unordnung abfällt, sondern die Zeit der Negentropie, die man endlich wieder korrekt und ermutigend „Ektropie“ nennen sollte, die umkehrbare Zeit, die den Untergang aufhält, die Zeit der Uhren, die Zeit des Sonnensystems, die Zeit unserer Datierungen, die wir so lange für die Geschichte gehalten haben und für vektoriell, obwohl sie zirkulär ist. 

Was wir suchen, um die Geschichte zu verstehen und nicht nur die der Wissenschaften, ist ein Modell, das diese Zeiten zusammenfügt und integriert. 

Nun gibt es etwas, das diese Leistung vollbringt. Nämlich irgendetwas, das existiert: Molekül, Kristall oder Organismus ist dazu in der Lage. Etwas, das der unumkehrbaren Zeit der Entropie unterworfen ist – ihr jedoch durch seine ektropische Ordnung widersteht. Ein Austauscher zwischen den Zeiten. Ein Strauß, ein Stern, ein Wirbel aus Zeiten. 

Ich brauche die Metapher der Erde, das geophysische Modell gar nicht mehr. Jedes beliebige Objekt der Welt, sofern es kraft eines Abstands vom Gleichgewicht existiert und der Tendenz zur Entropie wiedersteht, ist ein komplexes Uhrwerk, das mehrere Zeiten ineinander fügt, kann das von mir gesuchte Modell bilden.

Es scheint, daß Serres mit der Plakette eben das gemeint hat. Denn er fragt, ob sie dazu auch ausreichend stabil sei, um beide Zeiten zusammenzufügen. Dazu muß ihr eine lange Zähigkeit eingeschrieben sein, welche das Diskursive der Historie trägt.

Und das beste Modell ist die Sache selbst oder das Objekt, insofern es existiert. Jedes Ding ist Geschichte und ihr Diskurs ist exakte, getreue, präzise Philosophie der Geschichte. 

Was an den Küsten des Jonischen Meeres geboren worden ist, das war der Diskurs der Dinge, die Physik, die Formierung der Existierenden in ihrem Stoff. Das war auch die Historie und was die Historie unversehens herbeigeschafft hat. Das Unwandelbare, das war der Begriff der Historie. Wir haben die Dinge vergessen und was sie, die wandelbaren über das Wandelbare sagen. 

 

Walter Seitter




[1] Hier ist daran zu erinnern daß bei Michel Serres (wie bei Michel Foucault und allen Franzosen mit dem  „klassischen Zeitalter“ dasjenige gemeint ist, das bei uns das „barocke“  heißt (ca. 1600 bis 1750).

Sonntag, 1. Oktober 2023

Sommer-Dichter-Lektüre: Serres-Lukrez XVI

Mittwoch, 27. September 2023

 

 

Ein kleiner Ausflug zu den Wassern und in Richtung Mythologie.

Was fasziniert uns am fließenden Wasser und was am toten?

 

 



Toter Grund auf der Donauinsel (Wien)

Das  fließende  fällt nach unten und zum Tod.

Die runden Turbulenztaschen hingegen halten den Abfluß auf und bilden Formen aus, die sich auflösen und wieder herstellen. Ein Wegfließen, aber auch eine gewisse Konstanz in der Gesamtform und in kleinen Nischen.

Dieses Gegeneinander ist das Leben selber.

Narziss unterlag einer Faszination, da er sich selber sah. In einem glatten und ruhigen Wasser, das nicht hin und her schwappte, sondern eines war und störungsfrei dahin eilte. Wasserspiegel, masturbatio morosa des Subjekts, Wiederholung und Tod. Narziss ist in seiner Reproduktion untergegangen, in seinem Double und seinem Mimen – als sein Gesicht sein Gesicht-Bild getroffen hat.

Ertrinkung, Erstickung – in der Gleichung.

Wenn das Wasser wirbelt und das Gesicht und der Körper sich nicht mehr in der Spiegelung des Wassers wieder sehen können – dann erkennen sie sich im Wissen.

Aphrodite-Lust erhebt sich nährend, fruchtbar, lebendig aus dem Geschäum. Sie erhebt sich aus dem Schweigen und dem Lärm des Anfangs des Gedichtes, in der ersten Verflechtung des Buchstaben und des Rhythmus, in der Spirale der Wollust. Es ist kein Traum, auch kein Wahrtraum. Das Leben erkennt, wie es ist. Verwirrt, denn es ist Wirrnis. Nicht fasziniert, sondern wirr. Nicht: ich sehe mich, Narziss – denn ich sehe mich nicht mehr. Sondern: das Leben erkennt sich in einer Wendung von einem Element zum anderen. Erste Form der objektiven Erkenntnis: ich bin dieses Objekt, diese Form. Nicht indem man in den Geheimnisse des Ich herumwühlt, werden die Faszination und die Wirrnis geklärt, die ich vor den Wassern empfinde, denn das „ich“ in seiner Singularität ist ausgeschlossen. Und die Psychologie der Vermögen bei Kant und Bachelard verflüchtigt sich angesichts dieses zweiten Narziss-Mythos, der eine Erfahrung ist und ein Wissen. Der individuelle Reflex vergeht, die Optik verschwindet, während die Universalität meines Lebens die Modalität seiner Konstruktion unmittelbar erkennt.

Das Leben in mir, das Leben als lokaler und temporärer Widerstand gegen den Tod reflektiert sich von sich aus in den Turbulenzen des Wassers.

Narziss ist in der Widerspielung desselben ertrunken. Aphrodite erhebt sich in einer anderen Formation – Aphrodite-Vergnügen der anderen. (191f.)

(Diese Venus-Narziss-Vergleichung erinnert an die Venus-Mars-Gegenüberstellung weiter oben. Dort verkörperte sie den Gegenpol zum Krieg – es ging um die Polarität zwischen „zwei Physiken“, eine große erkenntnispolitische Polarität, eine makropolitische.

 

Hier steht die mythische Narziss-Figur für eine eher mikropolitische Verhaltenstendenz , die seit dem 20. Jahrhundert als „psychologische“, eigentlich eine „psychopathologische“ Verhaltensweise gilt, die eventuell psychotherapeutisch, näherhin psychoanalytisch zu behandeln d. h. aufzuheben ist.

Serres läßt diese quasi-medizinische Sichtweise beiseite. Er hält den „Narziss“ zwar für einen bedauerlichen „Fall“, da er in die Falle der Selbstversenkung gefallen sei. Die Gegenwendung, die mit dem Namen der Venus oder der Aphrodite bezeichnet wird – ein Name oder zwei Namen? – würde darin bestehen, daß er das spiegelglatte Selbstbild aufgibt, zerstört, was relativ leicht zu machen sein dürfte, und durch ein fließendes, sprudelndes, schäumendes Gewässer ersetzt, in dem er sich zwar nicht mehr so schön sieht, eigentlich sieht er sich gar nicht mehr darin, er müßte wohl, um etwas zu sehen, sich aufmachen und wohin gehen, wo etwa anderes zu sehen oder zu tun ist, oder wer anderer . . . .

Wo vielleicht Aphrodite zu sehen ist, von der Serres sagt, sie tauche in einer anderen Gegend auf, sie sei die Lust der anderen.

Oder er müßte selber Aphrodite werden?)

Ich muß jetzt wohl im Serres-Lukrez-Buch weitermachen.

Das heißt ich muß jetzt, ich bin auf Seite 195, den ersten großen Schritt zu einem neuen Kapitel machen.

Dieses neue Kapitel heißt: Historie.

Die vielen bisherigen Kapitel handelten alle von verschiedenen Ebenen der – Physik.

 

 

Walter Seitter